
Super-Besse
195.5 km
Donnerstag 10 Juli
Ricardo Ricco gehört zu den wenigen Fahrern, die ihre Ambitionen für die erste Bergetappe der Tour de France 2008 im Vorfeld eindeutig verlautbaren ließen. Der Italiener hält Wort und setzt sich auf den letzten 300m des letzten Anstiegs erfolgreich gegen einen Angriff von Franck Schleck zur Wehr. Schumacher, der bis zum letzten Ansturm mit den Besten Schritt halten kann, verliert das gelbe Trikot nach einem Sturz. Kim Kirchen übernimmt als fünfter Fahrer im Ziel der Etappe die Gesamtführung und das gelbe Trikot.
Drei Franzosen an der Spitze
Sylvain Chavanel ist der erste Angreifer, dem es gelingt, sich nach dem schnellen Start vom Feld abzusetzen. Er beschleunigt bei Kilometer 6 und zieht davon. Ihm folgen Freddy Bichot und Benoit Vaugrenard bei Kilometer 16. Die Teamkollegen von Schumacher, die das Tempo im Peloton vorgeben, leisten nicht lange Gegenwehr, bevor sie die drei Franzosen gehen lassen, die sich auf den ersten 50km einen Vorsprung von 5’ erarbeiten.
Punkte fĂĽr Chavanel
Die Ausreißer bauen ihren Vorteil bei Kilometer 95 auf den Höchststand von 5’15’’ aus, aber die Aussicht auf die ersten wirklichen Anstiege der Tour 2008 veranlasst das Feld, sich wieder anzunähern. Am Fuß des Anstiegs hoch zum Col de la Croix-Morand beträgt der Abstand nur noch 1’55’’. Dies reicht für Chavanel, dem es gelingt, sich in Begleitung von Bichot 10 Punkte für die Bergwertung zu holen. Nicolas Vaugrenard hingegen muss passen.
Bichot hält aus
Mehrere Angreifer, darunter Pauriol und De la Fuente, versuchen, den Anstieg für sich zu nutzen, um das Feld auseinander zu reißen, aber nur Thomas Voeckler gelingt ein guter Schachzug, für den er sich am Gipfel genug Punkte abholt, um in der Wertung wieder mit Chavanel gleichzuziehen. Im folgendem abschüssigen Streckenabschnitt übernehmen die Fahrer von Caisse d’Epargne die Verfolgung der Ausreißer. Chavanel ergibt sich auf dem letzten Stück der Abfahrt 20km vor dem Ziel, während Bichot allein weiterkämpft.
Schumacher stĂĽrzt 300m vor dem Ziel
Bichot bekommt noch einige Kilometer Gnadenfrist, bevor er kurz vor dem Anstieg nach Super-Besse vom Feld eingeholt wird. Laurent Lefèvre (BTL), gefolgt von Amaël Moinard (COF), sind die ersten, die 10km vor dem Ziel in Erscheinung treten. Der nächste Angriff erfolgt 6km vor dem Ziel unter Führung von Efimkin an der Seite von Moncoutié, scheitert aber. Der Antritt von Piepoli und Vandevelde scheint zunächst viel versprechend. Die beiden Männer gehen mit 17“ Vorsprung auf die „Rampe“. Auf dem steilsten Streckenabschnitt, wo nur noch die zähesten Fahrer bestehen, geraten sie jedoch schnell in Vergessenheit. 300m vor dem Ziel wagt Franck Schleck einen Ausritt. Der Gegenangriff von Ricardo Ricco ist jedoch messerscharf. Während Schumacher stürzt und sein gelbes Trikot verliert, gibt der junge Italiener alles und setzt sich gegen Valverde und Evans durch, die nachziehen. Kirchen übernimmt die Führung im Gesamtklassement und wird der vierte Fahrer im gelben Trikot der Tour de France 2008.
Ricco, der den Beinamen „die Kobra“ trägt, greift 300m vor dem Ziel an und holt sich seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France.
„Diese Etappe habe ich mir von Anfang an zum Ziel gesetzt. Das Streckenprofil liegt mir. Ich möchte meinem Teamkollegen Leonardo Piepoli für seine Arbeit danken. Das Team von Valverde hat auch hart gearbeitet, und ich habe davon profitiert. Es ist super. Ich freue mich, dass ich meinem Team diesen Sieg bei der Tour schenken kann.
Mein Ziel ist jetzt, Piepoli zu helfen, auch eine Etappe zu gewinnen, weil er genauso fĂĽr das, was heute passiert ist, entlohnt werden soll wie ich. Ich werde die Dinge Tag fĂĽr Tag auf mich zukommen lassen und keine Prognosen fĂĽr den weiteren Verlauf des Rennens abgeben. Ich kann mich jetzt etwas entspannen, der Sieg nimmt Druck raus. Es war mein Ziel, zur Tour zu kommen, um eine Etappe zu gewinnen. Aber dieser erste Etappensieg verlangt nach einem zweiten.
Ich habe 300m vor der Linie gesehen, dass Valverde etwas langsamer wurde, und das war der perfekte Moment für mich, um loszuziehen. Also habe ich so schnell getreten, wie ich nur konnte.“
Der Luxemburger wusste, dass ihm das Finish liegen wĂĽrde, und er holt sich das gelbe und das grĂĽne Trikot. Er platzierte sich bei allen Etappen seit Start der Tour 2008 unter den Top 5.
„Ich habe den ganzen Tag lang daran geglaubt, dass es möglich sein würde, das gelbe Trikot zu übernehmen. Es war „meine“ Zielankunft, sie lag mir perfekt. Ich habe mich gut gefühlt und alles auf eine Karte gesetzt. Die ganze Woche lang war das gelbe Trikot zum Greifen nah. Jetzt habe ich es und bin glücklich.
Während des Sprints musste ich bremsen, weil die ganze rechte Seite zu war. Endlich habe ich eine gute Position finden können und mein Tempo war gut. Ich bin etwas traurig, dass ich die Etappe nicht gewonnen habe, aber jetzt habe ich zwei Trikots, und das reicht!
Ich habe nicht gesehen, dass Schumacher gestĂĽrzt ist. Ich habe nur mitbekommen, wie es bei mir lief.
Bisher waren alle Tage schwierig, heute ist keine Ausnahme. Wir werden sehen, was morgen passiert: Wir fangen mit einem Anstieg an, und dann hätte ich gern einen von uns kontrollierten Ausreißversuch. Aber bei der Tour darf man sich niemals ausruhen, und ich bin mir sicher, dass es noch hart wird.“
Der Manager des Columbia-Teams war in diesem Jahr bei jeder Ehrung am Siegerpodest anwesend. Nachdem Kim Kirchen heute das gelbe Trikot übernommen hat, muss Bob Stapleton sich die Taktik für das restliche Rennen sorgfältig überlegen.
„Ich glauben, wir müssen unsere Pläne jetzt sorgfältig abwägen. Wir hatten darauf gehofft, aber man kann nicht für diesen Fall planen. Man tut, was man kann, um zu gewinnen, und in diesem Fall haben wir eine Chance gewittert und Kim hat sie ergriffen. Das gelbe Trikot ist zu verlockend, als das man es sich entgehen lassen könnte. Wir müssen unser Bestes geben, um es zu verteidigen. Das Problem ist, dass das Rennen noch längst nicht entschieden ist.
Wir haben ein sehr gemischtes Team. Wir haben die jĂĽngste Formation bei der Tour am Start und es wird fĂĽr sie harte Arbeit werden, aber die Fahrer sind hoch motiviert und arbeiten sehr gut zusammen. Ich bin sehr stolz auf das Team, das wir gesehen haben. Es zeigt sich auf jeder Etappe wieder, dass sie sich gegenseitig unterstĂĽtzen und bereit sind, fĂĽreinander Opfer zu bringen.
Wir müssen angesichts dessen, was jetzt passiert, vorsichtig sein. Für die jungen Fahrer bieten sich noch ein paar Chancen. Wir müssen abwarten, wie sich das Rennen entwickelt. Es wird keine leichte Aufgabe, dieses Trikot zu behalten, aber wir werden schauen, wer uns Konkurrenz macht und was geht.“
Mit dem Etappensieg als eigentlichem Ziel ändert Sylvain Chavanel unterwegs seine Strategie und verlegt sich auf den Kampf um das Punktetrikot.
„Das eigentliche Ziel war, mich vom Feld abzusetzen, um einen Etappensieg zu holen, Aber unterwegs haben wir schnell begriffen, dass uns das Peloton nicht mehr als fünf Minuten Vorsprung gestatten würde. Da ich nur 2’ Zeitunterschied auf den Führenden im Gesamtklassement hatte, hätte ich eine Bedrohung darstellen können. Langsam kennt man mich im Starterfeld, und es ist kein Geheimnis mehr, wo meine Kompetenzen liegen. Also hatte ich nicht mehr viel Spielraum.
Ich habe deshalb meine Strategie gewechselt und mich stattdessen auf das Punktetrikot konzentriert, das ein weiteres Ziel bei dieser Tour ist. Das war der einzige Weg. Ich konnte bei den ersten drei Anstiegen als Erster über die Linie gehen, wodurch ich die Führung übernehmen konnte, aber diese Etappe ist nicht die entscheidende. Im Hochgebirge fällt die Entscheidung über das Punktetrikot der Tour, und dort werde ich es verteidigen müssen.“
Kim Kirchen ist der neue Gesamtführende der Tour de France. Er hat sechs Sekunden Vorsprung auf Cadel Evans und 16" auf Stefan Schumacher, den vorherigen Träger des gelben Trikots.
Riccardo Ricco hat seine erste Etappe bei der Tour de France gewonnen. Die zehn schnellsten Fahrer auf der 195,5km langen Etappe nach Super Besse:
1. Riccardo Ricco (ITA) SDV
2. Alejandro Valverde (ESP) GCE mit 1" Abstand
3. Cadel Evans (AUS) SIL mit 1" Abstand
4. Frank Schleck (LUX) CSC mit 4" Abstand
5. Kim Kirchen (LUX) COL mit 4" Abstand
6. Roman Kreuziger (CZE) LIQ mit 7" Abstand
7. Moises Duenas Nevado (ESP) BAR mit 7" Abstand
8. Carlos Sastre (ESP) CSC mit 7" Abstand
9. Denis Menchov (RUS) RAB mit 7" Abstand
10. Leonardo Piepoli (ITA) SDV mit 7" Abstand
Fernsehbilder zeigen, dass Schumacher auf dem letzten Kilometer gestĂĽrzt ist. Wir warten ab, wer auf der 7. Etappe das gelbe Trikot tragen wird.
Schumacher wurde in dem Moment aufgehalten, als Ricco Gas gab, um sich den Etappensieg zu holen. Es sieht aus, als sei der Fahrer im gelben Trikot von Kirchen touchiert worden.
Ricco zieht im Sprint an Valverde vorbei und holt sich seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France.