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Bei seiner zehnten Tour-Teilnahme hintereinander liebäugelt das baskische Team Euskaltel Euskadi mit dem Podium und einem Etappensieg. Ein Jubiläum, für das sich die Fahrer im orangefarbenen Trikot einiges in den Pyrenäen ausrechnen.
«Die Tour hat uns alles gegeben.» Miguel Madariaga, Präsident des Teams und der Stiftung Euskaltel-Euskadi, macht keinen Hehl aus der Bedeutung der Tour de France für seine Farben. Seit einem Jahrzehnt schreibt die baskische Formation ihre Geschichte bei der Grande Boucle. Immer auf den vorderen Plätzen, aber äußerst selten auf dem obersten Treppchen – die baskische Mannschaft hatte gleich bei ihrer ersten Teilnahme für Furore gesorgt, als Roberto Laiseka auf der 14. Etappe der Tour 2001 den Sieg davontrug. Ein Sieg in Luz-Ardiden inmitten einer orangefarbenen Menschenmasse, dem nach der 8. Etappe 2003 und dem Ziel in Alpes-d’Huez ein weiterer Sieg durch Iban Mayo folgte. Seither bleiben die Siege für das baskische Team aus, zwar nur knapp aber eben konstant. Vier zweite Plätze (Landaluze, bei der 7. Etappe 2007; Martinez bei der 15. und S. Sanchez bei der 17. Etappe 2007; Txurruka bei der 13. 2009) sorgten für lange Gesichter, zeigen aber auch den Kampfgeist einer Mannschaft, die niemals aufgibt. Aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums der Pyrenäen-Durchfahrt haben sich die Fahrer von Euskaltel-Euskadi viel vorgenommen, um ihre Anhänger zufrieden zu stellen. «Wir haben eine neue Hymne für das Team kreiert, und man hat 30 000 orangefarbene T-Shirts bei uns angefordert», unterstreicht Madariaga, der mit den Ambitionen seiner Formation nicht hinter dem Berg hält: «Ein Podiumsplatz wäre gut, oder nicht weit davon weg. Und auch ein Etappensieg. Allerdings wollen wir auch in der Berg- und Mannschaftswertung ein Wörtchen mitreden.»
Die Tour 2010 ist die dritte Ausgabe für das amerikanische Team Garmin-Transitions. Bei seinen beiden ersten Versuchen hat der von Jonathan Vaughters geleitete Rennstall den 4. Platz in der Gesamtwertung erreicht (Vande Velde im Jahre 2008, Wiggins in 2009). Es gibt also allen Grund zur Zufriedenheit, doch Vaughters gibt auch zu, dass er dieses Jahr ein bisschen mehr will.
« Ein Etappensieg ist ein großes Ziel für uns », sagt er. « Wir waren schon mehrfach ganz nahe dran, und die beiden neuen Fahrer, die wir im Team haben, können den Unterschied ausmachen. » Wenn auch Wiggins die Mannschaft verlassen hat und Vande Velde gerade eine Verletzung auskuriert, verfügt das Team mit Tyler Farrar über ein wesentliches Trumpf bei den Sprints. « Er ist wahrscheinlich noch schneller als beim Giro, doch der Wettbewerb spielt sich auch auf einem höheren Niveau ab. Er hat in Italien zwei Etappen gewonnen, aber Cavendish war nicht dabei. Mit Johan Vansummeren und Robbie Hunter haben wir jedenfalls unseren Zug verbessert, und das kann sich zu unseren Gunsten auswirken. »
Neben den Etappensiegen als Ziel zu Beginn gedenkt Team Garmin-Transitions aber auch seinen Kapitän bis Paris zu begleiten, um einen vorderen Platz in der Gesamtwertung zu erobern. « Ich bin recht zufrieden mit meiner Genesung », erklärt Christian Vande Velde, der sich bei zwei verschiedenen Stürzen bei der Tour de Suisse zwei Rippen gebrochen hat. « Das ist nicht ideal für die Vorbereitung der Tour, aber es ist nicht das Ende der Welt. Man muss einfach wieder aufs Rad steigen, und selbst wenn es ein bisschen unbequem ist, ändert das nicht allzu viel an meinen Ambitionen. Ich glaube, dass ich bereit bin. »
Der Ideenkasten arbeitet auf Hochtouren, um die Umweltauswirkungen des Rennens zu reduzieren. Innerhalb der Teams bei der Tour versucht man ordnungsgemäß vorzugehen, aber das an allen Fronten: Abfallsortierung, Sparen beim Papier, beim Kraftstoff, bei den Verpackungen usw. Und natürlich auch Schluss mit den weggeworfenen Getränkeflaschen!
Als geniale Erfindung eines weit entfernten Jahrhunderts avanciert das Fahrrad im allgemeinen Zusammenhang der Umweltbesorgnis ebenfalls in die Moderne. Das sauberste je entwickelte Verkehrsmittel kommt während der drei Wochen der Tour de France zu Ehren. Doch die Veranstaltung insgesamt möchte ebenfalls auf der Höhe der vom Fahrrad vermittelten Botschaft sein. In einem verantwortungsbewussten Ansatz hat sich die Tour entschieden, „vor der eigenen Tür zu fegen“, um ihr Niveau bei der Umweltauswirkung ebenfalls zu verbessern.
In der historischen Betrachtung haben die Veranstalter zunächst im Bewusstsein der Umweltrisiken in Verbindung mit den anwesenden Zuschauern reagiert. Zur Wende der 2000er Jahre hat die Tour damit begonnen, sich mit der Behandlung der von den Zuschauern produzierten Abfälle zu befassen. Der Austausch mit der Regionalen Umweltagentur Midi-Pyrénées, der allen Mitarbeitern in der Folge bei der optimierten Entscheidungsfindung geholfen hat, kann nunmehr als Grundstein erachtet werden. Dieser Einsatz beim Pyrenäen-Teil der Strecke führte schon bald zu einer Zusammenarbeit mit Eco-Emballages (frz. Verpackungsindustrie). Im Rahmen einer seit 2007 effektiv aufgenommen Partnerschaft ist ein umfangreiches System zur Trennung und Sammlung der Abfälle in den Etappenstädten eingeführt worden. Dieses Jahr wird dies durch eine Vereinbarung mit einem anderen Fachunternehmen für Recycling und Abfallentsorgung vervollständigt, die auf der Strecke mehrerer Etappen zum Tragen kommen wird.
Eine Vielzahl untersuchter Ansätze
Parallel dazu hat die Hinterfragung der Funktionsweisen auf allen Ebenen die Teams bei der Tour dazu bewogen, die Zahl und die Menge der auf Papier herausgegebenen Dokumente zu verringern. Nachdem die touristischen und historischen Reiseführer beispielsweise zum elektronischen Format übergewechselt sind, ist der Umfang des verbrauchten Papiers um 20% zurückgegangen. Bei allen anderen Dokumenten ist gleichzeitig beschlossen worden, dass die Qualität der verwendeten Papiersorten den Anforderungen des
Imprim’vert-Labels entsprechen muss.
Danach galt es den Prozess der Überlegungen rund um die Arbeitsmethoden fortzusetzen. Bei der Vorbereitung der Ausgabe 2010 sind vielfältige Ansätze geprüft worden, um beispielsweise den Kraftstoffverbrauch in Angriff zu nehmen, sowohl beim Rennen selbst als auch am Rande der Veranstaltung. So ist die Idee der Nutzung des TGV statt des Flugzeugs für die „Gäste“-Programme letztlich berücksichtigt worden ; rund hundert Fahrern aus dem Renntross ist eine Schulung für eine ökologisch verantwortliche Fahrweise zuteil geworden ; eine neuerliche Analyse des Bedarfs der Organisationsteams hat zu einer Reduzierung der Anzahl Fahrzeuge um 5% geführt ; die systematische Suche nach Lösungen für Fahrgemeinschaften oder alternativen Transportmitteln für die Zuschauer haben ebenfalls Früchte getragen (Pendeldienst in Arenberg und Spa, Kabinenseilbahn in Ax-3 Domaines, Sessellifts am Col du Tourmalet, usw.)… Bei anderen Themen werden sich die Ideen ebenfalls rasch weiterentwickeln: dies ist bereits der Fall bei der Norm von 160g CO2 / km, die sich die Tour auferlegt und bereits für alle akkreditierten Fahrzeuge empfiehlt, oder bei der Anwendung eines strikteren Regelwerks zur Verpackung der von der Werbekarawane verteilten Produkte.
Wegwerfen der Wasserflaschen: eine Geste mit katastrophaler Tragweite
Die unablässig mit den Partnern über diese Probleme geführten Diskussionen bestätigen, dass es in der Welt der Tour eine Wertegemeinschaft gibt. Das unmittelbar betroffene offizielle Transportunternehmen Norbert Dentressangle tritt mit der wirtschaftlichsten und modernsten Flotte Europas an: alle Lastwagen, die Transportleistungen bei der Tour de France erbringen, entsprechen der Euro V-Norm, d.h. der strengsten bei den Treibhausgas-Emissionen. Kleber wiederum schätzt die mögliche CO2-Emissionsreduzierung bei korrekter Einhaltung des Reifendrucks beim französischen Fuhrpark auf 1,2 Millionen Tonnen und betreibt dazu täglich eine Pumpwerkstatt auf dem Parkplatz der Werbekarawane.
Und wenn die Tour letztlich konkret handeln möchte, dann muss das größte Radrennen der Welt auch bei den Symbolen Position beziehen. Das Bild des Radsportlers vermittelt Werte von Ästhetik, mentaler und physischer Kraft sowie bedingungslosem Einsatz. Und dieses wird sogleich getrübt, wenn einer der Champions durch Nachlässigkeit oder Desinteresse eine Kunststoffflasche in die Natur wirft, wenn er doch die Möglichkeit hat, sie zu behalten und seinem Mannschaftswagen auszuhändigen. Die Tragweite dieser Geste ist daher katastrophal. Die Tour de France verurteilt nunmehr bereits diese Verhaltensweisen, wobei das Sportreglement und die Konvention zwischen ASO und den Mannschaften Bestimmungen in diesem Sinne vorgesehen hat. Sie prüft zudem mit der UCI alle Lösungen, um diese zu vermeiden und sie zu sanktionieren. Denn in den Pelotons wie auch anderweitig soll niemand den Beleidigungen gegen die Natur gleichgültig gegenüberstehen.
Thor Hushovd, Träger des Grünen Trikots 2009, nimmt keine Erkundungsfahrten vor.© Presse Sports
Aberto Contador hat seine Leibgarde an seiner Seite, um den Col du Tourmalet zu erklimmen.© Presse Sports
Die größten Champions der Tour de France unternehmen zwischen Ende April und Anfang Juli eine Erkundung der auf den ersten Blick strategisch bedeutsamsten Streckenabschnitte. Für mehrere von ihnen eine Zeit der Renaissance… Echte Kunst also!
Zwischen seinem Sieg beim Giro d’Italia am 30. Mai und dem Auftakt der Tour de France am 3. Juli in Rotterdam hat sich Ivan Basso nur einen einzigen echten Ruhetag gegönnt. «Es wurden zwar Stimmen laut, dass ich meinen Sieg beim Giro auskosten und die Tour absagen sollte, doch habe ich nur die Tour im Kopf», lautete die Antwort des Italieners insbesondere an die Adresse des ehemaligen Champions Felice Gimondi, der Basso öffentlich zu einer Absage der Tour geraten hatte. «Um wieder voll und ganz zu einem Fahrer zu werden, muss ich zur Tour zurückkehren und der Tour zurückgeben, was sie mir gegeben hat, das heißt ganz einfach alles, da gerade dieses Rennen mich zu einem Champion gemacht hat», betont er.
Nachdem er am Montag, dem 7. Juni, der Ministerriege seines Landes zwei seiner rosafarbenen Trikots überreicht hatte, erwartete ihn mittags in Mailand ein Wagen, der ihn zu einem eineinhalbtägigen Arbeitsaufenthalt in den Alpen brachte. An Bord waren auch sein Mannschaftsgefährte Roman Kreuziger, sein sportlicher Leiter Alberto Volpi und ein Masseur. «Ich bin mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut», sagt er über die Anstiege von Morzine/Avoriaz und die Passhöhen der nächsten Etappe (Colombière, Aravis, Les Saisies und La Madeleine), «allerdings brauchte ich diese mentale Übung, die Luft der Tour de France zu schnuppern.»
Mit Blick auf die letzten vier Jahre hat Basso auf französischem Boden lediglich die Hälfte des Critérium du Dauphiné im Vorjahr bestritten. Auch für Lance Armstrong, der sich Ende Juni unmittelbar nach seinem zweiten Platz bei der Tour de Suisse ein Bild der Alpen- und Pyrenäenetappen der Tour 2010 machte, ist da ein probates Mittel, um «an vertraute Orte zurückzukehren».
Armstrong ist nicht der Erfinder der Erkundungsfahrten im Vorfeld der Tour, hat sie aber der breiten Öffentlichkeit näher gebracht, unter anderen dank seiner gigantischen Antritte auf den Anstiegsrampen von Alpe d’Huez. Auch Alberto Contador hat sich diese Methode angeeignet. Während Basso dabei an seiner Seite lediglich den Co-Leader seiner Mannschaft Liquigas duldet, legte der amtierende Tour-Sieger Wert auf die Begleitung seiner spanischen Landsleute (Noval, Navarro, Hernandez…) und des italienischen Kollegen (Tiralongo) bei seinem Aufenthalt in den Pyrenäen Ende Mai. Neben einem ersten Einfahren, einer Gewöhnung an den typischen Pedalentritt am Berg, den Höhenvorteilen, der Trainingsintensität in diesem schwierigen Umfeld, der Einschätzung der Schwieirgkeiten jeder Passhöhe und der Verinnerlichung der Gefahren jeder Abfahrt, («was noch wichtiger sein kann, als die genaue Kenntnis der Anstiege», so der Spanier), ist die Erkundung der Schlüsseletappen für ihn ein mannschaftliches Konditionstraining.
Allerdings fehlte sein Adjutant Alexander Winokurow aus gutem Grund, weil er zur gleichen Zeit am Giro teilnahm. Dabei hat der Kasache, der bei der Italien-Rundfahrt nichts geringeres als den Gesamtsieg anvisierte, den Giro-Streckenverlauf im Vorfeld auch nicht detailliert ausgekundschaftet. «Das ist nicht sein Ding», sagt der sportliche Leiter von Astana, Yvon Sanquer. «Für mich entscheiden die guten Beine und die Form des jeweiligen Augenblicks», meint Winokurow selbst, der an den italienischen Anstiegen mit dem größten Neigungswinkel einen schweren Stand hatte. Auch ohne vorherige Erkundung war ihm klar, dass sie etwas zu steil für ihn waren.
Manchmal beschließen Teams eine Erkundung der Etappen mit Zwischenschwierigkeiten wie in den Vogesen, so gesehen im Trainingslager der Mannschaft von La Française des Jeux im Vorjahr. Vor der Anreise zum großen Start in Rotterdam haben die Hauptfiguren der Tour in diesem Jahr bis zum letzten Augenblick das Schlussstück der dritten Etappe und die 13,2 Kilometer Kopfsteinpflaster befahren. Contador hat sich das Fachwissen eines früheren Gewinners von Paris-Roubaix gesichert, Peter van Petegem, um am 27. April zwei Tage nach Lüttich-Bastogne-Lüttich auf diesen Wegen das Fahren zu lernen. «Er hat mir Ratschläge zum Material gegeben, und an den zwei Tagen habe ich eine ganze Menge gelernt», so der Spanier, der mit Blick auf die von vielen anderen gefürchtete Etappe aber nicht den Teufel an die Wand malt. Angst hat auch präventive Wirkung.
Den Sprintern ist dieser Luxus nicht gegönnt. Sie lernen etwas über ihre Gegner und die Etappenschlussstücke im Videostudium, und das gilt insbesondere für das Team von Sky. Wie in anderen Mannschaftssportarten untersucht man peinlichst genau die Taktiken und die Positionierung in der Praxis, wobei Erkundungsfahrten nicht zur Vorbereitung auf die Tour gehören. «Es werden einfach zu viele Kreisverkehre, Bürgersteige und Begrenzungspfosten zwischen dem Zeitpunkt der möglichen Erkundungsfahrt und der Strecke am Etappentag verändert», erklärt Thor Hushovd, zweifacher Gewinner des Grünen Trikots bei der Tour de France. Aufgrund ihrer Ausmaße sorgt die Veranstaltung gezwungenermaßen für Einschnitte in der städtischen Infrastruktur. Das Vorabstudium des Streckenverlaufs betrifft in erster Linie das Zeitfahren. Ansonsten, wie Basso meinte, sind Erkundungsfahrten vor allem eine «mentale Aufgabe».
Robbie McEwen, Montargis, 2005© Presse Sports
Robbie McEwen, der bei der letzten Tour de France verletzungsbedingt fehlte, kehrt mit 38 Jahren zur großen Rundfahrt zurück. Der starke australische Sprinter (13 Etappensiege) wird bei der Auflage 2010 auf bekanntem Terrain fahren. Er war in vier Städten, die in diesem Jahr Etappenziel sind, bereits früher siegreich.
Kann man sagen, dass Sie sich bei dieser Tour wie zu Hause fühlen werden?
Ein wenig schon. Ein Etappenziel ist Brüssel, wo ich viermal bei der Paris-Brüssel gesiegt habe. Und dann sind da natürlich auch noch Reims, Montargis, Pau und Paris, wo ich bei der Tour gewonnen habe. Das sind Etappen, die ich wie meine Westentasche kenne. Ich habe mir Aufnahmen von meinen Siegen angeschaut, um mich noch besser an die Zieleinfahrten zu erinnern. Das könnte in diesem Jahr ein Vorteil sein.
Gibt es eine Etappe, die Sie unbedingt gewinnen möchten?
Ich denke schon seit einer Weile an die erste Etappe, aber das wird vom Wind in der holländischen Region Zeeland mit ihren Deichen und Brücken abhängen. Die Zieleinfahrt ist nur 60 km von meinem Haus entfernt, also wird meine Familie auch da sein und bestimmt auch viele Fans. Meine Eltern kommen ebenfalls aus Australien. Aber ehrlich gesagt, ist jeder Etappensieg bei der Tour toll.
Wie haben Sie sich auf die Tour vorbereitet?
Ich habe meine Saison um die Tour herum geplant. Nach meiner Verletzung im letzten Jahr wusste ich, dass ich ein Jahr brauchen würde, um mich vollständig davon zu erholen und wieder angreifen zu können. Meine Saison hat bei der Tour Down Under recht ordentlich angefangen. Danach hatte ich Höhen und Tiefen, aber jetzt fühle ich mich bereit, ich bin fit.
Welche Ziele haben Sie für die Tour?
Das ist meine 12. Teilnahme an der Tour de France, zehn davon habe ich beendet. Mein oberstes Ziel ist, eine Etappe zu gewinnen. Ich möchte meine Siegliste weiter ausbauen. Ich werde nach der ersten Woche schauen, wie sich die Dinge entwickeln und ob ich um das grüne Trikot kämpfen kann. Ich glaube, dass ich noch die Leistung bringen kann, sonst würde ich nicht mehr teilnehmen. Ich setze auf die Teamkollegen, aber im Gegensatz zu anderen Formationen wie HTC-Columbia, Garmin oder Quick Step haben wir bei Katusha keinen Sprintgang. Wir haben dafür mehr Fahrer für die Berge oder Ausreißergruppen.
Wird das ihre letzte Tour?
Ich habe vor, noch eine Saison dabeizubleiben, also hoffe ich, dass ich auch keine Tour fahre, aber man weiß nie, was alles passiert oder ob ich ausgewählt werde!
Jean-Paul Rey, Marc Lebreton© Pierre Dufour
Zwei Radsportler sind die Etappe von Luchon nach Bayonne wie vor einhundert Jahren nachgefahren, um der Fahrer zu gedenken, die am 21. Juli 1910 von den Veranstaltern der Tour de France auf die „Mörderetappe“ geschickt wurden.
Nachdem er die letzte Seite des Manuskripts zu seinem Buch „L’étape assassine, Luchon-Bayonne 1910“ (207 Seiten, zahlreiche bisher unveröffentlichte Bilder, 18 Euro, im Verlag Editions Cairn erschienen) vollendet hatte, kam dem Schriftsteller und Journalisten Jean-Paul Rey aus der Pyrenäenstadt Tarbes die Idee und Lust, „nachzuempfinden, was diese Champions einer anderen Zeit erlebten.“ Bei Marc Lebreton, Sammler und Restaurator alter Fahrräder, fand er ein offenes Ohr und ein Paar Beine, die bereit waren, ihn auf dieser Reise der etwas anderen Art zu begleiten.
Und so starteten die beiden Freunde am Samstag, den 12. Juni 2010, in Lunchon um 3h30 morgens –zur gleichen Zeit und vom gleichen Ort wie damals. Zunächst ging es für die beiden hinauf auf den Col de Peyresourde und zwar in dunkler Nacht, die nur gelegentlich von einem Cineastenteam aus Toulouse erhellt wurde, das die Dokumentation „Films de la Castagne“ dreht, die das hundertjährige Jubiläum der Tour de France in den Pyrenäen feiert. Anschließend folgte die Abfahrt mit Rädern aus einer anderen Zeit und deren zweifelhaften Bremsen: eine einfache Klotzbremse vorn, Kork-Bremsklötze hinten.
Am Fuß der Abfahrt sah sich Jean-Paul Rey in der misslichen Lage, die Sattelstange unter sich brechen zu spüren. Er fuhr bis nach Arreau ohne Sattel und musste anschließend den Col d’Aspin erklimmen und auch wieder abfahren, ohne seinem Allerwertesten eine Verschnaufpause gönnen zu können. Erstaunlich ist, dass die Reparatur vor den Augen einer verblüfften, neugierigen Menge in Sainte-Marie de Campan erfolgte, am gleichen Ort, wo 1913 Eugène Christophe seine auf der Abfahrt vom Col du Tourmalet gebrochene Gabel abschliff.
Der Aufstieg zum Tourmalet war natürlich einer der größten Momente dieses Abenteuers. Marc Lebreton, der als Radsportler mehr Erfahrung hat als Jean-Paul Rey, zog in seinem schönen granatroten Trikot des Teams Automoto mit seinem Rad der gleichen Marke mit 12,1 Kilo Gewicht und einer Entfaltung von 478x24 davon! Sein Weggefährte ließ es etwas langsamer angehen, war er doch durch 20 zusätzliche Lebensjahre und 900 Gramm mehr Gewicht dank seines 13 kg schweren Modells von Martel mit einem 44er vorn und hinten, einem 24er für die Anstiege und einem 20er für den Rest beschwert.
Am Ortsausgang von Pierrefitte-Nestalas begegnete ihnen zunächst der Weltmeister Cadel Evans, der angereist war, um sich mit der Strecke am Tourmalet vertraut zu machen. Danach trafen sie auf die ehemaligen Meister Jean Bobet (Autor des Vorworts zu „L’étape assassine“) und André Darrigade, die eigens gekommen waren, um sie bis zum Gipfel des Col du Soulor anzufeuern. Diesen letzten zu erklimmen, war bei strahlendem Sonnenschein, der die Temperaturen allmählich steigen ließ, und auf der reichlich mit Splitt bestreuten Straße für Marc Lebreton ein Kinderspiel, weniger jedoch für Jean-Paul Rey, der all seine Energien aktivieren musste, um nicht abzusteigen.
Letztendlich trafen Jean-Paul Rey und Marc Lebreton nach 326 km am Sonntag, um 3h15, d.h. 23h45 nach ihrer Abfahrt von Luchon, im Hafen von Bayonne ein! Der Familie Martel, Nachfahren des Herstellers, der Anfang des letzten Jahrhunderts die Rennmaschine fertigte, mit der Jean-Paul Rey unterwegs war, gelang es, den genauen Ort der Zieleinfahrt von 1910 ausfindig zu machen. Sie hatten eine schöne weiße Linie auf der Straße gezogen, die die beiden Wegstreiter im Schulterschluss überquerten.
Die Berge, die das Feld bei der Tour 1910 auf der Etappe von Luchon nach Bayonne (326 km) bezwingen musste:
Col de Peyresourde
Col d’Aspin
Col du Tourmalet
Col du Soulor
Col d’Aubisque
© Brandt
Sie haben vor allem Sinn für Spiel und Spektakel.
Die Teilnehmer, die der Jury des Brandt-Preises für den größten Kampfgeist ins Auge stechen, scheuen kein Risiko und keine Herausforderung. Diese Eigenschaft wird bei der Tour täglich belohnt, denn hier beeindruckt Temperament ebenso sehr wie Talent. Brandt hat junge Frauen eingeladen, die etwas mit ihnen gemein haben, die Meister des Angriffs auszuzeichnen und zu unterstützen: Bei jeder Etappe wird die Miss der Region, die vom Ausschuss der Miss France gewählt wird, das Tourdorf am Ausgangsort der Etappe besuchen. Die Schönheitsköniginnen, die an Wettbewerb und die damit verbundenen Anforderungen gewöhnt sind, zeichnen sich durch ihren Willen und ihr Durchsetzungsvermögen aus. Damit haben sie auf Anhieb ein gemeinsames Gesprächsthema mit den Siegern des Brandt-Preises für besonderen Kampfgeist.
Die regionalen Schönheitsköniginnen, die ab der Einfahrt des Felds nach Frankreich am 6. Juli erwartet werden, überlassen am Nationalfeiertag, dem 14. Juli, der Ranghöchsten unter ihnen das Feld: An diesem Tag wird bei der Zieleinfahrt auf der Etappe von Chambéry nach Gap Malika Ménard, Miss France 2010, höchstpersönlich den Brandt-Preis für den größten Kampfgeist an der Seite von Laura und Emmanuelle überreichen.
Bradley Wiggins hat wegen eines Gewichtsproblems auf den Giro gesetzt. War das die richtige Entscheidung?© Presse Sports
Um Ansprüche auf den Sieg bei der Tour de France erheben zu können, muss man bestens vorbereitet sein. Ein Fahrer, der heutzutage einen Platz in der Gesamtwertung, vielleicht sogar das Gelbe Trikot anpeilt, muss seine Saison im Hinblick auf die Tour organisieren, sich bestimmte Ziele setzen, sein Programm darauf abstimmen und sich vor dem großen Termin im Juli optimal erholen. Wie schafft man es, die Formspitze genauf auf diese Ziele auszurichten?
Weit zurück liegen die Zeiten von Anquetil, Merckx und danach noch Hinault, deren Auftrag darin bestand, bei der Primavera, in Roubaix oder Lüttich zu glänzen, bevor es dann zu den Pässen der Alpen und Pyrenäen in Richtung Gelbes Trikot ging, um dann zum Ende der Saison noch einmal nachzulegen. Seit rund fünfzehn Jahren können es sich die Anwärter auf den Sieg bei der Tour erlauben, einige wenige Ziele zusätzlich zur Tour zu stecken, vor allem bei Paris-Nizza oder zum Zeitpunkt der Ardennen-Klassiker, die ihrem Profil eher entsprechen, doch die Große Schleife bleibt ihr vorrangiges Anliegen und prägt ihren Alltag.
Philippe Mauduit, der sportliche Leiter bei Cervelo, meint dazu : « Die Vorbereitung auf die Tour ist für jeden anders. Man muss in jedem Falle eine Reserve behalten, um die Formspitze verschieben zu können. Die Kondition muss ausreichend sein, um nicht zu leiden. Viele Anwärter werden ein schweres Rennen im Juni absolvieren und sich dann eine Woche vollständig zu erholen ».
Beim Dauphiné-Kriterium spielte Alain Gallopin, der Rennleiter von Radio Shack, den Gesamtsieg seines Fahrers Janez Brajkovic demnach auch ein wenig herunter und meinte, dass Alberto Contador, sein ehemaliger Schützling und Doppelsieger der Tour, nur bei « 80 % » war. Das war dennoch ausreichend, um das Rennen als Zweiter zu beenden. « Entscheidend ist, möglichst frisch anzukommen, vor allem psychologisch, meint Mauduit. Die körperliche Fitness liegt zuweilen ein wenig im Dunkeln, aber dann spielt es sich vorrangig im Kopf ab. Die Grenzen sind eher psychologisch ».
« Bei mir fängt die Vorbereitung der Tour sechs Wochen vor dem großen Start an, erläutert Chris Horner (RSH), 15. der Tour von 2007 und in diesem Jahr Teamgefährte von Lance Armstrong. Wenn das Rennen näherrückt, lässt man bestimmte Dinge bleiben. Man geht nicht mehr aus und man kümmert sich nicht mehr um die Kinder. Man macht längere Ausfahrten. Für mich wäre das ideale Programm, eine Pause nach den Ardennen-Klassikern einzulegen, um frisch bei der Dauphiné anzukommen und dann die Leistung hochzufahren. Ich war aber leider verpflichtet, die Kalifornien-Rundfahrt zu bestreiten ».
Neben der Vorgabe, Verletzungen und Stürze zu vermeiden, die eine Vorbereitung erheblich hinausschieben können, geht es auch darum, die Kilometer zu absolvieren, um sein Formgewicht zu erreichen. « Bradley Wiggins, 4. der Tour 2009, hat sich entschieden, die Giro zu fahren, um insbesondere Gewicht abzubauen und dabei an seiner Kraft zu arbeiten, erläutert Sean Yates, sein Rennleiter bei Sky. Heutzutage ist alles eine Frage des Gewichts-Leistungs-Verhältnisses, Watt/Kilo. Das Ziel besteht darin, dieses optimale Gewicht zu erreichen und die Laktatrate so weit wie möglich hinausschieben zu können ».
Genau wie Wiggins hat sich Cadel Evans ebenfalls für die Option Giro entschieden, ohne seine Reserven jedoch allzu sehr auszuschöpfen. Nach einer derartigen Strapaze von drei Wochen gilt es sich auszuruhen. « Eine Woche lang nichts tun, meint Yates. Es ist besser, einen echten Schnitt zu machen, ohne aufs Rad zu steigen, bevor man die Arbeit wieder aufnimmt ». Die eigentliche Arbeit fängt für den Briten im Übrigen in dieser Woche an, mit den Erkundungen in den Pyrenäen.
Bleibt noch die Frage, ob man gleich zu Beginn der Tour bei 100 % liegen oder seine Spitze in den Bergen erreichen soll. « Ich glaube nicht an diese Philosophie, sagt Horner. Das ist zu schwer zu regeln. Man muss von Anfang an bei 100 % sein ». Sean Yates : « Manche werden sagen, man muss für die dritte Woche in der Bestform sein, aber es ist sehr schwer, körperlich darauf hinzuarbeiten, es erfordert vielmehr eine echte psychologische Arbeit. Der Körper ist eine Maschine bis zu einem bestimmten Punkt. Danach übernimmt der Kopf die Kontrolle ! »
© ASO
Für die Auflage 2010 mit neuem Auftritt, erinnert das Tourdorf, wo sich Akteure und Zuschauer des Rennens allmorgendlich treffen, augenzwinkernd an viele Champions, die die Tour geprägt haben.
Hier nimmt man sich Zeit, sich hinzusetzen und die Tagespresse bei einem Kaffee zu lesen; man lässt sich verleiten, ein paar regionale Spezialitäten zu verkosten oder eine hitzige Debatte über das Szenario für die anstehende Etappe zu führen. Ein Tag bei der Tour de France beginnt für viele im „Village du Tour“, dem Treffpunkt, wo Fans, Fahrer und Eingeladene der gastgebenden Stadt zusammenkommen. Seit über zwanzig Jahren gehört dieser Raum zu den festen Institutionen. Die Rituale, die hier entstanden sind und gepflegt werden, machen auch die Atmosphäre der Tour aus. In diesem Jahr wurden die Dekoration und Einrichtung überdacht: Der Wunsch, die Orientierungspunkte für die Stammgäste des Dorfs zu erhalten, wurde mit der Notwendigkeit in Einklang gebracht, die Konturen des Dorfs neu zu gestalten.
Diejenigen, die etwas für das Touruniversum übrig haben, identifizieren sich mit der Legende. Ausgehend von diesem Prinzip, wurde die Allee der Helden konzipiert. Der Zugang zum Dorf erfolgt über einen prestigeträchtigen Weg, der an die Radsportler erinnert, die die spannenden Kapitel in der Geschichte der Tour de France geschrieben haben. Man verneigt sich vor den Portraits der Großen, von Bobet und Hinault über Coppi und Merckx bis hin zu Indurain. Am Ende dieses Bummels hat der Besucher nochmals Gelegenheit, auf den Spuren der illustren Sieger der großen Rundfahrt zu wandeln, deren Namen auf dem Bodenbelag erscheinen. Die über das Dorf verstreuten Hinweise räumen auch den Kritikern sowie den weniger glücklichen Teilnehmern und selbst den Handlangern, die sich hier ein Eckchen sichern, ihren legitimen Platz ein. Zwei Totems erinnern so manchen an Anekdoten, die sich im Peloton der Tour zugetragen haben, während andere hier erst von selbigen erfahren.
Die Legende wird von Champions gemacht, aber sie lebt auch von ihrem Rahmen. Es gibt zwar Brücken zwischen den Generationen, aber es ist die Sprache der Strecke, die die Teilnehmer von früher und heute verbindet. Der Aufstieg nach Alpe d’Huez, die Bezwingung des Col Tourmalet oder der Gipfel des Mont Ventoux sind im Laufe der Jahre Bühnen für große Schaukämpfe und Bravour geworden, die sich in das kollektive Gedächtnis gegraben haben. Diese Orte, die Emotionen auslösen, sind auch auf der Riesenleinwand im Dorf zu sehen, über die ein Best Of von Bildern der Tour seit 1903 läuft. Viel sagende Namen wie Col de l’Izoard oder Col du Galibier verbinden sich mit der neuen Farbgestaltung, die die aufmerksameren unter den Besuchern auf den Absperrungen und den Elementen bemerken werden, aus denen das Dorf errichtet wird.
Die Farben schwarz und gelb, die bei der Tour dominieren, finden sich auch auf dem Podium wieder, das mitten im Dorf thront, sowie dem Pavillon, der den Kapellen auf den Plätzen des Landes als Bühne dienen wird. Um diese öffentliche Tribüne herum werden sich die Dörfler vom Markttreiben ablenken lassen, von den stolzierenden Stelzenläufern, vom Fresko des Tages oder durch ein „Graf“, das von einem Künstler der Region geschaffen wird. Danach ist es Zeit, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Wenn sich die Türen schließen, lebt die Legende weiter.
Alberto Contador (ESP)© Presse Sports
Im Alter von 26 Jahren avanciert Alberto Contador zum zweiten spanischen Radprofi, der die Tour de France mehr als einmal gewonnen hat. Er steht zwar immer noch im Schatten des fünffachen Gewinners Miguel Indurain, doch feierte der seinen ersten Tour-Gewinn nicht in diesem Alter.
Der Werdegang der Tour-Champions offenbart ebenso viele ruhmreiche Stunden wie Verletzungen oder Durchhänger. Im Klassement der Pechvögel, die allen Widrigkeiten trotzen und gestärkt aus den Reifeprüfungen hervorgehen, belegt Alberto Contador ebenfalls einen der vorderen Ränge. Das ungeschliffene Juwel des spanischen Radsports stürzt bei der Asturien-Rundfahrt am 12. Mai 2004 schwer. Ohne das Einschreiten und die geübten Handgriffe des Rennarztes in den Augenblicken unmittelbar nach dem Unfall wäre sein Schicksal noch am selben Tag besiegelt gewesen. Aufgrund einer schwerwiegenden Hirnverletzung muss sich der Madrilene einer komplizierten Operation unterziehen, es folgt ein beschwerlicher Heilungsprozess, bei dem die Angst ein ständiger Begleiter ist. Durch ein Vertragsangebot der Formation Liberty Seguros findet Alberto den Weg zurück in das Fahrerlager – und gleichzeitig auch auf die Siegerstraße bei der Tour Down Under 2005. Im gleichen Jahr unternimmt er erste Gehversuche bei der Tour de France als Weggefährte von Roberto Heras, den er in der Gesamtwertung deutlich hinter sich lässt (Platz 31 gegenüber Platz 45 für Heras). Es sollte erst der Anfang sein.
Nachdem er wie alle Fahrer des Teams Liberty Seguros 2006 von der Starterliste gestrichen wird, feiert Contador 2007 seine Rückkehr zu der von den Franzosen liebevoll als «Große Schleife» betitelten Tour. Er hat bereits viel Vorschusslorbeer geerntet, insbesondere nach seinen Auftritten auf den Straßen von Paris-Nizza, wo er sich zu Saisonbeginn durchsetzen konnte. Bei der Tour ist er der einzige Fahrer, der mit Michael Rasmussen mithalten kann, und er erhält das Gelbe Trikot nach dem Ausschluss des Dänen. Beim Zeitfahren zwischen Cognac und Angoulême erzielt der «Conquistador» das knappste Podium der Tour-Geschichte, wobei drei Fahrer innerhalb von 31’’ liegen.
Bei der diesjährigen Tour-Auflage tritt nicht länger der junge und mit reichlich Talent ausgestattete Bergfahrer an, sondern ein Champion, der sich mit den Erfolgen bei Giro und Vuelta 2008 seinen Platz in der Ruhmeshalle des Radsports gesichert hat. Nichtsdestotrotz schützt ihn sein Status als unbestrittener Meister der Etappenrennen nicht vor der mannschaftsinternen Konkurrenz bei Astana, wo Lance Armstrong an allen Fronten (Medien, Teammanagement…) die Führungsrolle des Spaniers untergräbt, und auch nicht vor dem Erfolgshunger der Schleck-Brüder, die sich nicht mit ihrer einfachen Außenseiterrolle begnügen wollen. Mit der ihm eigenen Ruhe und Gelassenheit konzentriert sich Contador auf den Kraftakt, den er auf der Straße abliefern muss. Sein beeindruckender Auftritt bei der Verbier-Etappe zieht einen Schlussstrich unter alle Debatten. Fortan wird nur ein persönlicher Einbruch seinen Status als «Patron» der Rundfahrt in Frage stellen können. Seine Rivalen warten noch immer darauf!
A. Contador - L. Armstrong - A. Schleck© Presse sports
Mark CAVENDISH - Thor HUSHOVD© Presse sports
Franco PELLIZOTTI (ITA)© Presse sports
Im Kampf mit Armstrong und in der Folge mit Andy Schleck hat sich Alberto Contador letztlich durchgesetzt. Der Spanier war im Gebirge eine Klasse für sich, konnte die Konkurrenten aber auch bei den Zeitfahrten in die Schranken weisen und hat sich somit als derzeit komplettester Fahrer erwiesen. Das Grüne Trikot ging an Thor Hushovd, das Gepunktete Trikot an Franco Pellizotti.
Contador, Zug um Zug
Einen Sieg bei der Tour de France muss man langfristig aufbauen. Auf der Starterliste gab es zahlreiche Anwärter, insbesondere in der Astana-Mannschaft, die – mit Alberto Contador und Lance Armstrong - gleich zwei ehemalige Toursieger zu bieten hatte.Beim Einzelzeitfahren in Monaco bot der Spanier eine Kostprobe der von ihm beim Kampf gegen die Uhr erzielten Fortschritte, indem er sich sogleich von seinen größten Rivalen absetzte. Doch bei der vom Team Columbia auf der Straße zur Grande Motte ausgeheckten „Bordure“ zeichnete sich Armstrong durch seine Erfahrung und sein taktisches Gespür aus, indem er der Falle auswich, in die Contador getappt ist (41“ Zeitverlust).
Wenn die Pyrenäen auch noch keine Entscheidung in der Konfrontation zwischen Contador, Armstrong und den Schleck-Brüdern herbeigeführt haben, bot die Beschleunigung des Tour-Siegers von 2007 im Anstieg von Arcalis doch ein Anzeichen seiner Fähigkeiten, sich an den steilsten Hängen abzusetzen. Einige Tage später bestätigte der Anstieg zur Station von Verbier die Leichtigkeit und Überlegenheit von Contador im Gebirge. Mit seinem zweite Etappensieg bei der Tour und dem Gelben Trikot als Folge davon hat er der Konkurrenz einen schweren Schlag versetzt. Das wichtigste Anliegen lag danach für den « Matador » darin, die Angriffe des ungestümen Andy Schleck zu kontrollieren, ohne dabei jedoch den Podiumplatz von Lance Armstrong zu gefährden, der insbesondere von dem erstaunlichen Bradley Wiggins bedroht wurde. Die Demonstration von Contador beim Zeitfahren von Annecy, bei dem es ihm sogar gelang, Cancellara um drei Sekunden zu schlagen, und seine Kaltblütigkeit angesichts der Angiffe von Andy Schleck am Mont Ventoux haben dann sein Werk vollendet.
Hushovd – Cavendish, das Duell der Fighter
Das Etikett des schnellsten Sprinters im Peloton haftet an der Rückennummer von Mark Cavendish, der die von seiner Mannschaft in ihn gesetzten Erwartungen postwendend untermauern konnte. Nachdem er die beiden ersten Streckenetappen gewonnen hatte, positionierte sich der Brite als legitimer Anwärter auf das Grüne Trikot, das er zunächst auch sechs Tage lang spazieren fuhr. Doch Thor Hushovd, der stets auf der Lauer lag und alle Gelegenheiten ergriff, um Punkte zu sammeln, tauchte trotz der Schwierigkeiten, sich im direkten Duell durchzusetzen, immer wieder auf.
Im Bewusstsein seiner besseren Kletterkünste in den Bergen im Vergleich zu den anderen Sprintern, landete der Norweger einen genialen Coup mit einem Ausreissversuch in den Alpen auf der Etappe zum Grand-Bornand. Bei diesem Ausritt sammelte er 12 wertvolle Punkte bei den Zwischensprints des Tages in der Vorahnung, dass diese ihm bei der Endabrechnung von Nutzen sein würden. Und er hat gut daran getan, denn Cavendish hat – wie ein verletztes Tier – seine Siegessammlung bis Paris fortgesetzt. Insgesamt konnte er bei der Tour 2009 sechs Etappensiege verbuchen. Das ist besser als Freddy Maertens, der es bei den Tour-Ausgaben von 1976 und 1981 jeweils « nur » auf fünf Siege gebracht hatte. Aber nicht genug, um Hushovd noch das Grüne Trikot abzujagen, dass dieser mit 10 Punkten Vorsprung gewonnen hat.
Pellizotti, Punkt für Punkt
Nach acht Etappen haben fünf verschiedene Fahrer das Gepunktete Trikot getragen. Ohne allerdings Alberto Contador, der andere Ziel vor Augen hatte, oder Jussi Veikkanen (FDJ), Stéphane Augé (COF), Brice Feillu (AGR) und Christophe Kern (COF) zu nahe treten zu wollen, die Bergwertung wartete bis dahin noch auf den Auftritt eines ‚puren’ Kletterers. Letztlich hat sich eine Auseinandersetzung zwischen zwei Spezialisten unter den Gipfelstürmern abgezeichnet, wobei zunächst Egoi Martinez im Vergleich zu Franco Pellizotti der Stärkere zu sein schien.Doch bei den Etappen von Saint-Fargeau und dann in Vittel und Colmar hatte der Spanier Schwierigkeiten, die systematischen Angriffe von Pellizotti an den Gipfeln abzuwehren. Martinez vermochte die Entscheidung noch hinzuzögern und sich als würdiger Duellpartner zu erweisen, ohne sich dem Vorhaben von Pellizotti letztlich in den Weg stellen zu können: der erste italienische Gewinner des Gepunkteten Trikots seit Claudio Chiapucci (1991, 1992) zu werden.