
Luz-Ardiden
211 km
Donnerstag 14 Juli
Die heutige Etappe sollte den Führenden der Gesamtwertung Gelegenheit geben, sich von ihrer besten Seite zu zeigen. Es sollte ihnen gelingen. Der Fahrer, der 2010 auf den vierten Rang kam, lässt auf der Abfahrt vom Col du Tourmalet zusammen mit der belgischen Offenbarung 2011, Jelle Vanendert, alle Rivalen hinter sich. Das Duo überholt auf dem letzten Anstieg alle Ausreißer und fährt an die Spitze. Sie bleiben bis kurz vor dem Ziel in Luz Ardiden zusammen, wo sich der Olympiasieger doch als der Stärkere erweist. Er holt sich seinen ersten Etappensieg bei der Tour, während sich hinter ihm alle anderen Titelanwärter zu einem späten Angriff entschließen. Vanendert verteidigt den zweiten Platz knapp mit drei Sekunden Vorsprung vor Frank Schleck, der ihm auf den letzten Metern gefährlich nahe rückt. Cadel Evans ist unter den echten Titelanwärtern nach 11 Etappen der beste Fahrer und zeigt erneut eine beeindruckende Leistung in den Pyrenäen. Zusammen mit Ivan Basso, Andy Schleck und dessen Bruder Frank fordert er auf dem Schlussanstieg Alberto Contador heraus. Der Titelverteidiger kann alle Angriffe abwehren, bis Frank Schleck schließlich 4,5 km vor dem Ziel einen letzten Versuch wagt. Die große Überraschung des Tages ist jedoch Thomas Voeckler, der mit der Hilfe eines beeindruckend starken Pierre Rolland erst auf den letzten 1.800 m den Anschluss an die anderen Favoriten der Gesamtwertung verliert. Er wird Neunter der Etappe und behält die Führung in der Gesamtwertung der Tour de France!
Die Strecke
Die mit Spannung erwartete 12. Etappe, die das Fahrerfeld in die Pyrenäen führt, beginnt um 11h19. An den Start gehen 176 Fahrer, Romain Feillu (VCD) muss aufgeben. Die 211 km lange Strecke von Cugnaux nach Luz-Ardiden bietet drei Anstiege – den Houquette d’Ancizan in der Kategorie 1 (bei km 141,5 km), den Col du Tourmalet (HC bei km 175,5) und der Schlussanstieg in der Kategorie HC hinauf nach Luz Ardiden. Der Zwischensprint befindet sich in Sarrancolin (km 119).
Thomas übernimmt die virtuelle Führung
An der 2-km-Marke scheren sechs Fahrer aus: Perez Moreno (EUS), Gutierrez (MOV), Kadri (ALM), Thomas (SKY), Roy (FDJ) und Mangel (SAU). Bei km 9 haben sie bereits einen soliden Vorsprung von 1’55”. Europcar übernimmt die Führung des Pelotons, gönnt den Ausreißern aber lange Zeit einen großen Vorsprung, Nach 32 km führen die sechs Männer an der Spitze mit 5’10”. Thomas hat unter den Ausreißern die beste Platzierung in der Gesamtwertung. Er startete vom 31. Rang mit 5’51” Abstand auf Voeckler in die Etappe. Die mittlere Geschwindigkeit beträgt in der ersten Stunde 41,9 km/h. Nach 54 km übernimmt Thomas die Führung der virtuellen Gesamtwertung, denn der Vorsprung der Ausreißer beträgt mittlerweile 6’20”. Am Ende der zweiten Stunde (die mit einer mittleren Geschwindigkeit von 41,5 km/h absolviert wird), haben die Ausreißer sogar 8’00” Vorsprung. Den größten Vorsprung erreichen sie mit 9’05” bei km 112. Dann setzen sich Movistar und HTC an die Spitze des Felds, um sich für den Sprint in Position zu bringen. Mangel (SAU) führt die Ausreißer über die Sprintlinie in Sarrancolin und Cavendish wird Siebter – und Erster im Peloton. Der Abstand des Felds auf die Gruppe um Thomas beträgt zu dem Zeitpunkt 8’20”.
La Hourquette d’Ancizan
Das Peloton erreicht den ersten Anstieg 5’50” nach den Ausreißern. Gutierrez kann bald nicht mehr mit den anderen Ausreißern mithalten. Hoogerland bringt sich hinter dem Team von Europcar in Stellung, das am Fuß des Horquette d’Ancizan führt. Hoogerland (VCD) greift das Feld nach einem Kilometer der Steigung an, ihm folgt Chavanel (QST). Als Nächster schert Kreuziger (AST) aus. Das Trio tut sich 7 km vor dem Gipfel zusammen. 4 km vor dem Gipfel haben die fünf Führenden noch 4’20” Vorsprung auf das Trio um Hoogerland und 4’50” auf die Gruppe um das gelbe Trikot. Am Gipfel holt sich Mangel die maximale Punktzahl: mit 1’40” Vorsprung auf Gutierrez, 4’00” auf Chavanel und Kreuziger, 4’35” auf Hoogerland und 5’50” auf das Peloton. Auf der anschließenden Talfahrt kommt Thomas zweimal von der Straße ab und verliert den Anschluss an die Gruppe. In der ersten Rechtskurve der Abfahrt (etwa bei der 142-km-Marke) stürzen Voeckler, Velits und Klöden. Alle steigen wieder auf, aber Klöden fährt als Letzter los. 50 km vor dem Ziel schließen Thomas und Gutierrez wieder zu den Führenden der Etappe auf. Sie haben 2’35” Vorsprung auf Kreuziger und Chavanel und 5’50” auf Hoogerland. Das Peloton folgt mit 7’40” Abstand.
Col du Tourmalet: Gesink und Martin fallen zurück
Während Leopard-Trek das Tempo auf der Abfahrt vom Horquette d’Ancizan vorgibt, übernimmt Europcar am Fuß des Col du Tourmalet erneut das Kommando im Peloton. Aber dann schiebt sich die Formation von Schleck mit Posthuma an die Spitze, dicht gefolgt von Cancellara. 14 km vor dem Gipfel hat das Feld 6’50” Rückstand auf die sechs Führenden der Etappe. 11 km vor dem Gipfel liegen Chavanel und Kreuziger 1’50” zurück. In La Mongie (4,5 km vor dem Gipfel) führt Thomas, es folgen Roy mit 10” Abstand, Perez Moreno mit 22”, Kadri mit 52”, Kreuziger und Mangel mit 1’10” und das Peloton mit dem Träger des gelben Trikots abgeschlagen mit 3’20”. Voigt und Monfort führen das verbliebene Feld über den Gipfel des zweiten Anstiegs. Ihrem hohem Tempo fallen Gesink und Martin zum Opfer. Andy Schleck muss 2 km vor dem Gipfel einen Reifen wechseln. Hernandez (SBS) fährt einen kurzen Angriff, aber das ist das einzige kurze Aufflackern im Peloton. Am Gipfel führt Roy vor Thomas (SKY) und holt sich 20 Punkte und den Jacques-Goddet-Gedächtnispreis. Kadri wird Dritter (mit 1’05” Abstand). Kreuziger folgt mit 2’12” Abstand. Ten Dam schiebt sich vor das Peloton und geht mit 2’50” Rückstand als Sechster über die Linie. Das Peloton folgt mit 3’12” Abstand auf Roy.
Vorbereitung auf den Schlussanstieg
Sanchez greift auf der Abfahrt vom Tourmalet zusammen mit Vanendert an. Vor dem Schlussanstieg holen sie Perez Moreno ein, der auf seine Gruppe wartet, zu der auch Gilbert, Kreuziger, Trofimov und Ten Dam gehören. Das Duo, das auf der Abfahrt ausschert, macht 8 km vor dem Ziel Nägel mit Köpfen, überholt alle früheren Ausreißer und macht bis kurz vor Schluss gemeinsame Sache. Erst 300 Meter vor der Ziellinie greift Sanchez an, übernimmt die Führung und holt sich seinen ersten Sieg bei der Tour de Frage, zehn Jahre nach dem ersten Sieg für Euskaltel. In der Zwischenzeit ist der Kampf um die anderen Plätze hinter dem Duo in vollem Gange. Voeckler hatte erwartet, das gelbe Trikot abgeben zu müssen, aber er erweist sich als wahrer Kämpfer und kann mit der Hilfe seines Teamkollegen Rolland den Schaden in Grenzen halten. Er wird Siebter und kommt nur wenige Sekunden nach dem spanischen Titelverteidiger Contador ins Ziel.
In der Gruppe der Fahrer, die die oberen Ränge der Gesamtwertung belegen, gibt es mehrere Vorstöße, zunächst von Andy Schleck (4 km vor dem Ziel), aber Contador zieht sofort nach. Es folgt ein Versuch von Cadel Evans, aber Contador hält erneut dagegen. Dann versucht Frank Schleck sein Glück. Er wird eingeholt, versucht es erneut und bricht sich Bahn, da sein zweiter Angriff kaum Reaktion auslöst. Das veranlasst ihn dazu, es noch einmal zu wagen und die vormaligen Ausreißer einzuholen. Erst auf den letzten 1.800 Meter kommen die Favoriten der Gesamtwertung wirklich in Fahrt und greifen sich gegenseitig an. Voeckler kann nicht mehr mithalten und Contador geht die Luft aus. Er kann dem hohen Tempo von Basso, Evans, Cunego und dem jüngeren Schleck nicht folgen, die alle vor ihm über die Ziellinie gehen. Sanchez holt sich mit seinem Etappensieg 40 Punkte für die Bergwertung und trägt morgen das gepunktete Trikot. Voeckler wird mit 50” Abstand auf den Sieger Neunter und fährt auf der 13. Etappe weiter im gelben Trikot.
„Beim ersten Sturz am Hourquette d’Ancizan bin ich einfach gerutscht, beide Reifen sind mir weggebrochen. Und beim zweiten hatte ich Matsch auf meinen Reifen und habe ein wenig die Kontrolle verloren. Und plötzlich fuhr ich geradeaus. Ich habe das Rad gewechselt und dann ging es etwas besser. Es war nicht realistisch zu glauben, dass wir unseren Vorsprung bis ins Ziel verteidigen können. Wir hatten am Fuß des letzten Anstiegs nur noch 2’30’’ Vorsprung, also war ich von meinen Chancen nicht mehr überzeugt, um ehrlich zu sein, aber ich habe trotzdem durchgehalten. Ich habe mir gesagt, dass es nicht schlecht ist, 7 km vor dem Ziel eingeholt zu werden, aber trotzdem beende ich die Etappe mit dem Gefühl, eine halbe Stunde nach dem Sieger über die Linie gegangen zu sein. Es war noch ein verdammt langer Weg. Natürlich fehlt uns Bradley. Ich glaube, dass wir mit ihm heute sehr gut gewesen wären. Aber wir werden weiter angreifen. Rigoberto ist heute gut gefahren, und ich hoffe, dass wir ihm helfen können, sich eine gute Platzierung in der Gesamtwertung zu holen. Für die anderen setzen wir alles auf einen Etappensieg.“
„Ich hatte mir nicht soviel von der Etappe versprochen, aber es ist alles gut gelaufen. Das Team hat sehr hart gearbeitet, und es ist unglaublich wichtig, dass man in einer solchen Situation auf die Unterstützung seiner Teamkollegen zählen kann. Alle haben während der Etappe gearbeitet, aber ich möchte Pierre Rolland besonders erwähnen, der mir auf dem Anstieg nach Ardiden geholfen hat. Ich war nicht völlig überrascht, mich dort wiederzufinden, aber jedes Mal, wenn ich ein Schild sah – 10 km bis zum Ziel, 5 km bis zum Ziel – habe ich die Zähne zusammengebissen! Jedes Mal, wenn sich die Favoriten gegenseitig angegriffen haben, bin ich zurückgefallen, aber ich habe auch jedes Mal von einer Umbildung des Felds profitiert. Und Pierre hat mich in die Gruppe zurückgebracht. Am Ende habe ich Frank Schleck in einer Kurve davonziehen sehen und habe selbst mithilfe meiner Uhr den Abstand berechnet. Es waren ungefähr 30’’, also habe ich mir gesagt, dass es sich ausgehen könnte. Ich habe es gestern ehrlich gemeint, als ich sagte, dass ich davon ausgehe, das gelbe Trikot zu verlieren. Ich habe aber auch gesagt, dass ich alles tun würde, um es zu behalten. Das Trikot hat mich nicht stärker gemacht, aber es hat mir die zusätzliche Motivation gegeben, mehr auszuhalten. Unter normalen Umständen wäre ich nicht in der Lage, mich so zu quälen, um mir einen 20. Platz zu holen, aber mit dem gelben Trikot ist es möglich. Und diese Motivation strahlt auf das ganze Team aus. Heute empfinde ich mehr Stolz auf mein Team als auf meine eigene Leistung. Wir fahren vielleicht in der zweiten Liga, aber mit dem, was wir heute erreicht haben, brauchen wir uns nicht zu verstecken.“
„An das weiße Trikot habe ich heute Morgen nicht wirklich geglaubt, auch wenn ich wusste, dass es möglich wäre. Ich habe gesehen, dass Gesink zurückgefallen ist, und dann Taaramae. Meine ärgsten Rivalen lagen also hinter mir. Das Trikot gehört demjenigen, der am längsten mit der Gruppe der Besten mithalten konnte, und das bin anscheinend ich! Ich wurde im letzten Moment in das Team gewählt und sollte die Tour de France erst gar nicht fahren. Jetzt denke ich, dass Marc Madiot es nicht bereuen wird, dass er mich mitgenommen hat. Ich muss versuchen, das Trikot zu behalten und nach Möglichkeit in der Gesamtwertung noch weiter nach vorn kommen.“
„Ich wusste, dass das ein wichtiger Tag ist und ich etwas versuchen muss, weil ich aufgrund meines Rückstands in der Gesamtwertung für die Favoriten nicht sonderlich gefährlich war. Es galt also anzugreifen. Auf der Abfahrt vom Tourmalet hat Gilbert einen Vorsprung vor seinen Teamkollegen herausgefahren. Da ich mit Ruben Perez Moreno auch einen Teamkollegen vorn hatte, war das der richtige Moment, um es zu versuchen. Ich wusste, dass die beiden Schlecks nicht mehr viele Teamkollegen vorn hatten und Alberto Contador auch nicht, also waren sie nicht in der Lage, mich noch mal einzuholen. Danach musste ich das Tempo halten, denn ich wusste, dass ich gewinnen würde, wenn es mir gelänge, auf dem letzten Kilometer einen Vorsprung von 30’’ zu verteidigen. Es ist ein Tag voller Emotionen, weil ich in diesem orangefarbenen Meer unterwegs war, vor heimischem Publikum, das war sehr beeindruckend. Und wir feiern hier den Jahrestag von Laisekas Sieg, also ist es ein besonderer Sieg. Ich kann es noch gar nicht glauben. Im Vergleich zu meinem Sieg bei den Olympischen Spielen ist das hier ganz anders, denn das war weit weg von hier. Man muss diese Glücksmomente genießen, denn in unserem Beruf durchlebt man auch viele schwierige Zeiten. Das einzige Tagesziel lautete, die Etappe zu gewinnen. Ich habe das gepunktete Trikot, aber das ist mehr ein Bonus. Was den Rest angelangt, werde ich mich erstmal erholen und diesen Etappensieg mit meinen Teamkollegen ordentlich feiern. Danach wird das Rennen wieder zeigen, was Sache ist.“
Europcar behält dank Thomas Voeckler das gelbe Trikot, gibt jedoch logischerweise die Führung in der Mannschaftswertung an Leopard-Trek ab. Aber in Luz Ardiden setzt sich eine andere Formation durch: Ag2r-La Mondiale. Trotz Ausscheiden des Kletterers John Gadret, der beim Giro Vierter wurde, kann das Team von Vincent Lavenu drei Fahrer unter den TOP 30 platzieren: Hubert Dupont – 15., Nicolas Roche – 17., Jean-Christophe Péraud – 26. Leopard-Trek führt jetzt die Mannschaftswertung an, gefolgt von Europcar mit 1’05’’ und Ag2r-La Mondiale mit 2’21’’ Abstand, während die scheidenden Meister RadioShack 4’08’’ Rückstand verbuchen.
Es ist zehn Jahre her, dass Roberto Laiseka den ersten Etappensieg für Euskaltel bei der Tour de France holte, und heute trimphiert das baskische Team erneut. Die TOP 10 der 12. Etappe: 1. Samuel Sanchez (ESP) EUS - 211km in 6h01’15" 2. Jelle Vanendert (BEL) OLO mit 7" Abstand 3. Frank Schleck (LUX) LEO mit 10" 4. Ivan Basso (ITA) LIQ mit 30" 5. Cadel Evans (AUS) BMC mit 30" 6. Andy Schleck (LUX) LEO mit 30" 7. Damiano Cunego (ITA) LAM mit 35" 8. Alberto Contador (ESP) SBS mit 43" 9. Thomas Voeckler (FRA) EUC mit 50" 10. Pierre Rolland (FRA) EUC mit 50"
Voeckler beendet die Etappe mit 50" Rückstand auf den Etappensieger. Der Franzose behält auch nach der 12. Etappe das gelbe Trikot.
Frank Schleck wird Dritter und Andy Schleck und Cadel Evans nehmen Alberto Contador Zeit ab.
Der Olympiasieger gewinnt seine erste Etappe bei der Tour de France.
Könnte sich Vanendert oder Sanchez den ersten Etappensieg bei der Tour sichern? Sie führen mit 10" vor Frank Schleck und es sind nur noch wenige hundert Meter.