
Hautacam
156 km
Montag 14 Juli
Nach den beiden Siegen von Ricardo Ricco ist es heute Leonardo Piepoli – bei jeder Steigung auf der heutigen Strecke für die anderen Fahrer uneinholbar – der einen weiteren Erfolg für das Team Saunier-Duval holt. Bei der Zielankunft in Hautacam gönnt sich die spanische Formation sogar den Luxus des Doppelsiegs mit Cobo Acebo, der als Zweiter über die Ziellinie geht. Das gelbe Trikot steht Cadel Evans zu. Er hat eine Sekunde Vorsprung auf Franck Schleck, der als Einziger in der Lage war, dem spanisch-italienischen Duo auf dem letzten Anstieg zu folgen. Valverde ist der große Verlierer des Tages und liegt mit 4’41’’ Zeitunterschied auf den Australier nach der heutigen Etappe auf dem 14. Platz des Gesamtklassements.
De la Fuente und Freire nutzen den AusreiĂźversuch
Die ersten Angreifer des Tages werden schnell wieder zur Ordnung gerufen, bevor sich eine dicht besetzte Gruppe von 24 Fahrern nach 10km des Rennens vom Rest des Starterfelds absetzt. Popovych (SIL), Cancellara (CSC), Isasi (EUS), Gutierrez (GCE), Burghardt (COL), Augustyn, Cheula (BAR), Pozzato (LIQ), LeMevel (C.A), Tosatto (QST), Dupont (ALM), Fothen, Lang, Wegmann (GST), Feillu, Vogondy (AGR), Freire (RAB), Fedrigo (BTL), Sebastian Chavanel, Di Gregorio, Roy (FDJ), Bertogliati, De la Fuente (SDV) und Duque (COF) beschleunigen, aber ohne wirklich davonzuziehen. Unter den Formationen, die nicht in der Spitzengruppe vertreten sind, wechseln sich Milram und Garmin-Chipotle ab, um den Ausreißern das Leben schwer zu machen. Dennoch nutzt der Ausreißversuch zunächst De la Fuente, der seine Position in der Bergwertung konsolidiert, und dann Freire, der nach dem ersten Zwischensprint die Führung in der Punktewertung übernimmt.
Valverde fällt zurück
Die Gruppe erfährt ihre erste Verkleinerung bei Kilometer 54, als sich sieben Fahrer absetzen: Nur Cancellara (CSC), Dupont (ALM), Fothen (GST), Freire (RAB), Di Gregorio, Roy (FDJ) und Duque (COF) erhalten die Erlaubnis, von dannen zu ziehen. Sie erreichen die ersten Anstiege hinauf zum Col du Tourmalet 9’30’’ vor dem Hauptfeld, während Freddy Bichot im Niemandsland zwischen der Spitze und dem Peloton unterwegs ist. 15km vor dem Gipfel verabschiedet sich Rémy Di Gregorio von seinen Wegbegleitern und erklimmt den Tourmalet im Alleingang. Er geht einsam über die Linie mit 2’10’’ Vorsprung auf die ersten drei Verfolger und 6’ auf die Gruppe um den Träger des gelben Trikots, die zwischenzeitlich nur noch 14 Fahrer zählt. Unterwegs hat das verschärfte Tempo, dass das Team CSC im Feld vorgibt, für Kollateralschäden gesorgt: Neben Sylvain Chavanel, Schumacher, Nibali und Kreuziger bleiben vor allem Pereiro, Cunego und Valverde 2,5km vor dem Gipfel auf der Strecke und erreichen die Linie mit 50’’ Zeitunterschied.
Die Fahrer von Saunier-Duval in Aktion
Di Gregorio versucht, das Tal für seine Zwecke zu nutzen und seinen Vorsprung zu halten, während sich Valverde und seine unglückseligen Teamkollegen mühen, wieder zum gelben Trikot aufzuschließen. Aber sie lehnen sich gegen die Hartnäckigkeit des Teams CSC auf, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, ihnen die Aufholjagd schwer zu machen. Bereits am Fuß des letzten Aufstiegs trennt sich Valverde mit 2’50“ Zeitunterschied auf die Favoriten von der Elite der Tour 2008. Der Antritt des Teams CSC verurteilt die Initiative von Di Gregorio bereits zu Beginn des Anstiegs nach Hautacam zum Scheitern. Die Fahrer von Saunier-Duval zögern nicht lange, ihrerseits in das Rennen einzugreifen. Cobo Acebo und Piepoli verschärfen den Ton und es gelingt ihnen, in Begleitung von Frank Schleck Boden gutzumachen. Ihr Abstand wird zunächst von einer Gruppe von Verfolgern ausgehöhlt, von der jedoch nur Evans, Menchov, Sastre, Duenas Nevado, Goubert, VandeVelde und Ricco übrig bleiben. 5km vor dem Ziel beträgt der Zeitunterschied 1’40’’. An der Spitze kämpft Franck Schleck gegen Piepoli und Cobo Acebo, die sich gegen ihn verbündet haben. Das Duo startet seine Offensive schließlich 2,5km vor der Ziellinie und lässt den Luxemburger zurück. Hinter dem Dreiergespann fährt die Gruppe um Evans die letzten Rennkilometer ohne nennenswerten Angriff, aber mit verschärftem Tempo. Der Australier holt sich das gelbe Trikot mit 1’ Vorsprung auf Frank Schleck im Gesamtklassement.
Der französische Bergfahrer greift auf dem Anstieg zum Col du Tourmalet an, um später auf dem Weg hinauf nach Hautacam von der Favoritengruppe eingeholt zu werden. Er wird mit dem Brandt-Preis für den angriffsstärksten Fahrer belohnt.
„Das war ein schöner Tag. Ich hatte vor, mich heute abzusetzen und ich habe einen großen Teil des Tags an der Spitze verbracht. Ich war auf dem Anstieg zum Col du Tourmalet sehr stark und hatte am Gipfel zwei Minuten Vorsprung. Das hätte reichen können, wären die Umstände des Rennens anders gewesen, aber CSC hat die Verfolgung aufgenommen, um die Gruppe um Valverde abzuschütteln und somit war mein Ausreißversuch zum Scheitern verurteilt. Ich hatte nicht gedacht, dass ich im Tal soviel Zeit verlieren würde. Aber ich habe diesen Tag genossen, vor allem wenn ich daran zurückdenke, dass ich mir die Gebirgsetappen im letzten Jahr mit einer gebrochenen Rippe vor dem Fernseher angeschaut habe. Die Erfahrung, mich auf dem Weg zum Col du Tourmalet an die Spitze des Rennens zu setzen, ist eine schöne Entschädigung.“
Vor dem Ruhetag übernimmt Oscar Freire die Führung in der Sprintwertung. Er trug zwar bereits auf der 10. Etappe das grüne Trikot, dies aber nur, weil Kim Kirchen nicht gleichzeitig das grüne und das gelbe Trikot tragen konnte. Dank seiner Beteiligung an einem Ausreißversuch auf den ersten 25km konnte er weitere Punkte in der Wertung sammeln. Später spielt er den Domestiken für einen russischen Teamkollegen.
„Heute musste ich in der Ausreißergruppe sein, weil es für das Team schwierig war, nach dem Col du Tourmalet zu überleben, also fiel mir auf dieser Etappe eine doppelte Aufgabe zu: Einerseits habe ich paar Punkte für das grüne Trikot geholt und andererseits war ich zwischen den beiden hohen Bergen eine Weile für Denis [Menchov] da. Für mich und das Team war es ein guter Tag.
Auf dem letzten StĂĽck der Etappe war es fĂĽr mich nicht leicht, aber ich wusste, was ich zu tun hatte. Morgen haben wir einen Ruhetag und darĂĽber bin ich froh, weil das Tempo heute zu Beginn sehr hoch war. Viele Fahrer wollten sich absetzen und letztendlich bildete sich eine groĂźe AusreiĂźergruppe. Es gab jedoch eine starke Verfolgungsjagd und wir mussten die ganze Zeit hart arbeiten. Das ist okay. Ich fĂĽhle mich gut und freue mich, dass ich ein paar Punkte mehr habe und das grĂĽne Trikot ĂĽbernehme.
Ich mache auf den Anstiegen nicht viel für Denis, aber ich helfe, wo ich kann. Wir können über den Ausgang dieser Etappe zufrieden sein.“
Mit 36 Jahren gewinnt der italienische Fahrer seine erste Etappe bei der Tour de France an der Seite seines Teamkollegen Cobo Acebo.
„Es stimmt, dass Ricco vorausgesagt hat, dass ich gewinnen würde, aber eigentlich ist das nur ein Zufall. Jeder möchte hier einen Sieg holen, aber sicher ist nichts, das ist nicht planbar. Unser sportlicher Leiter ist kein Zauberer!
Im Finish bin ich zusammen mit Cobo Acebo gefahren, der seine eigenen Ambitionen für das Gesamtklassement hat. 2006 hat er auf dem Anstieg zum Plateau de Beille über 20 Minuten verloren, ohne die der unter den Top 5 gelandet wäre.
Ich war einmal Fünfter auf einer Etappe der Tour und das war schon ein schönes Gefühl. Aber ich habe noch Träume, und einmal einen Etappensieg zu holen war einer davon. Das war heute besser als ein Traum.“
Einen Tag, nachdem er stĂĽrzte und seine Chancen schwinden sah, die Tour zu gewinnen, holt sich Cadel Evans das gelbe Trikot. Er vollbringt diese Heldentat am Gipfel von Hautacam und fĂĽhrt jetzt mit einer Sekunde Vorsprung auf Frank Schleck im Gesamtklassement.
„Mein Vorsprung ist nur sehr gering, aber taktisch gesehen, zählt jede Sekunde. Es ist noch ein langer Weg ins Finish und unser Ziel war immer, in Paris das gelbe Trikot zu haben, aber wie wir gestern gesehen haben, kann in diesem Rennen alles passieren. Gestern noch habe ich jede Pedalumdrehung auf dem Weg ins Ziel gezählt, und heute habe ich die Sekunden gezählt und versucht zu berechnen, ob ich die Führung übernehmen kann oder nicht. Das ist Radsport; er kann grausam sein, aber manchmal auch fair.
Auf dem ersten Kategorie-3-Anstieg bin ich heute fast auf der Strecke geblieben und dann habe ich meinen Teamkollegen gesagt: ‚Jungs, ruhig bleiben. Seid cool, ich werde mich hoffentlich steigern.’ Gott sei Dank hat es am Ende alles gepasst. Die Hauptschwierigkeit lag darin, nicht den Überblick über CSC und Saunier Duval zu verlieren. In der Situation musste ich auf drei Fahrer achten und sie wussten es alle; das ist also schwer zu kontrollieren.
Ich habe mich dafür entschieden, Menchov, Sastre und Frank Schleck im Auge zu behalten. Ich musste meine Wahl treffen und meine Karten richtig ausspielen. Schließlich hat Menchov seine Chance gewittert und wir haben zusammengearbeitet. Das wird sich später noch zu seinem Vorteil auswirken.
Ich denke, sie werden bemerkt haben, dass ich nach dem Sturz auf der neunten Etappe gelitten habe. Nach der Menge von Blut, die sie gestern zu sehen bekommen haben, wären sie dumm, wenn sie sich nicht gedacht hätten, dass ich Schmerzen habe.
Wir sind vielleicht nicht das stärkste Team, aber wir bemühen uns, das cleverste zu sein. Wir nutzen unsere Stärken so intelligent wie möglich, aber CSC hat jede Menge zu gewinnen. Sie haben nur eine Sekunde Rückstand und sind zahlenmäßig überlegen.
Gestern habe ich auf der Strecke ehrlich geglaubt, dass die Tour für mich vorüber ist. Ich hatte Angst, aufzustehen und mich zu bewegen, weil ich dachte, dass ich mir einen Knochen gebrochen habe. Jetzt das gelbe Trikot zu tragen, ist einfach nur fantastisch. Ich kann es noch gar nicht richtig glauben, dass ich jetzt das gelbe Trikot habe. Vielleicht wache ich morgen auf und dann wird mir klar, was ich heute gemacht habe. Es ist noch lange nicht vorbei, aber wir sind unserem Ziel einen Schritt näher.“
Mit seinem achten Platz auf dieser Etappe übernimmt Cadel Evans die Führung in der Gesamtwertung der Tour de France. Sein Vorsprung auf Frank Schleck beträgt eine Sekunde.
Während wir noch auf Kirchens Ankunft warten, stehen die zehn besten Fahrer der 10. Etappe bereits fest.
1. Leonardo Piepoli (ITA) SDV - 156km in 4h19’27"
2. Juan Jose Cobo (ESP) SDV - gleiche Zeit
3. Frank Schleck (LUX) CSC mit 28" Abstand
4. Bernhard Kohl (AUT) GST mit 1’06" Abstand
5. Vladimir Efimkin (RUS) ALM mit 2’05" Abstand
6. Riccardo Ricco (ITA) SDV mit 2’17" Abstand
7. Carlos Sastre (ESP) CSC mit 2’17" Abstand
8. Cadel Evans (AUS) SIL mit 2’17" Abstand
9. Denis Menchov (RUS) RAB mit 2’17" Abstand
10. Christian Vande Velde (USA) TSL mit 2’17" Abstand
Evans hat die Etappe mit 2’17" Rückstand auf Piepoli beendet.
Kohl holt sich den vierten Platz der Etappe mit 1’05’ Zeitunterschied auf Piepoli.
Schleck wird Etappendritter, mit 27" Abstand auf Piepoli.