
Angoulême
211 km
Freitag 27 Juli
Von den vier Ausreißern des Tages war Sandy Casar nach einem durch einen Hund zu Beginn der Etappe verursachten Unfall gehandicapt. Gemeinsam mit den Beinahe-Ruheständlern Axel Merckx und Michael Boogerd sowie auch Laurent Lefèvre wurde die Gruppe zu keinem Zeitpunkt vom Hauptfeld bedroht. Der Abstand betrug zeitweise bis zu 17’30’’. Im Finale konnte Casar durch eine in zwei Phasen durchgeführte Attacke seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France verbuchen. Damit revanchiert sich der Franzose für die Etappe von Marseille, als er um 7 Zentimeter hinter Cédric Vasseur den Kürzeren zog.
Zusammenprall mit einem Hund!
Das hohe Anfangstempo des Rennens macht auf den ersten Kilometern jeglichen Ausreißversuch zunichte. Pineau (BTL), Casar (FDJ) und Willems (LIQ) setzen sich bei Km 14 vom Hauptfeld ab, überqueren aber lediglich den Scheitelpunkt der Côte de Salvezou, bevor sie gestellt werden. In der Folge bildet sich ein Quartett mit Casar und Willems, diesmal in Begleitung von Lefèvre (BTL), und dann auch Boogerd (RAB). Zwar lässt das Feld die Ausreißer davonziehen, doch wird das Vorankommen der Gruppe durch den Zusammenstoß mit einem Hund empfindlich gestört, wodurch Willems und Casar bei Km 27 zu Fall kommen. Lediglich Casar gelingt die Rückkehr in die Spitzengruppe. Begleitet wird er von Merckx (TMO), der eine Verfolgung gestartet hat.
Euskaltel in Aktion
Das Spitzenquartett kommt gut voran: Bei Km 60 beträgt der Vorsprung auf das Hauptfeld 10’40’’, und erreicht schließlich bei Km 152 sogar einen Höchstwert von 17’30. Vierzig Kilometer vor dem Ziel leisten die Fahrer der Euskaltel-Mannschaft Führungsarbeit, um die Position ihrer besten Fahrer in der Gesamtwertung, Haimar Zubeldia und Mikel Astarloza, zu schützen. 25 Kilometer vor dem Ziel machen sie einen Teil des Rückstandes wett. Gemessen wird ein Abstand von 12’05’’.
Finesse und Opportunismus
Merckx, Boogerd, Lefèvre und Casar verstehen sich blind, zumindest bis zur Markierung der letzten zehn Kilometer, als Boogerd zuerst angreift. Doch reicht sein Antritt nicht aus, um die Konkurrenten zu distanzieren. Die Initiativen von Merckx (7 Km) und Lefèvre (5 Km) bringen das gleiche unzufriedenstellende Ergebnis, aber Casar legt Finesse und Opportunismus an den Tag. Er macht sich den Fahrspurteiler eines Kreisverkehrs 3 Kilometer vor dem Ziel zunutze und beschleunigt an der Innenseite der Kurve, wodurch er seine drei Konkurrenten um etwa 100 Meter abhängt. Die Attacke bringt zwar nicht die endgültige Entscheidung, fordert jedoch einen wahren Kraftakt seitens der Verfolger, die erst auf dem letzten Kilometer wieder an sein Hinterrad kommen. Während sich die vier Fahrer nun beäugen, liegt Casar ganz vorne mit einigen Metern Abstand in der scheinbar ungünstigsten Position. Rund 200 Meter vor dem Zielstrich geht er als Erster in die Offensive. Die Entscheidung erweist sich als goldrichtig. Casar schlägt im Finish Merckx mit einem Abstand von mehr als 20 Metern. Mit einem Rückstand von 8’34’’ auf Casar gewinnt Tom Boonen den Sprint um Platz vier. Cadel Evans beendet die Etappe auf Rang 14 und knüpft Contador 3’’ ab.
Durch seinen vierten Platz bei der heutigen Etappe und den Sieg im Spurt des Hauptfeldes hat Tom Boonen seinen Vorsprung in der Punktewertung weiter ausgebaut.
«Ich bin glücklich und weiß auch warum: Wir sind Paris wieder ein Stück näher gekommen. Es wird ein Kampf bis zum Schluss, das habe ich schon am ersten Tag, als ich das Grüne Trikot übernommen habe, gesagt. Solange mein Vorsprung nicht 48 Punkte beträgt, bin ich nicht vollends in Sicherheit.
Jetzt ist der beste Platz im Hauptfeld. Gestern sprach ich noch mit De Jongh. Es ist unglaublich, ein Fahrer der Tour de France zu sein: Man ist vom Rest der Welt abgekapselt. Wir bestreiten ein Rennen und die einzigen anderen Personen, die wir treffen, sind die Journalisten. Danach findet man sich wieder mit den zehn gleichen Personen im Hotel ein. Drei Wochen lang geht das jeden Tag so.
Im Feld lässt es sich gut leben. Von den Fahrern, die sich dort aufhalten, geht man aus, dass sie sauber sind. Und das glaube ich auch, da man die Betrüger nach Hause geschickt hat. Ich weiß nicht, was uns noch bevorsteht, ob noch etwas bevorsteht, hoffe aber, das Rennen mit den noch im Feld verbliebenen Fahrern zu beenden. Wenn man in diesem Jahr so viele Fahrer erwischt hat, dann liegt das an der Tatsache, dass man uns gut kontrolliert hat. Ich stelle mir keine Fragen, wenn ich sehe, dass ein Fahrer gute Ergebnisse erzielt. Manchmal versuchen die Medien, mir Worte in den Mund zu legen. Ich weiß aber auch, dass andere Fahrer sich zu meiner Person äußern können, also ziehe ich es vor, das zu glauben, was ich sehe.»
Der Träger des Gelben Trikots bereitet sich auf einen richtungsweisenden Tag mit dem morgigen Zeitfahren vor. Sein Vorsprung auf Evans beträgt nur noch 1’50’’, weil das Feld im Schlussspurt auseinandergerissen wurde.
«Ich bin kein Zeitfahrspezialist, werde aber alles daran setzen, nicht mehr als 1’50’’ an Zeit einzubüßen. Die heutige Etappe ist perfekt verlaufen, auch wenn das Tempo etwas langsam war. Es war ungemein wichtig, sich auszuruhen und vor dem morgigen Zeitfahren einen ruhigen Tag zu verbringen. Gut, ich habe heute 3’’ auf Cadel Evans verloren, das ist ärgerlich, doch hoffe ich, dass mir das Gelbe Trikot nicht wegen drei Sekunden durch die Lappen geht. Ich hoffe, dass ich morgen gute Beine habe, um das Trikot zu behaupten.»
Der Manager von Française des Jeux freut sich über den Sieg von Sandy Casar, der seiner Meinung nach heute die Belohnung für seine Hartnäckigkeit erntet.
«Ich bin überglücklich, denn Sandy ist ein Junge, dem das Glück in seiner Karriere nicht immer hold war. Er ist ein feiner Kerl. Ich wünsche allen Sportdirektoren, einen Fahrer mit seiner Moral zu haben. Als er in Marseille zum dritten Mal Platz zwei bei einer Tour-Etappe belegte, habe ich ihm gesagt, dass aller guten Dinge eben vier seien. An dem Tag in Marseille haben wir mit dem Schicksal gehadert. Heute nicht. Ich bin überzeugt, dass er noch andere Rennen gewinnen wird.
Ich bin hocherfreut, dass vorne zwei Franzosen mit dabei waren, und sie haben sich nicht gegenseitig das Wasser abgegraben. In der heutigen Zeit ist das wichtig. In zehn Tagen bin ich bei einem Nachwuchsrennen im Einsatz. Den jungen Fahrern muss man die Lust am Radsport vermitteln.»
Nach seinem zweiten Platz von Marseille sieben Zentimeter hinter Cédric Vasseur verbucht Sandy Casar nun seinen ersten Etappensieg bei der Tour, und das trotz eines Sturzes eingangs der heutigen Etappe.
«Am Anfang habe ich mit dem durch einen Hund verursachten Sturz das Schlimmste durchgemacht. Da dachte ich, alles sei vorbei. Ich bin wirklich schwer gestürzt, mein Rad war fahruntüchtig, und mein Arm schmerzte… Dann haben mich alle unterstützt, in den Begleitfahrzeugen und am Straßenrand. Ich hatte auch das nötige Quäntchen Glück, weil Merckx eine Verfolgung gestartet hatte. Dadurch konnte ich mit ihm wieder zur Rennspitze aufschließen. Als der Abstand anschließend erheblich anwuchs, kam mir die Tatsache zugute, dass Merckx nicht weiter Tempo machen durfte, weil Boogerd die Position von Kirchen gefährdete. Durch das gedrosselte Tempo konnte ich mich wieder erholen und Kraft für das Finale tanken.
3 Kilometer vor dem Ziel sah ich eine Gelegenheit, aber Boogerd hat wieder alle an mein Hinterrad gebracht. Als ich die anderen zum Schluss zurückkommen sah, dachte ich, alles sei für die Katz’. Weil ich aber vorne war, musste ich dort bleiben und ich habe zu mir gesagt ’Verloren ist noch lange nichts, warum nicht angreifen’. Ich durfte nicht auf einen Angriff der anderen warten, denn in Marseille hatte ich schon einmal den Kürzeren gezogen.
Auf diesen Sieg habe ich hingearbeitet.»
Durch seinen vierten Platz baut Boonen die Führung in der Punktewertung vor Hunter und Zabel aus.
Hinter dem Sieger Casar, der den Sprint von vorne aus angezogen hat, kommt Merckx in einem Abstand von etwa 20 Metern als Zweiter ins Ziel.
In einem Vierersprint setzt sich Sandy Casar deutlich durch.
Die Gruppe ist wieder zusammen. Doch wie sieht die Kräfteverteilung aus?
Casar attackiert und setzt sich ab. Boogerd versucht, die drei verbliebenen der gesprengten Gruppe wieder heranzuführen.