Die 113. Austragung der Tour de France beginnt mit einem Mannschaftszeitfahren. Das neue Format erfordert auch eine neue taktische Herangehensweise. Auf dem Spiel stehen das erste Gelbe Trikot und „psychologisch wichtige Sekunden in der Gesamtwertung“. Die Spannung ist in Barcelona förmlich greifbar. Zum ersten Mal findet hier der Grand Départ statt, nachdem man zuvor bereits den Start der Vuelta (zuletzt 2023) und der Vuelta Femenina (2025) beherbergt hatte. Den Anfang macht um 17:05 Uhr die spanische Mannschaft Caja Rural-Seguros RGA, für die mit der Rückkehr zum Rennen „ein Traum wahr wird“. 184 Fahrer gehen an den Start, die meisten kommen aus Belgien (31), gefolgt von Frankreich (30). Aus Deutschland sind 12 Fahrer dabei.
Mannschaftszeitfahren in neuem Format
Bereits in den 1920er Jahren führte Tour-Gründer Henri Desgrange eine Art Mannschaftszeitfahren ein, es lief ähnlich wie heute und nannte sich „Départs séparés“ („gestaffelte Starts“). Francis Pélissier holte 1927 nach 180 Kilometern (!) von Paris nach Dieppe das erste Gelbe Trikot. Das Konzept entwickelte sich weiter und wurde in den 1960er Jahren zu einem festen Bestandteil des Rennens. Der Grand Départ in Barcelona markiert die 99. Etappe der Tour de France, die mit „gestaffelten Starts“ oder als Mannschaftszeitfahren ausgetragen wird. Es ist jedoch erst das zweite Mal, dass das erste Gelbe Trikot in einem Mannschaftszeitfahren vergeben wird. Bei der Premiere siegte Eddy Merckx’ Molteni-Team 1971 in Mulhouse (11 km). Das letzte Mannschaftszeitfahren bei der Tour fand 2019 in Brüssel statt, der Gewinner nach 27,6 km hieß Jumbo-Visma.
Das heutige Format wurde bereits bei Paris-Nizza 2023 und in diesem Jahr bei der Tour Auvergne - Rhône-Alpes erfolgreich ausprobiert. Jeder Fahrer erhält im Ziel seine individuelle Zeit, der beste Fahrer bestimmt also, welches Team gewonnen hat. So sollen Teamleistung und individuelle Klasse miteinander verbunden werden. „Die Teams werden auf der Ebene wahrscheinlich voll Gas geben und dann ihren Spitzenfahrer am letzten Anstieg nach vorne schicken, um ein paar psychologisch wichtige Sekunden zu gewinnen“, glaubt Rennleiter Thierry Gouvenou.
Die Teams sind gut vorbereitet
Zu den Favoriten des Mannschaftszeitfahrens gehört Netcompany-Ineos. „Das Eröffnungs-Zeitfahren zu gewinnen, ist ein sehr wichtiges Ziel für uns“, betont Egan Bernal, Sieger der Tour 2019. Josh Tarling ergänzt: „Wir haben viele Tage und viel Mühe in dieses Zeitfahren gesteckt. Wir haben viel Zeit damit verbracht, diese Art von Anstrengung zu trainieren, und die Ausrüstung verbessert. Wir sind viel aggressiver als noch vor ein paar Jahren, als wir ziemlich konservativ gefahren sind und immer aufeinander geachtet haben. Jetzt legen wir schon früh ein hohes Tempo vor und haben keine Angst davor, Fahrer zu verlieren.“
Bei der Tour Auvergne-Rhône-Alpes im vergangenen Monat holte sich Visma | Lease a Bike den Sieg im Teamzeitfahren. „Wir haben Wout [van Aert] nach acht oder neun Minuten verloren, und Ben Tulett hatte unmittelbar danach einen Reifenschaden, aber wir haben es trotzdem geschafft zu gewinnen, obwohl wir nur noch fünf Fahrer hatten“, berichtet der französische Experte Bruno Armirail. „Das zeigt, dass wir ein starkes Team haben, aber das Gelände und die Taktik sind hier anders. Wir werden unser Bestes geben – mit einer Strategie, die sich möglicherweise von der anderer Teams unterscheidet.“
Bei Decathlon CMA CGM ist der von Daan Hoole ausgearbeitete Plan zur Unterstützung von Paul Seixas klar: „Alle werden sehr schnell starten und auf der Ebene die schwereren Fahrer einsetzen, um dann bis zum ersten Anstieg ein mörderisches Tempo zu fahren. Anschließend versuchen wir, diesen mit den zwei oder drei besten Kletterern des Teams anzugehen, die bergauf ein sehr hohes Tempo vorlegen können. Beim letzten Anstieg werden die verbleibenden Fahrer dann den Teamkapitän ins Rennen schicken, damit er alleine bis zur Ziellinie fahren kann.“ Und nicht nur die Teams, die auf die Gesamtwertung aus sind, haben hart auf dieses Rennen hingearbeitet. „Wir haben etwas mehr als sonst für das Zeitfahren trainiert, und hoffentlich schlägt sich das am Samstag in einem guten Ergebnis nieder“, sagt Mathieu van der Poel (Alpecin-Premier Tech), der ebenfalls die Chance sieht, am Sonntag das Gelbe Trikot zu übernehmen.
Viele Herausforderer
Neben den großen Favoriten Tadej Pogacar, Jonas Vingegaard, Remco Evenepoel und Florian Lipowitz gibt es eine kleine Gruppe vielversprechender junger Fahrer wie Paul Seixas und Isaac del Toro, die darauf hoffen, schon bei ihrem Debüt das Tour-Podium zu erreichen. Aber es gibt noch weitere Anwärter wie zum Beispiel Juan Ayuso. Er genießt den Grand Départ ganz besonders, wurde er doch in Barcelona geboren. „Ich freue mich darauf, an meiner ersten Tour de France teilzunehmen und dabei die Freiheit zu haben, um ein gutes Ergebnis zu kämpfen“, sagt der Kapitän von Lidl-Trek. „Natürlich träume ich vom Podium, aber ich werde das Rennen Tag für Tag angehen und versuchen, die Tour zu genießen.“
Ein weiterer Geheimfavorit ist Tom Pidcock, 3. der vergangenen Vuelta. „Es ist kein Geheimnis, dass ich bei der Tour in den letzten Jahren nicht immer so viel Spaß hatte. Diesmal ist das Gefühl ganz anders. Ich bin zum ersten Mal mit diesem Team hier. Was auch immer wir erreichen, ist ein Erfolg.“ Ein weiterer Fahrer, den man im Auge behalten sollte, ist der Norweger Tobias Halland Johannessen, dessen Uno-X-Team sich entschieden hat, ihm nach seinem starken Saisonstart (4. bei Tirreno-Adriatico, 3. bei der Baskenland-Rundfahrt, 5. bei der Tour Auvergne – Rhône-Alpes) und seiner hervorragenden Leistung bei der Tour 2025 (6.) einige Bergfahrer zur Seite zu stellen. „Ich träume immer davon, mich zu verbessern, und genau das habe ich mir auch für diesen Sommer vorgenommen.“
Vorfreude bei Caja Rural-Seguros RGA
An Abel Balderstones linkem Ohrläppchen baumelt ein Ohrring mit einem Smiley, der die Stimmung bei Caja Rural-Seguros RGA vor dieser Tour de France perfekt einfängt. „Es ist ein Traum, hier zu sein“, erklärt der spanische Zeitfahrmeister des letzten Jahres. „Ich bin echt nervös, aber ich freue mich sehr, mein Tour-Debüt im Kreise meiner Familie und Freunde zu geben.“ Der aus der Provinz Barcelona stammende Balderstone ist einer von drei Katalanen im Teamsaus Navarra. Die anderen sind Joel Nicolau aus Llofriu (an der Costa Brava in Girona) und Alex Molenaar, ein Niederländer, dessen Mutter aus Barcelona stammt, der aber seit seinem zehnten Lebensjahr in Olot (Girona) lebt.
Die Teilnahme von Caja Rural-Seguros RGA ist streng genommen kein Debüt, denn das Team aus Navarra nahm bereits vor sage und schreibe 39 Jahren erstmals an der Grande Boucle teil. Zwischen 1987 und 1989 gab es immerhin einen Sprintetappensieg durch Mathieu Hermans. Fernando Gaviria (der 2018 zwei Etappen gewann und das Gelbe Trikot trug) will in seine Fußstapfen treten. „Ein Sieg bei der Tour ist ein Privileg, das nur wenigen vergönnt ist, und wir träumen davon, einen Sieg einzufahren“, so der kolumbianische Sprinter. „Die Anforderungen der Tour de France stellen für das aktuelle Caja Rural-Team eine neue Herausforderung dar, aber die Mannschaft hat einen großen Schritt nach vorne gemacht, und ich habe das Gefühl, dass wir für alles bereit sind.“ Teamkollege Molenaar nennt ein weiteres Ziel: „Wir wollen am Sonntag um das Bergtrikot kämpfen.“
184 Fahrer
- 27 Nationen stehen am Start der 113. Tour de France, eine mehr als im Vorjahr. Zum ersten Mal seit 1980 führt Belgien mit 31 Fahrern die Nationenwertung an. Erstmals seit 2007 steht Frankreich, das mit 30 Fahrern das zweitgrößte Kontingent stellt, nicht an der Spitze der Rangliste. Dritter sind die Niederlande mit 17 Fahrern.
- Das Durchschnittsalter des Pelotons beträgt 29 Jahre und 16 Tage und liegt damit leicht über dem Wert von 2025 (28 Jahre und 343 Tage), als das Peloton das jüngste seit 1999 war.
- Der jüngste Fahrer ist Paul Seixas, der an diesem Samstag 19 Jahre und 283 Tage alt wird. Er ist der jüngste Teilnehmer seit Adrien Cento im Jahr 1937 (19 Jahre und 118 Tage).
- Seixas ist einer von 50 Neulingen bei der Tour de France, womit sich die Gesamtzahl der Teilnehmer auf 5.509 beläuft. Er ist zudem einer von 12 Debütanten und einer von 41 Anwärtern auf das Weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers, das Fahrern vorbehalten ist, die im Jahr 2001 oder später geboren wurden.
- Der älteste Fahrer im Peloton ist Damiano Caruso, der im Alter von 38 Jahren und 265 Tagen zum achten Mal an den Start geht. Er ist jedoch nicht der erfahrenste; diese Ehre gebührt Ion Izagirre (Cofidis), Warren Barguil (Picnic PostNL) und Luke Durbridge (Jayco AlUla), die alle zum zwölften Mal am Start stehen. Den Rekord hält Sylvain Chavanel mit 18 Teilnahmen.
- Drei Gewinner des Gelben Trikots – zugleich die Sieger der letzten sieben Auflagen – stehen an der Startlinie: Tadej Pogacar (2020, 21, 24, 25), Jonas Vingegaard (2022, 23) und Egan Bernal (2019).
- Drei Gewinner des Grünen Trikots stehen am Start: Michael Matthews (2017), Jasper Philipsen (2023) und Biniam Girmay (2024). Außerdem sind fünf Gewinner des gepunkteten Trikots dabei: Warren Barguil (2017), Julian Alaphilippe (2018), Tadej Pogacar (2020, 21, 25), Jonas Vingegaard (2022) und Richard Carapaz (2024). Ebenso gibt es fünf Gewinner des Weißen Trikots: Adam Yates (2016), Egan Bernal (2019), Tadej Pogacar (2020, 21, 22, 23), Remco Evenepoel (2024) und Florian Lipowitz (2025), die jedoch nicht mehr für diesen Titel in Frage kommen.
- Mark Cavendish hält mit 35 Siegen den Rekord für die meisten Etappensiege. Die erfolgreichsten Fahrer im Peloton von 2026 sind Tadej Pogacar (21 Siege / 6. Platz in der ewigen Bestenliste), Jasper Philipsen (10) und Julian Alaphilippe (6).
- Am Start sind 11 nationale Straßen- und 11 nationale Zeitfahr-Meister. Zwei Fahrer halten beide Titel: Isaac del Toro (Mexiko) und Mathias Vacek (Tschechien).
- Mexiko kehrt 29 Jahre nach Miguel Arroyos letztem Auftritt ins Peloton zurück. Isaac Del Toro ist nach Raul Alcala (9 Mal von 1986 bis 1994) und Arroyo (3 Mal in den Jahren 1994, 1995 und 1997) der dritte Mexikaner, der an den Start gehen wird.
23 Mannschaften
- 2026 nehmen 23 Mannschaften teil, genauso viele wie 2025. Die erfahrenste Mannschaft ist Movistar (früher bekannt als Reynolds, Banesto, Illes Balears und Caisse d’Épargne) mit 44 Teilnahmen; Visma | Lease a Bike (ehemals Kwantum, Superconfex, Buckler, Wordperfect, Novell, Rabobank, Belkin, LottoNL und Jumbo) knapp dahinter mit 43 Teilnahmen; Lotto Intermarché mit 40 Teilnahmen.
- Das Team Caja Rural-Seguros RGA feiert 37 Jahre nach seiner letzten Teilnahme ein Comeback. Zuvor war es 1987 und 1988 unter dem Namen Caja Rural-Orbea am Start, 1989 dann als Paternina.
- Tudor ist das Team, dessen Fahrer über die meiste Erfahrung bei der Tour verfügen: insgesamt 31 Teilnahmen, verglichen mit 27 bei Jayco AlUla und 26 bei Soudal Quick-Step. Im Gegensatz dazu kommen die acht Fahrer von Caja Rural-Seguros RGA zusammen auf nur zwei Teilnahmen.
- Lotto Intermarché hat mit einem Durchschnittsalter von 25 Jahren und 189 Tagen den jüngsten Kader. Am anderen Ende der Skala steht Soudal Quick-Step mit einem Durchschnittsalter von 31 Jahren und 69 Tagen.
- Fünf Teams haben die Tour de France bereits gewonnen: Netcompany Ineos und Movistar jeweils sieben Mal, UAE Emirates XRG vier Mal, Visma-Lease a Bike und XDS Astana jeweils zwei Mal.
- UAE Emirates XRG ist das Team, dessen Fahrer mit 24 Etappensiegen (21 von Tadej Pogacar) die meisten bei der Tour verbuchen können. Es folgen Alpecin-Premier Tech mit 12 (6 von Jasper Philipsen) und Tudor mit 10 Siegen (6 von Julian Alaphilippe).
- Visma | Lease a Bike führt die Rangliste der erfolgreichsten Teams mit 72 gewonnenen Etappen an, vor Soudal-Quick Step mit 56 und Lotto Intermarché mit 41. Tudor, das erst im vergangenen Jahr zum Rennen hinzukam, ist das einzige Team, das noch nie eine Etappe gewonnen hat.
- 4 Französische Teams (Cofidis, Decathlon CMA CGM, Groupama-FDJ United und TotalEnergies) sind dabei, jeweils drei aus Belgien (Alpecin-Premier Tech, Lotto Intermarché, Soudal Quick-Step) und der Schweiz (NSN, Pinarello-Q36.5, Tudor). Deutschland ist mit Red Bull-Bora-hansgrohe und Lidl-Trek zwei Mal vertreten.
- Die Teams mit der größten nationalen Vielfalt sind Bahrain Victorious, EF Education-EasyPost, Netcompany Ineos, NSN und UAE Emirates XRG, die jeweils Fahrer aus sieben verschiedenen Ländern in ihren Reihen haben. Im Gegensatz dazu besteht die Aufstellung von TotalEnergies zu 100 Prozent aus Franzosen (8 von 8). Groupama-FDJ United liegt mit 7 Franzosen und einem Italiener fast gleichauf.

