1940: Keine Tour (4/10)

22 Juli 2020 - 11:38

Um die Wende der 1910er Jahre herum erfuhr die Tour de France die eine oder andere organisatorische Veränderung, die sich oft hinter den Kulissen von Ereignissen vollzog, aber bisweilen von großer Tragweite war… oder nur als Anekdote überliefert wurde. Die Zeitreise auf letour.fr wird 1940 fortgesetzt: Während sich das Land im Krieg befindet, versucht Henri Desgrange noch bis zum Frühjahr, an seinem Vorhaben einer 34. Tour festzuhalten, muss sich aber schließlich geschlagen geben. Im Juni fällt Frankreich unter deutsche Besatzung und Desgrange hinterlässt die Tour im August verwaist.

Amédée Fournier, le maillot jaune, au départ de Caen/Vire.
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Amédée Fournier, le maillot jaune, au départ de Caen/Vire. sport desgrange (henri) goddet (jacques) fournier (amedee) © PRESSE SPORTS

Auch wenn man etwas nicht absagen kann, das nicht stattfindet, ist die Auflage 1940 der Tour de France die einzige in der Geschichte, die abgesagt wurde. Der Streckenverlauf wurde im Detail nicht veröffentlicht, der Termin niemals offiziell verkündet, aber ihre Organisation wurde in den Büros der veranstaltenden Zeitung bereits durchdacht, terminiert und geplant – obwohl sich Frankreich im Krieg befindet und die jungen Männer bereits seit September 1939 eingezogen werden. Es wäre falsch zu glauben, dass man bei L’Auto naiv in einer Sportblase lebt und geflissentlich ignoriert, was außerhalb davon auf den Schlachtfeldern passiert – weit gefehlt. Von Mitte September zeigt die Tageszeitung Flagge und ändert ihren Titel: Sie nennt sich „L’Auto-Soldat“ und die redaktionelle Ausrichtung verteilt sich auf das aktuelle Geschehen des weltweiten Konflikts, die Analyse der noch stattfindenden sportlichen Wettbewerbe und Neuigkeiten von den Sportlern, die zum Militär eingezogen werden. Am 16. September ergänzt ein deutliches Zitat Voltaires die Titelzeile: „Jeder Mensch ist ein Soldat im Kampf gegen die Tyrannei“. Dieser Linie verschreibt sich fortan Henri Desgrange, der trotz schwerer Krankheit weiter schreibt, sich aber vom Sport entfernt und stattdessen mehr patriotische Leitartikel und Karikaturen verfasst, zum Beispiel über Hitler, den er als „Anstreicher“ bezeichnet.   Alle in seinen Diensten stehenden Mitarbeiter werden aktiv und bemühen sich bereits zu Winterbeginn, einer Radsportsaison Gestalt zu verleihen, die auch vermitteln soll, dass Leben in Frankreich möglich ist. Im Dezember beginnen die Gespräche mit den Chefs der Fahrradmarken, um sich auf einen Zeitplan zu verständigen und ein neues Format zu erfinden. Wie kann man ein Peloton mit homogenem Niveau zusammenstellen, wenn die meisten Starter der Tour 1939 zum Kriegsdienst eingezogen wurden? Werden ausländische Teilnehmer aus Ländern akzeptiert, die nicht am Krieg beteiligt sind und daher ihre besten Fahrer aufstellen können? Oder wo beschafft man die Räder, wenn die gesamte Industrie auf die Produktion von Rüstungsgütern ausgerichtet ist? Die Debatte wird in den Kolumnen der Zeitung lanciert und offen geführt, denn der Inhalt der Verhandlungen wird in einer Art Feuilleton wortgetreu wiedergegeben. Der Chef von Alcyon zeigt sich optimistisch, aber nicht so bereit wie der von Colibri: „Wie alle meine Kollegen habe ich gerade eine weiße Kugel abgegeben, um zu einer einstimmig positiven Entscheidung zu gelangen“, kann man in der L’Auto vom 16. Januar lesen. Bei Genial-Lucifer hat man hingegen mehr Bedenken („Maurice Evrard vertritt die Meinung, dass die Perspektivlosigkeit bestimmter Straßenrennen erwiesen ist.“ L’Auto vom 13. Januar) und der Ton an der Spitze des Hauses Dilecta ist ebenfalls sehr vorsichtig. Man schafft es dennoch wie in jedem Jahr, eine Einigung unter allen zu finden, die am 6. Februar veröffentlicht wird: Neben weiteren Maßnahmen sieht sie vor, nur Fahrer zuzulassen, die noch nicht im waffentauglichen Alter sind, und die Anzahl ausländischer Teilnehmer auf 33% des Pelotons zu beschränken.  

Am 11. Juli wählt ein Kolumnist der BBC, dessen Name nicht überliefert ist, den Sport als Aufhänger, um die Sicht Londons zu schildern: „Hätte Hitler es zugelassen, dass Europa in Ruhe und Frieden leben darf, wäre heute die 34. Tour de France mit Freuden gestartet.“    

Alles scheint mehr oder weniger bereit, aber obwohl während des gesamten Winters die Bahnrennen stattfinden, stößt man auf große Schwierigkeiten, sobald zu Beginn der Saison die Straßenrennen beginnen. Die Strecke des Rennens Paris-Roubaix, die zunächst von den Militärbehörden freigegeben wird, wird zu Roubaix-Paris, um schließlich als Le Mans-Paris ausgetragen zu werden. Auch beim Rennen Paris-Tours denkt man über eine Umkehr der Strecke nach und die Zeichen stehen besonders schlecht für die Course au Soleil, bei der sich ausnahmsweise L’Auto und die Zeitung Le Petit Niçois zusammentun, um die Organisation noch irgendwie zu retten. Henri Desgrange veröffentlicht ein äußerst pessimistisches Papier zur Tour de France 1940. Er spricht von einer Strecke in Form einer „entleerten Harnblase“, nennt alle Hindernisse, die sich auftun, und schließt mit den Worten: „Es würde ausreichen, bei Ihnen die Erwartung zu wecken, dass dieser Artikel mit der Absage der Tour de France 1940 abschließt, nicht wahr? Nun gut, uns reicht es nicht, und es bleibt uns noch ein letzter Hoffnungsschimmer, alle Schwierigkeiten überwinden zu können, und den möchten wir nutzen.“ Das Urteil lässt nicht lange auf sich warten. Vier Tage später erscheint die Ankündigung in Großbuchstaben auf den Titelseiten: „Das Radsportrennen Tour de France findet in diesem Jahr nicht statt. Sie wird auf 1941 verschoben. Weitere Erklärungen ihres Begründers Henri Desgrange in den Ausgaben vom 13. und 14. April.“

Die folgenden Ereignisse stürzen das Land in das dunkle Kapitel der deutschen Besatzung nach Unterzeichnung des Waffenstillstands durch Philippe Pétain am 22. Juni 1940. Zu dieser Zeit startet Charles De Gaulle am 18. Juni seinen Aufruf über die BBC und das freie Frankreich beginnt, sich zaghaft hinter dem „Chef der Franzosen, der den Krieg weiterführt“, zu strukturieren. Es stellt sich heraus, dass am 11. Juli eine kleine französische Enklave von London aus beschließt, so zu tun, als fände die Tour de France statt. Die Sendung „Ici la France“ hat jeden Tag eine halbe Stunde Sendezeit auf BBC. An diesem Tag nutzt ein Kolumnist, dessen Name nicht überliefert ist, den Sport als Aufhänger, um die Sicht Londons darzustellen. „Hätte Hitler es zugelassen, dass Europa in Ruhe und Frieden lebt, wäre heute die 34. Tour de France mit Freuden gestartet.* Es beginnt eine vollkommen fiktive Reportage, die dazu dient, das gespaltete Land in gemeinsamen, glücklichen Erinnerungen an eine andere Zeit zu einen. Dies ist fernab jeder Realität, aber in der Legende der Tour zählen Geschichten genauso viel wie das Rennen selbst.   Es ist unwahrscheinlich, dass Henri Desgrange diese Reportage hören konnte, die ihm sicher eine Gänsehaut verursacht oder vielleicht sogar ein paar Tränen entlockt hätte. Denn selbst wenn die Tour de France 1940 hätte stattfinden können, wäre sie die erste ohne ihn gewesen. Nach einer Operation einige Monate zuvor verstirbt der Vater der Tour de France am 16. August im Alter von 75 Jahren. Sein Nachfolger und Ziehsohn Jacques Goddet übernimmt die Leitung der Zeitung und spricht sich im Jahr darauf gegen die Durchführung der Tour de France aus, deren Prestige das Vichy-Regime für sich beansprucht hätte. Die Tour der Erneuerung muss bis 1947 warten.  

*  Quelle: L’Histoire, Nr. 354, Juni 2010. 1940: le Tour de France n’aura pas lieu. Von Marianne Amar  

Lesen Sie auch (oder noch einmal) die früheren Episoden dieser Reihe:

- 1930: Die Tour erfindet sich neu (3/10)

- 1920: Echte „Sportsmänner“ nach Desgrange (2/10)

- 1910: Alphonse Steinès, der große Bluff (1/10)  

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