Tagebuch der Etappe

étape 4 - Lorient Mûr-de-Bretagne 172.5 km
Dienstag 5 Juli

Evans, der Puncher

Cadel Evans, der Sieger der Flèche Wallonne auf dem Gipfel der Mur de Huy 2010 hat seine Puncher-Qualitäten ausgeschöpft, um den Hang und anschließend die Steigung von Mûr-de-Bretagne zu bezwingen und seinen zweiten Tageserfolg bei der Tour de France zu feiern. Bei diesem erstmaligen Zieleinlauf bezwingt er den Spezialisten der Disziplin, Philippe Gilbert, aber vor allem auch Alberto Contador, der seine Zurückhaltung abgelegt hat und zum Angriff übergegangen ist. Dem Titelverteidiger fehlt eine halbe Radlänge auf seinen australischen Rivalen. Der sechstplatzierte Thor Hushovd kann den Kontakt zu den Besten halten und verteidigt das Gelbe Trikot.

Fünf Fahrer vorne
Die Fahrer verlassen Lorient im dichten Regen, was die Ausreißer aber nicht davon abhält, auf den ersten Kilometern das Weite zu suchen. Nach 9 km löst der bereits auf der 1. Etappe äußerst aktive Jérémy Roy (Fra-FDJ) die Bildung einer Ausreißergruppe mit Gorka Izagirre Insausti (EUS), Imanol Erviti (MOV), Blel Kadri (ALM) und Johnny Hoogerland (VCD) aus. Die fünf Verbündeten erreichen bei km 24 ihren größten Vorsprung auf das Hauptfeld: 4’55’’.
Hoogerland hat Appetit
Um den eigenen Kapitän zu schützen bzw. um das Renngeschehen zu kontrollieren, wechseln sich die Teams BMC und Omega Pharma Lotto an der Spitze des Pelotons ab und bestimmen die Schlagzahl. In der Côte de Laz schüttelt Johnny Hoogerland seine Weggefährten ab, um auf dem Scheitelpunkt den einzigen Punkt der Bergwertung einzufahren. Rund 15 Kilometer weiter kämpft er mit Jérémy Roy um den Sieg beim Zwischensprint, um auch hier die größte Punktausbeute einzuheimsen. Die Aussicht auf den 6. Platz motiviert die Sprinter im Feld, das einen Rückstand von 2’30’’ aufweist. Wie schon am Vortag in Redon und beim Zwischensprint der 1. Etappe ist Tyler Farrar der Schnellste.
Contador um eine halbe Radlänge
Die Ausreißer sind einem Dauerdruck ausgesetzt, und ihr Vorteil beläuft sich 40 km vor dem Ziel noch auf 2’25’’. Die Situation wird bei noch zehn bevorstehenden Kilometern und 55’’ Marge aussichtslos. Das beunruhigt Izagirre und Hoogerland, die 7,5 km vor dem Ziel in die Offensive gehen. Wie ihre Weggefährten werden auch sie 4 km vor dem Ziel gestellt. Kurz vor dem Schlussanstieg ist Philippe Gilbert gut positioniert, kann sich im Hang aber nicht absetzen. Vor ihm fährt eine ganze Schar erklärter Sieganwärter. Alberto Contador verschärft als Erster das Tempo, 1,5 km vor dem Ziel, was wenig später auch Rigoberto Uran und dann Jurgen Van den Broeck versuchen. Aber auf dem flachen Abschnitt entsteht wieder eine kleine Gruppe für einen Königssprint. Cadel Evans, der in der Führungsposition geblieben ist, widersteht dem herannahenden Alberto Contador. Der Titelverteidiger landet auf Platz zwei, eine halbe Radlänge hinter seinem australischen Rivalen.

 

Thor Hushovd: “Wir fahren voll darauf ab…”

Man schaue sich nur die Top 10 der Etappe an und betrachte die Namen: Inmitten einer Schar von Spezialisten der Gesamtwertung – Leute, die mit dem Erklimmen steiler Hänge ihr Leben verdienen – ist ein Mann, der auf einem Rad fast alles kann. Thor Hushovd… Er ist ein Sprinter, Klassiker-Spezialist, Prologsieger, und ein mehr als fähiger Kletterer. Und obendrein ist er einfach ein netter Kerl!

“Unser Ziel ist jetzt die Verteidigung des Gelben Trikots und auch für Tyler ein weiterer Sprintsieg. Das Rennen zu kontrollieren, wird eine schwierige Aufgabe, weil es immer noch unglaublich viele Attacken gibt, und viele Fahrer Etappen gewinnen wollen. Aber vielleicht behaupte ich ja das Trikot bis zur Etappe am Samstag, die ein hartes Finale bereithält.
“Heute ist mir ein perfekter Aufstieg geglückt. Ich habe alles in meinem Tempo gemacht und bin den Attacken nicht wirklich gefolgt. Dann habe ich oben wieder zu den anderen aufschließen können und hatte noch gerade genug Kraft, mich an die Gruppe dranzuhängen – heute bin ich also ein glücklicher Mann.
“Ich musste echt kämpfen. Ich bin über meine Grenzen gegangen, um den Bergspezialisten zu folgen, aber ich bin froh, es geschafft und das Gelbe Trikot verteidigt zu haben. Im steilsten Stück gab es so einen Moment, genau vor dem flachen Teil ganz oben, wo ich glaubte, einige Meter zu verlieren, doch konnte ich die Lücke schließen. Das war heute für mich der größte Kraftakt. Danach blieben mir keine Reserven mehr, um in die Entscheidung um den Etappensieg einzugreifen.
“Was Team Garmin-Cervélo bis hierhin erreicht hat, ist einfach nur wunderbar. Es ist ein Traumstart, und es scheint kein Ende in Sicht. Wir fahren voll darauf ab und dürfen jetzt nicht locker lassen.”

 

Cadel Evans: “Ich verdanke alles dem Team…”

Ein Radwechsel etwa 20 Kilometer vor dem Ziel war praktisch das einziges Vorkommnis in einem ansonsten tadellosen Tour-Auftakt für den Zweitplatzierten der Ausgaben 2007 und 2008. Heute feierte Cadel Evans in beeindruckender Manier seinen ersten Tageserfolg bei einer regulären Tour-Etappe und schlug Alberto Contador in einem Fotofinish in Mûr-de-Bretagne…

“Im Schlusssprint wollte ich mich unbedingt zeigen, ohne es aber zu schnell anzugehen, weil ich wusste, dass andere hinter mir lauerten. Ich sah Contador näher kommen, aber ich musste seinen Angriff einfach parieren. So war es bis zum Zielstrich, und ich konnte noch nicht einmal sehen, wer die Markierung zuerst überquert hatte. Ich habe es ehrlich nicht gesehen… Ich war nur darauf konzentriert, die Linie zu erreichen. Ich musste wirklich das offizielle Ergebnis abwarten, bevor ich Gewissheit hatte.
“Bei noch 20 ausstehenden Kilometern passierte etwas. Ich denke, dass irgendjemand an meine Schaltung gekommen ist, was mir Probleme mit den Gängen bereitete. Da funktionierte mein Rad noch, aber für das Finale muss alles perfekt sein. Deshalb habe ich kurz überlegt, und George sagte mir mit all seiner Erfahrung: ‘Wechsel jetzt Dein Rad!’ Marcus Burghardt hat mich wieder bis ganz nach vorne gebracht, und dank seiner Unterstützung konnte ich am Ende so auftrumpfen.
“Nur auf dem letzten Kilometer war ich auf mich allein gestellt… Ich denke, dass alle George bei noch zwei oder drei verbleibenden Kilometern gesehen haben. Seine Präsenz und die Hilfe von Marcus Burghardt, der mich 15 Kilometer vor dem Ziel wieder nach vorne geführt hat, bedeuteten den Unterschied.
“Dank meines Teams konnte ich am Ende so abschneiden. Der Tagessieg war nicht das Ziel, sondern ist vielmehr das Sahnehäubchen. Ein Etappensieg hier in der ersten Woche ist ein echter Bonus, und ich verdanke alles meinem Team.
“Ich bin für die Gesamtwertung hier und einfach nur überglücklich, den heutigen Tag ohne größere Probleme überstanden zu haben und vorne dabei zu sein. Der Etappensieg ist wirklich fantastisch, und jetzt schauen wir auf morgen und darüber hinaus.
“Als Radprofi braucht man Selbstvertrauen, doch sollte man es einfach nur ausstrahlen, andernfalls gilt man als arrogant. Es ist also wichtig, dass meine Teamkollegen mir vertrauen und ich ihnen.”