Tadej Pogacar zeigte sich auf der Pressekonferenz der Top-Fahrer höchst motiviert, seinen fünften Gesamtsieg einzufahren. Um dieses Ziel zu erreichen, muss er seinen Erzrivalen Jonas Vingegaard, Frankreichs Wunderkind Paul Seixas sowie das starke Duo von Red Bull-Bora-Hansgrohe, Florian Lipowitz und Remco Evenepoel, schlagen. In der Bergwertung wollen sich Richard Carapaz, Lenny Martinez und Valentin Paret-Peintre gegen die Favoriten der Gesamtwertung durchsetzen. Die Punktewertung dürften Sprinter wie Jasper Philipsen, Tim Merlier, Biniam Girmay oder Mads Pedersen unter sich ausmachen.
Tadej Pogacar will den fünften Sieg
Mit 27 Jahren hat Tadej Pogacar bereits Radsportgeschichte geschrieben, doch die Tour de France 2026 ist für ihn nochmal besonders: Mit einem weiteren Gesamtsieg würde er in den Kreis der Fünffach-Sieger aufsteigen. Dazu müsste er erneut Jonas Vingegaard schlagen - aber nicht nur den: „Ich glaube nicht, dass er der Einzige ist, auf den man achten muss. Es gibt weitere Fahrer, die um den Sieg mitkämpfen werden. Die Rivalität zwischen Jonas und mir war großartig, und ich hoffe, sie geht weiter. Wir treiben uns gegenseitig zu neuen Höhen an. Ich hatte diese Saison nur 16 Wettkampftage, aber sehr gute – und auch die vielen Trainingskilometer zählen.“
Ein Sieg 2026 wäre nach 2020, 2021, 2024 und 2025 sein fünfter – und das deutlich früher als bei seinen Vorgängern Jacques Anquetil (30, 1964), Eddy Merckx (29, 1974), Bernard Hinault (30, 1985) und Miguel Indurain (31, 1995). Unterstützt wird Pogacar dabei von Routinier Adam Yates (10. Teilnahme, 3. Platz 2023) sowie dem erst 22-jährigen Isaac Del Toro, der drei Wochen nach seinem Sieg bei der Tour Auvergne-Rhône-Alpes sein Tour-Debüt gibt. „Ich will lernen und diesen Traum genießen – mit dem besten Team der Welt und an Tadejs Seite“, so der Mexikaner, der auch als Anwärter auf das Weiße Trikot gilt.
Jonas Vingegaard: "Ich bin hier, um zu gewinnen"
Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard belegten bei den letzten fünf Ausgaben der Tour de France stets die ersten beiden Podiumsplätze. Drei Mal siegte Pogacar, zwei Mal Vingegaard. Während der Slowene für seine Vielseitigkeit gefeiert wird, ist der Däne ein wahrer Grand-Tour-Experte: In seinen letzten acht Rundfahrten wurde er stets Erster oder Zweiter, zuletzt gewann er sowohl die Vuelta 2025 als auch den Giro d’Italia 2026. Damit ist der Visma-Lease a Bike-Kapitän der achte Fahrer der Geschichte, der alle drei Grand Tours gewonnen hat, ein Erfolg, der Pogacar bislang fehlt. Ein noch exklusiverer Klub würde Vingegaard erwarten, sollte er auch das Gelbe Trikot nach Paris bringen: Er wäre erst der vierte Radprofi, der alle drei Grand-Tour-Titel gleichzeitig hält, nach Eddy Merckx (1972–73), Bernard Hinault (1982–83) und Chris Froome (2017–18).
„Die Tour de France ist das wichtigste Rennen der Saison, und ich bin hier, um es zu gewinnen. Ich habe mich vom Giro d’Italia gut erholt, und die Vorbereitung mit dem Team lief sehr gut. Es war bisher ein unglaubliches Jahr für mich, und ich hoffe, diesen Schwung mitzunehmen“, so Vingegaard. Dabei kann er auf verlässliche Teamkollegen wie Matteo Jorgenson und Sepp Kuss zählen. Letzterer war bei jedem seiner vier Grand-Tour-Siege an seiner Seite. „Sepp ist enorm wichtig, sowohl fürs Rennen als auch für den Teamgeist. UAE Team Emirates hat einige exzellente Fahrer, aber auch wir haben ein sehr starkes Team, besonders für die Bergetappen und Zeitfahren. Wir haben eine ausgewogene Mannschaft zusammengestellt, und ich habe volles Vertrauen in sie.“
Alle Augen auf Tour-Debütant Seixas
Mit 19 Jahren gibt Paul Seixas sein Tour-Debüt. Und natürlich wartet Frankreich sehnsüchtig auf einen Nachfolger für Bernard Hinault, der 1985 als letzter französischer Fahrer Gelb nach Paris brachte. Der aufstrebende Star des Teams Decathlon CMA CGM ist der jüngste Teilnehmer seit 1937, und seine großen Ambitionen für sein Debüt bei der Tour werden bereits durch eine beeindruckende Bilanz untermauert. Seixas gewann in diesem Jahr die Baskenald-Rundfahrt vor Florian Lipowitz sowie den Flèche Wallonne, ehe er bei Lüttich–Bastogne–Lüttich Zweiter hinter Tadej Pogacar wurde.
Sein Sturz bei der Tour Auvergne-Rhône-Alpes ist laut Seixas abgehakt, er will seine erste Grand Tour trotz des Drucks, der auf ihm lastet, so gelassen wie möglich angehen. „Ich will die bestmögliche Platzierung in der Gesamtwertung erreichen. Ich bin bereit für das gewisse Extra, das die Tour de France mit sich bringt. Es ist ein Kindheitstraum. Es ist etwas Besonderes, eine ganz neue Dimension, und für mich beginnt eine neue Erfahrung.“ Wie das Rennen für ihn enden wird, wagt Seixas noch nicht zu prognostizieren: „Natürlich will man gewinnen, wenn man an den Start geht, aber ich bin zum ersten Mal bei der Tour dabei, also werden wir sehen, wie es läuft und auf welchem Niveau ich bin. Es gibt verschiedene Wege, ein Radrennen zu gewinnen.“ Zum Beispiel, indem man die Gesamtwertung opfert, um Etappensiege anzustreben? „Nein. Ich kann noch nicht sagen, auf welchem Platz ich landen werde, aber ich werde keine Risiken eingehen, die nicht der Gesamtwertung dienen.“ Das letzte Podium in der Gesamtwertung für Frankreich erreichte Romain Bardet im Jahr 2019.
Remco Evenepoel: "Wir werden uns gegenseitig unterstützen"
Das deutsche Team Red Bull-Bora-Hansgrohe geht mit zwei Spitzenfahrern ins Rennen. In den letzten 15 Auflagen haben es immerhin sechs Teams geschafft, zwei ihrer Fahrer in Paris auf das Podium zu bringen. In drei Fällen führte dies zum Sieg in der Gesamtwertung (Team Sky / Ineos Grenadiers, 2012, 2017 und 2019), in drrei weiteren Fällen belegten sie den zweiten und dritten Platz (Leopard Trek, 2011; Movistar Team, 2015; und UAE Team Emirates, 2023). Diesmal hat Red Bull-Bora-Hansgrohe die beiden jüngsten Drittplatzierten dabei: Remco Evenepoel (2024) und Florian Lipowitz (2025), die dabei auch das Weiße Trikot gewannen. Wie wird das deutsche Team seine Karten ausspielen, um Pogacar und Vingegaard zu schlagen?
„Wir haben uns darauf vorbereitet; wir sind gemeinsam die Volta a Catalunya gefahren und haben dabei die Plätze 3 und 5 belegt“, sagt Evenepoel, dreimaliger Weltmeister im Zeitfahren. Am Samstag wird er nach einem langen Trainingslager in der Sierra Nevada zum ersten Mal seit zwei Monaten wieder eine Startnummer tragen. „Wir haben sehr gut zusammengearbeitet und werden uns gegenseitig unterstützen. Natürlich möchten wir es aufs Podium schaffen, wie wir es beide schon einmal geschafft haben. Ich persönlich möchte eine Etappe gewinnen, das Mannschaftszeitfahren gewinnen und das Gelbe Trikot holen. Das ist unser Ziel.“
„Ich bin sehr zufrieden damit, wie die letzten Wochen verlaufen sind, aber die Tour ist ein besonderes Rennen, daher ist es schwer vorherzusagen, wie es laufen wird. [Pogacar, Vingegaard und Seixas] haben gezeigt, dass sie sehr stark sind, aber auch wir haben uns als Team gut vorbereitet, sodass wir hoffen, gute Beine zu haben“, sagt Lipowitz, der bei der jüngsten Slowenien-Rundfahrt eine hervorragende Form zeigte. Unterstützt werden sie von einem starken Team um Jai Hindley, der im Mai Dritter beim Giro d’Italia wurde.
Viele Favoriten für Grün
Drei ehemalige Gewinner des Grünen Trikots gehen in Barcelona an den Start: Michael Matthews (2017), Jasper Philipsen (2023) und Biniam Girmay (2024). „Es gibt mindestens fünf Favoriten. Es wird ein großartiger Kampf“, warnt der Belgier. „Heutzutage ist es praktisch unmöglich, das Grüne Trikot zu holen, ohne eine Etappe zu gewinnen, daher wird es am wichtigsten sein, einige Etappen zu holen.“ Sein Landsmann Tim Merlier (Soudal Quick-Step) gehört ebenfalls zu diesen Favoriten. Er ist in Topform (6 Siege in 18 Renntagen seit seiner Rückkehr nach einer Verletzung) und könnte vom neuen Punktesystem profitieren, das den Siegern von Etappen „ohne Hindernisse“ 70 Punkte (statt 50) einbringt. „Das sollte es den Sprintern erleichtern, das Grüne Trikot zu holen, aber dafür müssen wir Etappen gewinnen“, betont Merlier. „Es wäre großartig, das Trikot zu tragen, und dann werden wir sehen, ob wir weiterkämpfen können, wenn die Müdigkeit einsetzt.“
Girmay (NSN) ist nach einer enttäuschenden Tour 2025 auf Revanche aus. „Etappen zu gewinnen und das Grüne Trikot zu holen, ist seit Beginn der Saison unser Hauptziel“, erklärte der Eritreer, der nach eigenen Angaben „stärkere Teamkollegen und einen besseren Sprintzug als im letzten Jahr“ hat. Mads Pedersen (Lidl-Trek) hat es auf die einzige Punktewertung einer Grand Tour abgesehen, die ihm noch in seiner Bilanz fehlt. Der Däne ist zwar weniger ein Sprinter, dafür aber vielseitiger als seine Rivalen, und sieht sich selbst nicht als Favorit: „Aber nichts ist unmöglich. Andere, von denen man es nicht erwartet hatte, haben es bereits geschafft, also stellen wir uns der Herausforderung.“
Heißer Kampf ums Bergtrikot
Der Kampf um die Bergwertung beginnt am Sonntag auf dem Weg zum Montjuïc und endet erst am allerletzten Tag an den Hängen des Montmartre. Von Barcelona bis Paris wird das Peloton 69 klassifizierte Anstiege passieren (6 HC, 13 Kat. 1, 11 Kat. 2, 21 Kat. 3, 18 Kat. 4). Insgesamt kann ein Fahrer maximal 365 Punkte holen. Traditionsgemäß ist das Bergtrikot zwischen den Anwärtern auf den Gesamtsieg und den reinen Bergfahrern heiß umkämpft. Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard gewannen in den letzten Ausgaben sowohl die Bergwertung als auch die Gesamtwertung. Richard Carapaz will sich der Herausforderung stellen:„Etappensiege und das Bergtrikot sind das, was ich mir bei dieser Tour am meisten wünsche“, so der ecuadorianische Bergfahrer, dessen Teamkollege Ben Healy ähnliche Ambitionen äußerte.
Das gepunktete Trikot inspiriert auch französische Bergfahrer wie Lenny Martinez (Bahrain Victorious), Jordan Jegat (Total Energies) und Valentin Paret-Peintre (Soudal Quick-Step). Sie alle sind darauf aus, das erste gepunktete Trikot für ihr Land seit Romain Bardet im Jahr 2019 zu erringen. „Das Bergtrikot wird eines meiner Hauptziele bei dieser Tour de France sein“, sagt Paret-Peintre, Sieger am Mont Ventoux im Jahr 2025. „Ich konzentriere mich auf die beiden Etappen, die in Alpe d’Huez enden, und hoffe, dass mir das gepunktete Trikot schöne Emotionen bescheren wird, so wie letztes Jahr am Mont Ventoux. Solange ich es nicht unter die Top 5 oder aufs Podium der Gesamtwertung schaffe, konzentriere ich mich lieber auf Etappen und Ausreißversuche. So fahre ich gerne Rennen, und das passt im Moment gut zu mir.“

