Reiseführer

etappe 3 - 236.5 km
Dienstag 10 Juli

Wissenswertes

  • Tournai. Erste Hauptstadt der Franken im 5. Jahrhundert. Seine Kathedrale gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO.
  • Saint-Amand-les-Eaux. Ein Zwischenstopp in der nördlichen Thermalstation bei Atem- oder Rheumabeschwerden oder für einen Besuch im örtlichen Kasino.
  • Wallers. Hier kann man sich ein Bild der berühmten trouée d’Arenberg machen. Oder dem alten Bergwerk, dem Drehort des Films Germinal, einen Besuch abstatten.
  • Fontaine au Bois. Vielleicht läuft einem hier ein etwas anderer Zuschauer über den Weg: Jean-Marie Leblanc, Tour-Direktor von 1989 bis 2006.
  • Château de Compiègne. Der zukünftige König Ludwig XVI. traf hier zum ersten Mal die Erzherzogin Marie-Antoinette von Österreich…
 

Waregem - km 0

Bevölkerung: 35.852

Die Kommune Waregem entstand 1977 aus der Zwangsfusion der vier Ortschaften Beveren, Desselgem, Sint-Eloois-Vivje und Waregem, allesamt lange Zeit auf ihre Eigenheiten bedacht. Erst eingangs des 21. Jahrhunderts erkannte der belgische Staat diese Agglomeration als vollwertige Stadt an. Ihre Geschichte reicht aber schon sehr weit in die Vergangenheit: Ihr Name mit der Bedeutung Gebiet der Waro-Sippe“, tauchte zuerst 826 auf, doch war das örtliche Volk schon seit der Epoche der Franken dort ansässig.

Waregem und der Sport

Waregem ist Fußballliebhabern ein Begriff, da die Stadt regelmäßig in der ersten Liga vertreten war. Unter der alten bzw. der gegenwärtigen Bezeichnung hat Waregem 1972 und 2006 den belgischen Landespokal gewonnen.

Waregem besitzt in Belgien auch einen großen Ruf aufgrund seiner Pferderennen, und insbesondere wegen des großen Hindernisrennens, das am Dienstag nach dem letzten Sonntag im Monat August auf dem Hippodrom von Gaverbeek ausgetragen wird: das Waregem Koerse, das mit vielen Feierlichkeiten einhergeht.

Waregem ist auch die Heimatstadt des ehemaligen Tennisprofis Dick Norman.

Waregem und der Radsport

Waregem ist jedes Jahr der Schauplatz des Halbklassikers Quer durch Flandern“, den die belgischen Fahrer mit dem größten Stehvermögen schon gewonnen haben: Rick Van Steenbergen, Johan Museeuw, Walter Planckaert (drei Siege), und Tom Boonen in diesem Jahr. Die Stadt richtete 1957 auch die WM aus, als Van Steenbergen vor Louison Bobet und dem stets auf die Plätze verwiesenen André Darrigade sein drittes und letztes Regenbogentrikot eroberte.

Sehenswert:

  • Het Pand ist das lebhafteste Viertel Waregems, sein Handelszentrum mit der Ansammlung von Büros und Dienstleistungsaktivitäten.
  • Der Park des Château du baron Casier lädt auch zum Flanieren ein.
  • Auf dem amerikanischen Friedhof im Südosten der Stadt ruhen 368 im Ersten Weltkrieg getötete Soldaten.
 

Avelgem - km 10,5

Bevölkerung: 9.487

Avelgem ist die Geburtsstadt des belgischen Radfahrers Marc Demeyer, des zweifachen Tour-Etappensiegers, in Belfort 1978 und Evian 1979. Demeyer gewann 1973 und 1975 auch die Wertung der so genannten heißen Punkte“ (Zwischensprints). Der größte Erfolg dieses alten Haudegens, der sechs Mal bei der Tour de France antrat, bleibt Paris-Roubaix 1976. Demeyer, der im Wesentlichen für Flandria fuhr, verstarb schlafend unter tragischen Umständen an einem Herzinfarkt im Alter von 32 Jahren. Seinen ersten Sieg hatte er einen Steinwurf von seinem Wohnsitz entfernt bei der Auflage der Belgienrundfahrt 1972 errungen.

 

Celles - km 19

Bevölkerung: 5.440

Ungeachtet seines Namens steht Celles (Aussprache gleich lautend mit dem französischen Begriff selle, zu dt. Sattel) dem Auto näher als dem Radsport. Die in das Kulturerbe aufgenommene Dorfkirche, im gotischen Schelde-Stil erbaut, ist seit dem 15. Jahrhundert dem Heiligen Christopherus, dem Schutzpatron der Autofahrer, geweiht. Seit 1924 findet hier eine Pilgerfahrt mit Fahrzeugsegnung statt.

 

Tournai - km 33,5

Bevölkerung: 67.534

Wäre Chlodwig Rad gefahren, würde die Tour de France in Tournai enden, da der Ort einst tatsächlich die erste Hauptstadt Frankreichs war. Die ehemalige römische Stadt (Tornacum) fiel 432 den Franken in die Hände und blieb bis 486 deren Hauptstadt, bis Chlodwig seinen Machtsitz nach Paris verlagerte. In Tournai entdeckte man 1653 das Grab des Chlodwig-Vaters Childerich am Schelde-Ufer. Heute befindet es sich in der Kirche Saint-Brice.

Tournai gehört zu den Hochburgen des belgischen Kulturerbes. Als Meisterwerke gelten zweifelsohne die zwischen romanischem und gotischem Stil liegende Kathedrale Notre Dame und der Bergfried, beide Teil des Weltkulturerbes der UNESCO. Im Innern der Kathedrale, zeugt der aus dem 12. Jahrhundert stammende Reliquienschrein Châsse de Notre Dame flamande vom mittelalterlichen Wohlstand der Stadt.

Besonders bemerkenswert sind auch die Grand Place und die malerische Brücke Pont des Trous aus dem 13. Jahrhundert, die einzige von den Deutschen im Ersten Weltkrieg verschonte Brücke.

In der Stadt stand auch die Wiege einiger der größten Primitiven der flämischen Malerei wie Robert Campin, Jacques Daret oder Roger van der Weyden.

Lokale Sitten und Gebräuche

  • Der Montag nach dem 6. Januar (Dreikönigsfest) wird als Lundi parjuré oder Verlorener Montag“ gefeiert, eine mindestens bis ins 13. Jahrhundert zurückreichende Tradition. An besagtem Tag isst man das bekannte Kaninchen des Verlorenen Montags“. Zu Beginn des Mahls zieht man die Königslose, die jedem Gast eine Rolle verleihen. Der König gibt beim Festmahl den Ton an: Jeder muss sich seinem Trinktempo anpassen.
  • Am zweiten Sonntag im September findet schließlich die Große Prozession statt, die seit 1092 alljährlich gefeiert wird. Einzige Ausnahme bildet das Jahr 1566, als die Bilderstürmer die religiösen Symbole der Stadt zerstört hatten.
  • Naschkatzen notieren, dass die Kekse von Delacre und Desobry aus Tournai stammen.

Tournai und der Radsport

Nicht ein einziger Radsportliebhaber in Belgien hat wohl Luc Varenne vergessen, der lange Zeit die große Stimme der RTBF-Sendeanstalt war. Seine begeisternden Kommentare, sein Feuer als ehemaliger Fremdenlegionär machten ihn zu einer Ausnahmeerscheinung. Er berichtete von 30 Tourauflagen und galt als einer der leidenschaftlichsten Anhänger von Eddy Merckx. Dieser Ur-Tournaisien ist 2002 von uns gegangen.

Tournai ist auch die Heimatstadt einer der Vorreiterinnen auf dem Gebiet des Radsport und der Fliegerei: Hélène Dutrieu, Beiname der menschliche Pfeil“ stellte 1895 den ersten weiblichen Stundenrekord auf.

 

Saint-Amand-les-Eaux - km 53

Bevölkerung: 17.175

Für eine Verjüngungskur im Norden kommt nur eine Lösung in Frage: Saint-Amand. Die Stadt ist in der Tat das einzige französische Thermalbad nördlich von Paris. Ihre Thermen-Tradition reicht zwar bis in die Antike zurück, doch beschloss erst Ludwig XIV. bei seinen Kampagnen im Hennegau, Wasserauffangarbeiten für die fontaine bouillon durchführen zu lassen. Das schwefelhaltige Wasser aus Saint-Amand wird bei Atemwegs- und Rheumabeschwerden empfohlen.

Zu den berühmten Töchtern und Söhnen der Stadt zählen die Widerstandskämpferin Louise de Bettignies, der Arzt Casimir Davaine und die Judoka Cécile Nowak.

Saint-Amand und der Radsport:

Die Stadt richtete eine Etappenankunft der Tour 1978 aus, wobei der Sieger Jacques Esclassan hieß, der in diesem Jahr eine zweite Etappe in Toulouse gewinnen sollte. Der französische Träger des Grünen Trikots aus dem Vorjahr musste sein Leibchen nach dem Finale aber an Freddy Maertens abtreten.

Saint-Amand ist ebenfalls eine der Pflichtpassagen der Vier Tage von Dünkirchen.

 

Wallers

Bevölkerung: 5.582

Radsportliebhabern ist Wallers vor allem wegen des notorischen Grabens von Wallers-Arenberg“ ein Begriff. Es handelt sich um den berühmtesten Kopfsteinpflasterabschnitt von Paris-Roubaix, auf dem in der Hölle des Nordens schon viele Siege entschieden und verspielt wurden. Dieser gepflasterte und 2.400 Meter geradeaus führende Weg heißt in Wirklichkeit Drève des Boules d’Hérin“ und ist beim Königsklassiker seit 1968 im Programm.

Die Geschichte von Wallers ist mit denen der verschiedenen Industrialisierungswellen der Region verbunden. Mit dem Ausbau des Kohlebergbaus, zunächst in Lambrecht (1879) dann in Arenberg (1899), führte das Bergwerk zu einer Verdreifachung der Stadtbevölkerung bis zur Stilllegung des Untertagebaus von Arenberg 1989.

Die Dreharbeiten zum Film Germinal 1992, von Claude Berri, mit Renaud, Gérard Depardieu oder Miou-Miou, hat den alten Bergbaustandort neu belebt. Nach der Abreise der Filmcrew haben die größtenteils als Komparsen am Dreh beteiligten Gueules Noires (in Anlehnung an die vom Kohlenstaub schwarz gefärbten Gesichter) vor Ort eine Vereinigung gegründet. Diese hat sich dem Gedenken an diese untergegangene Kultur verschrieben. Eine Dauerausstellung erwartet die Besucher.

 

Denain - km 71

Bevölkerung: 20.360

In weniger als einem Jahrhundert haben Steinkohle und Stahlindustrie aus diesem beschaulichen Bauerndorf am Schelde-Ufer die Industriehauptstadt des Nordens gemacht. In Denain schöpfte Emile Zola seine Inspiration für Germinal“, und die Stadt beherbergte auch den Hauptsitz des französischen Stahlschwergewichtes Usinor, der 1986 zerschlagen wurde.

Denain und der Sport

Denain ist seit jeher eine Basketball-Hochburg. Das Lokalteam errang 1965 den Landesmeistertitel. Denain ist die Geburtsstadt des einstigen Spielgestalters von Pau-Orthez und Limoges, Valéry Demory, und aus ihr ging auch Hervé Dubuisson hervor, französischer Karriere-Rekordhalter, da er 25 Jahre lang auf höchstem Niveau spielte und knapp 12.500 Punkte warf.

Denain und der Radsport

Der Grand-Prix von Denain hat 2007 seine 48. Auflage gefeiert. Seit dem Iren Sean Elliott (1959) sind aus dem Rennen einige der besten Sprinter des Feldes siegreich hervorgegangen. Sébastien Chavanel stand 2007 oben auf dem Podest.

 

Solesmes - km 90,5

Bevölkerung: 4.892

Seit dem 11. Jahrhundert kultiviert Solesmes eine harmlose Tradition, an der sich einige Fahrer ein Beispiel nehmen sollten: den Brauch der seringueux (Wortspiel: enthält den Wortstamm des französischen Wortes Spritze). Alljährlich greifen die Einwohner im Karneval und am Fettdienstag zu riesigen mit zwei Liter Wasser gefüllten Spritzen, mit denen sie sich überschwänglich bespritzen. Lediglich Greise und Körperbehinderte bleiben von dieser systematischen Bewässerung verschont. Etwa 800 seringueux ziehen durch die Straßen der Stadt und beziehen ihren Wassernachschub anhand vor den Häusern aufgestellter Bottiche. Der Sage nach erinnert diese Tradition an den Sieg des gemeinen Volkes von Solesmes über die Knechte des Lehnsherrn, der dessen Ländereien an sich reißen wollte. Der Geschichte zufolge verteidigten sich die Einwohner von Solesmes, indem sie die Angreifer mit Wasser aus dem Béart bewarfen. Hierbei handelt es sich um einen Bach, dessen Quelle in Solesmes entspringt. Die Präfektur wollte dem Treiben 1909 ein Ende bereiten, und die Gendarmen wurden mit kräftigen Wasserspritzern empfangen. Die Sache artete aus, und die Krawalle forderten ein Todesopfer.

 

Fontaine au Bois - km 104,5

Bevölkerung: 654

Ohne die geschichtsträchtige Vergangenheit des Ortes herabsetzen zu wollen - immerhin lieferten sich die Abteien Maroilles und Cateau hier eine Abfolge von Scharmützeln, ehe anschließend Dutzende blutiger Konflikte die Bevölkerung Jahrhunderte lang in Trauer stürzten - doch liegt das Hauptaugenmerk des Tourliebhabers aus einem anderen Grund auf Fontaine-au-Bois. Ein jeder weiß, dass es sich um das Heimatdorf von Jean-Marie Leblanc handelt, der den Tourabstecher vor der eigenen Haustüre zum ersten Mal als Zuschauer erleben wird, da er die Rennleitung dieses Jahr an Christian Prudhomme abgetreten hat. Es herrscht kein Zweifel daran, dass der Tourtross diesen ehemaligen Fahrer und Journalisten, der die Geschicke unseres Rennens ab 1989 in Händen hielt, würdig zu feiern weiß.

Darüber hinaus ist Jean-Marie Leblanc Gemeinderatsmitglied für die Außenbeziehungen der Stadt. Als solches würde er es uns kaum verzeihen, wenn wir nicht die wenigen Bauwerke in Fontaine erwähnten, sein öffentliches Waschhaus aus dem 15. Jahrhundert und seine Kirche Saint-Rémy, die von Schießscharten durchbohrt ist wie die Festung, deren Rolle sie in den Zeiten der so zahlreichen Invasionen übernahm.

 

Region Picardie

Präfektur: Amiens
Bevölkerung: 1,88 Millionen Einwohner

Der Name Picardie leitet sich von den Picards“ ab, den mit Hacken zu Werke gehenden Bauern. Diesen Beinamen verliehen die Pariser allen Bauern nördlich der Großregion Paris (frz.: Île de France). Im Norden vereinte die Bezeichnung picard“ alle nicht Flämischsprachigen. Ferner ist picard eine noch sehr lebhafte Regionalsprache, die ihren Höhepunkt im 13. Jahrhundert erlebte. Die heutige französische Region Picardie umfasst drei Departements: Aisne, Oise und Somme. Neben der Zugehörigkeit zu Frankreich seit 843 gehörten Randgebiete der Picardie auch zum Herzogtum von Champagne, den Grafschaften Flanderns, den Spaniern und den Herzogen von Burgund.

Die von schönen Wäldern durchzogene, traditionelle Landwirtschaftsregion wurde schwer von den Weltkonflikten gezeichnet (Schlacht der Somme) und verfügt auch über eine ansehnliche Seeseite (Bucht der Somme). Ihre industrielle Ausrichtung, besonders in Saint-Quentin, hat schrittweise nachgelassen, und allmählich entwickelte sich das Departement Oise zu einem neuen Aufnahmegebiet für die auf Natur und Ländlichkeit erpichten Einwohner des Pariser Großraumes.

 

Departement Aisne

Hauptort: Laon

Am Schneidepunkt zwischen Ile de France, Champagne, Nord und Ardennen bildet das Departement ein schlammiges Plateau, das von der Landschaft Brie bis zur Thiérache reicht. Das von den Tälern der Aisne, der Oise und der Marne durchzogene Departement eignet sich für extensive Landwirtschaft sowie als Getreide- und Zuckerrübenanbaugebiet. Das industrielle Ballungsgebiet liegt im Tal der Oise (Metall, Glas, Chemikalien) und in Saint-Quentin (Textilien). Während des Krieges 1914-18 war das Departement Schauplatz blutiger Kämpfe (Chemin des Dames zwischen Soissons und Craonne, usw…).

Hauptbezirksorte: Château-Thierry, Saint-Quentin, Soissons und Vervins.

 

Guise - km 133

Bevölkerung: 5.901

Die über der Stadt thronende Festung, die im Ersten Weltkrieg schwer beschädigt wurde, erinnert an den Prunk der Herzöge von Guise. Letztere stiegen zu einer der mächtigsten Familien des Königreiches auf und zählten in Zeiten der Konfessionskriege zu den unnachgiebigsten Verfechtern des Katholizismus.

Nichtsdestotrotz erblickte am 2. März 1760 im Schatten dieser Trutzburg einer der heftigsten Widersacher der Monarchie das Licht der Welt: der spätere Anwalt und revolutionäre Journalist Camille Desmoulins, ein Vertrauter von Robespierre, der für den Tod des Königs stimmte und mit Danton 1794 unter der Guillotine landete.

Weniger bekannt aber genauso aktivistisch war der Industrielle Godin, Begründer des Kamin- und Gusspfannenunternehmens, das noch heute seinen Namen trägt und unter dem Eindruck der Thesen von Fourier eine echte Arbeitergemeinschaft, das familistère von Guise, schuf. Dieses imposante Ziegelbauwerk mit 500 Unterkünften und allem modernen Komfort, war dem Schloss der Guise ein Dorn im Auge. Die Ironie der Geschichte wollte es, dass seine humanistische Ausrichtung 1968, im Jahr aller Utopien, verschwand. Aus dem Ziegelbau wurden an Privatleute verkaufte Eigentumswohnungen.

 

Ribemont - km 152

Bevölkerung: 2.059

Ribemont ist die Heimatstadt von Condorcet, Mathematiker und Philosoph, dessen politisches Gedankengut in der Entwicklung der demokratischen Institutionen Frankreichs maßgeblich zum Tragen kam. Anlässlich des 200. Jahrestages der Revolution wurde seine Asche 1989 symbolisch in das Pantheon überführt. Bei der Exhumierung stellte sich heraus, dass sein mutmaßlicher Sarg leer war.

 

Saint-Gobain - km 178,5

Bevölkerung: 2.340

In Frankreich ist Saint-Gobain inzwischen das Symbol der Glasindustrie, und die 1665 von Colbert in dieser Ortschaft gegründete Compagnie des Glaces gilt heute als einer der großen Namen der französischen Industrie.

Viele Überreste zeugen von der langen Glasgeschichte der Stadt, wie die Bauten und die Kapelle der einstigen königlichen Manufaktur, das von Soufflot geschaffene monumentale Portal der Glasfabrik, das bis ins 15. Jahrhundert zurückreichende Glaswerk von Charles Fontaine sowie die Reste des ehemaligen Schlosses.

 

Autreville - km 189

Bevölkerung: 760

Kleine Hommage an Martial Gayant, einen ehemaligen Träger des Gelben Trikots (1987) und den heutigen Sportdirektor bei La Française des jeux, der aus dem etwa zehn Kilometer entfernten Chauny stammt.

 

Departement Oise

Hauptort: Beauvais

Am nördlichsten Punkt der Ile de France un dam südlichsten Zipfel der Picardie liegt mit der Oise eine der Kornkammern Frankreichs mit großem Getreide- und Rübenanbau sowie einer Rinderzuchtnutzfläche, insbesondere in der Gegend von Thelle. Die geschichtsträchtige Region erinnert an die in Compiègne in Gefangenschaft genommene Jeanne d’Arc und an den Großen Krieg (Unterzeichnung des Waffenstillstandes in Rethondes). Das Departement Oise ist auch aufgrund seiner Schlösser (Compiègne, Chantilly, Pierrefonds) und seiner Wälder (Chantilly, Compiègne, Ermenonville, Halatte) berühmt.

Im Gegensatz zu den anderen Departements der Picardie hat die Bevölkerung der Oise durch den Zustrom der stadtabwanderungswilligen Einwohner der Ile de France zugenommen.

Hauptbezirksorte: Compiègne, Clermont und Senlis.

 

Compiègne - km 233

Bevölkerung: 41.254

Seit 30 Jahren wird Paris-Roubaix stets im April von Compiègne aus gestartet, doch trotzdem war diese Stadt, in der die Radsporttradition fest verwurzelt ist, 25 Jahre lang kein Schauplatz der Tour de France. In diesem Jahr wird die Scharte ausgewetzt, und der eher an Starts gewöhnte Hauptort der Oise freut sich diesmal über eine Zielankunft.

Dass Compiègne als Startort des Königsklassikers dient, ist vielleicht kein Zufall, da der lateinische Name unserer Ortschaft, Compendium“, Abkürzung bedeutete, ein Patronym, das sie einer viele Umwege ersparenden Oise-Fuhrt verdankt. Die Abfahrt von Compiègne hat der Hölle des Nordens auch insofern geholfen, als sie dadurch ein bisschen weniger lang höllisch ist. Bemühen wir eine andere Kurzpassage für die Darstellung der dunklen Stunden, denen Compiègne unfreiwillig als Hintergrund diente.

Die Oise-Stadt hatte das traurige Privileg, Schauplatz einiger der tragischsten oder entscheidenden Daten der Geschichte Frankreichs zu sein. In der jüngeren Vergangenheit denkt man an die düstere Inszenierung Adolf Hitlers zurück, der zur Betonung der Parallelität mit der in einem Eisenbahnwaggon von Rethondes auf dem Gebiet der Kommune Compiègne unterzeichneten deutschen Kapitulation 1914-18 eine zynische Nachstellung organisierte, als er die französische Kapitulation 1940 per Handschlag mit Maréchal Pétain auf selbigem Gebiet zur Kenntnis nahm.

Glücklicherweise hat die Stadt glücklichere Stunden erlebt. Ihren Ausbau etwa auf Initiative von Karl dem Kahlen, der den Bau der Notre-Dame-Basilika nach dem Abbild Aachens beschloss. Anschließend die Liebeserklärung von Ludwig XV., als er im jugendlichen Alter den Ort und dessen Wald entdeckte. Aufgrund seiner Verzückung für Compiègne ließ er das Schloss in seiner jetzigen Form wieder aufbauen und dessen Prachtstraßen herrichten. Er schuf die großen Stallungen, das spätere Haras, und gewann für die Stadt einen Adel, auf dessen Geheiß die prächtigen Hotels, die auch heute noch den ganzen Charme ausmachen, entstanden. Napoleon III. und die Kaiserin Eugenie erlagen auch dem Zauber der Stadt und der Naturpracht des Schlosses von Pierrefonds.

Compiègne und der Sport

Die Stadt organisierte 1900 das Golfturnier der Olympischen Spiele von Paris.

Compiègne und der Radsport

Seit 1977 ist die Stadt Ausgangspunkt für Paris-Roubaix und sie war auch lange Zeit eine Pflichtpassage der Tour de l’Oise. Der einzige Tour-Zieleinlauf in Compiègne fand 1980 statt, als die in Lille gestartete sechste Etappe in der Stadt endete. Der Franzose Jean-Louis Gauthier gewann im Spurt. Der Belgier Rudy Pevenage trug das Gelbe Trikot, und Bernard Hinault lag in der Gesamtwertung an dritter Stelle. In besagtem Jahr gab der Blaireau (zu dt. Dachs) verletzungsbedingt auf und machte den Weg frei für Joop Zoetemelk, der seine einzige Tour de France bei 17 Teilnahmen gewann.