Den Rennausgang der Königsetappe bestimmte einmal mehr Tadej Pogacar. Diesmal als Helfer von Isaac Del Toro. Damit blieb ihm der abschließende Erfolg versagt. Den schnappte sich mit Richard Carapaz einer der beiden besonderen Helden dieser Tour. Der andere fährt im Grünen Trikot auf die Champs Élysées: Mads Pedersen.
Die Positionen spiegelten die Situation in den Wertungen am letzten Tag vor dem Finale in Paris. Motto: Wer hat noch etwas zu gewinnen oder zu verlieren? Deshalb gehörte Georg Steinhauser als Helfer von Carapaz zur ersten Ausreißergruppe, die sich ausgangs Bourg d’Oisans gebildet hatte. Zweites Beispiel Juan Ayuso, der heute besonders aktiv war. Der Anstieg zum ersten Berg der Ehrenkategorie, dem Col de la Croix de Fer in 2.067 m Höhe, forderte bereits Opfer - nicht nur bei den Sprintern. Auch bei der Ausreißergruppe, die vom Peloton eingeholt wurde. Neue größere Rennspitze, angeführt von Visma I Lease a Bike. Das kleiner gewordene Feld mit den Favoriten 45’’ dahinter. Je näher der Gipfel, um so mehr Bewegung im Rennen: Durch Attacken der Trikotträger Carapaz, dem Paret-Peintre folgte, und Pedersen sowie weiterer Fahrer, die ins Peloton zurückkamen. Oben angekommen kassierte Carapaz 20 Punkte, Verfolger Paret-Peintre 15. In der Abfahrt beide wieder zusammen. Die ursprüngliche Spitze um Ayuso jetzt eine Minute hinter dem Duo. Die Gruppe Gelbes Trikot mit 2’10’’ Abstand. Derweil musste Pascal Ackermann erschöpft, enttäuscht und mit schmerzverzerrtem Gesicht aufgeben. Er wollte unbedingt in Paris ankommen und plötzlich ging nichts mehr. Ebenfalls aufgeben musste nach Sturz auf der Abfahrt auch der ehemalige Sieger der Deutschland-Tour Ilan Van Wilder.
2 Trikotträger verfolgten 2 Trikotträger
Vor der Sprintwertung hatte die Rennspitze die beiden Bergspezialisten eingeholt, so dass 15 Fahrer den Kurs anführten. Als Pedersen dazu gekommen war, fuhren vorne mit Carapaz und Pedersen zwei Trikotträger und im Peloton 41 Fahrer mit Pogacar und del Toro die beiden anderen Trikotträger 1’43’’ dahinter. Einer der vier konnte schon nach der Sprintwertung in Saint-Julien-Mont-Denis 166 km vor dem Ziel die Arme heben: Wie erwartet gewann Mads Pedersen den Zwischensprint. Die zusätzlichen 25 Punkte sicherten ihm im Vergleich mit Jasper Philipsen uneinholbar das Grüne Trikot am Ende der Rundfahrt. Vorausgesetzt er erreicht Paris.
Hier Pedersen, da Carapaz
Unmittelbar danach waren wieder die Kletterer gefordert. Zunächst zum Col du Télégraphe. Zwar „nur“ Kategorie 1 aber weiterhin anstrengend mit 12 km à 7 %. Prompt Paret-Peintre mit Problemen. Eine Elf nahm 4’30’’ vor dem von Nils Politt angeführten Feld den 2. Berg in Angriff. Vorbote für das Dach der Tour. Wieder hieß der Sieger Carapaz, der seinem Konto 10 Punkte hinzufügte. Währenddessen hatte Politt seine aufopferungsvolle Arbeit an der Spitze des Pelotons beendet. 10 km vor der höchsten Erhebung des Tages eine Gruppe um Ayuso, virtueller Fünfter, über 4’ vor den Favoriten. 8 Mann vorne mit Healy und Carapaz an der Spitze, 27 Mann um Pogacar in der Verfolgung. 5 km vor dem Gipfel beschleunigte Carapaz und sprengte die Gruppe. Wieder am Hinterrad Kuss, Hindley und Riccitello. Der Mann im Bergtrikot gewann auch diese Bergwertung - plus 20 Punkte bedeuteten, dass er das Trikot morgen in Paris tragen würde. Ayuso schloss in der Abfahrt auf. Bei den Favoriten übernahm Pogacar ohne Helfer die Führung vor Evenepoel, Seixas und Martinez sowie seinem Schützling del Toro. Auf dem Dach der Tour dieses Quintett 4’40 hinter dem Quintett an der Spitze.
Bis zu 100 km/h in der Abfahrt
In der Abfahrt vom Galibier powerte Pogacar und verkürzte den Abstand aber nur um einige Sekunden. Nächster Berg der Col du Lautaret in 2.058 m. Doch statt da hinauf zu kraxeln flogen die Fahrer regelrecht mit bis zu 100 Sachen über diesen Berg ins Tal nach Mizoen. Riccitello hatte den Kontakt zur Spitze verloren, so dass ein Quartett das Rennen anführte. Der Patron der Tour an der Spitze der Gruppe Gelbes Trikot jetzt zu acht mit Skjelmose, van Gils und Prodhomme. Die Position hatte Pogacar schon häufig bei der Tour. Aber neu war, dass heute acht der Top 10 an seinem Hinterrad fuhren. Die Spitze schon beim Klettern zum Col de Sarenne - 3’22’’ vor Pogacar & Co. Vorne trennte sich Sepp Kuss mit starkem Antritt von Carapaz, Hindley und Ayuso. Evenepoel hielt das Hinterrad von Pogacar. Auch als Decathlon CMA CGM sich an die Spitze setzte. Carapaz und Hindley bei Kuss 5 km vor dem Gipfel. Ayuso 1’ dahinter, die Favoriten 2’. Del Toro am Hinterrad von Seixas. Und dann vorbei. Der junge Franzose musste abreißen lassen. Mit Skjelmose am Hinterrad. In der Einsamkeit der Berglandschaft bestimmte jetzt Pogacar das Tempo der Verfolger. Sepp Kuss gewann die Bergwertung auf dem Col de Sarenne bei der Tour-Premiere klar vor Carapaz.
Endspielsieg für Richard Carapaz
Das Finale wieder in Alpe d’Huez. Kurz vor dem Gipfel holten die vier Verfolger Pogacar, Evenepoel, Del Toro und Martinez Hindley ein. In der Abfahrt Höllentempo des Mannes in Gelb. Aber auch an der Spitze. Was für ein Pech. Kuss stürzte zweimal hintereinander. Beim 2. Sturz schoss Carapaz an ihm vorbei. Die letzten Kilometer wieder zum Ziel von gestern bergauf. Wieder mit Publikum. Die Gruppe mit den drei ersten der Gesamtwertung in der Verfolgung der beiden Führenden. Evenepoel distanzierte die beiden UAE-Fahrer, weil Pogacar im Dienste seines Teamkollegen blieb. Carapaz mobilisierte letzte Kräfte 18’’ vor Kuss. Und Evenepoel weitere 20’’ dahinter. Im Bergtrikot gelang der nächste Sieg, nachdem er bis auf den Col de Sarenne alle Berge gewonnen hatte. Evenepoel spurtete noch an Kuss vorbei auf Platz 2. Für das UAE-Duo Plan aufgegangen: Beide auf dem Podium in Paris. Und Martinez behauptete Platz 5 hinter Seixas. Damit sind die Trikots am Vorabend der verkürzten Etappe bereits vergeben.

