Reiseführer

etappe 4 - 193 km
Mittwoch 11 Juli

Wissenswertes

  • La Ferté-Milon. Ein Kino, ein Hotel, eine Statue und ein Museum erinnern daran, dass die Tour durch die Geburtsstadt des Tragöden Jean Racine führt.
  • Charly-sur-Marne. Im Departement Aisne wird auch Champagner gekeltert. Der in dieser Gemeinde hergestellte Champagner darf diese Bezeichnung seit 1908 führen.
  • Nogent-sur-Seine. Die Geburtsstadt von Gustave Flaubert diente dem Schriftsteller als Inspiration zu Die Erziehung der Gefühle“. Hier wurde ein Weg für Besucher angelegt, die auf den Spuren des Helden dieses Werks wandeln möchten.
  • Thorigny-sur-Oreuse. Vom Schloss ist nur der herrliche Park erhalten: gestaltet von Le Nôtre.
  • Joigny. In dieser Garnisonsstadt stand einst die Wiege von Marcel Aymé.
 

Villers-Cotterêts - km 0

10.106 Einwohner

Mit seiner Gutmütigkeit, seinem Sinn für Spannung, Abenteuer und abrupte Wendungen hätte Alexandre Dumas die Tour de France sicher gemocht. Die 4. Etappe startet in seiner Heimatstadt, in der die große Rundfahrt trotz ihrer starken Radsporttradition erstmals zu Gast ist.

Bevor wir zu Dumas zurückkehren, sprechen wir zunächst über das bekannteste Ereignis, das sich noch früher in dieser Stadt ereignet hat: die Verkündung des berühmten Erlasses von Villers-Cotterêts durch Franz I. im August 1539, ohne den vielleicht heute Latein die Sprache der Tour wäre. Dieser Erlass ist vor allem dafür in die Geschichte eingegangen, dass er den Gebrauch der französischen Sprache in allen öffentlichen Urkunden vorschrieb, um dem Volk das Verständnis zu erleichtern. Somit löste Französisch Latein und die anderen im Land gesprochenen Sprachen als offizielle Rechts- und Verwaltungssprache ab.

Dank Franz I. genoss die französische Sprache also schon eine besondere Stellung in der Literatur, als Alexandre Dumas am 24. Juli 1802 in der Straße, die heute seinen Namen trägt, das Licht der Welt erblickte. Dumas verbrachte seine ganze Kindheit in Villers-Cotterêts und zog erst 1823 nach Paris. Die Kindheitsjahre und das Umfeld, in dem er sie verbrachte, inspirierten zwei seiner Werke, deren Handlung im Wald von Retz spielt: Le Meneur de Loups“ und Catherine Blum“.

Villers-Cotterêts und der Radsport

Die Stadt verfügt mit den Fahrten, die hier jedes Jahr stattfinden, über langjährige Erfahrung in der Veranstaltung von Radrennen:

  • Der Grand Prix Cycliste de Villers-Cotterêts, der Teil der Französischen Meisterschaft ist und für 2007 abgesagt werden musste.
  • Die Tour de Picardie.
 

La Ferté-Milon - km 7,5

2.109 Einwohner

Nur 7,5 Kilometer von Villers-Cotterêts entfernt gelegen, wird der Name des Orts Ferté-Milon ebenfalls mit einem großen Schriftsteller in Verbindung gebracht: der Tragödienschreiber Jean Racine, der hier im Dezember 1639 zur Welt kam und in der Kirche Notre-Dame getauft wurde.

Racines Mutter starb, als er 13 Monate alt war, und nach dem Tod seines Vaters im Alter von 4 Jahren zog ihn seine Großmutter Marie des Moulins in dem Haus auf, in dem sich heute das ihm gewidmete Museum befindet. Das Haus seiner Schwester Marie beherbergt das Jugend- und Kulturzentrum der Stadt. In seiner Geburtsstadt wird man überall an Racine erinnert, da eine Statue des Dichters im Kindesalter das Gässchen Ruelle des Rats“ ziert und ein Museum, ein Kino und ein Hotel nach ihm benannt sind.

Weniger augenfällig ist ein anderes Monument in La Ferté-Milon: Ein Metallsteg, der den Kanal der Ourcq überspannt, ist das Werk eines damals noch unbekannten Ingenieurs namens Gustave Eiffel.

 

Domptin - km 33

530 Einwohner

Das Dorf Domptin wird vom Wasser umspielt. Fast 30 Quellen zählt der Ort. Alles erinnert daran: die Brücken, Waschplätze und Brunnen, aber auch der avale tout“. Dieser Allesschlucker“ ist ein Ort, an dem das Wasser in mehreren Löchern zwischen die Steine schießt und dann im Erdreich verschwindet. Das Wasser tritt nirgends mehr zu Tage. Diesen natürlichen Schlund gab es schon immer und vor 30 oder 40 Jahren erreichte er ein beeindruckendes Aufnahmevermögen (etwa 100 Liter pro Minute).

 

Charly-sur-Marne - km 38

2.727 Einwohner

Nur wenige wissen, dass ein Zehntel der gesamten Champagnerproduktion Frankreichs aus dem Departement Aisne mit seinen etwa 2.600 ha Weinbergen kommt. Charly sur Marne ist die größte Winzergemeinde des Departements und darf seit 1908 die Herkunftsbezeichnung Champagne“ führen. Die in Charly vorherrschende Rebsorte ist der Schwarzriesling oder Pinot Meunier, der neben Pinot noir und Chardonnay zu den drei Rebarten gehört, die in Frankreich für die Herstellung von Champagner zugelassen sind.

 

Nogent l’Artaud - km 43,5

2.094 Einwohner

Der Ort verdankt seinen Namen einem gewissen Herrn Artaud, der Ende des 12. Jahrhunderts Schatzmeister des Grafen der Champagne war. Er ließ eine Festung errichten und war für die Gründung des Klarissenordens 1287 verantwortlich, der eine wichtige Rolle in der Geschichte des Orts spielen sollte.

Ein weiteres interessantes Relikt ist ein Grabstein aus dem 13. Jahrhundert, der dem fünften Sohn von Artaud de Nogent gewidmet ist und sich in der Dorfkirche befindet. In seiner Funktion als Schatzmeister mit Kopftonsur dargestellt, hat der Verstorbene eine gebrochene Nase: Der Geistliche des Orts hatte die Grabplatte mit dem Gesicht nach unten legen lassen, um einem Brauch ein Ende zu setzen, der die jungen Frauen des Orts am Morgen nach ihrer Hochzeit den Stein küssen ließ.

 

Region Île de France

11.491.000 Einwohner

Acht Departements zählend - Essonne, Hauts-de-Seine, Paris, Seine-Saint-Denis, Seine-et-Marne, Val-de-Marne, Val-d'Oise, Yvelines -, ist die Ile de France die mit Abstand reichste und am dichtesten besiedelte Region Frankreichs, da sich in ihrem Kernpunkt, der Hauptstadt Paris, viele Aktivitäten und die Bevölkerung konzentrieren.

Lange Zeit sprach man vom Großraum Paris, bis 1976 der Name Ile de France wiederentdeckt wurde, der auf die Zeit vor der Französischen Revolution und den fränkischen Ausdruck Liddle Franke (Kleinfrankreich) zurückgeht.

Mit einem Drittel des nationalen Wirtschaftsaufkommens, einem Anteil von etwa 84% am tertiären Sektor und einem BIP, das Brasilien und Russland auf die Plätze verweist, zählt die Region auch wirtschaftlich zu den Giganten. Paris mag zwar hinsichtlich der Einwohnerzahl nur auf dem zwanzigsten Rang weltweit liegen, doch teilt sich die Stadt mit London nach Tokio, New York, Los Angeles und Osaka den fünften Rang in der Bewertung der wirtschaftlichen Bedeutung ihrer Region.

 

Departement Seine et Marne (77)

Hauptort: Melun
1.250.000 Einwohner

Das Departement Seine-et-Marne im Osten der Ile de France ist das größte in der Verwaltungsregion und bedeckt die Hälfte ihrer Fläche. Es ist das einzige Departement, indem die Landwirtschaft mit dem Getreide- und Zuckerrübenanbau heute noch maßgeblich vertreten ist. Zu erwähnen sind aber auch die beiden berühmten Käse des Departements: der Brie und der Coulommiers.

Als traditionsreiches Departement mit den hübschen Städten von Melun, dem Wald von Fontainebleau und den Schlössern von Fontainebleau und Vaux-le-Vicomte wird der Charakter von Seine-et-Marne mit den neuen Städten Marne-la-Vallée und Sénart zunehmend urbaner, umso näher man Paris kommt. Heute ist die größte Attraktion das Eurodisneyland, das jedes Jahr mehr als 13 Millionen Besucher anlockt.

Hauptorte der Arrondissements: Fontainebleau, Meaux, Provins, Torcy.

 

Sablonnières - km 55,5

628 Einwohner

Im Mittelalter eine wichtige Befestigung, hat der Ort Sablonnières, der seinen Namen den hiesigen Sandsteinbrüchen verdankt, eine bewegte Geschichte. Unter römischer Besatzung gehörte der Marktflecken zur Provinz Belgica secunda; in der Gemeinde wurden zahlreiche Spuren antiker Bauwerke gefunden, die von dieser Epoche zeugen. Dies erklärt auch die strategische Rolle, die die Festung während des Kriegs gegen die Engländer spielte: Im 14. Jahrhundert war die Turmhügelburg von Sablonnières einer der letzten Orte der Region, der sich noch in der Hand der Franzosen befand.

 

Region Champagne-Ardennes

1.336.330 Einwohner

Die Verwaltungsregion trägt den prestigereichen, prickelnden Namen ihres berühmtesten Erzeugnisses: jährlich werden mehr als 250 Millionen Flaschen Champagner hergestellt, die einen Anteil von 25% an allen Ausfuhren der Region haben. Mit 61% landwirtschaftlich genutzter Fläche ist die Region Frankreichs führender Gerste- und Luzerneanbauer und mit Champagne-Céréales Heimat der größten Getreidegenossenschaft Europas.

Die Region ist reich an Geschichte, da Reims zu römischen Zeiten die bevölkerungsreichste Stadt nördlich Roms war, bevor sie zur Krönungsstadt aller französischen Könige seit Chlodwig wurde. Im Mittelalter wichtige Markt- und Handelstadt, war Reims aufgrund der Grenznähe in den beiden Weltkriegen ganz besonders exponiert: Im Ersten Weltkrieg war die Stadt Schauplatz entscheidender Kampfhandlungen, der Marneschlacht am Damenweg.

 

Departement Aube (10)

298.000 Einwohner

Das Departement Aube, das als größter Hanfanbauer Frankreichs lange Zeit landwirtschaftlich geprägt war und relativ dünn besiedelt ist (nach Einwohnern an 74. Stelle in Frankreich), kann man in sechs Hauptgebiete unterteilen: die kreidige Champagne im Nordosten, Nogentais im Norden, das Pays d’Othe im Südwesten von Troyes, Chaourceois im Süden, Barrois im Osten und die feuchte’ Champagne im Herzen der Region. Nach dem Departement Marne ist Aube der zweitgrößte Champagnerhersteller Frankreichs, ist aber auch für den Käse Chaource und sein kulturelles Erbe berühmt - die Abtei von Clairvaux in der Nähe von Bar-sur-Aube - oder die Stadt Troyes, deren mittelalterliche Architektur ebenso bemerkenswert ist wie die Factory Outlets und die Textilindustrie (Petit Bateau, Delanvay, Lacoste) - ein lebender Beweis, das Vergangenheit und Moderne in perfektem Einklang existieren können. Die Seen im Waldgebiet sind eine weitere Attraktion für Freunde des grünen Tourismus.

 

Nogent-sur-Seine - km 110

5.963 Einwohner

Nach Dumas, Racine und Lafontaine wenden wir unsere Aufmerksamkeit Gustave Flaubert zu, der mehrere Szenen seiner Erziehung der Gefühle“ in Nogent sur Seine ansiedelte. Die Stadt wird in diesem Werk symbolisch als Provinzstadt im Gegensatz zu Paris gezeichnet, wo der Hauptteil des Romans spielt. Als Hommage an den Romancier wurde ein Weg zu Ehren Flauberts in der Stadt angelegt, der den Spuren von Frédéric Moreau folgt, dem Helden der Erziehung der Gefühle“. An etwa 20 Monumenten, die im Werk genannt werden, wurde eine Plakette angebracht.

Eine weitere gefeierte Künstlerin verdiente sich in Nogent ihre erste Sporen als Bildhauerin: Camille Claudel, deren Familie hier von 1876 bis 1879 lebte. Sie wurde von Alfred Boucher ausgebildet, heute wieder ein anerkannter Bildhauer, nachdem er lange Zeit in Vergessenheit geraten war.

Seit Flauberts Tagen hat sich Nogent sehr verändert, wie die imposanten Wahrzeichen der industriellen Entwicklung der Stadt zeigen, die Mühlen Grand Moulins“, die auf das Mittelalter zurückgehen, sowie die beiden Kühltürme des Atomkraftwerks, das das Paris am nächsten gelegene AKW Frankreichs ist.

 

Soligny-les-Étangs - km 122,5

180 Einwohner

Soligny ist vor allem wegen eines Menhirs namens Pierre au Coq“ (Hahnenstein) erwähnenswert, der sich dem Volksglauben zufolge beim Hahnenschrei um sich selbst drehen soll. Der Legende nach soll auch Attila den Stein umarmt haben.

 

Die Region Bourgogne

1.626.000 Einwohner

Die Verwaltungsregion Bourgogne verdankt ihren Namen dem Volksstamm der Burgunder, die hier ihr Königreich schufen, das im Mittelalter zweigeteilt wurde: in die Grafschaft und das Herzogtum Burgund, wobei ersteres dem Empire, das zweite der französischen Krone unterstand, weshalb die Herzöge von Burgund oft Vasallen zweier feindlicher Mächte waren. Die überwiegend landwirtschaftlich geprägte Region ist vor allem für ihre Weine bekannt, die zu den besten Frankreichs zählen, aber in ihren vier Departements (Côte d’or, Nièvre, Saône et Loire, Yonne) werden auch Getreide und Ölfrüchte angebaut und hochwertiges Fleisch erzeugt, vor allem im Charolais und dem Morvan.

Die Industrie, die sich hier seit dem 19. Jahrhundert angesiedelt hat (Kohle in Montceau-les-Mines, Stahlindustrie in Le Creusot, die Minen von La Machine), hat nach 1945 einen neuen Aufschwung erlebt, insbesondere im Tal der Saône (Mâcon, Chalon-sur-Saône), in Dijon und im Yonne, blieb aber auch nicht von der Krise verschont. Der Norden der Region hingegen, in dem nur wenige Großunternehmen ansässig sind, hat von der Ansiedlung leichterer“, stärker diversifizierter und weniger anfälliger Industrien profitiert: chemische Nebenprodukte, Pharmazeutik, Elektronik, Kunststoff-, Papier-, Mechanik-, Automobil- und Nahrungsmittelsindustrie. Der Außenhandel und Tourismus (Gastronomie, Geschichte, Kultur, grüner Tourismus im Naturpark Morvan) verschaffen der Region außerdem Zusatzeinnahmen in beträchtlicher Höhe.

 

Departement Yonne (89)

333.000 Einwohner

Es ist mittlerweile allgemein bekannt, dass es wahrscheinlich nicht die Seine ist, die durch Paris fließt, sondern ihr Nebenfluss Yonne, der diesem Departement der Verwaltungsregion Bourgogne seinen Namen gab. Die Allgemeinheit denkt bei Yonne vor allem an den Fußballclub Auxerre und dessen Trainer Guy Roux. Auxerre ist aber auch die Weinhauptstadt einer Region, deren Weine schon seit Hunderten von Jahren einen ausgezeichneten Ruf genießen. Ein Besuch der Weinberge von Chablis, Irancy oder Auxerrois ist Pflichtprogramm, aber der Besucher kann sich hier auch an angenehmen Wanderungen entlang des Kanals von Nivernais ergötzen oder einen Abstecher nach Vézelay, einem Kleinod der romanischen Kunst, machen.

Hauptorte des Arrondissements: Avallon, Sens.

 

Thorigny-sur-Oreuse - km 140,5

1.300 Einwohner

Dieser friedliche Ort schaut auf eine wechselvolle Geschichte zurück, deren Zeugnis der Park des ehemaligen Schlosses ist, der von Le Nôtre gestaltet wurde und in seiner Nähe das Schloss von Fleurigny, ehemalige Befestigungsanlage, die in der Renaissance erneuert wurde und wie durch ein Wunder bis heute erhalten ist.

Vom Schloss Thorigny ist leider nur der herrliche Park erhalten. Der Schlosspark wurde 1680 von Le Nôtre für den Grafen von Nicolas Lambert, den königlichen Schatzmeister, entworfen. Der Garten in seiner heutigen Gestalt wurde Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt.

Das Schloss von Fleurigny hingegen hat allen Wechselfällen der Geschichte getrotzt. Ursprünglich als mittelalterliche Festung gebaut, spielte das Schloss im Hundertjährigen Krieg, damals im Eigentum der Famille Lejay, eine wichtige Rolle. Das Schloss wurde in der Renaissance auf den Grundmauern der ehemaligen Festung wiederaufgebaut. Vom Innenhof her betrachtet, wirkt das Schloss nicht mehr mittelalterlich. Es steht nur noch ein Turm am äußeren Ende des Ostflügels, der zur Kapelle ausgebaut wurde (1532), ein Meisterwerk von Jean Cousin, dem großen Künstler aus Sens.

 

Villeneuve-sur-Yonne - km 174,5

5.404 Einwohner

Aus der lokalen Geschichte erfahren wir, dass sich Chateaubriand gern in Villeneuve aufhielt, wo sein Freund, der Moralist Joseph Joubert lebte, dessen Werk der Autor der Erinnerungen von jenseits des Grabes“ nach seinem Tod bekannt machte. Joubert (1754-1824) gelangte posthum zu Ruhm und wurde von keinem Geringeren als Paul Auster ins Englische übersetzt.

Ein anderer namhafter Schriftsteller ist indirekt mit Villeneuve-sur-Yonne verbunden: der Widerständler und frühere spanische Kulturminister Jorge Semprun, dessen gefälschte Ausweispapiere ihn während des Kriegs als Sohn der Stadt ausgaben.

Der Zweite Weltkrieg verhalf auch einem ehemaligem Bürgermeister von Villeneuve zu tragischer Berühmtheit. Der Arzt Marcel Petiot hatte in der Stadt hohes Ansehen erworben, weil er Arme und Bedürftige kostenlos behandelte. Er wurde 1927 zum Bürgermeister gewählt. Nach einer Verurteilung aufgrund mehrfacher Unterschlagung ließ er sich in Paris nieder und eröffnete dort eine Praxis samt Gaskammer in einem Stadtpalais in der Rue Le Sueur. Im März 1944 ging man einer Beschwerde von Nachbarn nach und fand fort die sterblichen Überreste von 26 Menschen, die er mit dem Vorwand, ihnen die Flucht nach Argentinien zu ermöglichen, ausgenommen hatte. Doktor Petiot gestand 63 Ermordungen und er wurde am 25. Mai 1946 im Gefängnis von La Santé auf der Guillotine hingerichtet.

Ansonsten waren die ersten Ädilen von Villeneuve salonfähig’: Philipp August hielt hier 1204 ein Parlament ab und Ludwig IX., genannt der Heilige, residierte hier, bevor er zu seinem letzten Kreuzzug aufbrach.

Die Stadt verdankt dieser Vergangenheit schöne Baudenkmäler, wie den Turm Ludwig VI., der Dicke genannt, ehemaliger königlicher Bergfried und einer der zahlreichen heute noch erhaltenen mittelalterlichen Türme, die schönen Türen von Joigny und Sens oder das Haus mit den hundert Fenstern, in dem sich heute die Stadtverwaltung befindet und wo während der Französischen Revolution die lokalen Adligen inhaftiert waren.

 

Joigny - km 190

10.032 Einwohner

Diese vierte, eindeutig literarisch beflügelte Etappe endet in Joigny, der Heimat von Marcel Aymé. Während Dumas, Racine, Lafontaine oder Flaubert die Tour und die Freuden des Radsports nicht erleben durften, gilt dies nicht für den Autor von Die grüne Stute“, großer Fan des Radsports und selbst begeisterter Radfahrer. In einer Novelle legt Marcel Aymé einem seiner Helden, der ihm ähnelt, die Worte in den Mund: Er glaubte, dass sich Gott für Radrennen interessiert und er hatte Recht.“ So wie es Kinder der Rockmusik gibt, ist Aymé ein Kind der Tour, wurde er doch 1902 in Joigny geboren, ein Jahr vor der ersten Tour.

Es ist paradox, dass ein so rebellischer Geist ausgerechnet in einer Garnisonsstadt geboren wurde. Und dennoch hing Marcel Aymé an Joigny, wo er nur noch seine Ferien verbrachte, nachdem seine Mutter 1904 verstarb und er von Verwandten zu Verwandten gereicht wurde. Seine literarische Laufbahn begann 1926 und von da an folgte ein Erfolg dem anderen: Für Der Totentisch“ erhielt er 1929 den Prix Renaudot. Es folgten Die grüne Stute“ (1933) und Les Contes du chat perché“ (1934), danach Werke, die auch in der Kinoverfilmung erfolgreich waren, wie Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris“ (1946), Passe muraille“ (1942) oder Uranus“ (1948). Marcel Aymé hatte großen Einfluss auf DEN Schreiber der Tour, Antoine Blondin.

Joigny war also Garnisonsstadt, und das schon zu Zeiten Franz I. Die Armeeangehörigen, die zunächst privat bei den Einwohnern untergebracht waren, zogen nach und nach in die Kasernen, die die Stadt bauen ließ. Von 1530 bis zum heutigen Tage waren dort fast 150 Regimenter stationiert. Seit Menschengedenken Stätte menschlicher Siedlungen, verdankt Joigny seine Entwicklung der strategischen Lage an einem Felsvorsprung, auf dem im 10. Jahrhundert ein Schloss errichtet wurde, von dem aus man gleichzeitig den Herzog von Burgund und den Grafen der Champagne im Auge behalten konnte. Heute sind nur noch wenige Spuren dieses mittelalterlichen Schlosses erhalten.

Die Weinberge von Joigny

Zu seinen Hochzeiten im Jahre 1776 umfasste der Weinberg stolze 574 ha. Nachdem ein Großteil Ende des 19. Jahrhunderts der Reblaus zum Opfer fiel, umfasst er heute nur noch 26 ha. Die Qualität des in Joigny angebauten Weins ist unbestritten. Zeugnis dafür ist, dass er an der Tafel der französischen Könige gereicht wurde. Die Rebsorten, die in Joigny angebaut wurden, sind Pinot gris für den Grauburgunder der Côte Saint-Jacques, Pinot noir für den Rotburgunder und Chardonnay für den Weißburgunder.