Tagebuch der Etappe

étape 8 - Station des Rousses Morzine-Avoriaz 189 km
Sonntag 11 Juli

Erster Etappensieg für Andy Schleck

Es gab viele Szenen auf der 8. Etappe der Tour de France 2010, die in Erinnerung bleiben werden, aber das größte Aufsehen erregte eine Meldung mit zwei Worten: „Armstrong zurück“. Der siebenmalige Champion erlebte auf der Strecke nach Morzine-Avoriaz einen Albtraum mit drei Stürzen und wurde anschließend von seinen Rivalen im Kampf um den Titel am Col de la Ramaz erbarmungslos abgehängt. Es ist zehn Jahre her, dass er ebenfalls in Morzine seine erste – und einzige – echte Krise während seiner siebenjährigen Herrschaft als Champion erlebte, als er am Col de Joux Plane haltlos zurückfiel. Heute brach er ein und verlor 11’45” gegenüber dem Etappensieger.
Es war die Bestätigung der neuen Generation: Andy Schleck gewann die Etappe und zieht dank eines sensationellen Sprints am Gipfel eines harten Passes auf den zweiten Platz der Gesamtwertung vor, während Cadel Evans als Fünfter der heutigen Etappe die Führung im Gesamtklassement übernimmt. Chavanel durfte nur einen Tag in Gelb fahren, was auch von vielen so erwartet worden war. Dass der Kapitän des Teams RadioShack, das noch Levi Leipheimer in den TOP 9 hat, so einbrechen würde, hatten hingegen die wenigsten erwartet, aber am morgigen Ruhetag wird wohl ein neuer Marschbefehl ausgeheckt.
Evans war zu Beginn der Etappe ebenfalls in einen Unfall verwickelt, aber nichtsdestotrotz tauschte er das Trikot des Weltmeisters gegen das gelbe ein.

Die Etappe im Einzelnen

Sturz nach 6 km

Die Aussicht auf die ersten Alpenpässe weckt den Ehrgeiz der Angreifer, die sich zahlreich an einer ersten Flucht versuchen. Kiryienka (GCE) gibt bei km 4 den Ton an, kann sich aber nur 7 km lang an der Spitze halten. Der Weißrusse profitiert wenig von diesem kurzen Manöver, aber vermeidet immerhin einen Sturz bei km 6, an dem Cadel Evans, Jérôme Pineau, Roman Kreuziger und Lance Armstrong beteiligt sind.

Moinard nutzt seine Chance

Danach zeigt sich Rein Taaramae sehr umtriebig, aber seine wiederholten Versuche im Alleingang und zum Teil in Begleitung werden gleich wieder vom Peloton zunichte gemacht. Bei km 25 wird er endgültig dem Feld einverleibt. Dann gelingt seinem Teamkollegen Amaël der entscheidende Zug. Ihm folgen Vaugrenard (FDJ), Riblon (ALM), Aerts (OLO), Erviti (GCE), Minard (COF) und Moerenhout (RAB). Diese sieben Fahrer werden von Chavanels Teamkollegen strengstens überwacht. Quick Step achtet darauf, den Abstand zunächst nicht größer als 4’ werden zu lassen (4’20’’ bei km 60), nimmt dann aber etwas Druck raus. Bei km 110 erreicht die Ausreißergruppe mit 7’ ihren größten Vorsprung.

Armstrong am Boden

Während die Etappe in die entscheidende Phase geht, verschärft sich das Tempo. In der Aufregung geht Lance Armstrong bei km 133 erneut zu Boden. Der Amerikaner muss sich just in dem Moment, als es mit 4’20“ Abstand auf die Ausreißer hinauf zum Col de la Ramaz geht, wieder von hinten an das Feld heranarbeiten. Auch wenn sich bereits zu Beginn des Anstiegs am Ende des Felds ein „Grupetto“ bildet, trennt sich auf halbem Wege zum Pass die Spreu so richtig vom Weizen. Hier liegt Sylvain Chavanel bereits weit hinter Gruppe der Favoriten zurück. 4,5 km vor dem höchsten Punkt des Passes ist es dann Lance Armstrong, der die Segel streichen muss. Alberto Contador ergreift die Chance und verschärft mit seinem Teamkollegen Daniel Navarro das Tempo.

Trio sichert sich die Bergwertung

Indessen fällt die Spitzengruppe nach einer Beschleunigung von Koos Moerenhout auseinander, der seinen Angriff mit Moinard und Aerts fortsetzt. Am Col de la Ramaz holt sich das Trio die Punkte für die Bergwertung, aber der Vorsprung von 2’05’’ gegenüber der Gruppe um Contador erscheint recht mager, um dieses Unterfangen erfolgreich zu beenden. Armstrong hat zu diesem Zeitpunkt 3’15’’ Rückstand.

Aerts greift an
Den Schlussanstieg treten Moerenhout, Moinard und Aerts mit 1’15’’ Vorsprung an. Das Tempo, das vom Team Astana im Peloton vorgegeben wird, macht ihnen die Aufgabe nicht leichter. Angesichts der nahenden Bedrohung greift Aerts an und kann sich kurzzeitig in Gesellschaft von Moinard behaupten. Aber 5,5 km vor dem Ziel werden die beiden Angreifer von der Gruppe um Contador eingeholt, die 16 Fahrer umfasst, die alle hungrig auf einen Etappensieg sind.

Wiggins verliert 1’45’’ auf 3 km

Die jeweiligen Beschleunigungsversuche von Kreuziger, Vanden Broecke und Gesink führen lediglich dazu, dass die Anzahl der Anwärter auf den Etappensieg auf den letzten Kilometern schrumpft. Aber als das Rennen auf den letzten Kilometer geht, zeigt sich sofort, dass Andy Schleck den entscheidenden Schlag landen wird, da nur noch Samuel Sanchez sein Tempo halten kann. Andy Schleck, seines Zeichens ein Meister des Sprints, holt sich seinen ersten Etappensieg bei der Tour. Außerdem macht Schleck gegenüber der Gruppe um Contador 10’’ gut. Cadel Evans übernimmt das gelbe Trikot. Die Zeitmessung zeigt anschließend das Ausmaß der Schäden: Für Wiggins, der auf den letzten 3 km 1’45’’ verliert, ist das Ergebnis noch zu verkraften, während die Situation für Christophe Le Mével, der mit 6’30’’ Abstand über die Linie geht, schon problematischer aussieht. Vernichtend ist das Urteil jedoch für Lance Armstrong, der einen Rückstand von 11’45’’ verbucht.

 

Andy Schleck: "Ich bin in der Form meines Lebens."

Nach sieben Etappen trug Andy Schleck wieder das weiße Trikot, aber jetzt wird er gefragt, wann er sich das gelbe holt. Er lachte, dementierte aber nicht. ‚Ach, die Pyrenäen’, war seine wohl abgewogene Antwort. Er zählt nun zum erlesenen Kreis der Etappensieger bei der Tour de France, aber er glaubt, dass er auch die Tour gewinnen kann.

Es hat mir wirklich Auftrieb gegeben zu wissen, dass ich angreifen kann, ohne dass Contador mir im Nacken sitzt. Er sieht das vermutlich anders, aber ich bin glücklich. Es ist für mich ein hervorragender Etappensieg – bis jetzt hat alles perfekt funktioniert. Es ist hart, aber das Team kann auf mich zählen, und ich verspreche ihnen, dass ich bis nach Paris kämpfe. Ich kämpfe, bis ich vom Rad falle.
Ich hoffe, dass Sie mich möglichst bald im gelben Trikot sehen werden, aber ich sage voraus … ach, die Pyrenäen.
Es war ein hervorragender Tag, aber ich gebe zu, dass ich meinen Bruder vermisse, wenn ich an der Spitze des Pelotons fahre und leide und mir alles wehtut. Heute ging es. Ich fühle mich ganz gut. Ich habe es schon mal gesagt, aber ich sage es gern noch mal: Ich bin in der Form meines Lebens. Ich habe am Ende gezeigt, was in mir steckt. Ich habe viel Kraft und ich muss mir immer selbst in Erinnerung rufen: ‚Sei nicht blöd und halt dich nicht zurück.’ Ich muss versuchen, das Beste aus mir herauszuholen und das gelbe Trikot zu holen.
Ich gehe das Ganze Schritt für Schritt an. Ich freue mich über den Etappensieg. Das werde ich heute Abend genießen. Morgen ist ein Ruhetag und dann gehen wir unser nächstes Ziel an. Es ist noch ein langer Weg bis nach Paris und ich weiß, dass ich nicht wie heute im Windschatten anderer fahren kann, wenn ich die Tour gewinnen will. Ich muss aktiver sein und meinen Rivalen Zeit abnehmen. Ich bin dazu bereit.

 

Cadel Evans: "Das ist das Ergebnis - wir führen."

Vor zwei Jahren stürzte Cadel Evans auf der ersten Bergetappe, aber er kam zurück und erkämpfte sich in Hautacam das gelbe Trikot. Auf der achten Etappe stellte er erneut unter Beweis, dass er nicht nur eine konsequent gute Leistung zeigt, sondern auch stark genug ist, die Tour de France anzuführen … nicht zum ersten Mal!

„Ich kann es immer noch nicht glauben. Die Kameras haben den Sturz auf den ersten Kilometern wahrscheinlich nicht eingefangen. Ich bin sehr hart aufgeschlagen, aber ich konnte mich mit dem Arm abfangen und bin nicht auf den Beinen gelandet, aber es hat den heutigen Tag noch härter gemacht.
Am Ende ist Schleck davon gezogen, aber ich musste mir noch ein paar Reserven aufsparen. Es war keine leichte Etappe und der Wind die Einschätzung des Finales, aber ich bin jetzt in einer hervorragenden Position. Ich haben einen Vorsprung gegenüber Contador und wenn man sich unsere Geschichte anschaut, ist das eine tolle Sache.
Als Armstrong zurückfiel, wollte Contador ihn in der Wertung soweit wie möglich abhängen und so wie Astana gefahren ist, hat uns das in eine ausgezeichnete Lage versetzt. Daher haben wir uns so gründlich auf die Etappe mit dem Kopfsteinpflaster vorbereitet, weil ich so Zeit gegenüber Contador gutzumachen konnte – und das müssen wir, wo es nur geht. Er hat sein Team für die Steigungen in den Pyrenäen geschont, da werden sie sich noch stärker behaupten.
Ich habe ein kleines Polster vor Andy Schleck, aber wir müssen schauen, was passiert. Ich habe ein wenig Zeit, um über alles nachzudenken.
Es ist eine seltene Ehre im Radsport, das regenbogenfarbene Trikot gegen das gelbe eintauschen zu dürfen – ich möchte allen danken, die an mich geglaubt haben, nicht nur in diesem Jahr bei BMC, sondern in all den Jahren seit meinem 14. Lebensjahr, als ich angefangen habe, Mountainbike-Rennen zu fahren. Das ist eine der Belohnungen, die wir hin und wieder bekommen, und es warten noch mehr – und bessere – Dinge auf uns.
Steve Morabito ist wirklich super gefahren. Er kennt die Region, weil er hier lebt, und wie er schon bei der Tour de Suisse gezeigt hat, ist er in Topform. Wenn es im Team mit allen – Mechaniker, Betreuern und den anderen Fahrern – gut läuft, ist es ein Vergnügen, mit ihnen zu arbeiten. Sie haben sich überall um mich gekümmert und das ist das Ergebnis – wir führen die Tour de France an.”

 

Agenturmeldungen

17:44 - Die neuen TOP 5 in der Gesamtwertung

Cadel Evans übernimmt nach der 8. Etappe das gelbe Trikot. Die neuen TOP 5 in der Gesamtwertung sind: 1. Cadel Evans (AUS) BMC 2. Andy Schleck (LUX) SAX mit 20" Abstand 3. Alberto Contador (ESP) AST mit 1’01" 4. Jurgen Van Den Broeck (BEL) OLO mit 1’03" 5. Denis Menchov (RUS) RAB mit 1’10"

17:43 - Die TOP 10 der 8. Etappe

Andy Schleck, der Zweitplatzierte 2009, hat seine erste Etappe bei der Tour de France gewonnen. Die TOP 10 der 8. Etappe sind: 1. Andy Schleck (LUX) SAX - 189km in 4h54’11" 2. Samuel Sanchez (ESP) EUS mit der gleichen Zeit 3. Robert Gesink (NED) RAB mit 10" Abstand 4. Roman Kreuziger (CZE) LIQ mit 10" 5. Alberto Contador (ESP) AST mit 10" 6. Cadel Evans (AUS) BMC mit 10" 7. Jurgen Van Den Broeck (BEL) OLO mit 10" 8. Levi Leipheimer (USA) RSH mit 10" 9. Ivan Basso (ITA) LIQ mit 10" 10. Denis Menchov (RUS) RAB mit 10"

17:38 - Evans übernimmt Gelb

Cadel Evans übernimmt zum zweiten Mal in seiner Karriere das gelbe Trikot. Er führte 2008 fünf Tage lang die Gesamtwertung an, aber in diesem Jahr dürfte sein Vorsprung höher sein als die eine Sekunde, mit der er vor zwei Jahren gegenüber Frank Schleck führte.

17:36 - Andy Schleck gewinnt

Der beste Juniorenfahrer gewinnt die Etappe. Er setzt sich im Sprint in Morzine-Avorias gegen Samuel Sanchez durch und holt sich seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France.

17:34 - Andy Schleck fliegt zur Führung

Andy Schleck sprintet weniger als 1 km vor dem Ziel zur Führung. Sanchez vom Team Euskaltel ist der einzige, der ihm noch folgen kann.