Tagebuch der Etappe

prologue - Rotterdam Rotterdam 8.9 km
Sonnabend 3 Juli

Spartakus, 3. Akt

Zum dritten Mal in seiner Laufbahn hat Fabian Cancellara nach einem anfänglichen Zeitfahren bei der Tour das Gelbe Trikot übergestreift. Nach Lüttich (2004) und London (2007) hat der Schweizer seine Dominanz bei der Einzeldisziplin erneut bestätigt. Trotz schwieriger Bedingungen wegen einer regennassen Fahrbahn hat Spartakus die ganz zu Beginn des Prologs von Tony Martin aufgestellte Bestzeit geschlagen. Dem Deutschen, der nach der Lawine Cancellara Zweiter wurde, bleibt die Genugtuung, das Weiße Trikot des besten Jungfahrers überzustreifen.

Wiggins zahlt für falsche Strategie
Die Tradition ist durch die strategischen Entscheidungen der Tagesfavoriten umgekrempelt worden, wobei viele auf Gewitter zum Tagesende gesetzt hatten. Die Zeitfahrspezialisten erschienen demnach schon sehr früh auf der Startrampe, mit einem offenkundigen Vorteil für Tony Martin (THR), der eine Referenzzeit vorlegte, die sich als solide erweisen sollte. Denn schon bald sollten Regenschauer den Straßenbelag rutschig werden lassen… und die Fahrer zur Vorsicht anhalten. Der Norweger Boasson Hagen (SKY) beispielsweise blieb im Hintertreffen, genau wie Bert Grabsch (THR) oder Bradley Wiggins (SKY), der unter dem Regen mit 46’’ auf den führenden DeutscheN deutlich zurückbleiben sollte.

Millar mit guten Beinen
Die weiteren Kandidaten mussten unter wenig leistungsfördernden Bedingungen antreten. Zunächst gelang es nur Geraint Thomas (SKY), Tyler Farrar (GRM) und Levi Leipheimer (RSH), ein wenig an Martin heranzurücken, ohne ihn jedoch gefährden zu können. Lars Boom (RAB), der bei seiner ersten Tour de France sogleich die Verantwortung des niederländischen Hoffnungsträgers zu tragen hat, scheiterte ebenfalls mit 34’’ auf die Referenzzeit. David Millar (GRM), der auf der ersten Hälfte der Strecke gute Beine hatte (2. Zwischenzeit, 3“ zurück), verpasste danach die Gelegenheit, zehn Jahre nach seinem Erfolg beim Zeitfahren am Futuroscope in Poitiers den Sieg zu erringen: es fehlten ihm zehn Sekunden, um zu Martin vorzustoßen.

Cancellara in der Arena
Zum Ende des Programms begann die Straße zu trocknen, wodurch die letzten Fahrer wieder Jagd auf Tony Martin machen konnten. Aber weder Brajkovic (RSH), der sich beim Dauphiné gezeigt hatte, noch Rogers (THR) oder auch Luis-Leon Sanchez (GCE) gelang es, an der Hierarchie zu rütteln. Lance Armstrong konnte nach einer großen Leistung den 3. Platz in der provisorischen Tageswertung erreichen, mit „nur“ 12’’ Rückstand. Doch das Erscheinen von Fabian Cancellara in der Arena ließ keinerlei Zweifel an seiner Fähigkeit aufkommen, sich seinen dritten Sieg bei einem Zeitfahren zu Beginn der Tour zu sichern. Bei der Zwischenzeit verbesserte er die Vorgabe von Martin um 6“; am Ziel war das Urteil noch deutlicher: 10“ besser! Weiter hinten könnte sich das Auszählen der Sekunden als entscheidend im Kampf erweisen, den sich die Favoriten um das Gesamtklassement versprochen haben: Armstrong gönnt sich einen ersten Vorsprung von 5“ auf Contador.

 

Fabian Cancellara - "Es ist ein goldenes, strahlendes, sonnenerfülltes Ende..."

Regen ging über dem Eröffnungstag in Rotterdam hernieder. Die meisten Fahrer hatten mit nassen Straßen zu kämpfen, und einige pokerten sogar, indem sie ihren Start vorverlegten, da späte Schauer angekündigt wurden… doch Fabian Cancellara wartete den richtigen Augenblick ab und trat zum Kampf an. Der als Drittletzter gestartete Schweizer ist einmal mehr im Gelben Trikot. Nach 2004, 2007 und 2009 hat er zum vierten Mal die Eröffnungsetappe bei der Tour gewonnen.

"Natürlich war wegen des Wetters Poker angesagt, und es war ein bisschen hart, so lange im Bus zu sitzen, um auf meinen Start zu warten, aber wenn ich jetzt umherblicke, ist es ein goldenes, strahlendes, sonnenerfülltes Ende des Tages. Es war die richtige Entscheidung, spät zu starten. Ich bin einem meiner Teamgefährten gefolgt, um zu sehen, wie es auf den nassen Straßen aussah, denn gestern habe ich auf der Strecke trainiert, doch es war heiß, und die Bedingungen waren ganz anders. Man muss die eigene Vorgehensweise der Situation anpassen, doch das ist mir gelungen, und ich freue mich über das Resultat.
"Es ist eine schöne runde Zahl: 10 Minuten für den Sieg. Das gefällt mir. Es liegen einige interessante Tage vor uns, doch ich trage gerne das Gelbe Trikot, und wir haben eine gute Mannschaft, um es zu verteidigen.
"Ich bin stolz auf meine heutige Leistung, es gab kein Gefühl der Revanche, ich wollte einfach nur der Schnellste sein, und genau das ist mir gelungen. Es ist wichtig, zu versuchen,, das Trikot bis Arenberg (bei der dritten Etappe) zu behalten, aber vorher kommen noch Brüssel und Spa, und am Ende der zweiten Etappe ist es nicht flach… Ziel ist es aber, das Gelbe Trikot bis auf die Pflastersteine zu tragen."