Tagebuch der Etappe

étape 17 - Bourg-Saint-Maurice Le Grand-Bornand 169.5 km
Mittwoch 22 Juli

Franck Schleck - im Namen des Bruders

Franck SCHLECK© A.S.O.

 

Dank der Dichte der Etappe nach Le Grand Bornand konnten sich die Titelanwärter über die gesamte Länge austoben. Erst auf den letzten beiden Anstiegen eröffneten die Brüder Andy und Franck Schleck den Kampf um die vorderen Plätze im Gesamtklassement. Die beiden ließen alle Rivalen hinter sich, mit Ausnahme von Alberto Contador, dem es gelang, die Situation auf den steilsten Anstiegen zu kontrollieren, wo er angriff. Auf der Ziellinie wurde Frank Schleck für seine Anstrengungen mit einem Etappensieg sowie einem vorläufigen Platz auf dem Siegerpodest belohnt, während sein Bruder Andy die Position des Kronprinzen übernimmt. Die Strecke nach Le Grand-Bornand bot außerdem Thor Hushovd Gelegenheit, seine Führung in Kampf um das grüne Trikot auszubauen.

Evans hat zu kämpfen

Linus Gerdemann nimmt den Anstieg zum Cormet de Roselend mit der schönen Erinnerung an einen Sieg in Le Grand-Bornand (2007) in Angriff. In Begleitung von David Arroyo wird er jedoch schnell vom Peloton eingeholt. Sylvain Chavanel versucht als nächster sein Glück und beschleunigt bei km 5. Nach verschiedenen Gegenangriffen wird er von Van den Broeck (SIL), Menchov (RAB), Zabriskie (GRM), Perez Moreno, Verdugo (EUS), Montfort (THR), Arrieta (ALM), Pellizotti (LIQ), Casar (FDJ), Uran (GCE), Kern, Pauriol (COF), Bruseghin (LAM), Voeckler, Rolland (BBO), Chavanel (QST) und Lequatre (AGR) eingeholt. Der Anstieg bereitet Cadel Evans Schwierigkeiten, verleitet Thor Hushovd jedoch dazu, sich auf dem Anstieg zusammen mit Martinez und Txurruka (EUS) Übermenschliches abzuverlangen, um auf der anschließenden Abfahrt zu den Führenden aufzuschließen.

Hushovd, der Kletterer

Bei der großen Alpenetappe pflegt Hushovd den Widerspruch, indem er den Col des Saisies allein erklimmt. Der Träger des grünen Trikots erreicht den Gipfel mit 45’’ auf seine Verfolger und 5’05’’ auf das Peloton. Im Tal setzt Hushovd seinen Alleingang fort: Ein erstes Zeichen setzt er, indem er sich die sechs Punkte holt, die an der Sprintlinie in Praz-sur-Arly (km 75) auf den schnellsten Fahrer warten. Nach einer kleinen Schrecksekunde in einer rutschigen Kurve bewältigt er den Anstieg zum Côte d’Arâches mit Leichtigkeit und setzt seinen Eroberungszug am Sprint von Cluses fort. Der norwegische Fahrer hat jetzt 30 Zähler Vorsprung auf Mark Cavendish in der Punktewertung.

Van den Broeck, der letzte Ăśberlebende

Das Tempo verschärft sich abrupt auf dem Anstieg zum Col de Romme. Thor Hushovd überlässt die Vorhut sofort Carlos Barredo, der sich aus der Verfolgergruppe gelöst hat. Ab der ersten Steigung macht es ihm Jurgen Van den Broeck gleich, der jedoch der großen Steigung mehr entgegenzuhalten hat und schnell allein in Führung liegt.

Andy im Angriff

In der Gruppe um den Träger des gelben Trikots, die mit 1’20’’ Rückstand auf den Anstieg geht, bricht Carlos Sastre den Frieden. Trotz seiner Beschleunigung kann er sich nicht maßgeblich von seinen Rivalen absetzen, aber er reduziert die Elitegruppe auf zehn Fahrer. 5 km vor dem Gipfel führt die mehrstufige Offensive von Andy Schleck zur Bildung von zwei Gruppen: eine mit den beiden Schleck-Brüdern, denen es nicht gelingt, Contador und Klöden abzuschütteln, die andere mit Armstrong in Begleitung von Wiggins, Vande Velde und Nibali. Van den Broeck wird 4 km vor dem Gipfel eingeholt, bevor er zurückfällt und schließlich hinter den beiden Gruppen zurückbleibt. Am Col de Romme beträgt der Abstand zwischen den beiden Quartetten 1’05’’.

Armstrongs Verfolgungsjagd

Die Vorbeifahrt am "Reposoir" leutet mit dem Anstieg zum Col de la Colombière den Abschlusskampf ein. Unter dem Einfluss des verschärften Tempos, das der siebenfache Toursieger vorgibt, wird die Gruppe um Armstrong zunächst zum Trio (mit Wiggins und Nibali). An der Spitze eliminiert Contador unfreiweillig Klöden, als er 2 km vor dem Gipfel beschleunigt. Auf dem letzten Kilometer des Anstiegs startet Lance Armstrong eine Verfolgungsjagd, bei der Wiggins nicht mehr mithalten kann. Auf der Abfahrt gelingt es Armstrong, seinen Verfolger in der Gesamtwertung zu distanzieren. Er holt Klöden vor dem Ziel ein, wo Frank Schleck mit gestrecktem Arm in schöner Eintracht vor Contador und seinem Bruder Andy über die Linie geht.

 

Andy Schleck: "Wir haben ihn von allen Seiten angegriffen."

Es gab auch früher schon Geschwister, die gemeinsam bei der Tour de France antraten, aber nach der 17. Etappe liegen die beiden Schlecks auf dem zweiten und dritten Platz der Gesamtwertung. Franck holte sich zwar den Etappensieg, aber Andy hat 59 Sekunden Vorsprung auf seinen älteren Bruder im Gesamtklassement. Der Coup gelang den beiden, weil sie ihre Kräfte im Kampf gegen Alberto Contador bündelten.

"Uns bieten sich bei dieser Tour nicht viele Chancen, aber die wenigen, die wir haben, nutzen wir auch. Nach der Etappe gestern war ich wegen dem Sturz von Jens (Voigt) wirklich niedergeschlagen, aber wir konnten ihn hoffentlich mit dem, was wir heute auf der Etappe gemacht haben, etwas aufmuntern. Alles hat so funktioniert, wie wir es geplant hatten. Jetzt liegt das Zeitfahren vor uns, da ist jeder auf sich allein gestellt. Dann geht es auf den Mont Ventoux und es stimmt, dass Contador wirklich stark ist. Aber wir haben heute gesehen, dass es uns gelungen ist, ihn zu isolieren und auf dem Ventoux schaffen wir es vielleicht wieder. Wir warten ab und schauen, aber ein Sieg dort wäre phänomenal. Irgendwann wird jeder von uns mal müde. Bei Contador könnte es genauso sein. Ich würde nie sagen, dass er unsicher ist, aber vielleicht, dass er leicht nervös wirkt. Er musste heute umringt von Schlecks fahren und es ging Schlag auf Schlag! Wir haben ihn von links und von rechts angegriffen. Aber er ist heute auch ein Superrennen gefahren."

 

Alberto Contador: "Die Aufstellung auf dem Siegerpodest steht noch nicht fest."

Der Träger des gelben Trikots hält den Angriffen der beiden Schlecks auf der Etappe von Le Grand-Bornard stand. Außerdem baut er seinen Vorsprung auf Bradley Wiggins aus, einen potenziellen Rivalen im Zeitfahren rund um den Lac d’Annecy.

"Mein Plan war, das Gleiche wie in Verbier zu machen und meinen Vorsprung auf meine Rivalen noch weiter auszubauen. Aber die Schleck-Brüder waren sehr stark und ich fand mich zusammen mit ihnen an der Spitze wieder. Wir haben uns dann vorgenommen, erneut zusammen mit Klöden auf dem letzten Anstieg anzugreifen, aber als ich das Tempo verschärfte, konnte er nicht mehr folgen. Daher habe ich verlangsamt und versucht, auf ihn zu warten, aber er hat es nicht mehr geschafft, zu mir aufzuschließen. Dann haben die Schleck-Brüder mich gebeten, mit ihnen zusammenzuarbeiten, um den Vorsprung zu vergrößern, aber ich hatte Teamkollegen hinter mir und wollte nicht, dass sie zu weit zurückfallen. Ich wollte mich nicht in den Sprint einmischen, sondern gut geschützt hinter den beiden bleiben, und ich habe schon daran gedacht, meine Kräfte für das morgige Zeitfahren zu schonen. Ich habe einen schönen Vorsprung auf Bradley Wiggins herausgefahren, der mein ärgster Rivale beim Zeitfahren sein wird. Ich denke, das müsste reichen. Aber ich weiß auch, dass noch zwei schwierige Tage vor uns liegen, bevor wir uns des Siegs sicher sein können. Die Aufstellung auf dem Siegerpodest ist noch nicht in Stein gemeißelt. Wir haben gesehen, dass die beiden Schlecks sehr stark sind. Aber beim Zeitfahren müssten sich auch Klöden und Armstrong auf hohem Niveau zeigen. Es ist also möglich, dass sie doch noch den Sprung aufs Treppchen schaffen."

 

Frank Schleck: "Wir gehen aufs Ganze - alles oder nichts!”

Das Team Saxo Bank hat die Angewohnheit, einen Fahrer in der Ausreißergruppe mitzuschicken und ihn dann abzuziehen, wenn die Bestplatzierten in der Gesamtwertung Unterstützung brauchen. Auf der 17. Etappe gab es eine Planänderung und Franck Schleck leistete den größten Beitrag dazu: Der Etappensieger belegt jetzt den dritten Platz im Gesamtklassement, während sein Bruder zum Kronprinzen aufsteigt.

"Gestern hatte ich keinen Supertag, aber es war okay. Gestern Abend habe ich mit Andy gesprochen und sagte: ’Morgen gehe ich aufs Ganze, alles oder nichts!’ Wir wollten das Rennen an uns reiĂźen, und das haben wir gemacht, und deshalb sind wir zufrieden. Wir haben heute Morgen bei der Teambesprechung diskutiert, wie wir die Etappe angehen und uns geeinigt, dass kein Fahrer in einer AusreiĂźergruppe mitfährt. Der Plan war, dafĂĽr zu sorgen, dass das Rennen möglichst hart ist, und zu versuchen, die anderen mĂĽrbe zu machen. Und das haben wir gemacht. Andy und ich haben Charakter gezeigt und bewiesen, dass wir uns an den Plan gehalten haben. Wir haben angegriffen – ich weiĂź nicht mehr, wie oft. Aber wir mussten so schnell wie möglich beschleunigen. Letztendlich bin ich zu Andy gegangen und wir haben die FĂĽhrung ĂĽbernommen: die beiden ’Schleckies’ und die Jungs von Astana. Der Angriff auf dem letzten Anstieg und davor ständig das Tempo vorzugeben, waren kräftezehrend. Es war eine Mischung aus beidem. Wir hätten bis zum letzten Anstieg warten können, aber das hätte nicht gereicht. Wir hätten dann vielleicht nur 30 Sekunden gutgemacht. Und Andy und ich brauchten mehr, um auf das Siegertreppchen zu springen. Wir mussten frĂĽher angreifen."