
Pauillac
52 km
Sonnabend 24 Juli
Es kommt zur letzten erwarteten Aussprache zwischen Alberto Contador und Andy Schleck im Zeitfahren, das zwischen Bordeaux und Pauillac ausgetragen wird. Der Luxemburger hält die Spannung länger hoch, als viele dachten, denn er bleibt über weite Teile fast zeitgleich mit Contador. Am Ende zeigt der Träger des gelben Trikots aber doch seine relative Überlegenheit in dieser Disziplin und distanziert seinen ärgsten Rivalen vor der letzten Etappe auf 39’’. Der Kampf der beiden ist jedoch weit von den Leistungen entfernt, die die Meister dieser Disziplin zu Beginn der Etappe bei entschieden günstigeren Bedingungen zeigen. Auch hier wiederholt sich die gewohnte Hierarchie mit einem eindeutigen Sieg für Fabian Cancellara, der bereits den Prolog von Rotterdam vor drei Wochen für sich entschied.
Erste Referenzzeit: fast 50 km/h
Es kommt selten vor, dass ein Weltmeister den letzten Platz der Gesamtwertung bei der Tour de France belegt. Dennoch geht Bert Grabsch, der bei den Weltmeisterschaften im Zeitfahren in Varese 2008 gewann, als Erster auf die Strecke von Bordeaux nach Pauillac. Die Referenzzeit, die er auf der Ziellinie abliefert, ist nicht von schlechten Eltern, denn der Deutsche flirtet bereits mit der magischen Marke von 50 km/h. David Millar, der in diesem Jahr ebenfalls die Untiefen des Gesamtklassements auslotet, hat im Ziel mehr als zwei Minuten Rückstand auf Grabsch. Tony Martin gelingt es schließlich, seinen Landsmann mit einer 1’31’’ schnelleren Zeit zu entthronen.
„Spartakus“ lässt nicht lange auf sich warten
Beim Prolog in Rotterdam erlebte Martin bereits die nervenraubende Situation, gleich zu Beginn die Bestzeit zu liefern und den Rest des Tages mit gespanntem Blick auf die Uhr verbringen zu müssen. Wie in den Niederlanden bereitet Fabian Cancellara Martins Träumen ein Ende. Diesmal fällt das Warten kürzer aus, denn auch wenn Cancellara zu Beginn der Etappe auf dem 132. Platz liegt, ist der Vorsprung eindeutig: „Spartacus“ schlägt Martin um 17’’.
Ein unschlagbares Trio
Mit 51,2 km/h Schnitt legt der dreifache Weltmeister in dieser Disziplin die Messlatte sehr hoch. Die vorzeitig festgelegte Aufstellung auf dem Siegertreppchen der heutigen Etappe wird von niemand mehr angetastet. Andere Fahrer, die für ihre Schnelligkeit bekannt sind, wie Zabriskie (GRM), Thomas (SKY) oder Brajkovic (RSH), kommen kaum in die Nähe dieses Trios.
Menchov holt sich den dritten Platz
Zu diesem Zeitpunkt wird die Hierarchie in der Gesamtwertung der Tour zur entscheidenden Frage. Zunächst sorgt Ryder Hesjedal für Wirbel, der an Joachin Rodriguez vorbei auf den 7. Platz zieht. Den dritten Platz des Podiums machen Samuel Sanchez und Denis Menchov anschließend unter sich aus. Die 21’’, die der Russe braucht, um am Spanier vorbeizuziehen, hat er bereits bei der Zeitmessung bei km 18 sicher.
Andy mit 1’’ Rückstand auf Alberto
Der Titelkampf geht im Zeitfahren nach Pauillac mit dem Start von Andy Schleck in eine letzte Runde. Er beginnt seine Fahrt mit hohem Tempo und kommt sogar für einen kurzen Moment bis auf 1’’ an den Führenden der Gesamtwertung heran. Aber im zweiten Teil der Strecke zeigt sich der Titelverteidiger stärker und baut seinen Vorsprung aus. Die Uhr gibt Contador auf der Ziellinie recht: Mit der 31. Zeit und 5’43’’ Rückstand auf Cancellara nimmt der Spanier Andy Schleck 31’’ ab und baut so seine Führung im Gesamtklassement auf 39’’ aus.
Der Mann, der kurz vor dem dritten Titelgewinn steht, weinte, als er nach der letzten wirklichen Prüfung der 97. Tour de France über die Ziellinie ging. Für Alberto Contador brachte die vorletzte Etappe des Rennens eine Belastungsprobe und die große Erleichterung.
„Ich bin heute Morgen fit aufgewacht, ich hatte eine gute Nacht. Aber man kann sagen, dass ich heute gelitten haben. Ich denke, auch Andy hat gekämpft, denn das Rennen war sehr schwer. Ich hatte Mühe, meinen Rhythmus zu finden. Aber ich wollte mich völlig auf meine Haltung konzentrieren … auf die Aerodynamik. Es war nicht mein bester Tag und ich hatte Zweifel, aber ich habe gewonnen. Ein Zeitfahren bei der Tour de France ist kein Rennen wie andere.
Ich freue mich wahnsinnig, weil dieser Sieg kein leichter war. Es war 2007 und auch im letzten Jahr nicht einfach, aber das ist unglaublich. Es ist eine riesige Erleichterung.“
Es bestand kein Grund, nach Ausreden zu suchen, warum er das weiße Trikot nicht gegen ein gelbes eintauschen konnte, auch wenn Andy Schleck bei der Betrachtung der letzten drei Wochen einige Gründe parat hatte. Er wird in diesem Jahr erneut Zweiter. Diesmal verpasst er den Gesamtsieg nur um 39 Sekunden.
"Alle haben gesagt, dass ich schon vor der heutigen Etappe geschlagen bin, aber ich wollte nicht aufgeben, habe alles versucht und bin ziemlich dicht drangekommen. Bis 10 km vor dem Ziel war ich nah dran, aber am Ende war Alberto Contador in einer Position, wo er mir viel Zeit hätte abnehmen können. Aber im Ziel war es gar nicht soviel, oder?
Nach mehr als 3.500 km sind 39 Sekunden nicht sonderlich viel. Andere Umstände, wie zum Beispiel meinen Bruder an meiner Seit zu haben, wären gut für mich gewesen. Ich glaube an alles, was wir machen – im Rennen und im Leben. Wir machen es, weil wir es wollen. Ich habe keine Fehler gemacht … na ja, ich bedaure, dass mir die Kette abgesprungen ist, aber er hätte trotzdem zwei Sekunden Vorsprung gehabt, und ich kann es nicht mehr ändern.
Ich hatte nie Zweifel daran, wie ich im Zeitfahren abschneiden würde. Mein Team hat an mich geglaubt und ich habe heute alles gegeben. Ich habe getan, was ich konnte. Es war kein Kampf zwischen mir und Contador; in einem Zeitfahren kämpft man mit sich selbst – man muss sich an seine Grenzen bringen und das habe ich versucht. Als ich im Ziel war, konnte ich kaum von meinem Rad steigen. Ich habe alles reingebuttert und denke, ich habe ein ganz gutes Zeitfahren abgeliefert. Ich bin mit dem heutigen Tag und der gesamten Tour zufrieden.
Mir ist egal, wie hoch der Zeitunterschied ist. Was zählt, ist der Platz, den man am Ende hat, und Alberto war in diesem Jahr einfach besser als ich, aber ich komme wieder.
Ich habe erneut das weiße Trikot gewonnen, zwei Etappensiege geholt und ich denke, es war für das ganze Team eine ziemlich erfolgreiche Tour.“
Vor dem Zeitfahren schickte Fabian Cancellara eine SMS an Andy Schleck, wollte ihn aber nicht anrufen, um die Konzentration des Zweitplatzierten nicht zu stören. ‚Fabu’ hat das Zeitfahren gewonnen, aber direkt nach dem Rennen gab es nur eine Sache, über die er sprechen wollte – die Leistung seines Teamkollegen.
„Ich bin stolz, glücklich und sehr, sehr müde. Die Tour ist lang und es passieren immer viele Dinge. Mit einem Sieg anzufangen und abzuschließen ist großartig. Ich bin auch sehr davon beeindruckt, was Andy heute geschafft hat. Er hat viele Leute überrascht. Ich habe ihm gesagt: „Du musst an dich selbst glauben, du musst daran glauben, was du die letzten drei Wochen geleistet hast, und an alles, was du machst.“ Hinterher habe ich ihm außerdem gesagt. „Hey, du hast heute etwas gewonnen. Selbst wenn du heute Zweiter bist, hast du etwas gewonnen, das über einen Sieg hinausgeht.“ Er hat sich Respekt verdient und auch die Gewissheit, dass für ihn zukünftig noch mehr drin ist. Er ist dichter an der Spitze dran. Er war im Zeitfahren näher an Alberto dran. Im Gebirge ist er vorn dabei. Ich denke, wenn er noch mehr an allem arbeitet, wird er bald die Tour gewinnen. Er war heute so dicht dran, dass ich dachte, unsere Hoffnungen erfüllen sich. Aber er hat nichts zu verlieren. Er ist sechs Tage im gelben Trikot gefahren, er hat zwei Etappen gewonnen und das Team hatte großen Erfolg. Ich habe den Prolog gewonnen, habe die Wertung angeführt und heute gewonnen. Wir müssen also zufrieden sein.“
Eine Etappe vor dem Ende der Tour 2010 ergibt sich folgender Stand in der Gesamtwertung: 1. Alberto Contador (ESP) AST 2. Andy Schleck (LUX) SAX mit 39” Abstand 3. Denis Menchov (RUS) RAB mit 2’01” 4. Samuel Sanchez (ESP) EUS mit 3’40” 5. Jurgen van den Broeck (BEL) OLO mit 6’54”
Alberto Contador ist über seinen 35. Platz hoch erfreut. Die TOP 10 in Pauillac sind: 1. Fabian Cancellara (SUI) SAX – 52 km in 1h00’56” 2. Tony Martin (GER) THR mit 17” Abstand 3. Bert Grabsch (GER) THR mit 1’48” 4. Ignatas Konovalovas (LTH) CTT mit 2’34” 5. Dave Zabriskie (USA) GRM mit 3’00” 6. Koos Moerenhout (NED) RAB mit 3’03” 7. Vasil Kiryienka (BLR) GCE mit 3’10” 8. Maartijn Tjallinghii (NED) RAB mit 3’21” 9. Bradley Wiggins (GBR) SKY mit 3’33” 10. Geraint Thomas (GBR) SKY mit 3’38”
Die letzte wirkliche Schlacht der Tour 2010 hat der Titelverteidiger für sich entschieden. Alberto Contador siegt zwar nicht in Pauillac, aber er hat das gelbe Trikot erfolgreich gegen Andy Schleck verteidigt, der irgendwann einmal fünf Sekunden Vorsprung auf den Spanier hatte. Am Ende der Etappe führt mit Contador in der Gesamtwertung mit 39”.
Der Wind hat heute in der Entscheidung ein Wörtchen mitgeredet, aber nichtsdestotrotz ist Fabian Cancellara ein gutes Rennen gefahren. Der Weltmeister hat ein weiteres Zeitfahren für sich entschieden. Er ist einer von zwei Fahrern, die einen Schnitt von über 50 km/h erreichten.
Schleck ist weniger als 1 km von der Ziellinie entfernt, aber es wird ihm nicht gelingen, die Zeit gutzumachen, die er braucht, um die Tour zu gewinnen. Er wird wie auch schon 2009 auf dem zweiten Platz landen. Er beendet sein Zeitfahren nach 1h07’11”.