
Alpe-d’Huez
109.5 km
Freitag 22 Juli
Nachdem er Thomas Voeckler zehn Tage lang geholfen hat, sein gelbes Trikot zu verteidigen, tritt Pierre Rolland aus dem Schatten seines Teamkollegen heraus und gewinnt in L’Alpe d’Huez eine prestigeträchtige Etappe – 25 Jahre nach Bernard Hinault, der als letzter Franzose in diesem Wintersportort siegte. Der Fahrer von Europcar behält auf der gesamten Etappe den Anschluss an die Besten, während sein Kapitän auf dem Anstieg zum Col du Galibier alle Hoffnung fahren lassen muss, seine Führung in der Gesamtwertung zu behalten. Auf dem Schlussanstieg nimmt Rolland die Verfolgung von Alberto Contador auf. Zunächst noch in Begleitung von Samuel Sanchez, kann er die beiden Spanier 2 km vor dem Ziel überraschen. Er holt sich nicht nur den Etappensieg, sondern auch noch das weiße Trikot Hinter ihm setzt sich die Selektion fort, häufig von Cadel Evans orchestriert. Der Australier liegt jetzt an dritter Position der Gesamtwertung mit 57’’ Rückstand auf Andy Schleck, der die Führung übernimmt, und 3’’ auf Fränk Schleck.
Hoogerland macht den Anfang
Bereits auf dem ersten Kilometer des Rennens löst sich auf Initiative von Johnny Hoogerland eine Gruppe, die zunächst aus Urtasun Perez (EUS), Burghardt (BMC) und Buffaz (COF) besteht und bei km 4 von Izagirre (EUS), Greipel (OLO), Iglinskiy (AST), Costa, Gutierrez (MOV), Koren (LIQ), Riblon (ALM), Flecha (SKY), Pineau (QST) und Duque (COF) Verstärkung bekommt. Die Ausreißer haben gerade genug Zeit, sich einen Vorsprung von 2’30’’ herauszufahren, als auch schon der erste Pass am Col du Télégraphe ansteht.
Contador startet durch
Nach zwei Kilometern Steigung wird das Hauptfeld durch eine Beschleunigung von Alberto Contador durcheinandergewirbelt, der Chris Anker Sorensen vorausgeschickt hatte. Der Coup lässt einige Favoriten zurückfallen, aber Andy Schleck, Evans und Voeckler bleiben dran und folgen dem Spanier. Ein erneuter Angriff von Contador lässt Cadel Evans zurück, der wegen eines mechanischen Problems anhalten muss, und auch Thomas Voeckler, der sich nach Kräften bemüht, die Lücke zu schließen. Das Duo Contador/Andy Schleck schließt zur Ausreißergruppe auf, die bereits in Auflösung begriffen ist. Auf der Passhöhe des Col du Télégraphe hat Voeckler 30’’ Rückstand auf die Spitze, während Evans zum Hauptfeld zurückfällt, wo er von jetzt an mit Basso und seinen Teamkollegen gemeinsame Sache macht. Ihr Defizit beträgt zu diesem Zeitpunkt 1’30’’.
Voeckler knickt 5 km vor dem Galibier ein
Die Führungsgruppe nimmt indes die Nordseite des Galibier in Angriff. Das Duo Contador und Andy Schleck sich 7 km vor der Passhöhe aller Mitstreiter mit Ausnahme von Costa und Riblon entledigt. Thomas Voeckler holt alles aus sich heraus, um seinen Abstand von 30“ auf das Quartett zu halten, bricht aber 5 km vor dem Gipfel ein und wird 4 km vor der Passhöhe eingeholt. Das Hauptfeld besteht zu diesem Zeitpunkt nur noch aus 14 Fahrern. Der Träger des weißen Trikots, Rein Taaramae, kann das Tempo nicht mehr halten. Das gelbe Trikot liegt noch immer hinten, als Samuel Sanchez 2,5 km vor der Passhöhe antritt. Dem Olympiasieger folgen erst Evans und dann eine Gruppe mit Fränk Schleck, Danielson, Casar, Jeannesson, Cunego und Velits. Der Kapitän von Euskaltel hat auf der Passhöhe 35’’ Abstand, während Voeckler abgeschlagen mit 1’30’’ zurückliegt.
Erneuter Angriff von Contador
Die Abfahrt nach Bourg-d’Oisans nutzt zunächst Samuel Sanchez, der bei km 63 zur Gruppe an der Spitze aufschließt. Aber die Verfolgergruppe um Evans ist nicht untätig und schafft 25 km vor dem Ziel ebenfalls die Wiedervereinigung. Pierre Rolland wartet nicht bis zum letzten Anstieg, um zur Offensive überzugehen. Er löst sich 23 km vor dem Ziel von dieser Gruppe und geht mit 30’’ Vorsprung auf seine Verfolgergruppe, zu der sich mittlerweile auch Voeckler und Taaramae wieder gesellt haben, auf den Anstieg nach L’Alpe d’Huez. Evans versucht einen Angriff, aber Alberto Contador geht 12 km vor dem Ziel wieder in die Offensive. Nach einer ganzen Serie von Beschleunigungen schüttelt er die Favoriten der Tour ab und trifft schließlich auf Pierre Rolland, den er 11 km vor dem Ziel stehen lässt.
Etappensieg und weißes Trikot für Rolland
Contador setzt sich im Alleingang an die Spitze, aber Samuel Sanchez löst sich 8 km vor dem Ziel von der Gruppe und holt zunächst Pierre Rolland ein. Zu zweit machen sie ihren Rückstand auf den Titelverteidiger wett, den sie 2,5 km vor dem Ziel einholen. In diesem Trio bläst der Franzose rasch zum Angriff. Er lässt die beiden Spanier hinter sich und geht allein auf den letzten Kilometer. Sein Vorsprung im Ziel reicht aus, um sich neben dem Etappensieg auch noch das weiße Trikot zu holen. Dahinter versucht Evans auf den letzten drei Kilometern noch einmal, seine Verfolger abzuschütteln, kommt aber mit der gleichen Zeit ins Ziel wie die Schleck-Brüder. Andy Schleck übernimmt das gelbe Trikot von Thomas Voeckler, der 2’25’’ später als das neue Trio an der Spitze der Gesamtwertung über die Ziellinie geht.
„Ich habe mit Cadel gesprochen und ihn gefragt, warum er nicht fährt, aber er hat mir nicht geantwortet. Also habe ich ihm gesagt, dass ich mit den Fahrern an der Spitze nichts zu schaffen habe, denn Alberto spielt in der Gesamtwertung keine Rolle mehr. Ich wollte nicht zuviel Druck machen, weil ich wusste, dass er angreifen würde. Das hat er auch gemacht, aber er hat es nicht geschafft, mich abzuschütteln. Viele Fahrer sagen, dass das gelbe Trikot Flügel verleiht. Ich hoffe, dass das morgen bei mir der Fall sein wird. Für mich hätte ein Drehbuchautor keine bessere Tour de France schreiben können. Sie hat alles, die Spannung ist perfekt. Zu diesem Zeitpunkt kann sich jeder seinen Teil denken: ‚Es ist nur eine Minute’ oder ‚WOW, eine Minute!’. Für das morgige Zeitfahren zähle ich nur auf mich selbst. Ich werde eine gute Zeit abliefern. Ich glaube, dass ich das gelbe Trikot behalten kann. Ich warte schon so lange darauf. Jede Sekunde zählt, und ich habe viel für das Zeitfahren gearbeitet. Ich gebe morgen alles und hoffe, dass es reichen wird.“
„Ich habe gesagt, dass ich alles unternehmen würde, um das gelbe Trikot von Thomas zu verteidigen. Aber auf dem Anstieg zum Galibier hat er zu mir gesagt: ‚Na los, ergreif deine Chance, kümmere dich nicht um mich.’ Daran sieht man auch, dass er ein ganz Großer ist, der mich im richtigen Moment losgeschickt hat. Ich habe meinen Angriff vorziehen wollen und habe schon im Tal beschleunigt. Ich kenne diesen Anstieg gut, denn ich bin ihn im letzten Jahr mehr als zehnmal gefahren. Als ich mich dann mit den beiden Spaniern wiederfand, dachte ich mir, dass sie sich gut kennen. Also wusste ich, dass ich nicht Zweiter werden würde: Sekt oder Selters. Ich wusste, dass ich in Kurve 1 auf das große Kettenblatt gehen und bis oben in diesem Gang fahren kann, weil ich es im Training mehrmals gemacht habe. Diese Etappe habe ich mir Dutzende von Malen auf Video mit Armstrong und Pantani angeschaut und habe ihren Rhythmus studiert. Und jetzt habe ich sie gewonnen! Es wird eine Weile dauern, bis ich es wirklich realisiere. Die Tour de France gewinnen? Man darf nicht vergessen, dass ich erst 24 Jahre alt bin und noch zehn gute Jahre vor mir haben. Ich weiß, dass ich so trainieren werde, dass ich mein höchstes Niveau erreiche, damit ich mir nichts vorzuwerfen habe, wenn meine Karriere einmal zu Ende geht.“
„Auf dem Anstieg nach L’Alpe d’Huez zog Alberto als Erster davon, aber ich bin wenig später gefolgt und habe Pierre Rolland eingeholt. Aber es ist mir nicht gelungen, den Etappensieg zu holen. Heute Morgen wollte ich zunächst sehen, ob ich mich von der gestrigen Etappe erholt habe, die für mich ein schlechter Tag war. Es macht einen immer stolz, in Paris auf dem Siegerpodest zu stehen. Und ich trage ein prestigereiches Trikot. Das ist für mich ein schöner Sieg, auch für mein Team. Ich betrachte es als Belohnung für all die Arbeit, die in diese Tour geflossen ist. Jetzt denke ich nur noch daran, mich auszuruhen. Dann sehe ich, in welcher Verfassung ich morgen für das Zeitfahren bin und wie mein Ziel lauten wird. Wenn ich Bilanz ziehen müsste, würde sie bei weitem nicht negativ ausfallen. Ich habe eine schöne Etappe in Luz Ardiden gewonnen, ich habe das gepunktete Trikot und ich bin unter den TOP 10 der Tour de France. Ich glaube, dass es Jelle Vanendert heute am Anstieg zum Galibier schwer hatte, aber mit ihm ist in den nächsten Jahren zu rechnen.“
Die Formation Garmin-Cervélo, die bereits die Mannschaftswertung anführt, hat sich jetzt auch noch einen Etappensieg in L’Alpe d’Huez gesichert, indem sie Ag2r-La Mondiale um 1’28’’ schlägt. Die amerikanischen Kletterer haben erneut auf Teamarbeit gesetzt: Ryder Hesjedal und Tom Danielson kommen Hinterrad an Vorderrad als 10. und 11. ins Ziel und Christian Vande Velde folgt nicht weit entfernt an 19. Position, und zwar so, dass das Team seinen Vorsprung in der Gesamtwertung sogar noch ausbaut: 11’58’’ auf Ag2r-La Mondiale und 12’57’’ auf Leopard-Trek. Der Vorsprung auf das vierte Team Europcar ist mit 40’46’’ mittlerweile immens. Da das Einzelzeitfahren eine weitere Spezialität der Formation ist, die bereits das Mannschaftszeitfahren am zweiten Tag der Tour ins Les Essarts für sich entschied, scheint die Sache entschieden. Garmin-Cervélo scheint auf sicherem Weg, bestes Team der Großen Schleife 2011 zu werden.
An einem Tag, wie er dramatischer nicht hätte sein können, knickt der französische Führende der Gesamtwertung schließlich ein. Die neue TOP 10 der Gesamtwertung: 1. Andy Schleck 2. Frank Schleck mit 53" Abstand 3. Cadel Evans mit 57" 4. Thomas Voeckler mit 2’10" 5. Damiano Cunego mit 3’31" 6. Alberto Contador mit 3’55" 7. Samuel Sanchez mit 4’22" 8. Ivan Basso mit 4’40" 9. Tom Danielson mit 7’11" 10. Pierre Rolland mit 8’57"
1. Pierre Rolland (FRA) EUC 109,5 km in 3h13’25" 2. Samuel Sanchez (ESP) EUS mit 14" Abstand 3. Alberto Contador (ESP) SBS mit 23" 4. Peter Velits (SVK) THR mit 57" 5. Cadel Evans (AUS) BMC mit 57" 6. Thomas De Gendt (BEL) VCD mit 57" 7. Damiano Cunego (ITA) LAM mit 57" 8. Fränk Schleck (LUX) LEO mit 57" 9. Andy Schleck (LUX) LEO mit 57" 10. Ryder Hesjedal (CAN) GRM mit 1’15"
Die durschnittliche Geschwindigkeit auf der 109,5 km langen Etappe betrug 34,0 km/h.
Pierre Rolland ist im Ziel und übernimmt mit seinem ersten Etappensieg auch gleich noch die Führung in der Juniorenwertung. Er gewinnt als erster Franzose eine Etappe der 98. Tour de France und wird zum Star.
Der Franzose holt sich seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France