Tagebuch der Etappe

étape 15 - Pamiers Bagnères-de-Luchon 187.5 km
Montag 19 Juli

Voeckler und der Port de Balès

Am Tag des einhundertjährigen Jubiläums der ersten Hochgebirgsetappe in den Pyrenäen gelingt Thomas Voeckler ein Riesencoup. Der Fahrer schafft es, sich der am stärksten bekämpften Ausreißergruppe der Tour 2010 anzuschließen, die sich nach 90 km bildet, nur um anschließend seine Weggefährten auf einem Anstieg außer Kategorie (HC) abzuschütteln, was ihm bereits auf der Route du Sud geglückt war. Auf dem Port de Balès allein in Führung jagt Voeckler nach Bagnères-de-Luchon mit der Gewissheit hinab, dass dort ein historischer Sieg auf ihn wartet. Es ist der erste französische Etappensieg seit Jacky Durand 1994, den der französische Meister holt. Hinter ihm wird das Duell um die Führung der Gesamtwertung von einem mechanischen Problem entschieden, das den Träger des gelben Trikots am gleichen Anstieg ausbremst, und zwar just in dem Moment, als er zum Angriff auf Contador übergehen will. Andy Schleck bekommt Alberto Contador erst wieder bei der protokollarischen Zeremonie zu Gesicht, wo der Titelverteidiger das gelbe Trikot übernimmt.

Unerlaubte Ausflüge

Das Peloton beäugt äußerst misstrauisch mögliche Ausreißversuche und unterdrückt alle Initiativen systematisch im Keim. Pavel Brutt (KAT) ist der erste, der diese Regel zu spüren bekommt (km 5), bevor Pineau (QST) und Van Summeren (GRM) ohne Erfolg ihr Glück versuchen. Das hohe Tempo hält selbst die Führenden in der Bergwertung davon ab, am Côte de Carla-Bayle (km 30) in Erscheinung zu treten, wo die Punkte an Fedrigo, Hushovd und Petacchi gehen. Im Sprint von Clermont (km 55) wird ein Kampf zwischen den beiden Letzteren erwartet. Sie fehlen jedoch im Führungstrio, im Gegensatz zu Jérôme Pineau, der zu den Hauptanwärtern auf die Bergwertung gehört.

10 Fahrer an der Spitze

Ein Ausreißversuch folgt dem anderen, sowohl in der Gruppe als auch im Alleingang. Martin Elmiger (ALM) fährt einige Kilometer an der Spitze (bei km 72 eingeholt). Auch Nicolas Vogondy (BTL) ergreift die Initiative, ebenfalls glücklos. Schließlich ist es ein Versuch von Vandborg (LIQ) und Roberts (MRM) bei km 90, der zur Bildung einer Gruppe führt, die das Peloton anscheinend für „akzeptabel“ hält. Zunächst stoßen Van Summeren (GRM), Ivanov (KAT), Ballan (BMC), Reda (QST) und Perez Arrieta (FOT) dazu, dann folgen Mondory (ALM), Voeckler und Turgot (BTL).

Voeckler in der härtesten Steigung

Die Ausreißer machen schnell Boden gut und passieren die 100-km-Marke mit 5’40’’ Vorsprung. Sie erreichen den Col de Portet-d’Aspet 7’40’’ vor dem Verfolgerfeld. Auf der Sprintlinie in Fronsac (km 136) wächst der Abstand sogar auf stolze 10’45’’. Die Fahrer von Saxo Bank ziehen jedoch das Tempo an der Spitze des Felds leicht an und verkürzen auf dem ersten Teil des Anstiegs zum Port de Balès den Abstand auf 9’. Auf dem ersten Abschnitt des Passes kämpfen die Fahrer an der Spitze noch zusammen, aber als die Steigung ab dem 10. km steiler wird, knicken Turgot, Mondory, Roberts und Reda ein. Diesen Moment wählt Thomas Voeckler, um zum Angriff überzugehen: Sein Antritt 8 km vor dem Gipfel lässt seine ehemaligen Weggefährten augenblicklich zurückfallen. Er überquert den Port de Balès mit 1’30’’ Vorsprung auf Perez Arrieta und Ballan.

Eine abgesprungene Kette bremst Andy

Auch hinter der Ausreißergruppe setzen mit zunehmenden Höhenmetern die Angriffe ein. Unter der Einwirkung des verschärften Tempos, das die Fahrer von Saxo Bank im Peloton vorgeben, dünnt sich die Gruppe um die Favoriten zunehmend aus. Dann geht der Träger des gelben Trikots 7 km vor dem Port de Balès zur Offensive über. Ohne Erfolg. 4 km vor dem Gipfel versucht er es erneut und schüttelt Contador zunächst ab. Aber als ihm nur noch Winukurow folgen kann, wird seiner Flucht ein abruptes Ende gesetzt: Seine Kette springt ab. Schleck ist gezwungen anzuhalten und sieht Contador mit Menchov und S. Sanchez davonziehen. Das Trio wartet keine Sekunde auf das gelbe Trikot und macht so Zeit auf Schleck gut, der den Port de Balès mit 4’30’’ Rückstand auf Voeckler… und vor allem 15’’ auf Contador erreicht.

Contador in Gelb
Auf der rasanten Abfahrt nach Bagnères-de-Luchon reicht Voeckler der komfortable Vorsprung auf Ballan und Perez Arrieta, um sich den Sieg zu sichern. Dahinter muss Schleck zusehen, wie Contador Kilometer für Kilometer Boden gutmacht und er sein gelbes Trikot verliert. 2 km vor der Ziellinie beträgt der Vorsprung bereits 35’’. Im Ziel reichen Contador 39’’ Vorsprung, um das gelbe Trikot zu übernehmen.

 

Thomas Voeckler: "Ich greife nicht um den Angriffs willen an."

Er trägt regelmäßig dazu bei, die Etappen der Tour de France spannend zu machen. Thomas Voeckler beharrt darauf, dass es einen Grund für seine Art anzugreifen gibt. Er möchte gewinnen. Und hin und wieder zahlt sich die Arbeit aus.

„Ich wusste, dass ich noch mehr drauf habe, als den vierten Platz auf der Etappe nach Les Rousses. Ich habe bei dieser Tour viele schwierige Momente erlebt. Wäre der Tag der Etappe nach Gap ein Tag im Hochgebirge gewesen, wäre ich vielleicht jetzt um diese Zeit ins Ziel gekommen. Aber ich werde immer erfahrener und nach 12 Teilnahmen an der Tour de France weiß ich, dass man furchtbare Tage haben kann und ein andermal wieder in Superform ist. Das sage ich allen jungen Fahrern im Team, wenn sie an sich zweifeln. Ich habe heute Morgen mit Christopher Kern gesprochen und wir sagten, dass wir langsam an Paris denken. Wir versuchten beide zu Anfang anzugreifen, das hat mich motiviert und am Ende hatte ich gute Beine.
Ich bin sehr stolz auf das, was ich heute geschafft habe. Was sich emotional bei mir abgespielt hat, als ich von der französischen Meisterschaft als Bester nach Hause kam, war schon großartig. Aber mit der Trikolore auf den Schultern eine Etappe der Tour de France zu gewinnen, ist überwältigend.
Es stimmt, dass ich einen besonderen Fahrstil habe. Angriff ist bei mir kein Selbstzweck. Wenn ich angreife, dann um zu gewinnen. Und wenn man nicht der stärkste Fahrer der Welt ist, muss man es eben häufig versuchen, bis es klappt.“

 

Andy Schleck: "Was passiert ist, ist passiert."

Zwischen dem Moment, als bei Andy Schleck bei seinem Angriff am Port de Balès die Kette absprang, und dem, als er wieder aufstieg, vergingen 28 Sekunden. Im Ziel verliert er 39’ auf Alberto Contador, der die Führung in der Gesamtwertung der Tour de France übernimmt. Andy ist zwar sauer, könnte aber auch „Wie vergebe ich…?-Seminare halten.

„Jetzt habe ich wirklich Wut im Bauch. Ich werde auf dem Tourmalet fahren, bis ich vom Rad falle, und in diesem Rennen alles geben. Ich war heute richtig gut drauf, aber was letztendlich zählt, ist die Zeit, die man im Ziel hat, und ich lag weit zurück, trotz allem, was ich auf der Abfahrt gewagt habe. Ich habe meinem Bruder heute Morgen versprochen, dass ich auf der Abfahrt keine Risiken eingehen würde, aber ich glaube, ich hatte ziemlich hohes Tempo drauf... für meine Verhältnisse zumindest. Ich wollte nicht zuviel Zeit verlieren. Solche Dinge passieren, und alles hat seinen Grund. Die Leute können sagen, was sie wollen, aber sie müssen sich auch vor Augen halten, dass Alberto zu denen gehörte, die in Spa auf mich gewartet haben und das war wirklich ein Zeichen von Fairplay. Hut ab! Heute ist eine andere Geschichte, ein anderes Szenario, aber die Tour ist noch nicht vorbei.“

[Frage: Andy, Sie wirken so ruhig. Sie äußern sich sehr entspannt, sind Sie denn nicht sauer auf Ihr Rad oder auf irgendjemand – vielleicht Alberto?]
„Was passiert ist, ist passiert. Ich kann die Situation nicht ändern, auch wenn ich mich noch so aufrege. Natürlich hätte ich mein Rad heute am liebsten gegen die Absperrung gepfeffert und irgendjemand geschlagen, aber man muss sich in solchen Situationen beherrschen. Es lohnt sich, die Ruhe zu bewahren. Wenn ich jemand anbrülle, ändere ich auch nichts an der Situation. Es ist, wie es ist. Ich werde meinem Trikot nicht hinterher weinen. Letztendlich ist das hier ein Radrennen und wir haben noch ein Wörtchen mitzureden. Ich bin noch nicht am Ende.“