
Gap
162.5 km
Dienstag 19 Juli
Nach einem Ruhetag ging es für die Fahrer heute nach Gap, wo regelmäßig Ausreißer Siege feiern. Die Ausreißergruppe des Tages war die bisherige Schwergeburt. Den Etappensieg machte von den Ausreißern das Trio Hushovd-Hesjedal-Boasson Hagen unter sich aus. Einmal mehr machte der Weltmeister seinem Regenbogentrikot alle Ehre und feierte nach Lourdes seinen zweiten Tageserfolg in diesem Jahr, seinen insgesamt zehnten bei der Tour de France. Dahinter sorgte Alberto Contador für ein Störfeuer im Peloton. Im Anstieg zum Col de Manse hängte der Spanier mehrere seiner direkten Rivalen ab, außer Cadel Evans. Im Ziel ist der Australier gar der Hauptnutznießer dieser Offensive, obschon der spnaische Titelverteiger im Gesamtklassement Boden gut macht. Er überflügelt Ivan Basso und gewinnt 48’’ auf Andy Schleck.
Die Schwergeburt unter den bisherigen Ausreißergruppen
Die Tour-Etappenprofile werden von allen Fahrern und ihren Betreuern sorgfältig ausgekundschaftet. Alle hatten sich wohl die Etappe von Gap vorgemerkt, wo der Sieg regelmäßig an Ausreißer geht. Jedes Team wollte wohl einen Vertreter in der Ausreißergruppe platzieren, wodurch vorne ein regelrechter Kampf entbrennt, ohne dass sich eine Gruppe entscheidend lösen könnte. Nach der ersten Rennstunde wehrt sich das Peloton noch steht gegen Attacken und hat bereits 51,4 Kilometer zurückgelegt. Von den vielen Anwärtern erweisen sich einige als besonders hartnäckig, wie Sylvain Chavanel, David Millar, Rémy Di Gregorio oder Juan Antonio Flecha, aber auch Fahrer, von denen eine andere Gefahr ausgeht wie Arnold Jeannesson (Platz 4 in der Wertung der Jungprofis).
Eine norwegische Minimeisterschaft
Erst bei km 91 entsteht allmählich eine erfolgreiche Gruppe unter Führung von Thor Hushovd. Gemeinsam mit dem Weltmeister setzen sich insgesamt zehn Fahrer ab: Perez Lezaun (EUS), Hushovd, Hesjedal (GRM), Boasson Hagen (SKY), Devenyns (QST), Grivko (AST), Roy (FDJ, Martin (THR), Ignatiev (KAT) erzielen einen maximalen Vorsprung von 6’20’’ 25 km vor dem Ziel und sind schnell im Anstieg zum Col de Manse. Schon auf dem ersten Kilometer des Anstiegs geht der Russe Mikhail Ignatiew in die Offensive und wagt einen Alleingang. Die Gruppe überlebt die Tempoverschärfung nicht, aber von drei Verfolgern droht echte Gefahr: Hesjedal stößt als Erster zu dem ausgebüchsten Katusha-Fahrer und lässt ihn bald hinter sich. Zu dem vorübergehend führenden Kanadier gesellen sich in der Abfahrt Thor Hushovd und Edvald Boasson Hagen. Alles läuft auf ein Finale zu dritt hinaus, und der Weltmeister kann neben seiner Sprintkraft auch auf einen Teamkollegen zählen, um seinen norwegischen Rivalen auszutricksen. Die norwegische Minimeisterschaft endet mit einem Antritt von Hushovd weniger als 100 Meter vor dem Ziel. Er feiert in Gap seinen 10. Tour-Tageserfolg.
Contador attackiert
Im Peloton kommt es im einzigen Anstieg des Tages (der zweiten Kategorie) zu einer unerwarteten Auseinandersetzung zwischen den Titelanwärtern. Nach zwei Kilometern verschärft Alberto Contador das Tempo. Diese erste Offensive scheint zu verpuffen, doch sorgt der zweite Anlauf für eine interessantere Auslese. Der Titelverteidiger setzt die Bergfahrt mit Cadel Evans und Samuel Sanchez fort, mit denen er Thomas Voeckler und die restlichen Favoriten schnell auf 25’’ distanziert. Im Ziel 11,5 Kilometer weiter sind die Abstände noch interessanter. Contador verliert zwar 3’’ auf Evans, der im Finale mehr Reserven hat, macht aber seinen Rückstand auf die anderen teilweise wett: Er gewinnt 18’’ auf Voeckler und Fränk Schleck, während Andy Schleck, vom Gelben Trikot abgehängt, einen Rückstand von 48’’ auf Contador verbucht.
„Wir wollten eine große Ausreißergruppe haben, und das hat uns im Grunde geholfen. Beim Zwischenspurt musste ich nicht um die maximale Punktzahl sprinten, und dann zogen die Ausreißer davon. Wenn man sich den Zieleinlauf ansieht, dann war ich gar nicht so weit zurück, wenn man bedenkt, wie eng der Schlussanstieg ausghen sollte. Wir werden versuchen, das Grüne Trikot zu behaupten. Ich dachte, ich würde es nach dem Gipfel zurück in die Hauptgruppe schaffen, deshalb habe ich auf dem letzten Kilometer alles gegeben, auch wenn es letztlich nicht ganz gereicht hat. Im Normalfall hätte ich bei einer längeren Abfahrt aufschließen können, aber ich bin mit dem heutigen Verlauf zufrieden.“
Auf den ersten Metern des Anstiegs ist Ryder Hesjedal für mich gefahren, um ein konstantes Tempo zu halten, und ich hatte den Eindruck, dass er richtig Vollgas gab, weshalb ich ihm gesagt habe, dass er sein Glück versuchen soll. Er zog also alleine davon, und eine ganze Zeit lang sah es gut für ihn aus, bis plötzlich Edvald Boasson Hagen attackiert hat, als ich an seinem Hinterrad war. Er hat letztlich Ryder eingeholt. Ich war nur im Schlepptau, um ihn zu kontrollieren, und es tut mir etwas leid für Edvald... er hatte keine beneidenswerte Aufgabe mit zwei Leuten von Garmin-Cervélo im Finale. In diesem Jahr hat es den Anschein, dass für mich bei der Tour alles wie am Schnürchen läuft. Ich suche mir die richtigen Tage aus, an denen ich auch gewinnen kann, und heute bin ich einmal mehr belohnt worden, also kann man sich gar nicht vorstellen, wie zufrieden und glücklich ich bin. Der erste Erfolg [in Lourdes] war besser als dieser, weil ich es im Alleingang geschafft habe, aber der heutige Erfolg ist auch ein schöner... Es ist stets ein Glücksspiel, in die richtige Ausreißergruppe zu kommen, aber ich fühlte mich stark, und als es dann zum Sprint kam, ist der mir dank der guten Unterstützung von Hesjedal perfekt gelungen. Ich habe heute den richtigen Moment abgewartet, und so schlecht sprinte ich schließlich auch nicht... aber Edvald Boasson Hagen in einem derartigen Sprint zu schlagen, ist kein Selbstläufer.
Mit zwei Fahrern in der dreiköpfigen Ausreißergruppe, die den Kampf um den Tagessieg in Gap bestritten hat, gelingt Garmin-Cervélo in vielerlei Hinsicht der große Wurf: Thor Hushovd feiert seinen zweiten Etappensieg dank der Mithilfe des drittplatzierten Ryder Hesjedal, und weil sich Tom Danielson in einer Favoritengruppe im Kampf um seinen zehnten Platz in der Einzelwertung behaupten kann, gewinnt das US-Team haushoch die heutige Tageswertung der Mannschaften. Der Vorsprung ist beträchtlich: 4’57’’ vor dem zweitplatzierten Team von Sky. Das Generalklassement schien Leopard-Trek schon in der Tasche zu haben, doch liegt die luxemburgische Formation jetzt 7’01’’ hinter Garmin-Cervélo zurück; Europcar belegt Rang drei mit einem Rückstand von 8’14’’. Die Abstände wachsen!
Der Spitzenreiter nach 16 Etappen sagt, er habe "viel Zeit auf drei Favoriten verloren", doch fährt er weiterhin im Gelben Trikot und führt immer noch mit einem Vorsprung von 1’45’’ auf den Zweitplatzierten...
Auf die Attacken von Alberto waren wir nicht gefasst, aber bei der Tour muss man ungemein vorsichtig sein, insbesondere auf den Schlussetappen. So ist das eben im Sport – manchmal hat man bestimmte Erwartungen, die sich nicht erfüllen, und manchmal denkt man, dass nicht geschieht, und zwischen den Fahrern liegen plötzlich viele Abstände. Der Auftakt der heutigen Etappe war sehr schnell, was sie zusammen mit dem Finale zu einer interessanten Angelegenheit gemacht hat. Meine Beine fühlten sich heute ganz gut an, aber ich habe viel Zeit auf drei Favoriten verloren, was vielleicht darauf hinweist, dass ich möglicherweise an meine Grenzen stoße. Mal sehen, wie es weitergeht. Für mich war es kein guter Tag, aber so ist es nun einmal. Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich habe versucht mit ihnen Schritt zu halten, als sie attackierten, aber ich konnte es nicht. Mehr auch nicht. Ich habe alles gegeben.
Platz 1 und 2 für Norwegen. Hier die Top 15 in Gap: 1. Thor Hushovd (NOR) GRM - 162,5 km in 3h31’38" 2. Edvald Boasson Hagen (NOR) SKY zeitgleich 3. Ryder Hesjedal (CAN) GRM 2" zurück 4. Tony Martin (GER) THR 38" zurück 5. Mikhail Ignatiew (RUS) KAT 52" zurück 6. Alan Perez Lezaun (ESP) EUS 1’25" zurück 7. Jérémy Roy (FRA) FDJ 1’25" zurück 8. Marco Marcato (ITA) VCD 1’55" zurück 9. Dries Devenyns (BEL) QST 1’55" zurück 10. Andriy Grivko (UKR) AST 1’58" zurück 11. Cadel Evans (AUS) BMC 4’23" zurück 12. Alberto Contador (ESP) SBS 4’26" zurück 13. Samuel Sanchez (ESP) EUS 4’26" zurück 14. Jose Joaquin Rojas (ESP) MOV 4’44" zurück 15. Philippe Gilbert (BEL) OLO 4’44" zurück
Andy Schleck verliert 1’06’’ auf Contador und 1’09’’ auf Evans.
Der Spitzenreiter Thomas Voeckler beendet Etappe 24’’ hinter Cadel Evans. Dadurch behauptet der Franzose sein Gelbes Trikot.
Der Luxemburger hat heute Federn gelassen. Sein Formzustand wirft vor den Alpen Fragen auf...
Der Italiener, als Geheimfavorit gehandelt, kommt erst jetzt ins Ziel.