Tagebuch der Etappe

étape 10 - Aurillac Carmaux 158 km
Dienstag 12 Juli

Neues Mitglied im Club: André Greipel

Die Etappe von Carmaux endet in einem Sprint, der aus dem Rahmen fällt, weil am Ende nur noch ein Feld von ungefähr sechzig Fahrern das verschärfte Tempo mitgehen kann, das vom Team Omega Pharma Lotto vorgegeben wird. Darunter sind Mark Cavendish, der in guter Position liegt, um sich einen Etappensieg zu holen. Aber der Brite, der seiner üblichen Maschinerie beraubt ist, patzt beim Timing. Auf der Zielgeraden wird die Auseinandersetzung zum Duell mit seinem ehemaligen Teamkollegen André Greipel, der sich als stärker erweist und seinen größten Rivalen um eine Radlänge schlägt. Der Deutsche holt sich den ersten Etappensieg bei seiner ersten Tour-Teilnahme.

Sechs Fahrer an der Spitze, fünf davon Franzosen
Die Öffnung ist schwer zu finden, aber dennoch bildet sich nach 10,5 km eine sechsköpfige Ausreißergruppe: Di Grégorio (AST), Minard (ALM), Vichot (FDJ), El Fares (COF), Marcato (VCD) und Delaplace (SAU). Kurz nachdem sich diese Gruppe abgesetzt hat, wird das Peloton von einem Sturz erschüttert (km 11), der Cancellara, Leipheimer und Gesink zu Boden wirft. Alle Fahrer können das Rennen fortsetzen, aber das Tempo bleibt bis zum Zwischensprint in Maurs hoch, wo sich Cavendish die 9 Punkte sichert, die auf den 7. Platz entfallen. Danach wird die bisher schnellste Stunde der diesjährigen Tour mit 51,6 km verzeichnet, die die Ausreißer in der ersten Rennstunde zurückgelegt haben.

HTC und Lampre bekennen schnell Farbe
Das Tempo verlangsamt sich danach ein wenig, ohne dass die Ausreißergruppe wirklichen Nutzen daraus schlagen könnte. Die Teams HTC-Highroad und Lampre offenbaren schnell, dass sie Interesse an einer Sprintankunft haben, und gönnen den Ausreißern maximal 4’ Vorsprung, den diese bei km 49,5 erreichen. Über weite Teile der Etappe müssen sich die Ausreißer mit einer Marge von etwa 3’ begnügen. 40 km vor dem Ziel geht die Aufholjagd richtig los. 10 km weiter setzt sich die Formation von HTC vollständig an die Spitze des Pelotons, das nur noch 50’’ Rückstand hat.

Königlicher Angriff
Der Rückstand verkürzt sich bereits 20 km vor dem Ziel merklich (40’’). Auf der Abfahrt teilt sich die Ausreißergruppe in zwei Duos. Aber Marcato, Minard und Vichot können ihren Vorsprung auch nicht wesentlich länger als Di Grégorio, El Fares und Delaplace verteidigen. Marcato ist der zäheste Angreifer, aber auch er sich 16 km vor dem Ziel auf dem Anstieg von Mirandol-Bourgnounac geschlagen geben. Im letzten Abschnitt dieser Steigung verschärft Tony Gallopin das Tempo. Es folgt ein meistergültiger Angriff von Thomas Voeckler, dem Träger des gelben Trikots, den nur der hier zu holende Bergwertungspunkt interessiert, von Philippe Gilbert, dem Träger des grünen Trikots, und dem Deutschen Tony Martin und Dries Devenyns.

Einer gegen einen
Philippe Gilbert zieht 7 km vor dem Ziel im Alleingang davon. Er wird 5 km vor der Ziellinie vom Peloton eingeholt, das nur noch aus etwa sechzig Fahrern besteht. Mark Cavendish hat einen Großteil seiner Lokomotiven eingebüßt, dafür aber auch einige Rivalen wie Farrar oder Galimzyanov abgeschüttelt. Auf dem letzten Kilometer scheint Mark Cavendish gut platziert zu sein, aber sein verfrühter Antritt ermöglicht es André Greipel, sich einen Zweikampf mit seinem ehemaligen Teamkollegen und Rivalen zu liefern. Der Deutsche setzt sich auf den letzten 20 Metern durch und schlägt Cavendish um eine Radlänge.

 

Thomas Voeckler: "Es gibt keinen Grund, alle Traditionen zu bewahren."

Die 10. Etappe erinnerte Thomas Voeckler daran, wie es ist, die Tour de France anzuführen. Er fand sich im Finale in einer fünfköpfigen Ausreißergruppe wieder. Das ist aus seiner Sicht nur natürlich – denn schließlich ist er ein angriffsstarker Fahrer.

„Die Ausreißergruppe hätte nicht besser sein können, es entsprach perfekt unseren Interessen. Keiner in der Gruppe hatte weniger als eine Viertelstunde Abstand auf die Spitze der Gesamtwertung. Und deshalb mussten wir im Peloton kaum arbeiten. Wir mussten nur wachsam bleiben und antreten, wenn es nötig war, aber nicht den ganzen Tag im Dauerstress sein. Was meine Gefühlslage betrifft, so stimmt es, dass das gelbe Trikot für jede Menge Spannung sorgt, insbesondere am ersten Tag, wenn man es trägt, aber es macht auch großen Spaß. Am Ende der Etappe lag ich vorn, weil ich so gefahren bin, wie ich es immer mache. Es ist nicht überraschend, Philippe Gilbert und mich vorn zu sehen, weil wir beide ein aggressives Temperament haben und so fahren wir eben. Er fährt noch einen Hauch schärfer als ich, aber wir sind beide Angreifer. Und es gibt keinen Grund, an allen Traditionen festzuhalten – statt vier Jungs ziehen zu lassen, die gerade bei mir waren, habe ich mich einfach drangehängt. Aber dann hatte ich nicht mehr die Beine, um noch eins draufzulegen. Ich habe vorgestern viel Energie aufwenden müssen. Was die nächsten Tage betrifft. Na ja, man kann nicht zu weit in die Zukunft blicken, aber ich erwarte, dass es ähnlich laufen könnte wie heute. Das wäre ideal. Also abwarten und Tee trinken.“

 

Johnny Hoogerland: "Ich habe mich auf dem Rad besser gefühlt als im Bett."

Die Narben werden ihm über seine Teilnahme an der Tour de France hinaus bleiben, aber Johnny Hoogerland bewahrt sich seine positive Einstellung zum Leben und zu dem Rennen, das so lange ein Traum von ihm war … und er führt weiterhin die Bergwertung an.

„Ich war glücklicherweise heute nicht an dem Sturz beteiligt. Ich konnte mich mitten in einer guten Gruppe platzieren. Auch wenn es ein schwerer Tag war, habe ich viel Unterstützung von anderen Fahrern bekommen und wurde von der Menge kräftig angefeuert. Vor allem meine Teamkollegen waren eine große Hilfe – danke an alle, die mich heute unterstützt haben. Ich glaube, heute hing es vor allem von der mentalen Stärke ab, wie man diese Etappe überlebt hat. Ich habe mich heute auf dem Rad besser gefühlt als im Bett oder zu Fuß. Ich denke, dass mich jede Menge Adrenalin durch den Tag gebracht hat. Ich habe nur einmal daran gedacht, die Tour de France abzubrechen, und das war während der zwei Sekunden, als ich durch die Luft flog. Ich habe nur noch gedacht: ‚Oh mein Gott!’ Aber als ich dann dort lag und mich bewegen konnte, war mein einziger Gedanke, sofort wieder aufs Rad zu steigen. Es ist furchtbar, so etwas zu erleben. Es ist schon seit ungefähr 15 Jahren mein Traum, an der Tour de France teilzunehmen. Dann bekomme ich die Chance, ich trage das Trikot des besten Kletterers und fahre um den Etappensieg und dann passiert so etwas. Wenn ich die Fernsehbilder sehe, werde ich sehr emotional. Das Ziel des Teams lautet, jeden Tag vorn mitzumischen. Es war perfekt, dass Marco Marcato heute in der Ausreißergruppe war und die Punkte geholt hat, die sonst an andere gegangen wären.“

 

Robert Gesink: "Ich fühle mich zunehmend besser."