Anders als vor Beginn der Tour de France von allen Experten erwartet, steht die morgige Pyrenäen-Königsetappe unter besonderen Vorzeichen. Denn wer hätte vor dem Tour-Start gedacht, dass Torsten Træen (UXM)vor dem 6. Streckenabschnitt mit knapp acht Minuten Vorsprung an der Spitze der Gesamtwertung liegen würde? Inzwischen werden die erfolgsverwöhnten Mannschaften ihre Renntaktik an die neue Situation angepasst haben. Denn das Træen als Konkurrent für den Gesamtsieg in Frage kommt, werden sie nicht zulassen. Doch der Norweger ist ein passabler Kletterer, so dass er im Hochgebirge zwar Vorsprung einbüßen, das Gelbe aber Trikot länger tragen könnte.
So könnte es dann auch zu einem erneuten Schlagabtausch der Favoriten beim Ritt auf über 2.000 m (Tourmalet) und/oder beim Schlussanstieg zum Ziel in Gavarnie-Gèdre kommen. Auf den letzten 70 Kilometern der insgesamt 186,2 wird es in mehrfacher Beziehung heiß hergehen. Auch wenn der Wetterbericht am Vortag noch Regen meldete.
Berge der 4., 3., 2., 1. und Ehrenkategorie
Schon zweimal hat die Tour die Tour seit dem Start in Barcelona um die Ecke geschaut, die hohen Berge der Pyrenäen gesehen und sich - so könnte man meinen - wieder ins flachere Vor- und Hinterland zurückgezogen. Aber spätestens heute ist Schluss mit lustig, müssen doch die Sprinter nach ihrem gestrigen Feiertag zum Ziel in Pau heute hinauf zum Aspin und Tourmalet Qualen leiden. Insgesamt stehen 4.100 Höhenmeter auf dem Menüplan zwischen Pau und Gavarnie-Gèdre kurz vor der spanischen Grenze. Vom Start in Pau führt die Strecke vorbei an Jurançon über Lourdes zum hügeligen Aufgalopp der Côte de Loucrup, Berg der 4. Kategorie, der nach 1,9 km mit im Schnitt 7,1 % den Sprintern noch gelegen kommt. Zumal sie keine 10 km weiter die große Chance nutzen wollen, beim Zwischensprint in Pouzac wertvolle Punkte bei der Wertung Grünes Trikot zu gewinnen. Die Côte de Mauvezin (3. Kategorie) sollte nach 3 km mit durchschnittlich 6,8 Steigungsprozenten noch vom Gros des Fahrerfeldes zu schaffen sein.
Ausreißer oder Favoriten vorne?
Danach steigen mit den Bergriesen die Strapazen für alle - und die Versuche, Konkurrenten zu testen oder gar loszuwerden. Zwei mythische Tour-Berge im Abstand von 30 km mit dem Col d’Aspin (1. Kategorie) in 1.429 m Höhe, 12 km klettern mit im Schnitt 6,5 %, und dem Col du Tourmalet, dem 1. Berg der Ehrenkategorie in 2.115 m Höhe, der nach 17,1 km à 7,3 % erreicht wird. Ob die knapp 40 km bis zum Ziel genügen, verlorenen Boden wieder gut zu machen? Oder liegt hier doch eine Ausreißergruppe an der Spitze? Erneut muss gekraxelt werden - Gavarnie-Gèdre liegt in 1.380 m Höhe und wird als Berg der 2. Kategorie nach langer Steigung nach 18,7 km mit im Schnitt 3,7 % erreicht. Nicht steil genug eigentlich, um den Konkurrenten um Gelb richtig weh zu tun. Das Ziel liegt am Ende einer nur 40 m langen Geraden. Wartet dort die nächste Überraschung?

