
Montpellier
39 km
Dienstag 7 Juli
Bei der Rückkehr des Mannschaftszeitfahrens im Programm der Tour de France hat Lance Armstrong den Sprung auf das oberste Treppchen hauchdünn verfehlt, ansonsten hätte er nach dem gleichen Strickmuster wie schon 2004 und 2005 die Führung der Gesamtwertung übernommen. Das Team Astana, das alle Rivalen auf der 39 Km langen Strecke rund um Montpellier in Schach hielt, brachte Lance Armstrong auf die gleiche Gesamtzeit wie Fabian Cancellara seit dem Tourauftakt in Monaco, bis auf die Sekunde genau. Nach vollständiger Überprüfung aller Daten, die bis auf die Tausendstelsekunde gemessen werden, fällt das Urteil zu Gunsten von Cancellara aus. Schweizer Präzisionsarbeit halt…
Mentschow und Ballan am Boden
Caisse d’Epargne, letztes Team der Mannschaftswertung, eröffnet den Reigen mit einer Truppe, die für diese Disziplin wie geschaffen ist. Der erste Streckenabschnitt, technisch und anspruchsvoll, erfordert Wachsamkeit. Letztere fehlte wohl Denis Mentschow, und später Alessandro Ballan, die beide in der gleichen Kurve stürzten und so wertvolle Sekunden für ihr Team liegen ließen. Im Ziel verbessert Katusha die Richtzeit der Spanier.
Evans mit Rückstand
Das auf der Tagesetappe mit mageren Ansprüchen ausgestattete Team von Bbox Bouygues Telecom lässt sich von einer Kurve überraschen und verliert vorübergehend seine halbe Mannschaft, die im Graben landet. Das Missgeschick bleibt aber ohne schlimmere Folgen für die französische Mannschaft. Die Zwischenzeit von Silence-Lotto gibt da wesentlich mehr Anlass zur Sorge in Anbetracht der Ambitionen von Cadel Evans in der Gesamtwertung. Nach dem Sturz von Jurgen Van den Broeck und einer stets unorganisiert wirkenden Mannschaftsfahrt erreicht das belgische Team das Ziel mit einem Rückstand von 1’12’’ auf Katusha. Für den kleinen Australier soll es noch schlimmer kommen…
Garmin, eine Strategie mit 5 Köpfen
Kennzeichen der Formation Liquigas sind Kohärenz und Konstanz. Nach ihrer starken Schlussoffensive erobern die Fahrer der italienischen Mannschaft vorläufig den ersten Platz, mit 25 Sekunden Vorsprung vor den Russen. Aber die Raketenstrategie von Garmin zündet mit Millar, Zabriskie, Vandevelde, Wiggins, und schließlich der Vollzähligkeit halber noch Hesjedal. Zu fünft machen die Garmin-Leute die Bestzeit von Liquigas vergessen.
Armstrong 10 Km vor dem Ziel virtuell in Gelb
Es folgt ein Kampf auf Biegen und Brechen um das Gelbe Trikot, ein Fernduell zwischen Fabian Cancellara und Lance Armstrong. Auf der Grundlage der Zeitmessungen 10 Kilometer vor dem Zielstrich hätte der Amerikaner um eine Sekunde wieder das Zepter übernommen. Aber auf dem Zielstrich liegen die beiden Kontrahenten in ein und der gleichen Sekunde. Nach der Addition aller Tausendstelsekunden, die auch beim Zeitfahren gewertet wurden, liegt Cancellara weiterhin an der Spitze der Gesamtwertung. Beim Start in Cap d’Agde wird er das Gelbe Trikot tragen. Zwar hat Astana die Gelegenheit verpasst, das Kommando über die Tour zu übernehmen, doch feiert die Formation vor allem ihren ersten Etappensieg der diesjährigen Tour de France.
Dem Sieger des Zeitfahrens von Monaco ist es diesmal mit Hilfe seiner Teamgefährten gelungen, das Gelbe Trikot, das er seit Beginn der Tour trägt, zu verteidigen.
«Wir haben das Maximum herausgeholt. Und nach dieser Energieleistung dürfen wir stolz sein, das Gelbe Trikot für mindestens einen weiteren Tag behaupten zu können. Das nennt man wohl «Schweizer Timing». Jetzt weiß ich auch nicht, ob wir das Trikot Morgen weiterhin verteidigen werden. Wir wissen nicht, wie die Etappe verlaufen und ob es Ausreißversuche geben wird… Das Wichtigste war es, das Gelbe Trikot bis hierhin behaupten zu können. Wir können uns allmählich Gedanken über die Berge machen, und darauf wird sich jetzt auch die Teamstrategie konzentrieren.»
Der siebenfache Toursieger hat das Gelbe Trikot um weniger als eine Sekunde verpasst, doch dank des Sieges von Astana konnten sich der Amerikaner wie auch sein Teamgefährte Alberto Contador von den Rivalen absetzen.
«Ich wollte unbedingt zu den stärksten Fahrern im Feld gehören. Und ich glaube, dass ich dazugehöre. Vielleicht werde ich nicht stark genug sein um zu gewinnen, doch wird es meiner Meinung nach einer aus dieser Mannschaft sein. Ich kenne das Rennen und weiß, wie der Hase läuft. Gestern war ein Schlüsselmoment des Rennens, und ich wusste, wo ich im Peloton sein musste. Manchmal hat es Vorteile, alt und erfahren zu sein! Jetzt werden wir sehen, was geschieht. Ich gehe die Dinge Tag für Tag an. Ich glaube nicht, dass es interessant ist, am morgigen Tag etwas zu versuchen. Es gibt keine Zeitgutschriften, dafür aber weiterhin viel Wind in der Region. Deshalb werden wir vorsichtig bleiben, denn man weiß ja nie, was so alles passieren kann. Ich glaube nicht, dass das Gelbe Trikot bis Andorra den Träger wechseln wird.
Während des Rennens kam mir der Gedanke, dass das Gelbe Trikot in Reichweite liegt, und dass es eine tolle Story wäre. Deshalb haben wir getan, was möglich war. Was sollten wir auch anderes machen? Das ist Radfahren. Jedenfalls weiß ich, dass wir uns gegenseitig in die Augen schauen und sagen können, «dass wir unser Bestes gegeben haben.»
Das Wichtigste ist der Etappensieg, vor allem haben wir vielen Favoriten Zeit abgeknöpft. Vor dem Rennen habe ich Alberto gesagt, dass es nicht auf den Tagessieg ankommt, sondern vor allem darauf, Minuten auf Sastre, Evans oder Mentschow gut zu machen. Das ist uns nach meinem Dafürhalten eher gelungen. Die Zeit der Mannschaft zählt für die Einzelwertung, und ich wollte nicht mit zwei Minuten ins Hintertreffen geraten.»
1. Astana, 2. Garmin, 3. Saxo Bank, 4. Liquigas, 5. Columbia
Die Gesamtzeit des Schweizers seit dem Auftakt in Monaco bewegt sich in der gleichen Sekunde wie die von Armstrong, ist aber um Sekundenbruchteile besser.
Das Team von Contador und Armstrong hat die Bestzeit aufgestellt, 18’’ vor Garmin und 40’’ vor Saxo Bank. Im Kampf um das Gelbe Trikot zählen für Cancellara und Armstrong also Sekundenbruchteile.
Astana nähert sich mit sechs Fahrern dem Ziel...
Bei der Auflage 2004 hatte Armstrong bereits beim Mannschaftszeitfahren in Arras das Gelbe Trikot erobert. 2005 lehnte es der Amerikaner nach einem Sturz des in der Gesamtwertung bis dato führenden David Zabriskie ab, bei der darauf folgenden Etappe das Gelbe Trikot überzustreifen.