Tagebuch der Etappe

étape 21 - Créteil Paris Champs-Élysées 95 km
Sonntag 24 Juli

Erster für Evans, 20. für Cavendish

Auf der letzten Etappe der Auflage 2011 wird Cadel Evans zum ersten australischen Sieger der Tour de France geweiht – 30 Jahre, nachdem sein Landsmann Phil Anderson als erster nichteuropäischer Träger des gelben Trikots ein Fanal setzte. Bevor er mit 34 Jahren endlich den Gesamtsieg feiern kann, hat Evans bereits zweimal (2007 und 2008) den Frust des zweiten Platzes kennengelernt. Diesmal absolviert er ein fehlerfreies Rennen und vollendet sein Werk im Zeitfahren von Grenoble, wo er Andy Schleck vom Thron des Führenden stößt. Weit hinter Cadel Evans in der Gesamthierarchie hält Mark Cavendish seine Wette mit einem fünften Etappensieg bei der Tour 2011, dem 20. in seiner Karriere bei der Tour de France. Er wird der erste britische Sieger in der Wertung des grünen Trikots.

Erinnerungsfotos und Champagner
Nach einer Zeremonie an einer Stele, die zu Ehren von Laurent Fignon eingeweiht wurde, der früherer Lizenzinhaber des Fußballvereins US Créteil war, und einer Schweigeminute im Gedenken an die Opfer des zweifachen Anschlags von Oslo besteigen die 167 verbliebenen Fahrer ihre Arbeitsgeräte. Auf den ersten Kilometern, bevor die Etappe zum Rennen wird, gönnt sich das Feld ein gelassenes Defilee, obwohl Christian Prudhomme die Fahne gesenkt hat. Es ist Zeit für eine kleine Fotosession mit dem gelben Trikot und der Schampus wird rausgeholt. Die Stippvisite im Departement Val-de-Marne vollzieht sich im Kriechgang. Das Feld grüßt artig am neuen Hauptsitz der Bank LCL in Villejuif, die seit dreißig Jahren Partner der Tour de France ist.

Flecha gibt das Signal zum Aufbruch
Bei der Einfahrt in Paris verschärft sich das Tempo, vor allem bei der ersten Durchfahrt an der Place de la Concorde, wo sich die gesamte Formation von BMC an der Spitze des Felds zeigt. Juan-Antonio Flecha ist der Erste, der einen Angriff wagt, vorübergehend in Begleitung von Sylvain Chavanel. Bei km 56 ist es dann Ben Swift, der einen überzeugenderen Vorstoß wagt, mit Paulinho (RSH), Koren (LIQ), Riblon (ALM), Roy (FDJ) und Bak (THR). Das Sextett wird jedoch von den Teams der Sprinter streng überwacht, die ihm maximal 40“ Vorsprung lassen. Im Zwischensprint holt sich Mark Cavendish 9 Punkte für den 7. Platz und nimmt so noch ein wenig Spannung aus dem Rennen um das grüne Trikot.

Cavendish in Paris ungeschlagen
Aber die Mission des britischen Sprinters ist damit noch nicht erfüllt. Als die Glocke zur letzten Runde läutet und noch 6 km bis zum Ziel bleiben, haben die Ausreißer nur noch 12“ Vorsprung auf das Verfolgerfeld. Der Zug von HTC setzt sich in Bewegung und die allgemeine Beschleunigung beendet den Ausflug der Angreifer. Lars Bak und Ben Swift halten dem Ansturm am längsten stand, werden aber auch 2 km vor der Ziellinie vom Feld überrollt. Omega Pharma Lotto für Greipel und Garmin Cervélo für Farrar sind kampfbereit. Bei der Einfahrt auf die letzte Zielgerade haben jedoch Matt Goss und Mark Renshaw, die beiden letzten Begleiter von Cavendish, einen Platz in der ersten Reihe, zusammen mit seinem letzten Rivalen Edvald Boasson Hagen. Aber auch im Windschatten von Cavendish kann der Norweger der Beschleunigung auf den letzten 300 m nichts mehr entgegenhalten. Der Meister des Sprints setzt sich zum dritten Mal in Paris durch, wo er ungeschlagen bleibt. Er besiegelt damit auch seinen Sieg in der Punktewertung.

 

Cadel Evans: "Es ist vollbracht."

„Als Kind träumen wir von vielen Dingen, und als ich 1991 die Tour de France anschaute und Miguel Indurain sah, wie er alle in Stücke riss, entstand bei mir dieser Wunsch, der langsam wuchs. Ich habe schwere Zeiten durchlebt – zwei Jahre lang habe ich wirklich Pech gehabt, weil ich den Sieg haarscharf verfehlte, aber vielleicht macht das den Tag heute so besonders.
Ich war überrascht, dass Tina Arena kam, um die australische Nationalhymne zu singen, das war wirklich nett von ihr. Ich glaube, es ist der größte Traum eines Radsportlers, auf den Champs-Elysées zu stehen und seine Nationalhymne zu hören. Der Traum wird nicht für viele Australier wahr. Dieser Sieg ist für alle Menschen in unserem Land. Es ist unglaublich.
Es lief sehr gut, aber das Rennen ist erst vorbei, wenn man im Ziel ist. Jetzt sind wir im Ziel und es ist vollbracht, wir haben gewonnen.
Es ist das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit. Es gab viele Momente in diesen drei Wochen, wo die Tour verloren schien, aber sicher und unversehrt hier im Ziel zu stehen – das allein ist schon ein Sieg. Aber dann auch noch das gelbe Trikot zu tragen – für mein Team, für mein Land, die Menschen in meinem Umfeld. Mir fehlen die Worte.
Wir haben sehr viel Zeit darauf verwendet, die Tour nicht zu verlieren, bis gestern. Die Tour war insofern anders, als dass alle Teams verteidigt haben und erst im abschließenden Zeitfahren zum Angriff übergegangen sind.
Ich hoffe, dass ich meinen Landsleuten Freude bereite. Es ist mir ein Vergnügen und eine große Ehre, die australische Flagge zu schwenken.“

 

Pierre Rolland: "Ich habe nicht nur irgendeine Etappe gewonnen."

„Es tut so gut, im Ziel zu sein. Ich hatte Angst, dass auf dem Rundkurs noch etwas passiert, also sind meine Teamkollegen bei mir geblieben. Und im Falle eines Problems hätte ich das Rad wechseln können. Ich habe noch Mühe, alles zu sortieren, was in den letzten drei Wochen passiert ist. Heute haben mir viele Fahrer im Feld gratuliert und mehr über den Sieg in L’Alpe d’Huez als über das weiße Trikot gesprochen. Ich habe nicht nur irgendeine Etappe gewonnen, sondern die Etappe von L’Alpe! Ich sage nicht, dass sie mehr wert ist als die anderen, aber ich finde, dass sie viel darstellt. Ich habe vor Contador gewonnen, aber ich glaube, dass er viele Fehler gemacht hat. Wenn er nicht auf der letzten Steigung angegriffen hätte, wäre er sicher der Sieger gewesen.
Ich wusste, dass ich bereit war, bei der Tour Großes zu leisten. Als wir vor einem Monat meine Ziele festgelegt haben, sagte ich, dass ich das weiße Trikot gewinnen will. Jean-René meinte, dass das sehr ehrgeizig sei, weil es andere starke Anwärter gab, wie Gesink oder Taaramae. Einen Moment lang habe ich dieses Ziel hinten angestellt, weil wir das gelbe Trikot von Thomas verteidigt haben. Sein gelbes Trikot hat auf das ganze Team ausgestrahlt, was es mir auch möglich gemacht hat, dieses Niveau zu erreichen.
Die Tour de France zu gewinnen? Warum nicht? Ich bin kein Wunderkind des Radsports. Ich bin jemand, der unglaublich hart arbeitet, und man kann sich kaum vorstellen, wie viele Opfer ich gebracht habe, um da zu stehen, wo ich jetzt bin. Ich weiß, dass ich alles geben werde, um mir die höchsten Ziele zu stecken und mir keine Vorwürfe zu machen, wenn ich eines Tages meine Karriere beende. Und ich habe noch zehn gute Jahre vor mir.“