Tagebuch der Etappe

étape 1 - Passage du Gois Mont des Alouettes 191.5 km
Sonnabend 2 Juli

Gilbert hält Wort

Der Meister der Klassiker, Philippe Gilbert vollzieht eine siegreiche Rückkehr auf die Straßen der Tour de France, an der er seit 2008 nicht mehr teilgenommen hatte. Für den finalen Anstieg zum Mont des Alouettes hatte der Kapitän vom Team Omega Pharma Lotto seine Ambition angekündigt, seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France zu erobern und damit auch das Gelbe Trikot überzustreifen. Zum Ende eines von seinen Teamgefährten beherrschten Rennens hat der belgische Meister Wort gehalten. Für eine Reihe von Favoriten ist der Tag allerdings deutlich anders verlaufen als geplant, da sie von einem Sturz 9 Kilometer vor der Ziellinie aufgehalten wurden. Alberto Contador und Andy Schleck liegen dadurch 1’20’’ hinter dem Gelben Trikot, vor allem aber auch 1’17’’ hinter Cadel Evans.

Quemeneur in Aktion
Nach einem Umweg über die Insel von Noirmoutier, die das Peloton in der Parade besucht hat, sind die Fahrer über die Passage du Gois auf den Kontinent zurückgekehrt – dort hatte das Peloton noch zu einer kurzen Startzeremonie angehalten, die in Anwesenheit von Sportministerin Chantal Jouanno und Bruno Retailleu, dem Präsidenten des Generalrates der Vendée, organisiert wurde. Bei Kilometer Null waren alle Blicke auf die Trikots des lokalen Teams Europcar aus der Vendée gerichtet. Aus seinen Reihen hat dann auch Pierrig Quemeneur einen ersten Ausreißversuch eingeleitet, an seinem allerersten Tag bei der Tour de France. Ihm sind schon bald zwei weitere Fahrer gefolgt, Lieuwe Westra (VCD), ein weiterer Debütant, sowie Jérémy Roy (FDJ). Bei km 19 hat dieses Trio seinen maximalen Vorsprung von 6‘30“ auf das Peloton herausgefahren. Die Fahrer von Omega Pharma Lotto übernehmen daraufhin die Führungsarbeit an der Spitze des Hauptfeldes.

13 Punkte für Farrar
Der Abstand hat sich dann bei 4’ eingepegelt, trotz eines Sturzes bei km 63, bei dem mehrere Fahrer betroffen sind, darunter David Arroyo (MOV). Das Peloton absolviert daraufhin zum ersten Mal einen Zwischensprint gemäß einer gänzlich geänderten Formel. Nachdem Roy, Westra und Quemeneur (in dieser Reihenfolge und mit 2‘35“ Vorsprung) die Wertungslinie überfahren haben, sind noch 13 Punkte für den Viertplatzierten zu erobern. Das reicht aus, um die Spezialisten der Sprintdisziplin zu interessieren, die auch zu einem echten Massensprint ansetzen. Tyler Farrar (GRM) heimst die größte Punktzahl ein, u.a. vor Greipel (OLO) und Ventoso (MOV).

Sturz 9 km vor dem Ziel
Auf eine anfängliche Observierung aus der Distanz folgt eine Phase der Tempoerhöhung, an der sich die Fahrer von Garmin-Cervélo beteiligen. 50 km vor dem Ziel liegt der Vorsprung des Führungstrios nur noch bei 3‘05“. Zwanzig Kilometer weiter schrumpft der Vorsprung auf weniger als eine Minute. Das Abenteuer endet für Quemeneuer, Roy und Westra 18 km vor der Ziellinie, nach 173 Kilometern an der Spitze. Sie weichen einem zwischenzeitig entbrannten Kampf um die optimale Platzierung der Siegesanwärter bei sehr hohem Tempo. 9 km vor dem Ziel wird das Peloton durch einen Massensturz in zwei geteilt.

Contador und Schleck aufgehalten
An der Rennspitze wird der Kampf um den Sieg von rund dreißig Fahrern fortgesetzt, doch die Folgen des Sturzes sind schwerwiegend für die Nachzügler. Alberto Contador und Andy Schleck sowie Samuel Sanchez und Bradley Wiggins fahren hinterher, während Cadel Evans und seine Teamgefährten versuchen, den Vorsprung noch zu erhöhen. Auf der Ziellinie weisen Contador und Schleck einen Rückstand von 1‘20“ auf.

Gilbert reagiert auf Cancellara
Auf den letzten beiden Kilometern nehmen die Fahrer von Omega Pharma Lotto das Heft in die Hand, um den belgischen Meister bis zum Anstieg heranzuführen. Aufmerksam und vorsichtig, lässt Gilbert seine Leutnants auf eine Offensive von Winokurow an der Roten Flamme reagieren. Als aber Fabian Cancellara zur Attacke bläst, greift der Meister der Klassiker selbst ein, um diesen in die Schranken zu weisen. Nachdem er zum Schweizer Meister aufgeschlossen hat, zieht er selbst zu einer unwiderstehlichen Tempoerhöhung an. Er sichert sich das Gelbe Trikot mit 3“ Vorsprung auf Cadel Evans.

 

Philippe Gilbert – “Ich bin nie in Panik geraten …”

Nichts vermag ihn aufzuhalten. Seit dem 13. April hat Philippe Gilbert alle Rennen gewonnen, zu denen er angetreten ist – u.a. ein ‚Monument‘ des Radsports, zwei Klassiker, den Gesamtsieg von zwei Etappenrennen und die belgische Straßenmeisterschaft. Nicht einmal die schwere Last der Favoritenrolle konnte seinen phänomenalen Sieg verhindern.
Drei Tage vor seinem 29. Geburtstag hat er seine erste Etappe bei der Tour de France gewonnen und gleich drei Wertungstrikots erobert – das Gelbe, das Gepunktete und das Grüne.

“Ich träume von Siegen bei großen Rennen wie Lüttich-Bastogne-Lüttich, Amstel Gold Race und Flèche Wallonne, doch hier bei der Tour de France zu gewinnen, ist etwas Besonderes. Das ist ein weiterer Traum. Ich hatte hier noch keine Etappe gewonnen. Ich habe auch noch nie das Gelbe Trikot übergestreift. Dies ist somit für mich ein ganz besonderer Tag.
“Gestern Abend habe ich mit meinen Zimmerkollegen geredet und dabei gesagt, dass wir im steilen Teil des Anstiegs mit etwas mehr als einem Kilometer bis zum Ziel besonders hart anziehen müssten und dass ich dabei einen von ihnen an meiner Seite brauchen würde. Wir wussten, dass Cancellara da sein würde, weil das eine perfekte Stelle für ihn ist – mit seiner gewaltigen Kraft kann er von hinten heranziehen – und genau das ist eingetreten. Ich war bereit, um zu reagieren, und bin nie in Panik geraten. Ich bin zu ihm herangefahren und einen Augenblick hinter ihm geblieben. Als er seinen Vorstoß beendet hat, habe ich mir gesagt: ‚Jetzt darf ich nicht mehr zögern.‘ Ich musste da loslegen. Es war immer noch ein weiter Weg, etwa 500 Meter, doch ich habe mir gedacht: ‚Nein, ich habe einen kleinen Vorsprung und muss das durchziehen – Vollgas!‘“

 

Geraint Thomas – “Ich habe mich heute toll gefühlt …”

Geraint Thomas hat sich das Wertungstrikot gesichert, das Philippe Gilbert nicht erreichen konnte – ganz einfach weil er zu alt für das Klassement der Jungprofis ist. 29 Fahrer liegen innerhalb von sechs Sekunden von der Führung in der Gesamtwertung, und das Mannschaftszeitfahren bietet dem jungen Waliser die Möglichkeit, sein am Mont des Alouettes erobertes Weißes Trikot in Les Essarts nach der morgigen zweiten Etappe gegen das Gelbe einzutauschen.

“Die erste Woche ist immer Wahnsinn. Es kann wirklich tückisch werden, mit vielen Stürzen… alle wollen vorne dabei sein, insbesondere heute, wo es um Gelbe Trikot geht, da gab es so manche Positionskämpfe. Doch glücklicherweise ist es den meisten Fahrern unseres Teams gelungen, relativ unversehrt die letzten drei Kilometer zu erreichen. Ich glaube, Brad [Wiggins] wurde beim zweiten Sturz aufgehalten [knapp innerhalb der letzten drei Kilometer], doch ich glaube, von der Zeit her dürfte es für ihn ok sein.
“Ich habe mich heute auch toll gefühlt, und so ist es schön, ein Wertungstrikot gewonnen zu haben.
“Ich persönlich habe sehr viel Spaß beim Mannschaftszeitfahren. Das entspricht dem, was ich auf der Bahn gefahren bin – und es ähnelt sehr stark der Mannschaftsverfolgung – und ich kann es kaum noch erwarten. Wir haben offenkundig ein tolles Team, und wir wollen jetzt einfach loslegen und unser Bestes geben, gut fahren und hoffentlich wird das dann reichen, um die Etappe zu gewinnen. Wir haben sehr gute Aussichten. Es gibt viele andere gute Mannschaften, und es wird hart werden, doch wenn wir wirklich gut fahren, wenn wir dabei sein.”