
Brignoles
187 km
Sonntag 5 Juli
Bei der ersten Streckenetappe der Tour geht es traditionsgemäß um Image und Vorreiterrolle für die Teams der Sprinter im Peloton. In diesem Wissen haben sich Stef Clement, Jussi Veikkanen, Stéphane Augé und Cyril Dessel schon bei Kilometer 13 zu einem Ausreissversuch abgesetzt. Die Rückkehr des Hauptfeldes, das von den Teams Columbia und Cervélo organisiert wurde, hat den Abenteurern des Tages jedoch keine Chance gelassen, und alle konnten dann eine erste Vorführung des Sprintmeisters Mark Cavendish miterleben. Selbst in einem wegen eines Sturzes auf dem letzten Kilometer angespannten Umfeld konnte « Cav » einen unwiderstehlichen Sprint anziehen. Er hat damit seine fünfte Etappe bei der Tour de France gewonnen.
Dumoulin gibt den Ton an
Beim Anstieg von La Turbie hat sich Samuel Dumoulin (Fra - COF) als Erster gezeigt, um nach 2 Rennkilometern einen Ausreissversuch zu starten. Nachdem er zunächst von Txurruka (EUS), Wegmann (MRM) und Nocentini (ALM) gestellt wurde, hatte Dumoulin vor allem unter dem Appetit von Tony Martin zu leiden, der sich für die Bergwertung positionieren wollte. Der junge Deutsche übernahm in La Turbie die Führung und überließ es dann anderen ehrgeizigen Fahrern, eine zusammenhängende Gruppe zu bilden.
F.Schleck und Anton gestürzt
Auf Initiative von Jussi Veikkanen (Fin – FDJ) hat sich bei km 13 dann eine Ausreissergruppe mit Stef Clement (Hol – RAB), Cyril Dessel (Fra – ALM) und Stéphane Augé (Fra – COF) gebildet. Die Vierergruppe hat harmonisch zusammengearbeitet, kaum gestört durch die zu verteilenden Punkte am Gipfel der Anstiege von Roquefort-les-Pins oder von Tournon, wo Veikkanen sich zum Gepunkteten Trikot vorgearbeitet hat. Gleichzeitig waren im Peloton die ersten Stürze zu verzeichnen: Frank Schleck und Igor Anton gehörten zu den Fahrern, die bei km 67 zeitweilig zu Boden gingen. Nach 90 Rennkilometern war der Vorsprung der Ausreisser auf 5’20’’ angestiegen, das sollte aber auch der größte Abstand bleiben, den die Teamgefährten von Fabian Cancellara den Ausreissern zu gewähren bereit waren. An der Spitze des Hauptfeldes wurden die Bemühungen dosiert, um den Ausreissversuch unter Kontrolle zu halten.
Ignatiev versucht sein Glück
Die Dinge sollten sich jedoch sehr viel entschlossener und abrupter entwickeln, als die Fahrer vom Team Columbia sich 45 km vor dem Ziel in die Nachführarbeit eingebracht haben. Die Tempoerhöhung sollte für die Ausreisser des Tages schon bald spürbar werden, die bei km 32 vor dem Ziel nur noch 3’ Vorsprung hatten. Bei 15 km – mit nur noch 1’ Vorsprung – schien ihr Schicksal besiegelt zu sein, und keiner der vier Fahrer hat sich noch zu einem Gegenangriff im Alleingang hinreissen lassen. 10 km vor dem Ziel hat sich der Russe Ignatiev zu einem naiven Vorstoß vom Peloton abgesetzt, bei dem er lediglich die vier Ausreisser des Tages einholen und sich noch zwei Kilometer lang an der Spitze halten konnte.
Cavendish unwiderstehlich
Der Vorbereitung des Massensprints wurde danach hauptsächlich vom Team Columbia übernommen. In idealer Position ganz vorne, war Cavendish vor allem vor den Bewegungen im Peloton auf dem letzten Kilometer geschützt. Der daraus resultierende Sturz, bei dem eine Handvoll Fahrer zu Boden ging, hatte keinerlei Auswirkung auf den Sprinter des Jahres, der 500 Meter vor der Ziellinie seinen Sprint anziehen und lange genug durchhalten konnte, um Tyler Farrar und Romain Feillu zu distanzieren und seinen ersten Etappensieg bei der diesjährigen Tour de France einzufahren.
Er ist der einzige finnische Fahrer im Rennen, und jetzt kann der ehemalige Landesmeister sein FDJ-Trikot mit einem gepunkteten tauschen. Jussi Veikkanen ist ein glücklicher Mann.
"Ich bin für einen langen Tag belohnt worden. Es war aber hart, und ich habe ziemliches Glück gehabt. Wir konnten uns am Gipfel des ersten Anstiegs mit vier Fahrern absetzen. Es gab einen Angriff, und ich habe die Fahrer wieder gestellt und einen Gegenangriff gestartet, zu dem drei weitere Fahrer gestossen sind. Ich wusste, dass Stéphane Augé das Gepunktete Trikot an den ersten paar Tagen des letzten Jahres getragen hatte und demnach sehr motiviert dafür war, doch ich habe ihn beim ersten Sprint geschlagen. Danach war es etwas leichter für mich.
Ich liege nur ein paar Punkte vor Tony Martin und bin somit nicht sicher, das Trikot lange Zeit zu behalten.
Ein Tag mit einem der Wertungstrikots der Tour de France ist wirklich toll für mich. Ich lebe etwa 20 Kilometer von Brignoles entfernt, kenne also all die Strassen des Rennens, und das hat vielleicht den Unterschied ausgemacht."
Der Sprinter der Isle of Man hat in Brignoles seine fünfte Etappe bei der Tour de France gewonnen. Er streift jedoch zum ersten Mal das Grüne Trikot über, da er die Führung in der Punktwerung übernommen hat.
"Das Finale war gefährlich, es war recht schwer, die Position zu halten. Es wurde um die vorderen Plätze gekämpft. Als aber dann mein Team begonnen hat, das Peloton in die Länge zu ziehen, war es etwas entspannter. Die Arbeit meiner Teamgefährten war wirklich beeindruckend. Wir hatten auf den letzten fünf Kilometern Fahrer, die zu den Besten in der Welt gehören, um unseren Rhythmus vorzugeben. Wenn man Michael Rogers oder Tony Martin hat, die für diese Arbeit alles geben, dann ist das sehr stark. Als sich dann Mark Renshaw zurückgezogen hat, brauchte ich dieses Tempo nur noch beizubehalten, und das kann ich. Es ging somit ziemlich einfach.
Ich hatte nicht gedacht, dass es so einfach laufen würde. Normalerweise brauche ich mehrere Tage, bis ich wirklich angekommen bin. Heute aber lief alles bestens. Das zeigt, wie sehr sich das Team investiert hat. Das Grüne Trikot war natürlich ein Ziel. Ich bin Profi seit nunmehr drei Jahren, und genau das wollte ich. Und jetzt will ich es natürlich behalten."
Seine Teamgefährten von Saxo Bank sind die meiste Zeit der Etappe Tempo gefahren, und am Ende ist es Fabian Cancellara gelungen, sein Gelbes Trikot zu verteidigen. Die Mühe wurde belohnt.
"Ich fühle mich, als ob ich brenne. Die Hitze war niederschmetternd. Ich habe mich nicht so gut nach dem gestrigen Rennen erholt, aber das ist normal. Ich meine, es war eine gewaltige Anstrengung, und heute bin ich froh, dass wir dank meiner Teamgefährten das Gelbe Trikot verteidigen konnten. Sie sind wirklich sehr gut gefahren, sie sind sehr stark, und... ja, und jetzt schauen wir auf morgen."
"Ich glaube, es wird etwas leichter werden, weil es ein wenig flacher ist, aber wir haben heute gesehen, dass mein Team eine lange Zeit über ziehen musste. Zum Ende ist dann Team Columbia nach vorne gekommen, bis dahin aber musste Saxo Bank die ganze Führungsarbeit leisten. Am Ende haben sie gewonnen und bekommen, was sie verdienten. Die anderen haben sich zurückgelehnt und nichts unternommen, aber dies ist ein Rennen. Und wenn man gewinnen will, muss man aktiv werden."
"Es ist schön, im Gelben Trikot zu fahren. Alle schauen einen an, und dann das ganze Drumherum - das nagelneue Spezialrad, mein gelber Helm... alle Lieferanten haben sich besonders angestrengt, das war nett. Das gefällt mir. Es ist ein Kompliment. Ich hatte aber nicht viel Zeit, um mich daran zu erfreuen. Es war ein schneller Start und eine sehr heisse Etappe."
Der Niederländer Stef Clement hat in einer Ausreissergruppe von vier Fahrern mehr als 160 Kilometer an der Rennspitze verbracht. Er wird für seine Bemühungen mit dem Preis für den angriffslustigsten Fahrer belohnt.
"Wir wussten, dass es ein schwieriger Tag für alle werden würde: für die Gruppe der Ausreisser, aber auch für das Hauptfeld. Mir wäre eine etwas grössere Ausreissergruppe lieber gewesen. Wenn man zu viert zusammenkommt, kann man nur fahren und hoffen. Wir hatten 50 km vor dem Ziel einen Vorsprung von 5’20", aber mit einem Etappenprofil wie heute war es nahezu unmöglich, diesen Vorsprung zu halten. Wir haben gut zusammengearbeitet, und am Ende bekommt, glaube ich, jeder, was er verdient, und alle sind zufrieden. Bei der Tour bekommt niemand einen Preis umsonst."
1. Cavendish
2. Farrar
3. Feillu
4. Hushovd
5. Arashiro
Trotz der durch den Sturz hervorgerufenen Desorganisation hat Mark Cavendish über 500 Meter seinen Sprint anziehen können, um letztlich seine fünfte Etappe beider Tour de France zu gewinnen.
Bei einem Sturz gehen mehrere Fahrer zu Boden...
Das Tempo wird nunmehr von fünf Fahrern vom Team Columbia vorgegeben...
Milram führt das Peloton weiter an...