
Sonntag 8 Juli
Die zwischen London und der Küste an der südöstlichen Spitze Großbritanniens gelegene Grafschaft Kent wurde wegen ihrer grünen Landstriche, der gut erhaltenen Fauna und der zahlreichen Obstgärten „Garten Englands“ getauft. Der Norden der Grafschaft hingegen ist stark industrialisiert. In Kent mündet der Kanaltunnel, wodurch diese Grafschaft als einzige eine „terrestrische“ Verbindung mit Frankreich aufweist. Der Ursprung des Namens „Kent“ findet sich im Bretonischen - „Cant“, was so viel wie „Grenze“ bedeutete. Julius Cäsar spricht von dieser Region unter dem Namen Cantium. Im Hochmittelalter wurden die Einwohner von Kent „Cantwara“ genannt, und der Name des erzbischöflichen Sitzes der Anglikanischen Kirche - Canterbury - ist von seiner Bevölkerung abgeleitet.
Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts rührte der Wohlstand von Kent vorrangig aus den Industriezweigen Papier, Zement und Kohle, die allmählich dem Tertiärsektor weichen sollten. Die Landwirtschaft - und insbesondere der Hopfenanbau - nahm ebenfalls eine bedeutende Stellung ein, die weiterhin gegeben ist, auch wenn der Tourismus seither ein wenig die Oberhand gewonnen hat.
Auch wenn sie häufig mit dem Uhrturm an der nordöstlichen Ecke des Westminster-Palasts (Westminster Palace) verwechselt wird, ist Big Ben eigentlich die größte der fünf Glocken im Glockenspiel, das seit nunmehr 150 Jahren den Takt im Leben der Londoner vorgibt. Warum Big Ben? Die Erklärungen gehen auseinander: zu Ehren von Benjamin Hall, dem tatkräftigen Auftraggeber der Arbeiten? Oder von Ben Caunt, einem Schwergewichtsboxer, der 1856, in der Bauzeit des Glockenspiels, sehr populär war? Big Ben ist jedenfalls nach und nach zu einem der Symbole des Vereinigten Königreichs geworden, und der Klang seines Glockenspiels zu einer Melodie, die alleine schon an London erinnert.
Nach drei zuvor durch Feuersbrunst zerstörten Gebäuden ist die heutige Kathedrale das Werk des größten englischen Architekten, Christopher Wren, dem wir auch den Westminster-Palast verdanken.
Die Kathedrale, die eine Orgel aus dem Jahre 1696 enthält, auf der Mendelssohn gespielt hat, war der Ort für Dutzende von Gedächtnisfeiern und Begräbnissen. So wurden dort die Staatsbegräbnisse von Nationalhelden wie Admiral Nelson, dem Herzog von Wellington oder auch Winston Churchill abgehalten, aber auch die Jubelfeiern der Königinnen Victoria oder Elisabeth sowie die Hochzeit von Prinz Charles mit Lady Di.
Der am Themseufer gelegene Turm von London, über dem eine Schnellstraße und die nach ihm benannte Brücke vorbeiführt, ist das Monument in London mit der weitaus größten Anzahl Besucher. Zunächst war er die Burgfeste von Wilhelm dem Eroberer, dann königliche Residenz und schließlich ein mit der Bastille in Paris vergleichbares Gefängnis, bevor er seine heutige Funktion als Museum und Symbol der britischen Vergangenheit sowie Schaufenster für die berühmten „Kronjuwelen“ eingenommen hat.
Althergebrachte Zeremonien werden dort tagtäglich abgehalten, wie etwa die Schlüsselzeremonie, bei der das Tor des Turms jeden Abend seit 700 Jahren verschlossen wird. Die zur Folklore des Königreichs gehörenden Schlüssel werden von den Turmwächtern oder „Yeomen“ in ihren merkwürdigen rot/gelb-gestreiften Trabantenkostümen mit breitkrempigen Hüten aufbewahrt.
Die Tower Bridge wurde ursprünglich gebaut, um die zum Ende des 19. Jahrhunderts erbaute einzige Brücke über die Themse zu entlasten, und galt als technologisches Meisterwerk, da es sich um die erste derart ausgefeilte Kippbrücke auf den britischen Inseln handelte. Ihr Bau nahm acht Jahre, fünf Bauunternehmen und 432 Arbeiter in Anspruch.
In diesem großen Vorort von London entstand die erste Papierfabrik von England.
Die Freunde der Rockmusik wiederum wissen wohl, dass Mick Jagger seine Schulausbildung in der örtlichen „Grammar school“ absolviert hat. Der Legende nach hat er Keith Richards auf dem Bahnsteig in Dartford kennen gelernt und haben die beiden jungen Leute beschlossen, die Rolling Stones zu gründen.
Der am südlichen Ufer der Themse südöstlich von London gelegene Ort Greenwich ist weltweit bekannt für den Meridian, der ihn durchquert und der über lange Zeit hinweg dazu gedient hat, die Universalzeit oder GMT-Zeit (Greenwich Meridian Time) zu bestimmen. Der Meridian von Greenwich ist nämlich der Nullpunkt für die Meridiane des Planeten und somit auch der Ausgangspunkt für die Zeitzonen. Die Greenwich-Zeit (GMT) ist im Anschluss an Untersuchungen festgelegt worden, die im Observatorium der Stadt durchgeführt wurden, wo noch heute jeden Tag um 13.00 Uhr ein Ball fällt, auch wenn die Einrichtung ihren Betrieb seit langem eingestellt hat.
Als Schrein der Vergangenheit befindet sich Greenwich gleichzeitig doch auch an der Spitze der Modernität. In dieser Gemeinde wurde nämlich der überaus kontrovers behandelte Millenium Dome - nunmehr auf O2 umgetauft - erbaut und mit dem neuen Jahrtausend eröffnet. Dieses einzigartige, vom Flugzeug aus leicht zu ortende Gebäude ist die weltweit größte Struktur mit einem Einheitsdach. Dieses architektonische Meisterwerk hat seine Investoren jedoch nicht inspiriert: das ursprünglich für verschiedene Ausstellungen gedachte Gebäude ist nunmehr auf Sportveranstaltungen ausgerichtet. Es wird im Jahre 2012 die Kunstturnwettkämpfe bei den Olympischen Spielen in London beherbergen.
Dieser bedeutende kleine Flusshafen, der lange das Zentrum des Flusstransports auf der Themse gewesen ist, verdankt seinen Ruhm der Grabstätte von Pocahontas, der ersten Indianerin, die den Fuß auf europäischen Boden gesetzt hat. Sie wurde berühmt im Jahre 1607, als sie einem ausgewanderten Siedler in Amerika das Leben rettete: John Smith, der von Kriegern ihres Stammes umgebracht werden sollte. Sie wurde von den Siedlern zurückgehalten, verliebte sich daraufhin in einen von ihnen, John Rolfe, und heiratete ihn. Das Paar wanderte nach England aus, wo Pocahontas zum Gegenstand von sehr viel Neugierde und schließlich auch von Königin Anne empfangen wurde. Sie starb im Jahre 1611 in Gravesend auf einem Schiff, das sie nach Amerika zurückbringen sollte. Ihr Grabmahl und ihre Statue schmücken den Friedhof der St.-Georg-Kirche.
Die auf der Anhöhe eines ehemaligen Römerforts errichtete Burg von Rochester ist eine der besterhaltenen Stätten der normannischen Zeit im Vereinigten Königreich. Sie wurde zunächst wohl in der Zeit von Wilhelm dem Eroberer aus Holz und Erde errichtet und von seinem Halbbruder Odon, dem Bischof von Bayeux, bewohnt, den er zum Grafen von Kent ernannte.
Das Gegend von Medway diente ebenfalls als Austragungsstätte für das kurzlebige Rochester Classic, ein britisches Radrennen zum Weltcup, das 1997 vom Italiener Andrea Tafi gewonnen wurde.
Die Hauptstadt der Grafschaft Kent - Maidstone - ist dessen geschäftlicher Mittelpunkt. Dieses große Verwaltungszentrum ist ein bedeutender Vorort von London, voller Dynamik und in ständigem Wachstum begriffen, und zählt etwa 130.000 Einwohner. Maidstone war und ist auch weiterhin ein wichtiges Zentrum der Papier- und Verpackungsindustrie.
Lord Conway nannte sie das „schönste Schloss der Welt“, und das ist gar nicht so weit gefehlt. In diesem 6 km von Maidstone gelegenen Gemäuer wurde das Camp David-Abkommen zwischen Israel und Ägypten ratifiziert. Im prachtvollen Park gibt es ein maze, ein Labyrinth in der Art des 18. Jahrhunderts. Sechs Königinnen des Mittelalters hielten sich dort auf, woraufhin Leeds Castle den Beinamen „Schloss der Damen“ erhielt.
Seit der Entdeckung der heilenden Wirkung ihrer Quelle im Jahre 1606 wurde Tunbridge Wells zu einem der meistbesuchten Thermalbäder Englands. Turnbridge Wells ist ein Hafen des Friedens inmitten riesiger Grünflächen, ein Common, wie man auf der Insel sagt, von 70 Hektar, ideal für Spaziergänge, Radausflüge oder improvisierte Cricket-Partien.
In diesem typischen Dorf aus der Grafschaft Kent, mit seiner mit kleinen Geschäften von früher gesäumten High Street, scheint sich seit einem Jahrhundert kaum etwas verändert zu haben. Tenerden wurde an einer Römerstraße gegründet und entwickelte sich im 14. Jahrhundert als Zentrum der Wollindustrie. Die Stadt, die damals fast am Meer lag, entwickelte bis zum 16. Jahrhundert eine Hafentätigkeit, bevor sie sich wegen Verschlammung dann endgültig von der Küste entfernte. St.Mildred-Kirche aus dem 12. Jahrhundert.
Ashford ist einer der Bahnhöfe, an denen der Eurostar zwischen Paris und London hält. Diese alte Marktstadt ist auch der Geburtsort der Sängerin Kate Bush. Im Jahre 1943 wurde die an Tuberkulose erkrankte französische Philosophin Simone Weil ins Sanatorium der Stadt eingewiesen und beschrieb Ashford als „sehr schönen Ort, um zu sterben“. Dort entsagte sie der Welt. Außerdem ist dies die Stadt des englischen Bannrennfahrers Jamie Staff, der 2004 in Melbourne Keirin-Weltmeister wurde.
Canterbury (die Festung der Männer von Kent) verdankt seinen Wohlstand und seine Entfaltung der dortigen Ansiedlung einer ruhmreichen Abtei zum Ende des 6. Jahrhunderts, die später zum Erzbistum von Großbritannien und - nach dem Bruch mit Rom - zum Sitz des Primats der Anglikanischen Kirche, dem Erzbischof von Canterbury, werden sollte. Trotz der deutschen Bombardements, die den östlichen Teil der Stadt während des Zweiten Weltkriegs vernichteten, hat Canterbury eine bemerkenswert gut erhaltene mittelalterliche Altstadt und lebt im Wesentlichen vom Tourismus; die Kathedrale lockt jedes Jahr mehr als eine Million Besucher an.
Sie wurde auf einer ehemaligen Römerstraße erbaut, deren Pflastersteine für das Fundament verwendet wurden. Die Kathedrale ist im Laufe der Jahrhunderte beständig erweitert und verändert worden. Der berühmteste Erzbischof von Canterbury ist nach wie vor Thomas Becket, der am 29. Dezember 1170 von den Wachen von König Henri II. ermordert wurde. Die übereifrigen Wachen waren fälschlicherweise der Meinung, dass der König sich des Prälaten entledigen wollte. Es sind noch drei weitere Erzbischöfe von Canterbury gewaltsam zu Tode gekommen.
Dieser große Klassiker der englischen Literatur wurde zum Ende des 14. Jahrhunderts von Geoffrey Chaucer verfasst, in der Form einer Reihe von Geschichten, die von Pilgern erzählt wurden, die sich zum Grabmahl von Thomas Becket begaben. Seine Art, jede Erzählung im Rahmen einer größeren Geschichte von einem anderen Pilger berichten zu lassen, ermöglicht es ihm, dabei alle Register zu ziehen. Die 26 Erzählungen reichen von der Versform bis zu Prosa und umreißen präzise und zuweilen grausam die vielen Facetten der menschlichen Seele.
Canterbury ist jedoch überhaupt nicht nur seiner Vergangenheit zugewandt, sondern war zum Ende der 60er Jahre auch ein Zentrum der Rockmusik, denn dort entstand die „Canterbury Schule“, mit Gruppen wie Soft Machine oder Caravan. Der ehemalige Schlagzeuger von Soft Machine, Robert Wyatt, ist heute einer der renommiertesten Musiker jenseits des Ärmelkanals.