Barcelona steht komplett im Zeichen der Tour de France: Fahrer, Fans und der Tour-Tross haben schon jetzt den Montjuïc und Gaudís gerade fertiggestellte Sagrada Familia erobert, die inzwischen sogar auf Movistars Trikots prangt. „Das Trikot des spanischen Meisters durch Barcelonas Straßen zu tragen, ist ein Traum“, schwärmt Pablo Castrillo, frisch gekürter spanischer Zeitfahrmeister bei Movistar und eines der Aushängeschilder des Teams. Der erste Grand Départ in Katalonien würdigt zudem eine lange gemeinsame Geschichte zwischen der Tour und den einheimischen Fahrern. Und so wünscht sich Tour-Direktor Christian Prudhomme, dass der Start der Tour de France 2026 „als großes Fest und spektakuläres Ereignis in Erinnerung bleiben“ möge.
Die Sagrada Familia als einer der Höhepunkte des Grand Départ
In diesem Frühjahr wurde die von Antoni Gaudí entworfene Basilika mit der Einweihung des Jesus-Turms fertiggestellt, erst vor drei Wochen wurde sie von Papst Leo XIV. persönlich geweiht. Mit 172,5 Metern Höhe bleibt der Turm nur wenige Zentimeter unter dem Gipfel des Montjuïc, ganz im Sinne von Gaudís ausdrücklichem Wunsch, dass menschliches Werk stets dem göttlichen untergeordnet bleiben solle. Aus Respekt vor dieser Symbolik findet die offizielle Team-Präsentation der Tour direkt neben der Basilika statt – am Donnerstag, dem 2. Juli, ab 18:30 Uhr. Schon am Mittwochmorgen hatte Kardinal Juan José Omella, Erzbischof von Barcelona, eine feierliche Messe zu Ehren der "Grande Boucle" in der Krypta gehalten, wo Gaudís sterbliche Überreste ruhen. In fließendem Französisch erklärte er dabei, der Radsport sei wie der Glaube eine Reise und zugleich eine „wahre Lektion in Demut", die von Gemeinschaft und Brüderlichkeit unter Teamkollegen lebt. Zum Abschluss der Messe wurde die Gesundheit des gesamten Pelotons der Jungfrau Maria von Lourdes und Montserrat anvertraut.
„Warum haben wir das nicht schon früher gemacht?“
123 Jahre musste Barcelona warten, und so fragte ein sichtlich bewegter Tour-Direktor Christian Prudhomme mit breitem Lächeln: „Warum haben wir das nicht schon früher gemacht?" Er beschreibt die katalanische Hauptstadt als mediterran und weltoffen, pulsierend und voller Magie – und damit absolut passend zu den Werten der Tour. Zuvor war das Rennen erst dreimal zu Gast in Barcelona: 1957 triumphierte René Privat am Ende einer Etappe mit Start in Perpignan, während der Gesamtführende Jacques Anquetil im Zeitfahren über den Montjuïc triumphierte, der auch diesmal eine wichtige Rolle spielen wird. 1965 sorgte Lokalheld José Pérez Francés mit einer beeindruckenden Flucht über mehr als 200 Kilometer für Furore. Erst 2009 kehrte die Tour von Girona kommend mit einer verregneten Etappe nach Barcelona zurück. Der Norweger Thor Hushovd bezwang die Spanier Óscar Freire und José Joaquín Rojas am "Magic Mountain“ – dem Ort, an dem 2026 nach dem Auftakt-Mannschaftszeitfahren das erste Gelbe Trikot2026 vergeben wird.
Zwei Katalanen am Start
Bereits 1920 ging mit Jaime Janer der erste katalanische Fahrer an den Start der Tour de France, doch der erste Sieg ließ bis 1937 auf sich warten: Mariano Canardo, genannt „der Katalane von Olite", gewann quasi vor seiner Haustür in Ax-les-Thermes. 1955 schrieb Miquel Poblet Geschichte, als er als erster Spanier und bis heute einziger Katalane das Gelbe Trikot trug – ein Kunststück, das er sowohl in Paris als auch ein Jahr später in Bordeaux wiederholte. Weitere Meilensteine: José Pérez Francés' Heimsieg 1965, Pedro Torres' gepunktetes Trikot 1973 dank eines Angriffs auf der Königsetappe, sowie die Erfolge von Juan Antonio Flecha und Joaquim Rodríguez, der es zweimal aufs Gesamt-Podium schaffte. Dieses Jahr geben zwei neue Katalanen ihr Tour-Debüt und wollen an diese Erfolge anknüpfen: Abel Balderstone (Caja Rural-Seguros RGA), geboren in Ullastrell, wurde 2025 überraschend spanischer Zeitfahrmeister und fuhr bei der Vuelta auf einen starken 13. Platz. Sein Teamkollege Joel Nicolau aus Llofriu an der Costa Brava überzeugt als vielseitiger Kletterer und Sprinter mit Kampfgeist: Bei der Vuelta 2025 wurde er kämpferischster Fahrer, bei den spanischen Meisterschaften fehlten ihm zuletzt nur 5 Sekunden zum Titel. Dazu kommen mit der Region verbundene Namen wie der gebürtige Barcelonese Juan Ayuso und sein Lidl-Trek-Teamkollege Carlos Verona, der zwar nicht in Katalonien geboren wurde, dort aber als Teenager im Elite-Zentrum Sant Cugat del Vallès ausgebildet wurde.
Ein "wiederbelebtes" Movistar-Team feiert Barcelona
Mit über vier Jahrzehnten Geschichte, 43 Tour-Teilnahmen, 7 Gesamtsiegen und 34 Etappensiegen ist Movistar zweifellos die führende spanische Kraft im Peloton. Passend zu diesem Status tritt das Team beim Grand Départ in einem besonderen Trikot an: Statt des gewohnten Weiß dominiert das traditionelle Movistar-Blau, verziert mit Details, die auf Barcelona und besonders die Sagrada Familia verweisen. Bei der Pressekonferenz im Palau de la Música Catalana kündigte Teamchef Eusebio Unzue ein „verjüngtes Movistar-Team voller Fahrer mit großem Steigerungspotenzial" an. Movistar-Kapitän Cian Uijtdebroeks indes blieb drei Tage vor seinem Tour-Debüt bescheiden: Sein Hauptziel sei es herauszufinden, wie sich die Tour überhaupt anfühlt. Eine Top-10-Platzierung in der Gesamtwertung wäre bereits "fantastisch", das weiße Trikot ein schöner Bonus, aber kein festes Ziel. Raul Garcia Pierna peilt derweil ganz offen einen Etappensieg an, während Pablo Castrillo den Rückenwind durch seinen kürzlich in Sabiñánigo gewonnenen nationalen Zeitfahrtitel mitnehmen will.
Barcelonas junge Radfahrer fragen nach der menschlichen Seite der Profis
Wie schafft man es, so viele Tage hintereinander zu fahren? Wie viel Schlaf bekommt man eigentlich? Und was macht man, wenn die Beine schwer sind und noch ein langer Weg vor einem liegt? Eine Stunde lang durften Nachwuchsfahrer im Alter von 12 bis 14 Jahren – von Vereinen wie dem Jufre Cycling Team Terrassa, der Isaac-Gálvez-Radsportschule Vilanova i la Geltrú und weiteren Clubs aus Barcelona – genau solche Fragen stellen. Ihre Gesprächspartner im Palau Sant Jordi waren Carlos Verona, der mit Lidl-Trek bereits seine sechste Tour in Angriff nimmt, Tour-Debütant Joel Nicolau und Marcel Camprubi, frisch gekürter spanischer Meister vom Team Pinarello-Q36.5. Alle drei zeigten sich bei dieser besonderen Kinder-Pressekonferenz offen, freundlich und einfühlsam. Camprubis Antwort brachte die Kernbotschaft auf den Punkt: Um Radfahrer zu sein, braucht es täglich harte Arbeit, vor allem aber Spaß.
Anerkennung für einen "Papier"-Romantiker
Der baskische Journalist Jesús Gómez Peña schrieb einst, der Radsport sei ein "Papier"-Sport, schließlich entstanden seine großen Rennen durch die Zeitungen, die sie organisierten, und leben bis heute durch die Berichterstattung weiter, die den Fans die Heldentaten der Fahrer näher bringt. Einer dieser Chronisten, Sergi López-Egea vom El Periódico, wird an diesem Samstag in seiner Heimatstadt mit dem „Plateau de la Reconnaissance" geehrt, einer Auszeichnung für alle, die über mindestens 35 Tour-Ausgaben berichtet haben. Ähnlich wie für die Fahrer war auch für ihn das Rennen jedes Jahr aufs Neue ein persönliches Ziel, das ihm dabei half, die weit über den Sport hinaus gehende Bedeutung der Tour zu begreifen. Neben seiner journalistischen Arbeit hat sich López-Egea auch literarisch mit dem Radsport auseinandergesetzt, unter anderem mit Büchern wie „Locos por el Tour" (gemeinsam mit Kollegen verfasst), „Cumbres de leyenda", „Cuentos del Tour" und „Cuentos del pelotón". Für den katalanischen Journalisten wird dieser Grand Départ das größte Sportereignis sein, das Barcelona seit den Olympischen Spielen 1992 erlebt hat. „Wir haben schon große Fußballspiele und Motorsportveranstaltungen ausgerichtet, aber keine davon war kostenlos, und keine führte direkt an unserer Bäckerei, der Schule unserer Kinder oder der Ecke vorbei, an der wir uns verliebt haben. Das können nur der olympische Marathon und die Tour de France.“ Wenn das Peloton am 3. Tag weiter Richtung Frankreich zieht, wird López-Egea dabei sein, um über seine mittlerweile 36. Tour zu berichten.
Das Label "Cycle City" erweitert Grenzen
Seit 2021 zeichnet das im Rahmen des Programms "L'Avenir à Vélo" ins Leben gerufene Label "Tour de France Cycle City" jedes Jahr Städte aus, die sich aktiv für die Förderung des Radfahrens einsetzen, sei es im Alltag, in der Freizeit, im Tourismus oder im Sport. Bewertet werden dabei unter anderem die Strategie zum Ausbau der Fahrradinfrastruktur, konkrete Initiativen wie Schulunterricht oder Sensibilisierungskampagnen sowie die Unterstützung von Radsportvereinen und -verbänden. Neu in diesem Jahr: Das Label wurde auf zusätzliche Verwaltungsebenen ausgeweitet, sodass sich künftig auch Ballungsräume, Landkreise und Regionen bewerben können. Ein wichtiger Schritt, der Radverkehrspolitik auf allen kommunalen Ebenen sichtbar macht. Gleich sechs Organisationen wurden nach einem eigenen Bewertungsmaßstab ausgezeichnet, darunter die Region Hauts-de-France, die Départements Isère und Vaucluse sowie Dijon Métropole (je 2 Fahrräder), dazu die Gemeindeverbände Champagnole Nozeroy Jura und Vallée de Saint-Amarin (je 1 Fahrrad). Passend zum spanischen Grand Départ wird das Cycle-City-Label zudem um die "Mas Bici"-Zertifizierung der Vuelta ergänzt. Welche Städte sich 2026 den Titel sichern, wird an diesem Freitag bekannt gegeben.

