
Super-Besse Sancy
189 km
Sonnabend 9 Juli
Es sollte ein Tag werden, um die Rangfolge an der Spitze der Gesamtwertung durcheinander zu wirbeln und es den Favoriten auf den Toursieg zu ermöglichen, ihre Kletterqualitäten zu demonstrieren. Das Finale in Super-Besse war zwar kein Berg sondern nur ein Hügel, doch die Bedingungen waren dergestalt, dass es perfekt war, um Zeitgewinne für die Gesamtwertung zu verbuchen. Auf nassen Straßen waren die Hauptakteure Tejay Van Garderen (THR) und Rui Costa (MOV), die zunächst Teil einer Ausreißergruppe von neun Fahrern waren, die bereits ab dem sechsten Kilometer attackiert hatte. Auf den abschließenden Anstiegen leiteten sie immer wieder Attacken ein, während das Peloton um das Gelbe Trikot sich auf der Fahrt durch den Nebel auf dem Col de la Croix Saint-Robert und dann zum Finale in Super-Besse beständig ausgedünnt hat. Costa hat auf die Versuche von Van Garderen reagiert, und der Portugiese hat dann auf den letzten 4,5 km im vorletzten Anstieg die Etappenführung übernommen. Dort sollte er auch für das restliche Finale bleiben und letztlich 12 Sekunden vor dem Fahrer gewinnen, dem es alleinig gelungen war, sich dem Zugriff des Pelotons um den Fahrer im Gelben Trikot zu entziehen: dem einzigartigen Philippe Gilbert, der dadurch auch wieder das Grüne Trikot zurückerobern konnte.
Der Zwischenbericht
Es war kühl zum Start der achten Etappe bei der Tour de France 2011 mit einer Temperatur von 15 Grad bei der Registrierung. Ein Fahrer fehlte beim Start: Chris Horner (RSH) war zur Absage gezwungen, da die Verletzungen nach seinem Sturz bei der siebten Etappe zu schwerwiegend waren. Es waren demnach 189 Fahrer am Start zu dieser Etappe von Aigurande nach Super-Besse. Auf dem Streckenverlauf gab es vier Kategorienanstiege, darunter den ersten Anstieg der 2. Kategorie bei der 98. Tour-Ausgabe. Die Anstiege waren: bei km 65,5 (Kat. 4 in Evaux-les-Bains), km 119,5 (Kat. 4 in Rocher des Trois Tourtes), km 164 (Kat. 2 am Col de la Croix St-Robert) und das Ziel (Kat. 2 in Super-Besse). Der Zwischensprint war in Auzances bei km 83.
Riblon leitet Ausreißergruppe von neun Fahrern ein
Nach sechs Rennkilometern bei hohem Tempo hat Riblon (ALM) eine Attacke eingeleitet und acht Fahrer mit sich gezogen: Costa (MOV), Zandio (SKY), Engels (QST), El Fares (COF), Zingle (COF), Van Garderen (THR), Gautier (EUC) und Kolobnew (KAT). Bei km 25 lagen sie 1‘25“ vor dem von Team BMC angeführten Peloton. Costa war der bestplatzierte Fahrer der Ausreißergruppe nach sieben Etappen und bei km 45 war er der virtuelle Gesamtführende, da die Ausreißer zu dem Zeitpunkt 4‘30“ Vorsprung auf das Peloton hatten. Die durchschnittliche Geschwindigkeit nach der ersten Rennstunde war sehr hoch: 48,4 km/h. El Fares eroberte den Punkt des ersten Anstiegs; das Peloton wurde bei der ersten Nachführarbeit von BMC angeführt, bei einem Rückstand von 5‘15“ auf die Ausreißer. Die führenden Fahrer fuhren dann in mäßigem Tempo zum Zwischensprint, und nur Riblon war gewillt, um die Punkte zu sprinten. Er eroberte die 20 Punkte in Auzances. Das Peloton lag zu diesem Zeitpunkt 6‘10“ zurück (bei km 75, das war zugleich auch der größte Vorsprung des Tages für die Ausreißer), doch Omega Pharma-Lotto bereitete dann einen Zug vor, um Gilbert zur Sprintlinie zu führen, der dann auch den 10. Platz dieser Wertung erreichte. Cavendish hatte zum Sprint angesetzt, sich dann aber vor der Linie wieder aufgerichtet und nur den 13. Platz erreicht. Alle neun BMC-Fahrer sind den größten Teil der Etappe an der Spitze des Pelotons gefahren. Beim zweiten Anstieg lag das Hauptfeld noch 4‘55“ zurück. Die durchschnittliche Geschwindigkeit der dritten Rennstunde betrug 37,9 km/h.
BMC kontrolliert das Peloton
Das BMC-Team von Cadel Evans hat 100 Prozent der zweiten und dritten Rennstunde an der Spitze des Pelotons verbracht. Zu Beginn der vierten Stunde hat dann die Astana-Mannschaft zwei Fahrer an die Spitze des Hauptfeldes beordert, als dieses noch 4‘40“ hinter den Ausreißern lag. Bei verbleibenden 40 km ist Garmin-Cervélo an die Seite von Astana getreten, um bei 3‘05“ Nachführarbeit zu leisten. Auf der Abfahrt vor dem dritten Anstieg haben dann drei Omega Pharma-Fahrer das Tempo vorgegeben, wobei Gilbert genau die Aktionen der anderen Fahrer an der Spitze beobachtete.
Col de la Croix Saint-Robert: ‘Wino’ wird virtueller Gesamtführender
Am Fuße zum dritten Anstieg lag das Peloton noch 1‘55“ zurück. Van Garderen hat auf den ersten 100 m des Anstiegs eine erste Attacke unternommen, und nur Gautier und Costa konnten ihn wieder einholen. Auf dem ersten Kilometer hat Tiralongo (AST) einen Gegenangriff gestartet, gefolgt von Txurrka (EUS) und Rolland (EUC). Hoogerland (VCD) hat sich nach 2 km Anstieg als nächster Fahrer vom Hauptfeld abgesetzt, gefolgt von
Flecha (SKY). Am Gipfel hat Van Garderen die maximale Punktzahl erobert, knapp vor Costa. Winokurow ist dann 3 km vor dem Gipfel aus dem Hauptfeld ausgebrochen. Er ist dann kurz nach dem Gipfel zu Tiralongo, Flecha und Zandio vorgestoßen. Bei verbleibenden 20 km lag das Quartet von Winokurow 1’25” hinter Van Garderen, Riblon, Gautier und Costa. Das Peloton lag 1’55” zurück. Bei noch 15 km attackierte Riblon die Führungsgruppe, konnte die drei anderen Fahrer jedoch nicht abschütteln. Van Garderen versuchte einen ähnlichen Zug mit gleichem Resultat, und die vier Fahrer blieben bis zur 10-km-Marke zusammen.
Costa setzt sich durch zum Etappensieg…
Winokurow kämpfte sich bis auf 20” zur Etappenführung vor (auf den letzten 2 km), doch er konnte die Lücke zu dem inspirierten Portugiesen vom Team Movistar nicht gänzlich schließen. Rui Costa konnten seinen Vorsprung bis hinauf zum finalen Anstieg wahren, wenn auch die Fahrer um das Gelbe Trikot sich gegenseitig angriffen und dadurch das Tempo erhöhten – wobei Contador versuchte, sich auf dem letzten Anstieg abzusetzen, gefolgt von Cunego und dann Evans. Doch nur Gilbert konnte sich letztlich vom Peloton losreißen, das Winokurow auf den letzten 2 km auch wieder stellte. Der zweite Platz des belgischen Meisters bescherte diesem auch wieder die Führung in der Punktwertung. Hushovd wurde 16. und behält sein Gelbes Trikot für einen weiteren Tag bei der Tour de France.
Team Movistar hatte zwei Anwärter, die die Führung bei der Tour de France 2011 übernehmen sollten, doch dann trat die Tragödie ein: Xavier Tondo kam bei einem Unfall ums Leben, und kurz danach stürzte Mauricio Doler und erlitt schwere Kopfverletzungen. Bei der achten Etappe konnte der portugiesische Angreifer dieses Teams einen unerwarteten Sieg einfahren…
„Ein Sieg bei einer Etappe der Tour de France ist ein Traum für mich. Ich kann es nicht glauben. Seit dem Start des Rennens habe ich mich sehr fit gefühlt. Ich bin zuversichtlich, doch man weiß nie, was genau zu schaffen ist. Ein Etappensieg ist grandios.
Den ganzen Tag über hat die Ausreißergruppe gut gearbeitet, und als ich noch mit Van Garderen übrig blieg, war die Übereinstimmung auch gut, und ich dachte, dass wir zusammen hochfahren würden. Doch als die beiden französischen Fahrer hinzugestoßen sind, hat die Zusammenarbeit nicht mehr so gut funktioniert, und dann wurde es ein bisschen gefährlich. Als ich dann 4,5 km vor dem Ziel attackiert habe, fühlte ich, dass das der richtige Zeitpunkt und ich am stärksten war. Dann war Winokurow gleich hinter mir, und ich dachte, er würde mich noch einholen. Doch ich habe alles gegeben, und es ist mir gelungen, die Führung zu behalten. Es ist toll.
Wir haben dieses Jahr in unserer Mannschaft schwere Zeiten durchlebt, und daher freue ich mich besonders, mit dem Sieg ein wenig Freude ins Team zu bringen. Ich widme diesen Sieg allen, die mich unterstützt haben, doch insbesondere Xavier Tondo, der umgekommen ist, und Mauricio Soler, der derzeit im Krankenhaus ist."
Obwohl er darauf bestanden hatte, heute die Führung in der Gesamtwertung aufgeben zu müssen, ist der Weltmeister nach der achten Etappe immer noch in Gelb.
„Ich habe wirklich nicht geglaubt, dass ich das Gelbe Trikot behalten könnte. Ich wusste, dass das Finale sehr hart werden würde, ich habe aber derzeit eine unglaubliche Form und auch die Motivation, die Führung zu behalten, demnach freue ich mich sehr über das heutige Ergebnis.
Ich bin eifersüchtig auf Philippe Gilbert mit seinem Grünen Trikot. Ich wollte, ich wäre an seiner Stelle! Aber ich glaube, er ist wohl auch eifersüchtig auf mein Gelbes Trikot.
Wir trainieren viel zusammen in den Hügeln um Monaco, und das ist gut. Er ist ein Typ, der sehr gerne die Grenzen versetzt, und dann versuche ich mitzuhalten, und das ist ein gutes Training.
Heute war eine wirklich große Überraschung. Ich bin müde nach dieser Woche. Es fordert sehr viel Energie, immer vorne dabei zu sein und das Trikot zu verteidigen, und daher meinte ich auch, das heute nicht schaffen zu können.”
Der Sieger der ersten Etappe ist eine Woche später Zweiter geworden. Philippe Gilbert wird nicht müde, doch er versteht, dass er mit seinen Kräften haushalten muss und nicht zu müde werden darf, bevor das nächste Ziel seiner Mannschaft in Angriff genommen wird: zu versuchen, Jurgen van den Broeck in Führung zu bringen ….
“Am Start haben wir beschlossen, heute nicht zu arbeiten, weil wir diese Woche schon viel getan haben und die Tour noch lang ist. Vielleicht müssen wir irgendwann mal das Gelbe Trikot von Jurgen van den Broeck verteidigen oder so etwas Ähnliches, so müssen wir uns eine Reserve bewahren, und das haben wir heute versucht. Wir haben gezockt, und es hat für uns geklappt; manchmal muss man pokern, und genau das haben wir heute gemacht.
Ich habe auf dem letzten Anstieg etwas versucht. Meine erste Tempoerhöhung war mit dem 39er – der kleinen Übersetzung – doch als ich hochschalten wollte, hatte ich ein Problem. Ich musste mich auf den Sattel setzen, um es etwas leichter anzugehen, und als ich dann schließlich das 53er einlegen und das Tempo erhöhen konnte, war es schon zu spät, doch ich freue mich über dieses schöne Trikot.”
An seinem ersten Tag im Weißen Trikot sind die Kräfte von Robert Gesink eingebrochen. Sein Vorsprung auf den Zweiten in der Jungprofiwertung wurde fast halbiert, doch durch die Verletzungen nach den Stürzen weiß er, dass ein schwieriges Rennen dann noch härter wird.
„Nach einigen harten Tagen war es eh schon schwierig. Wie ich zuvor bereits sagte, hoffte ich, dass ich heute in der Führungsgruppe bleiben könnte, aber es wird wirklich schwer. Nach dem Sturz wird es zu einer schwierigen Tour. Seitdem tut mir der ganze Körper weh. Ich weiß nicht, was ich von den kommenden Tagen erwarten soll. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich noch nicht abschätzen, was passieren wird… Ich kann nicht einmal etwas dazu sagen, wer gut drauf ist, weil ich nicht gesehen habe, wer heute vorne dabei war – ich hatte so meine eigenen Probleme.
Ich muss es aber weiter versuchen. Ich habe seit einigen Tagen Schmerzen, und ich habe Schwierigkeiten, mich zu erholen. Die Beine tun nicht das, was ich will. Die Tour ist ein sehr hartes Rennen, und natürlich hoffe ich, dass ich meine Probleme in den kommenden Tagen überwinden kann, und dann werden wir schauen, wo wir stehen.“
Mit 22 gilt er als einer der großen jungen Hoffnungsträger der US-Radsports, und Tejay Van Garderen hat heute in Super-Besse demonstriert, dass er einer der stärkeren Fahrer im Peloton ist. Der hat den Preis um den größten Kampfgeist gewonnen und zudem das Gepunktete Trikot erobert, mit seiner Stärke hat er aber jetzt auf sich aufmerksam gemacht…
“Die Ausreißergruppe hat auf den Kilometern zum Anstieg der 2. Kategorie nicht so gut zusammengearbeitet, und da habe ich mir gedacht, dass wir den restlichen Weg nicht mehr so gemeinsam fahren würden und dass ich mich absetzen müsste… also habe ich mich am Fuße des Anstiegs abgesetzt, und auf dem Weg zum Gipfel und wieder die Abfahrt hinunter konnten wir den Vorsprung und ein gutes Tempo halten. Dann ging es los mit den Attacken – eins-zwei, eins-zwei… und bei der letzten hatte ich dann nicht mehr die Beine, um mitzuhalten.
Dies ist ein supernervöses Rennen. Ich war froh, bei den Ausreißern dabei zu sein. Es ist hart, den ganzen Tag da draußen im Wind zu sein, aber zumindest sicherer als mit allen anderen im Peloton eingezwängt zu sein. Es war eigentlich angenehm, einen entspannten Tag zu haben, ohne sich Sorgen um die Stürze machen zu müssen.
Es wäre schön gewesen, die Etappe zu gewinnen, aber die Gruppe hat nicht so gut zusammengearbeitet. So haben wir uns aufgeteilt, doch jeder konnte dann sehen, dass ich einer der stärkeren Fahrer war, und bei jeder Attacke war ich es, den die anderen im Auge behielten und zu dem sie wieder aufschlossen…“
Mit drei Fahrern in der gleichen Zeit wie der Drittplatzierte der Etappe (Christian Vande Velde, Thor Hushovd und Tom Danielson) erzielt Garmin-Cervélo die gleiche Zeit wie das siegreiche Team der heutigen Etappe, Leopard-Trek, dem mit den Schleck-Brüdern an 8. und 9. sowie Jakob Fuglsang an 18. Stelle ein tolles Gesamtergebnis gelungen ist, allesamt 15 Sekunden hinter dem Sieger Rui Costa. Die amerikanische Mannschaft behält somit die Führung in der Teamgesamtwertung, mit vier Sekunden Vorsprung auf die luxemburgische Mannschaft. RadioShack, um Chris Horner ärmer, verliert auch ein wenig an Boden und liegt nunmehr 35 Sekunden hinter Garmin-Cervélo. Das dritte US-Team, HTC-Highroad, das am Morgen mit 13 Sekunden Rückstand in Lauerstellung gelegen hatte, liegt nunmehr 2‘10“ zurück. Bei ansteigenden Streckenverläufen werden auch die Abstände größer.
Er war sich praktisch sicher, die Führung in der Gesamtwertung heute zu verlieren, doch Thor Hushovd gibt nie auf und überrascht immer. Die Top 5 im Klassement nach der 8. Etappe der Tour de France 2011: 1. Thor Hushovd (NOR) GRM 2. Cadel Evans (AUS) BMC 1" zurück 3. Frank Schleck (LUX) LEO 4" 4. Andreas Klöden (GER) RSH 10" 5. Jakob Fuglsang (DEN) LEO 12"
Alberto Rui Costa hat Team Movistar seinen ersten Sieg bei der Tour de France beschert. Die Top 10 von Etappe 8 lauten: 1. Alberto Rui Costa (POR) MOV - 189km in 4h36’46" 2. Philippe Gilbert (BEL) OLO 12" zurück 3. Cadel Evans (AUS) BMC 15" 4. Samuel Sanchez (ESP) EUS 15" 5. Peter Velits (SVK) THR 15" 6. Dries Devenyns (BEL) QST 15" 7. Damiano Cunego (ITA) LAM 15" 8. Alberto Contador (ESP) SBS 15 9. Andy Schleck (LUX) LEO 15" 10. Fränk Schleck (LUX) LEO 15"
Winokurow ist zum Ende der Etappe eingebrochen und vom Peloton um das Gelbe Trikot gestellt worden. Stattdessen wird der australische Fahrer von Team BMC Dritter.
Der belgische Meister kann seinen kleinen Vorsprung auf das Hauptfeld ins Ziel retten…
Trotz all der Angriffe deutet alles darauf hin, dass Thor Hushovd sein Gelbes Trikot auch nach der 8. Etappe behalten wird.