
Spa
201 km
Montag 5 Juli
Zwei Monate nach einem schweren Unfall auf dem Schlussstück von Lüttich-Bastogne-Lüttich siegt Sylvain Chavanel nach einer 191 Kilometer langen Ausreißerfahrt, auf der er zunächst seinem Teamkollegen Pineau in das Gepunktete Trikot half. Der Rückkehrer hat sich anschließend in den letzten Anstiegen sämtlicher Weggefährten entledigt, um die Etappe im Alleingang zu beenden. Dabei profitierte der Teamkapitän von Quick Step von der Uneinigkeit im Feld nach einer Reihe von Stürzen auf der rutschigen Abfahrt von der Mur de Stockeu, um nach Montluçon 2008 seinen zweiten Etappensieg bei der Tour de France unter Dach und Fach zu bringen. Er avanciert ebenfalls zum ersten französischen Träger des Gelben Trikots seit Romain Feillu 2008. Der Zeitvorteil bietet ihm zusätzlich einige gute Perspektiven.
Chavanel beginnt mit Solo-AusrittDas Hauptfeld verlässt Brüssel in zügigem Tempo, aber nach zehn Kilometern kann sich Sylvain Chavanel (QST) absetzen. Im Kielwasser seiner Attacke folgen sieben weitere Fahrer: Matthew Lloyd, Jurgen Roelandts (OLO), Marcus Burghardt (BMC), Jérôme Pineau (QST), Sébastien Turgot (BTL), Raine Taaramae (COF) und Francesco Gavazzi (Ita). Die Ausreißer kommen gut voran und bauen ihren Vorsprung bei Km 32 bis auf 6’55’’ aus. Allerdings wachen die Fahrer von Saxo Bank über das Gelbe Trikot von Fabian Cancellara und schlagen ein Tempo an, das die Kontrolle über die Ausreißer ermöglicht: An der Versorgungsstelle hat sich der Abstand bei 3’25’’ eingependelt.Turgot zuerst abgehängtIm zweiten Etappenabschnitt teilen sich die Fahrer von Saxo Bank die Nachführarbeit hauptsächlich mit dem Team Cervélo. Während die Jagd nach den Bergwertungspunkten zum Vorteil von Jérôme Pineau verläuft, kommt das Peloton bis auf 2’40’’ heran. Ans Eingemachte geht es aber erst in der Côte d’Aisomont, als der Vorsprung auf 55’’ geschrumpft ist. Sylvain Chavanel verschärft das Tempo derart, dass zuerst Turgot und dann Lloyd abreißen lassen müssen. Pineau zieht bis zum Gipfel durch und baut seine Führung in der Bergwertung aus, doch auf der Abfahrt geht das Abenteuer zu viert weiter. Roelandts übernimmt die Führungsarbeit, aber im Anstieg von Stockeu führt Sylvain Chavanel eine erste Vorentscheidung herbei: Er erreicht den Scheitelpunkt des Col de Stockeu 20’’ vor Roelandts und 55’’ vor dem Peloton.Reihenweise StürzeAuf der Abfahrt sorgt eine ganze Reihe von Stürzen für Chaos im Hauptfeld, die Tour-Favoriten werden in verschiedene Gruppen zerstreut. Cancellara behauptet sich an der Spitze des Feldes zusammen mit Evans, doch die ebenfalls von einem Sturz betroffenen Alberto Contador und Lance Armstrong müssen mächtig in die Pedalen treten, um mit rund 30 Fahrern im Schlepptau wieder aufzuschließen. Noch kritischer ist die Lage für Andy und Frank Schleck, die nach dem Sturz erheblich zurück fallen. 17 Kilometer vor dem Ziel schließen Contador und Armstrong zur ersten Verfolgergruppe auf, die Schleck-Brüder zwei Kilometer später.Gelbes Trikot für ChavanelIn der Zwischenzeit hat Sylvain Chavanel ein weiteres Mal das Tempo verschärft, um Roelandts abzuhängen. Dabei profitiert er von der allgemeinen Verwirrung und vom Einfluss Cancellaras, der das Peloton auffordert, auf die luxemburgischen Protagonisten zu warten. Auf dem Col du Rosier beträgt der Vorsprung des Franzosen 2’20’’ auf Maxime Montfort, der die Rolle des ersten Verfolgers übernommen hat. Im Schlussabschnitt hält er die Konzentration hoch und genießt die Siegesfreude auf den Straßen, auf denen er vor zwei Monaten im Finale von Lüttich-Bastogne-Lüttich noch so schwer gestürzt war. Neben seinem zweiten Etappensieg streift Chavanel das Gelbe Trikot über und führt die Gesamtwertung mit einem Vorsprung von 2’57’’ auf Cancellara und 3’07’’ auf Tony Martin an.
Ich bin zum Glück von Stürzen verschont geblieben, doch wenn es der Fall gewesen wäre, hätte ich mich auch gefreut, dass das Feld auf mich wartet. Morgen ist ein anderer Tag, und wenn es einen anderen Sturz geben sollte, müssen wir wieder entscheiden. Ich denke nicht, dass der morgige Tag so wie der heutige verlaufen wird, und ich hoffe vor allem, dass alles gut klappen wird, mit einem normalen Finale.
Das war kein Streik, sondern ein Zeichen der Solidarität für die Schleck-Brüder, die nach ihrem Sturz einen großen Rückstand wettmachen mussten, wie auch andere Favoriten. Deshalb hat das Peloton beschlossen, die Etappe gruppiert zu beenden, das war eine Entscheidung der Allgemeinheit. Uns war klar, dass Chavanel das Gelbe Trikot übernehmen würde, warum sollten wir da noch für den zweiten Platz unnötige Risiken eingehen?
Ich denke, dass uns einfach das nötige Glück gefehlt hat. In einer Kurve war Benzin auf der Straße, ich habe sogar ein Motorrad fallen sehen. Das war wirklich kein normales Rennen.
Schöner hätte es gar nicht sein können. Heute Morgen haben Sylvain und ich besprochen, dass jeder von uns beiden eine Attacke wagen wird. Und dann ist es uns auch noch gelungen, in der gleichen Ausreißergruppe unterzukommen, was schon außerordentlich ist. Dann haben wir uns ziemlich schnell darauf geeinigt, dass er mir hilft, Punkte für die Bergwertung zu sammeln, und ich ihn dann im Schlussabschnitt unterstütze. Dabei hat er mich nicht einmal gebraucht!
Das ist ein magischer Augenblick. Einen solchen Tag gibt es vielleicht nur ein einziges Mal in einer Radsportkarriere. Ich spüre im Team die gleiche Dynamik wie beim Giro.
Was die Stürze und die daraus resultierenden chaotischen Zustände im Hauptfeld angeht, so ist des einen Leid des anderen Freud’. Dadurch konnte Sylvain die Etappe gewinnen und das Gelbe Trikot überstreifen, doch denke ich nicht, dass er die Tour de France gewinnen wird! Es ist schon gut, dass alle Favoriten zurückkommen konnten.
Da habe ich eine große Nummer abgezogen. Ich habe stets gesagt, dass ich die Tour mit der nötigen Frische beginnen werde, und dass ich nicht weit von meiner Bestform entfernt sein würde. Diese Etappe hatte ich mir schon vorher herausgepickt und jetzt habe ich sie tatsächlich gewonnen. Das ist der schönste Tag in meinem Sportlerleben. Wenn man bedenkt, dass es für mich zu Saisonbeginn nur knüppeldick kam, und dass ich nie aufgesteckt habe… letztlich bedauere ich auch nicht weiter, so sehr gelitten zu haben, wenn man anschließend ein solches Wechselbad der Gefühle erleben darf. Ich genieße diesen Moment, das war mein Tag.
Seit langem hatte ich diese Etappe im Kopf und ich habe es geschafft. Ein Beweis, dass sich das Rad im Radsport auch schon mal dreht und zum Guten wendet!
Jetzt habe ich sogar knapp drei Minuten Vorsprung in der Gesamtwertung! Damit kann ich weit kommen…
1. Sylvain Chavanel (FRA) QST 2. Fabian Cancellara (SUI) SAX 2’57" 3. Tony Martin (GER) THR 3’07" 4. David Millar (GBR) GRM 3’17" 5. Lance Armstrong (USA) RSH 3’19"
Sylvain Chavanel feiert nach 2008 seinen zweiten Etappensieg bei der Tour de France und streift zum ersten Mal überhaupt in seiner Karriere das Gelbe Trikot über.
Jetzt besteht keinerlei Gefahr mehr für Sylvain Chavanel, der sich im Ziel auch das Gelbe Trikot überstreifen wird.
Chavanel hat mittlerweile einen komfortablen Vorsprung von 3’.
Chavanel steuert geradewegs auf seinen zweiten Etappensieg bei der Tour de France zu, nach dem Erfolg von Montluçon 2008.