Tagebuch der Etappe

étape 6 - Dinan Lisieux 226.5 km
Donnerstag 7 Juli

Dieses Mal macht es Boasson Hagen besser

In Cap Fréhel kam der eindrucksvolle Antritt von Edvald Boasson Hagen etwas zu früh. Heute versucht der junge Norweger sein Glück erneut im Finale von Lisieux und geduldet sich etwas länger, bevor er seinen Antritt platziert. Im Sog seines Kollegen Geraint Thomas startet er 400 m vor der Ziellinie durch und feiert seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France. Der Tag wird in Norwegen sicherlich zum Feiertag erhoben, da Thor Hushovd nicht nur das Gelbe Trikot verteidigt, sondern auch den dritten Platz hinter Matt Goss einnimmt. Das Grüne Trikot bleibt weiterhin auf den Schultern von Philippe Gilbert, allerdings beträgt der Vorsprung auf Jose Joaquin Rojas nur noch einen Punkt.

Ein Blick auf den Mont-Saint-Michel
Heute sind die Plätze in der Ausreißergruppe, die Lieuwe Westra (VCD) bei km 6 initiiert besonders wertvoll. Zunächst folgt ihm nur Anthony Roux (FDJ), später auch Leonardo Duque (COF) und Adriano Malori (LAM), und schließlich sein Teamkollege Johnny Hoogerland (VCD). Das Peloton setzt die Gruppe einem Dauerdruck aus, sodass die fünf Fahrer erst nach rund 30 Kilometern davonziehen. Ab dann brauchen die Ausreißer weniger als eine Stunde bis zum Mont-Saint-Michel, den sie mit einem Polster von 6’30’’ auf das Hauptfeld in Augenschein nehmen.
Hoogerland überrascht seine Gefährten
Auf der längsten Touretappe gibt es keine Eile, um die Verfolgung zu organisieren. Die Ausreißer profitieren von dieser Nachsicht und bauen ihren Vorsprung bis auf dem Gipfel der Côte de Saint-Michel-de-Montjoie auf 11’35’’ aus, wo Hoogerland seine Gefährten überrascht und die Führung in der Bergwertung übernimmt. Die Trendwende folgt mit der Tempoverschärfung von HTC-Highroad und Garmin-Cervélo an der Spitze des Feldes. Nach etwa 30 Kilometern ist der Vorsprung der Ausreißer um die Hälfte geschmolzen: Beim Sprint von Vassy, den im Peloton Cavendish vor Rojas gewinnt, beträgt das Polster nur noch 5’30’’.
Malori im Alleingang
Der Kampf um die Bergpunkte geht in der Côte de Bourg d’Ouilly weiter, wo Anthony Roux vor Johnny Hoogerland die Markierung überquert. Zehn Kilometer weiter startet Lieuwe Westra eine Offensive und lässt seine Mitstreiter zurück. Nur Adriano Malori kann mit «The Beast» mithalten. Während Roux, Hoogerland und Duque etwa 40 Kilometer vor dem Ziel vom Peloton geschluckt werden, lassen die beiden anderen nicht locker und verbuchen 25 km vor dem Ziel einen Vorsprung von 1’05’’. Aber 19 km vor dem Ziel gibt Westra auf und lässt Malori alleine ziehen.
Zwei Norweger auf dem Podium
Der Italiener hält bis 3 km vor dem Ziel durch. Das von Omega Pharma Lotto angeführte Peloton verschlingt ihn regelrecht, wobei Jelle Vanendert und Thomas Voeckler diesen Zusammenschluss nutzen, um im allerletzten Anstieg 2 km vor dem Ziel eine Gegenattacke zu lancieren. Sie werden unter dem Teufelslappen von einer nur noch etwa 60-köpfigen Gruppe gestellt. Dazu gehört auch Edvald Boasson Hagen, den Geraint Thomas auf der linken Straßenseite in Position bringt und der als Erster 400 m vor dem Zielstrich attackiert. Er hält Matt Goss in Schach sowie Thor Hushovd, der das Hinterrad seines jungen Landsmannes gewählt hat.

 

Geraint Thomas: “Auf dieser Art von Straße fahre ich gerne…”

„Ich liebe solche Bedingungen. Viele der anderen beklagen sich darüber. Wenn es regnet, will die Hälfte des Pelotons nicht fahren, also haben wir schonmal diesen Vorteil. Natürlich war heute mit Edvald und mir zu rechnen, wir wussten, dass wir da rauf konnten, weil wir uns gut fühlten und das Finish für uns perfekt war. Heute war das ganze Team großartig, wir haben alle gut zusammengearbeitet: Swifty hat einen tollen Job gemacht, um uns nach vorne zu bringen und aus dem Wind zu halten, um diesen Anstieg in Angriff zu nehmen, dann hatten wir die Kraft, um eine gute Position zu halten, und ich konnte Eddy auf die letzten 200 Meter führen, wo er die Sache toll beendet hat. Das ist ein perfekter Tag für die Mannschaft, der sich schon länger abgezeichnet hat. Im letzten Jahr haben wir keinen Etappensieg verbucht, und in diesem Jahr standen wir kurz davor. Deshalb ist es großartig, letztlich eine Etappe zu gewinnen. Auf dieser Art von Straßen fahre ich gerne. Man muss keinen 15 Kilometer langen Berganstieg in brütender Hitze und ähnliche Dummheiten schaffen. Einfach nur ein gutes Rennen machen, und jeder trägt seinen Teil bei. Es ist ziemlich stressig, aber wir wissen, wie man kämpft und eine gute Position hält, und sich für einander einsetzt. Im Team herrscht eine tolle Moral… von Bayern, wo ich gewonnen habe, und vom Dauphiné, wo Brad siegreich war – das war wie ein Schneeballeffekt, und hoffentlich können wir jetzt mit Brad da anknüpfen.“

 

Johnny Hoogerland: “Ich bin keiner, der in der Gruppe bleiben kann…”

„Für das Team ist es die erste Tour de France, und wir freuen uns alle, bei dieser tollen Veranstaltung dabei zu sein. Daher ist es für uns auch so wichtig, dass wir uns in Ausreißergruppen präsentieren. Mit Feillu haben wir einen sehr guten Sprinter, der um Etappensiege kämpfen kann, und für die Berge haben wir ebenfalls gute Fahrer in unseren Reihen. Heute hatte ich aber das Ziel, dieses Trikot zu erobern. Das war keine leichte Sache, da wir auf den ersten 35 oder 40 Kilometern Vollgas geben mussten. Wir lagen nur eine Minute vor dem Peloton, als man uns endlich ziehen ließ. Der Regen hat uns alle frieren lassen. In der Verpflegungszone musste ich eine andere Jacke anziehen, weil es so kalt war. Im zweiten Sprint [um die Bergpunkte] war ich Roux unterlegen, und daher hat Lieuwe [Westra] attackiert. Das war perfekt. Zumindest bis morgen werde ich dieses Trikot tragen – soviel ist sicher, da keine Anstiege auf dem Programm stehen – allerdings muss ich mich auch von den zwei Tagen vorne erholen. Ich hoffe, dass ich es so lange wie möglich behaupten kann. Ich bin keiner, der in einer Gruppe bleiben kann. Es ist die Tour de France, und an jedem Renntag hat man die Chance auf viel gute Publicity für das Team. Wenn man also ein Trikot erobern kann, ist das wunderbar. Lieuwe war im zweiten Bergsprint ungemein stark. Er ist einfach wie ein Motorrad! Wenn man ihm 100 Meter lässt, sieht man ihn nicht wieder. Gegen das Peloton ist es schwierig, aber für die Spitzengruppe war seine Präsenz Gold wert…“