
Verbier
207.5 km
Sonntag 19 Juli
Alberto CONTADOR© A.S.O.
Die erste Alpenetappe versprach eine Aussprache zwischen den Titelanwärtern. Das Peloton schont während des Großteils des Tages seine Kräfte, um sich im Schlussanstieg nach Verbier verausgaben zu können. Wie in Arcalis fährt Alberto Contador weniger als 6 km vor dem Ziel einen Angriff und verweist dabei alle Rivalen mit sofortiger Wirkung auf die Plätze. Diesmal sichert sich der Spanier durch den herausgefahrenen Vorsprung nicht nur den Etappensieg, sondern gleich auch noch das gelbe Trikot. Der Sieger von 2007 hat jetzt 1’37’’ Vorsprung auf seinen Teamkollegen Lance Armstrong und 1’46’’ auf Bradley Wiggins.
Martin eine Hypothek fĂĽr die AusreiĂźergruppe
Franco Pellizotti nutzt die ersten beiden Anstiege der Etappe, um sein gepunktetes Trikot langsam, aber sicher zu konsolidieren. Auch wenn sich zunächst Fédrigo, dann Chavanel bereits auf den ersten Kilometern sehr umtriebig zeigen, formiert sich erst ab km 42 die heutige Ausreißergruppe auf Initiative von Moncoutié und Pellizotti. Hinter ihnen bildet sich eine dichte Gruppe mit 15 Fahrern, aber die Anwesenheit von Martin sowie den Anwärtern auf das Punktetrikot (Pellizotti, Martinez, Kern) verhindert, dass der Vorsprung der Gruppe zu groß wird.
Flecha stößt zu den Ausreißern
Nach einer Umbesetzung in mehreren Phasen sowie einem Alleingang von Hesjedal findet die Gruppe mit Van den Broek (SIL), Cancellara (SAX), Hesjedal (GRM), Astarloza (EUS), Gutierrez (GCE), Fédrigo (BBO), Moinard, Moncoutié (COF) und Spilak (LAM) ihr Gleichgewicht. Nach einem Gegenangriff vervollständigt ab km 80 Juan-Antonio Flecha (RAB) die Ausreißergruppe. Zu zehnt setzen die Angreifer ihre Fahrt durch den Kanton Fribourg fort und erreichen bei km 85 einen Vorsprung von 3’10’’ auf ihr Verfolgerfeld.
Spilak im Alleingang
Mit einem Vorsprung von 3’35’’ auf das Peloton, das bis zu diesem Zeitpunkt von Astana geführt wird, machen sich die Ausreißer auf den Weg zum Col des Mosses. Der Anstieg verläuft an der Spitze ebenso ruhig wie im Peloton, wo keinerlei Beschleunigung zu beobachten ist. Am Gipfel beträgt der Abstand des Felds auf die Spitze noch immer 3’25’’. Das Tal vor dem Schlussanstieg nach Verbier erweist sich jedoch für die Männer an der Spitze als unglaublich lang. Aufgrund der Aufholjagd von Astana, aber zum Teil auch Liquigas, büßen sie einen Teil ihres Vorsprungs ein und müssen vor allem an ihre Energiereserven gehen. 22 km vor dem Ziel veranlasst das näherrückende Feld Spilak dazu, sein Glück im Alleingang zu suchen. Seine Initiative lädt Astarloza, Van den Broeke und Cancellara zum Gegenangriff ein, aber mit nur 1’ Vorsprung auf das Peloton am Fuße des letzten Anstiegs ist das Vorhaben von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
Contadors Nummer
Das Peloton, das auf dem Anstieg dem strammen Tempo von Saxo Bank folgt, verdünnt sich schnell und es bleibt nur die Elite übrig. Weniger als 6 km vor dem Ziel in Verbier verschärft Alberto Contador das Tempo und löst sich von der Ausreißergruppe. Andy Schleck kann dem Spanier nur in einiger Distanz folgen und lässt hinter sich eine Gruppe bestehend aus Evans, Armstrong, Klöden, Franck Schleck, Wiggins, Sastre, Kreuziger und Nibali zurück. Während 3 km vor dem Ziel Contador weiterhin sein Ding im Alleingang fährt und Spilak vom Feld eingeholt wird, wagt Frank Schleck seinerseits einen Angriff und schafft es endlich, das Feld aufzuräumen. Einige Fahrer folgen ihm und beenden den Anstieg mit ihm: Nibali, Wiggins und Sastre. Diejenigen, die ihm nicht folgen, gehören zu den Verlierern des Tages: Evans, gefolgt von Klöden und Armstrong.
Franco Pellizotti, Träger des gepunkteten Trikots, hat heute seinen Vorsprung in der Bergwertung leicht ausbauen können.
"Das wichtigste Ziel heute war, das gepunktete Trikot zu behalten. Als ich am Anfang der Etappe versucht habe, in der Ausreißergruppe mitzugehen, war das natürlich mit dem Zweck, die Etappe zu gewinnen. Aber mit Tony Martin in der Gruppe hat man uns nicht davonziehen lassen, also habe ich mich wieder in das Peloton eingegliedert. Dadurch habe ich die Chance auf Punkte vertan, die ich am ersten Anstieg hätte holen können, aber das ist nicht schlimm. Mein Ziel lautet jetzt, das gepunktete Trikot zu gewinnen, und das ist ein großes Abenteuer. Ich werde alles daran setzen, es zu schaffen, das ist jetzt wichtiger als ein Etappensieg. Ich schreibe jeden Tag eine Chronik der Etappe in einer italienischen Zeitung und ich glaube, dass der Titel meiner morgigen Kolumne "Vom großen Liquigas" heißen wird."
Mit einem Angriff 6 km vor dem Ziel lässt Alberto Contador auf dem Anstieg nach Verbier alle Rivalen hinter sich. Er holt sich den Etappensieg und übernimmt das gelbe Trikot.
"Ich habe alles gegeben und meine ganze Kraft in den Anstieg nach Verbier gelegt. Ich wollte eigentlich erst 4 bis 5 km vor dem Ziel angreifen, aber als ich gesehen habe, wie das Team Saxo Bank arbeitet und dass sich die Gruppe bereits auf eine Handvoll Favoriten reduziert hatte, habe ich beschlossen, etwas früher als geplant zum Angriff überzugehen. Ich brauchte diese Etappe, weil ich zwei schwere Wochen hinter mir habe. Ich habe vor allem gebraucht, dass sie so läuft, wie sie gelaufen ist, und ich mich wirklich von meinen Rivalen absetzen konnte. Mir kam es nur darauf an, gute Beine zu haben. Ich habe mich sehr gut gefühlt, aber man hat immer Zweifel, bevor man in Aktion tritt. Und ganz besonders angesichts des Niveaus der anderen. Ich glaube nicht, dass die Tour schon entschieden ist, weil die letzte Woche die härteste wird. Und ich denke mir, dass es auf den schwierigen Etappen, die uns jetzt erwarten, noch Bewegung geben wird. Die Fahrer, die heute in Erscheinung getreten sind, bleiben gefährlich. Ich bin natürlich überglücklich, dass ich heute Abend das gelbe Trikot übernehmen. Aber ich gebe nicht mehr darauf, Lance Armstrong hinter mir gelassen zu haben, als bei jedem anderen Fahrer. Jetzt wird das gesamte Team dafür arbeiten, meine Position zu verteidigen. Ich bin mit Armstrong als Vorbild groß geworden und es ist für mich eine Ehre zu wissen, dass er für mich fahren wird."
Von allen Titelanwärtern war Andy Schleck der einzige, der zumindest versucht hat, mit dem beschleunigten Tempo von Alberto Contador mitzuhalten. Der Luxemburger hat sich erneut das weiße Trikot gesichert, das er letztes Jahr gewann, und ist überzeugt, dass von seinen Teamkollegen bei Saxo Bank und ihm noch mehr zu erwarten ist.
"Natürlich wollen wir die Besten sein. Wir haben heute alles gegeben, aber ich konnte am Anstieg nicht mit Alberto mithalten, das ist einfach so. Ich habe in der Gesamtwertung Plätze gut gemacht und konzentriere mich darauf, was sein muss. Ich werde versuchen, mir einen Platz auf dem Siegerpodest zu sichern und ich habe mir wieder das weiße Trikot geholt, deshalb kann ich die Dinge so nehmen, wie sie sind, und bin damit recht zufrieden. Ich kann [Contador] folgen und vielleicht habe ich eines Tages Glück und kann ihn sogar abschütteln. Jetzt müssen wir jede Chance ergreifen, die sich bietet. Vielleicht hat er ja auch mal einen ... sagen wir mal, beim Rennen Paris-Nizza war er genauso stark und dann hatte er einen schlechten Tag und hat alles verloren. Das kann ihm hier wieder passieren. Wir hatten heute zwar ein Finale in den Bergen und es war die erste Alpenetappe, aber es war die am leichteste von allen. Morgen haben wir einen Ruhetag und dann versuchen wir es weiter … bis zum letzten Atemzug.”
Er belegt den zweiten Platz im Gesamtklassement, aber Lance Armstrong ist sich bewusst, dass der beste Fahrer im Feld sein Teamkollege ist. Armstrong, gefragter Mann im Ziel, gab eine kurze, prägnante Einschätzung der Situation.
"Ich glaube, er hat heute einigen Jungs den Schneid abgekauft und manche Leute überrascht. Es liegen noch einige harte Tage vor uns, aber Alberto hat gezeigt, dass er der Beste ist. Ich bin nicht dumm. Ich war selbst in dieser Situation und wenn jemand zeigt, dass er der Beste ist, können die anderen das nur respektieren und sich daran halten.”
Nach der 15. Etappe ergibt sich folgendes Gesamtklassement:
1. Alberto Contador
2. Lance Armstrong mit 1’37" Abstand
3. Bradley Wiggins mit 1’46"
4. Andreas Kloden mit 2’17
5. Andy Schleck mit 2’26"
Nach der Etappe von Pontarlier nach Verbier wechselt die FĂĽhrung im Gesamtklassement der Tour de France. Hier die TOP 10 der 15. Etappe:
1. Alberto Contador (ESP) AST - 207,5 km in 5h03’58" (40,958 km/h)
2. Andy Schleck (LUX) SAX mit 43" Abstand
3. Vincenzo Nibali (ITA) LIQ mit 1’03"
4. Frank Schleck (LUX) SAX mit 1’06"
5. Bradley Wiggins (GBR) GRM mit 1’06"
6. Carlos Sastre (ESP) CTT mit 1’06"
7. Cadel Evans (AUS) SIL mit 1’26"
8. Andreas Klöden (GER) AST mit 1’29"
9. Lance Armstrong (USA) AST mit 1’35"
10. Kim Kirchen (LUX) THR mit 1’55"
1. Contador
2. A. Schleck
3. Nibali
4. F. Schleck
5. Wiggins
Es besteht kein Zweifel daran, wer im Team Astana den Ton angibt: Armstrong kommt auf dem letzten Anstieg der 15. Etappe weit abgeschlagen mit 1’33" Abstand auf Contador ins Ziel.
Mit seinem Etappensieg in Verbier ĂĽbernimmt Alberto Contador auch das gelbe Trikot.