
Grenoble
42.5 km
Sonnabend 23 Juli
Tony Martin, der beim Critérium du Dauphiné bereits auf gleicher Strecke dominiert hatte, gewinnt das abschließende Zeitfahren der Tour de France 2011, ohne dass er Fabian Cancellara wirklich hätte herausfordern müssen. Der Schweizer leidet unter dem Regen, der am späten Vormittag über der Strecke niedergeht. Am Nachmittag wurde 24 Stunden vor der Zieleinfahrt in Paris das große Duell um das gelbe Trikot zwischen den beiden Vizemeistern der letzten vier Auflagen der Tour de France erwartet. Die 57“ Vorsprung von Andy Schleck reichen für ihn im Zeitfahren nicht aus, um seine Führung in der Gesamtwertung zu behalten. Cadel Evans, der als Spezialist in dieser Disziplin gilt, liefert im Kampf um das gelbe Trikot die zweitbeste Tageszeit ab. Mit 1’34“ Vorsprung auf den unglücklichen Zweiten schickt er sich an, morgen in Paris als erster Australier die Tour de France zu gewinnen.
Porte stößt Cancellara vom Thron
Fabio Sabatini (LIQ), Schlusslicht der Tour, ist noch nicht einmal die Freude vergönnt, die erste Referenzzeit aufzustellen. Denn Danny Pate, der als dritter Fahrer auf die Strecke geht, überholt Amador (MOV) und Sabatini. Seiner Zeit können Bodnar und Ignatiev nichts anhaben, wohl aber Lieuwe Westra, der kurz die Führung übernimmt. Fabian Cancellara startet zwar noch bei trockenen Straßenverhältnissen, muss aber den Großteil der Strecke im Regen absolvieren, was ihn aber nicht davon abhält, Westras Zeit um 57“ zu unterbieten. Die mittlere Geschwindigkeit von 44,51 km/h, die der vierfache Weltmeister im Zeitfahren vorlegt, erscheint für die besten Fahrer machbar. Der italienische Meister Adriano Malori sowie Kristjan Koren kommen nah heran, aber es ist Richie Porte, der schließlich die Bestzeit des ausgewiesenen Spezialisten in dieser Disziplin mit 12’’ Vorsprung auslöscht.
Martin beendet die Diskussion
Wie auch Richie Porte profitiert Thomas De Gendt davon, dass die Strecke wieder teilweise trocken ist. Er nutzt sein Glück und übernimmt vorübergehend die Führung mit 1“ Vorsprung auf Porte in der vorläufigen Tageswertung. Auch Tony Martin fährt sein Rennen auf trockener Straße und legt mit einer mittleren Geschwindigkeit von 45,9 km/h die Messlatte entschieden höher. Der Deutsche, der bereits auf gleicher Strecke das Zeitfahren beim Critérium du Dauphiné gewonnen hatte, braucht heute nur 5“ länger als im Juni, um die „kleine Schleife“ zu absolvieren. Mit 1’29“ Vorsprung gegenüber Thomas De Gendt scheint bereits eine erste Vorentscheidung im Kampf um den Etappensieg gefallen zu sein.
Rolland behält das weiße Trikot
Das Zeitfahren von Grenoble bietet gleich mehrere Duelle im Kampf um die Gesamtwertung. Gemäß der Startreihenfolge findet ein erster wichtiger Zweikampf zwischen Pierre Rolland, Träger des weißen Trikots, und Rein Taaramae statt, der den Helden von L’Alpe d’Huez im Visier hat. Mit 1’33“ Vorsprung, aber einer theoretischen Unterlegenheit im Zeitfahren, gelingt es dem französischen Fahrer von Europcar, seinen Rang als bester Jungfahrer mit einer Marge von 46“ zu verteidigen.
Andy Schleck – dreimal Zweiter
Am Ende des Programms wartet noch ein königliches Match zwischen Cadel Evans und Andy Schleck, die sich beide Hoffnungen auf einen ersten Gesamtsieg bei der Tour de France machen. Die beiden Fahrer trennen nur 57’’ in der Gesamtwertung, aber die Überlegenheit des Australiers im Zeitfahren zeigt sich bereits am ersten Kontrollpunkt. Nach 20 km schlägt das Pendel bereits zugunsten von Evans aus. Der Vorsprung bestätigt sich 5 km vor dem Ziel, wo der Luxemburger mit einem Rückstand von 1’45“ sein gelbes Trikot bereits virtuell abgeben muss. Im Ziel liefert Cadel Evans die zweitbeste Zeit ab und muss sich mit 7“ nur Tony Martin geschlagen geben. Sein Vorsprung reicht mehr als aus, um sich den Titel zu holen, der ihm 2008 unter ähnlichen Umständen versagt blieb. Andy Schleck überquert die Linie mit 2’31“ Rückstand auf seinen Rivalen. Seine Tour dürfte damit wohl mit einem zweiten Platz in der Gesamtwertung enden, wie bereits 2009 und 2010, diesmal mit einem Rückstand von 1’34“ auf das gelbe Trikot, das auf den Champs-Elysées noch nie zuvor an einen Australier ging.
„Im letzten Jahr sagte mir Aldo Sassi: ‚Jetzt hast du die Weltmeisterschaften gewonnen und in deiner Karriere fast alles erreicht. Du kannst noch eine große Rundfahrt gewinnen. Und ich hoffe für dich, dass es die Tour de France sein wird.’ Er hat seit 2001 an mich geglaubt und nie an meinen Fähigkeiten gezweifelt. Er hat mich nie aufgegeben und mit mir die guten, aber auch schlechten Zeiten durchlebt. Ich hatte in den letzten zehn Jahren schwere Momente, aber das macht die guten Momente umso besser. Im Zeitfahren 2007 war Contador in außergewöhnlich guter Form und ich hatte einen mittelmäßigen Tag und wurde 7. oder 8. Und 2008 war ich verletzt, erschöpft. Ich war jeden Tag kurz davor aufzugeben. Körperlich und seelisch war es zu hart für mich. Und bei einem Zeitfahren können sich kleine Schwächen enorm auswachsen. Deswegen war ich misstrauisch, wenn mir alle gesagt haben: ‚es ist sicher, du wirst gewinnen’. Das war die schwerste Tour, an der ich teilgenommen habe. Ich bin heute wie an jedem anderen Tag an diese Etappe herangegangen. Wir hatten einen Plan mit den Punkten A-B-C-D und den haben wir befolgt. Wir haben unser Bestes gegeben und kommen bis auf wenige Sekunden an den Etappensieg heran. Aber ich bin mir sicher, wenn ich es mir später anschaue, werde ich mich darüber freuen. Das Rennen war ziemlich seltsam. In den Bergen hatten wir kein sonderlich starkes Team. Wir haben aber jederzeit das getan, was getan werden musste. Jeder im Team hat auf jeder Etappe alles gegeben, damit ich dahin komme, wo ich heute bin. Ich kann es noch nicht so richtig glauben. Ich danke allen, die an diesem Erfolg beteiligt sind. Ich spreche über 20 Jahre Arbeit, die zu dieser Leistung geführt haben. Jetzt hoffe ich, dass morgen auf den Champs-Elysées das Wetter gut ist und ich dort ohne Probleme ankomme.“
„Ich habe mich vom Anfang des Rennens an gut gefühlt. Ich habe schnell meinen Rhythmus gefunden, konnte die Steigungen ziemlich schnell hochgehen und hatte auf den Abfahrten ein gutes Tempo. Ich war sehr nervös, als ich die Zeiten von Cadel Evans gesehen habe, weil ich zuerst einen guten Vorsprung hatte, aber dann ist er bis auf 7“ herangekommen. Auf dem letzten Kilometer habe ich mich gefragt, ob er mich noch schlagen würde, und das ist nervenaufreibend. Eine Etappe der Tour de France zu gewinnen ist schon seit langem mein Ziel. Das ist ein großer Tag für mich.“
„Am Abend haben mir alle im Team gesagt, dass es gut ist und ich das weiße Trikot behalten würde. Aber man darf die Haut des Bären, in diesem Fall Rein, nicht verkaufen, bevor man ihn getötet hat. Theoretisch war Taaramae stärker als ich, aber der Unterschied lag in der Frische. Meine größte Stärke ist mein Vermögen, mich zu erholen, und deshalb bin ich ganz frisch in dieses Zeitfahren gegangen. Ich wusste heute Morgen nicht, ob ich gute Beine haben würde, nach dem, was ich gestern geleistet habe. Aber als ich auf den Hometrainer stieg, hatte ich den Eindruck, dass es gut geht. Während des Zeitfahrens konnte ich noch nicht daran glauben. Und 5 km vor dem Ziel brach mein Funkkontakt ab und dann kannte ich die Abstände nicht mehr. Ich habe sogar gedacht, dass mein sportlicher Leiter sie mir verschweigt, weil sie nicht gut sind. Ich bin über mich selbst hinausgewachsen, um dieses Trikot zu behalten. Und bei der ersten Zwischenwertung habe ich gesehen, dass ich nur eine Minute Rückstand auf die Bestzeit hatte, während ich normalerweise bei einem Zeitfahren zu diesem Zeitpunkt immer eher zwischen 2’ und 2’30’’ zurückliege. Jetzt bin ich ein bisschen abergläubisch, also warte ich ab, bis ich in Paris ohne Vorfälle über die Ziellinie gehe. Es gibt in Paris nur vier Trikots zu vergeben, und eines habe ich gewonnen.“
1. Cadel Evans (AUS) BMC 2. Andy Schleck (LUX) LEO mit 1’34" Abstand 3. Fränk Schleck (LUX) LEO mit 2’30" 4. Thomas Voeckler (FRA) EUC mit 3’20" 5. Alberto Contador (ESP) SBS mit 3’57" 6. Samuel Sanchez (ESP) EUS mit 4’55" 7. Damiano Cunego (ITA) LAM mit 6’05" 8. Ivan Basso (ITA) LIQ mit 7’23" 9. Tom Danielson (USA) GRM mit 8’15" 10. Jean-Christophe Péraud (FRA) ALM mit 10’11"
1. Tony Martin 2. Cadel Evans mit 7" Rückstand 3. Alberto Contador mit 1’06" 4. Thomas De Gendt mit 1’29" 5. Richie Porte mit 1’30"
Der Luxemburger verliert das gelbe Trikot an den Australier Cadel Evans. Er kommt mit 2’47" Abstand auf Tony Martin (THR) ins Ziel. Der Deutsche holt sich seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France in einer Zeit von 55’33" (45,9 km/h mittlere Geschwindigkeit).
Cadel Evans hat im Laufe seines Lebens viele Rückschläge erlebt, aber er ist auf dem besten Weg, der erste australische Tour-Sieger zu werden. Er wurde drei Wochen nach dem errechneten Geburtstermin mit einer gebrochenen Nase geboren. Im Alter von acht Jahren trat ihm ein Pferd am Kopf, brach ihm den Schädel und er lag wochenlang im Koma. Die Ärzte erwarteten nicht, dass er jemals wieder würde laufen können. Den Etappensieg kann er sich in Grenoble nicht holen, aber er hatte bereits nach der Hälfte der 42,5 km langen Strecke seinen Rückstand von 57“ auf Andy Schleck wettgemacht. Er muss sich im Zeitfahren Tony Martin mit 7“ geschlagen geben, aber er hat jetzt einen komfortablen Vorsprung im Kampf um den Gesamttitel.
Fränk Schleck kommt mit 2’40" Rückstand auf Tony Martin ins Ziel und wird vermutlich den zweiten Rang der Gesamtwertung an seinen Bruder abgeben müssen. Er beendet die Etappe auf dem vorläufig 19. Rang.