
Colmar
200 km
Freitag 17 Juli
Heinrich HAUSSLER© A.S.O.
Man hatte vielleicht mit ihm gerechnet, um für eine Überraschung im Sprint gegen Cavendish zu sorgen, doch hat sich der deutsche Sprinter Heinrich Haussler auf der äußerst hügeligen Etappe in den Vogesen durchgesetzt. Nachdem er sich schon bei Km 3 einer Ausreißergruppe anschloss, hat der traditionelle Tempomacher von Thor Hushovd den Renntag ganz vorne verbracht, teilweise mit Sylvain Chavanel, dann über 50 Kilometer lang im Alleingang. Dahinter haben sich die vom Regen ausgebremsten Favoriten tatenlos beäugt. Brice Feillu zählte zu den wenigen ehrgeizigen Fahrern des Tages und sichert sich einen Platz in den Top 20 dank einer beherzten Schlussoffensive. Pellizotti erobert das Bergtrikot, und Thor Hushovd streift erneut das Grüne Trikot über.
Moreau tritt als Erster an
Im dritten Rennkilometer zieht Christophe Moreau (AGR) an, ihm folgt unverzüglich Heinrich Haussler (CTT). In ihrem Schlepptau starten Voigt (SAX), Garate (RAB), Perez Moreno (EUS), Uran (GCE) und Chavanel (QST) eine Gegenoffensive. Bei Km 7 kommt es zum Zusammenschluss. Doch mehrere Teams wollen ihre Fahrer in einer Ausreißergruppe unterbringen: Garmin, Lampre, Liquigas oder auch Cofidis halten die Ausreißer in Schach. Zunächst kann sich die siebenköpfige Ausreißergruppe nur 50’’ absetzen (Km 18).
Und dann waren es nur noch drei
Die Beharrlichkeit des Pelotons, die Ausreißer an der Leine zu halten (22’’ bei Km 49), setzt in Heinrich Haussler ungeahnte Kräfte frei. Bei Km 57 verschärft er das Tempo und setzt den Weg gemeinsam mit Ruben Perez Moreno und Sylvain Chavanel fort. Die Zusammenstellung des Trios scheint dem Peloton eher zu behagen, sodass der Vorsprung rasch auf 6’30 (Km 75), dann 9’10’’ bei der Verpflegung (Km 94,5) und 8’30’’ am Fuße des Anstiegs zum Col de la Schlucht anwächst.
Der Kampf um das Bergtrikot
Während die Tourfavoriten im Anstieg mit ihren Kräften haushalten, wird ein neues Kapitel im Kampf um das Bergtrikot geschrieben: Ohne Christophe Kern, der den Schlagabtausch eröffnet, aber zwischen Egoi Martinez und Franco Pellizotti. Punkt um Punkt macht der Italiener seinen Rückstand in der Bergwertung wett. Auf der Abfahrt löst sich Linus Gerdemann aus dem Hauptfeld und versucht, die Ausreißergruppe zu erreichen, doch auf den ersten Metern des Anstiegs zum Platzerwasel erweist sich sein Vorsprung als zu mager, um das Abenteuer fortzusetezn.
Astana und Saxo Bank geben Gas
Am Fuße des Anstiegs beträgt der Rückstand des Feldes 7’30’’. Auf dem Gipfel haben Haussler und Chavanel ihren Weggefährten Perez Moreno verloren. Das Duo hat aber insbesondere einen Großteil seines Vorsprungs eingebüßt. Die Gruppe um das Gelbe Trikot, die nur noch etwa vierzig Fahrer umfasst, beschleunigt auf Initiative von Astana und anschließend Saxo Bank: Der Rückstand auf Chavanel und Haussler beträgt nur noch 3’10’’. Indes arbeitet sich Pellizotti in der Bergwertung weiter vor, indem er den Gipfel als Vierter passiert (9 Punkte), während der Führende der Berwgertung nirgends zu sehen ist.
Feillu will rankommen
Auf der Abfahrt hängt Haussler seinen Gefährten Chavanel schrittweise ab und wagt einen langen Alleingang von über 50 Km. Dahinter nutzen Txurruka und Brice Feillu die Abfahrt, um eine Gegenoffensive zu starten. Der Schlussabschnitt wird zur Qual für Chavanel, der in den folgenden Anstiegen einbricht (45’’ auf dem Col de Bannstein; 3’50’’ auf dem Col de Firstplan). Amets Txurruka nähert sich Haussler, ohne ihn aber in Gefahr zu bringen, während der abgehängte Brice Feillu auf den letzten Metern noch einmal alles aus sich herausholt, um den Top 10 der Gesamtwertung einen Schritt näher zu kommen.
Erster Sieg für Haussler
Im Dauerregen und auf sich alleine gestellt, überquert Heinrich Haussler die Ziellinie in Colmar 4’10’’ vor Amets Txurruka. Der Spurt des Pelotons um Platz 5, den sich Thor Hushovd sichert, verhilft der Formation Cervel zu einem Achtungserfolg: Hushovd entreißt Mark Cavendish das Grüne Trikot.
Der Norweger, der die Vogesen besser überstanden hat als sein Kontrahent Mark Cavendish, hat das Grüne Trikot zurückerobert.
«Als ich die Anstiege des Tages gesehen habe, befürchtete ich, es könnte zu schwer sein. Aber meine Teamkollegen, insbesondere Andreas Klier, haben mich im letzten Anstieg moralisch unterstützt, und so konnte ich wieder Anschluss an das Peloton finden. Ich beedne den Tag im Grünen Trikot, was bedeutet, dass alles perfekt für mich gelaufen ist. Ich bin in der Lage, Punkte zu erkämpfen, auch in hügeligen Abschnitten. Cavendish ist der schnellste Fahrer im Flachland, also muss ich jede Gelegenheit nutzen. Das ist meine Taktik, und so werde ich auch im restlichen Tourverlauf an die Sache herangehen. Ich werde um jeden einzelnen Punkt kämpfen, im Flachland, in den Bergen, einfach überall. Jedes Jahr gibt es einen Kampf auf Biegen und Brechen um das Grüne Trikot, und es wird noch hochinteressant, die weitere Entwicklung zu verfolgen.»
Nach 197 Kilometern als Ausreißer, davon 50 im Alleingang, feiert der Deutsche seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France.
«Das bedeutet mir sehr viel, deshalb wurde ich im Ziel auch ein wenig von meinen Emotionen übermannt. Ich wohne etwa 40 Kilometer von Colmar entfernt, deshalb kenne ich die Region wie meine Westentasche. Und dieses Klima liegt mir gut. Ich habe einige meiner besten Rennen im Regen bestritten, darum wollte ich auch in der heutigen Ausreißergruppe vertreten sein.
Anfangs war ich besorgt, denn in der Gruppe befanden sich auch gute Bergfahrer. Allerdings funktionierte die Gruppe nicht richtig. Daher habe ich zwei oder drei Mal attackiert, um für einen Bruch zu sorgen und die Ausreißaktion zu erleichtern. Auf den Gipfel war es dermaßen kalt, ich war schockgefroren. Und das kostet viel Energie. Im Laufe des Tages konnte ich meine Form halten, während die anderen immer mehr abgebaut haben. Das war der Schlüssel meines Erfolgs.
Nach den Klassikern habe ich drei oder vier Wochen ohne Fahrrad zugebracht. Ich wusste nicht, was genau los war, vielleicht einfach nur Glück zum Saisonanfang, usw. Nach meiner Rückkehr habe ich einige zweite Plätze erreicht und jetzt dieser Etappensieg bei der Tour, das ist einfach unglaublich. Das ist einer der glücklichsten Tage in meinem Leben.
Ich dachte, Chavanel würde mir nur etwas vorspielen, denn er machte keine richtige Führungsarbeit. Aber in Wirklichkeit fehlte ihm nur die Energie. Daraufhin habe ich in der Abfahrt alles auf eine Karte gesetzt und 50 Kilometer vor dem Ziel attackiert. Dann habe ich bis Colmar Vollgas gegeben.»
Rinaldo Nocentini hat den Tag in der Gruppe der Tourfavoriten verbracht, wobei letztere noch keine Offensive gestartet haben. Er verteidigt das Gelbe Trikot.
«Heute war einmal mehr ein schwerer Tag. Der Wetterumschwung war schrecklich: Gestern noch über 30 Grad, und heute Regen und Kälte. Trotzdem haben wir das Gelbe Trikot verteidigt, was eine tolle Leistung ist. Die Hauptfavoriten haben heute nicht attackiert, Astana ist zwar vorne geblieben, hat das Tempo aber nicht wirklich verschärft, was mir in die Karten spielte.
Vom Papier her sollten wir auf der morgigen Etappe nicht allzu viele Schwierigkeiten haben, um das Gelbe Trikot zu behaupten. Es würde mich aber schon sehr wundern wenn am Sonntag niemand im Schlussanstieg nach Verbier attackiert. In dem Fall habe ich kaum Chancen, das Trikot zu verteidigen, denn mein Vorsprung vor Contador und Armstrong ist gering.»
1. Haussler
2. Txurruka
3. Feillu
4. Chavanel
5. Velits
Beim Abstecher der Tour nach Vittel haben Nestlé Waters und A.S.O. morgens die Fortsetzung ihrer Partnerschaft für die nächsten vier Tour-Auflagen bis 2013 angekündigt. Diese Vereinbarung sichert Nestlé, Hauptpartner der Tour, die Exklusivität verschiedener Werberechte und kommerzieller Sondervorteile im Bereich Getränke und sportliche Ernährung. Abgesehen von Vittel, sind mehrere Marken des Konzerns an der Veranstaltung beteiligt, wie Nesquik mit der Ausrichtung der so genannten P’tite Boucle, Ricoré mit Sonderanimationen im Startdorf, oder auch Powerbar.
Übermannt von seinen Emotionen feiert Haussler verdientermaßen seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France, seinen fünften Erfolg in der laufenden Saison.
Die Jury hat ihn mit dem Prädikat kämpferischster Fahrer ausgezeichnet. Morgen trägt er also eine rote Rückennummer.
Bald kann Haussler die Arme hochreißen.