Tagebuch der Etappe

etappe 20 - Cérilly Saint-Amand-Montrond 53 km
Sonnabend 26 Juli

Sastre und Schumacher vorne!

Beim Zeitfahren aller Gefahren ist es Carlos Sastre gelungen, sein Gelbes Trikot zu verteidigen, das Cadel Evans letztlich nicht für sich erringen konnte. Der schnellste Fahrer über die 53 km lange Strecke war jedoch Stefan Schumacher, der seine Dominanz in dieser Einzeldisziplin nach seinem Sieg in Cholet bekräftigt hat.

Vansevenant geht in die Geschichte ein!
Die ersten Starter des Einzelzeitfahrens zum Ende der Tour erwartet man nur selten im Bereich zu brechender Rekorde. Dennoch gelang Wim Vansevenant (SIL) eine Premiere in der Tourgeschichte, indem er sicherstellte, nach 2006 und 2007 die Tour erneut auf der letzten Position in der Gesamtwertung zu enden. Der Belgier, dessen Position aber zwischenzeitig noch von Bernhard Eisel (COL) bedroht wurde, dürfte nunmehr der einzige Dreifachgewinner der « Roten Laterne » bei der Zielankunft auf den Champs-Elysées werden.

Millar und Cancellara in Aktion
Nachdem die beängstigende Frage des letzten Platzes geklärt war, konnte dann der eigentliche Geschwindigkeitswettkampf zwischen Cérilly und Saint-Amand-Montrond abgehalten werden. Nach Bernhard Eisel und seiner ersten Richtzeit hatten diese vorläufige Position Christophe Riblon (ALM), Brett Lancaster (MRM) und dann Leif Hoste (SIL) inne, der als Erster einen Durchschnitt von 47 km/h erreichte. Diese Zeitvorgabe wurde dann mit der Ankunft von Sébastien Rosseler (QST), Danny Pate (GAR) und Sebastian Lang (GST) mehrfach durchgerüttelt. Doch sollte das Niveau dieser Auseinandersetzung vor allem durch den Start von zwei nachweislichen Fachleuten auf diesem Gebiet erhöht werden, die einander in der Gesamtwertung folgen: David Millar (GAR) und Fabian Cancellara (CSC).

Schumacher mit 49,8 km/h
Der Brite lag systematisch an der Spitze der drei Zwischenzeitmessungen, wurde aber jedes Mal wieder vom amtierenden Weltmeister der Kategorie abgefangen, der ihn am Ziel mit 1’16“ Vorsprung in die Schranken verweisen sollte. Bei einer mit 49,5 km/h zurückgelegten Strecke reihte sich Cancellara unter die starken Männer des Tages, doch Stefan Schumacher (GST) machte ebenfalls einen starken Eindruck, indem er die erste Richtzeit bei km 18 einstellte. Am Ende der 53 km war das Ergebnis eindeutig: der Deutsche fuhr mit einem Mittel von fast 50 km/h und verwies Cancellara mit 21“ Vorsprung auf den zweiten Platz.

Evans weniger stark
Doch war das wichtigste Thema heute die Möglichkeit von Cadel Evans, als ausgemachter Anwärter auf die Führungsposition von Carlos Sastre, den Rückstand von 1’34’’ auf diesen wettzumachen. Sollte der Spanier dennoch sein Gelbes Trikot behalten können ? Der Zwischenstand bei km 18 gab ihm Recht : er hatte hier nur 8’’ Rückstand auf Evans. Bei km 36 waren die Schwierigkeiten von Evans, doch noch mehr von seinem Rückstand wettzumachen, genauso überraschend wie der Widerstand von Bernhard Kohl, der nur 3“ zurücklag und noch auf einen Podiumsplatz bei der Tour hoffen konnte.

Kohl auf dem Podium
Auf den letzten 17 Rennkilometern waren weder eine Schwäche von Carlos Sastre noch ein letztes Auftrumpfen von Cadel Evans feststellbar. Das bei km 36 angedeutete Podium sollte sich bestätigen: da er nur 29“ auf Evans einbüßte, behält Sastre sein Gelbes Trikot, während Bernhard Kohl mit der 9. Endzeit bei dieser Etappe zwar um einen Platz zurückfällt, aber vor der letzten Etappe auf dem vorläufigen Podium bleibt.

 

Hans-Michael Holczer: „Eine gewaltige Überraschung für mich“

Der Manager vom Team Gerolsteiner hat erneut einen unerwarteten Tag erlebt – mit dem Sieg von Schumacher und dem von Bernhard Kohl verteidigten Podiumplatz.

« Wir müssten einen neuen Sponsor haben , aber die Situation ist derzeit unverändert. Wir führen Gespräche, und vielleicht wird es schon bald eine Entscheidung geben, zum jetzigen Zeitpunkt sehen die Dinge noch nicht so gut für die Zukunft der Mannschaft aus.
Ich hätte nie geglaubt, Bernhard zum Ende der Tour auf dem dritten Platz zu sehen. Ich hatte mir ausgerechnet, dass er vielleicht als 5. oder 6. enden würde, aber nicht besser. Es ist eine gewaltige Überraschung für mich. Und zunächst hätte ich auch nie vorausgesehen, dass Stefan Schumacher das Zeitfahren gewinnen würde. In den letzten vier Tagen hat er gegen die Diplomatie des Pelotons verstoßen, indem er immer wieder attackiert hat. Er kontrolliert nie seine Kraft: er fährt schnell und denkt nur daran.
Die Funkanlage hat nicht funktioniert, aber wir haben bei der ersten Zwischenzeit gesehen, dass er sehr gut war, und wir haben erkannt, dass Potenzial da war. In der Mitte des Rennens hat er ein wenig nachgelassen, aber ich glaube, er hat das Tempo absichtlich gedrosselt. Danach hat er wieder maximal beschleunigt, und so konnte er gewinnen.
Bernhard ist nach der heutigen Etappe in einem erbärmlichen Zustand. Wir suchen einen Arzt, denn wir sind ein wenig besorgt. Ich glaube, er hat den Grad maximaler Erschöpfung erreicht. »

 

Stefan Schumacher: „Ein unglaubliches Abenteuer“

Der führende Mann vom Team Gerolsteiner hat – nach seinem Erfolg in Cholet - seine zweite Zeitfahretappe bei der Tour 2008 gewonnen.

« Zum Ende, nach einem so langen Zeitfahren ist die Anstrengung so groß, dass du nicht mehr gerade schauen kannst. Ich wusste überhaupt nicht, wie meine Zeit beim Überfahren der Ziellinie aussah, da habe ich gefragt: „welchen Platz?“, und habe „erster“ gehört, was bedeutete, dass ich Cancellara geschlagen und gute Aussichten auf einen Etappenerfolg hatte.
Ich habe nie daran gedacht, diese Etappe zu gewinnen, der Gedanke ist mir überhaupt nicht durch den Kopf gegangen. Ich habe einfach nur versucht, meinen Rhythmus zu finden und 100% zu geben. Nach 25 Kilometern funktionierte meine Funkanlage nicht mehr. Ich weiß nicht, was da passiert ist, ich habe vielleicht auf eine falsche Taste gedrückt, jedenfalls habe ich nichts mehr gehört. Als ich meine Zeit bei der Zwischenzeitmessung gesehen habe, wusste ich immer noch nicht, ob dies reichen würde, um die Etappe zu gewinnen.
Ich war sicher, dass der letzte Anstieg über den heutigen Zeitfahrsieger entscheiden würde. Ich fühlte mich nach 45 km ein bisschen schwer, und der Anstieg erwies sich als schwer, da er sich über mehr als einen Kilometer erstreckte. Ich hatte dennoch die nötige Kraft, um über den Berg zu kommen. Auf den letzten 10 Kilometern bin ich ein gutes Rennen gefahren, das war sehr wichtig.
Ich glaube nicht, dass irgend jemand außerhalb der Mannschaft sich hätte vorstellen können, dass wir eine so gute Tour fahren würden, es ist einfach surrealistisch. Ich habe viel mit Bernhard gesprochen, und wir sagen uns immer wieder: „hey, das ist nicht einfach ein Radrennen, das ist die Tour de France ! ». Ich kann einfach nicht glauben, was uns gelungen ist. Er hoffte, in die Top 5 vorzudringen, und jetzt endet er auf dem Podium, mit dem Gepunkteten Trikot. Das ist ein unglaubliches Abenteuer. »

 

Carlos Sastre: „Meine mentale Stärke, meine Mannschaft, meine Form“

Carlos Sastre ist es gelungen, sein Gelbes Trikot beim Zeitfahren von Saint-Amand-Montrond zu verteidigen, und er schickt sich nunmehr an, der 7. spanische Sieger der Tour de France zu werden.

« Die Tour de France zu gewinnen : ein Traum wird wahr! Dies ist insbesondere ein besonderer Tag für die ganze Mannschaft, es wäre unmöglich gewesen, dies ohne sie alle zu erreichen. Es ist überaus motivierend zu wissen, dass alle Fahrer bereit sind, sich in meinen Dienst zu stellen.
Ich habe bei diesem Zeitfahren sehr gelitten, ich musste nämlich unbedingt mit voller Kraft fahren. Ich habe nur auf den letzten fünf Kilometern das Tempo ein wenig gedrosselt. Letztlich habe ich das genossen, denn ich wusste, dass ich dabei war, das Gelbe Trikot zu verteidigen. Es war sehr schwer, es zu behalten, aber es ist mir gelungen. Jetzt bin ich glücklich, denn ich habe die Garantie, dass mir morgen nichts mehr passieren kann.
Dieses Rennen habe ich wie noch nie zuvor vorbereitet. Ich bin bei der Tour mit der besten Form meiner ganzen Laufbahn angekommen. Und was ich hier erlebe, ist wirklich der Traum jedes Profis. Ich bin glĂĽcklich, mit diesem Sieg in die Sportgeschichte einzutreten.
Mir sind schon einige gute Zeitfahrten gelungen, wenn ich es aber heute geschafft habe, meine Position zu verteidigen, dann lag das an drei Parametern: meiner mentalen Stärke, meiner Mannschaft, meiner Form.
Ich denke in diesem Augenblick an Jose Maria Jimenez (sein Schwager und ein Ex-Fahrer, der 2003 verstorben ist), der die Person ist, die mir am meisten fehlt. »

 

Agenturmeldungen

17:38 - Die Top 5 der Etappe

1. Schumacher
2. Cancellara
3. Kirchen
4. Vandevelde
5. Millar

17:38 - Sastre im Ziel

Der Träger des Gelben Trikots beendet die Strecke in 1h06’25“ und verliert nur 29“ auf Cadel Evans, der den zweiten Platz in der Gesamtwertung übernimmt. Sastre behält das Gelbe Trikot.

17:32 - Kohl im Ziel

Durch die vorläufig neuntbeste Tageszeit sichert er sich einen Platz auf dem Podium zum Ende der Etappe. Er verliert nur 16“ auf Evans, muss diesem aber die zweite Position abtreten.

17:30 - Evans im Ziel

Er erzielt die 7. Zeit, mit 2’05“ Rückstand auf Schumacher. Er verliert nur 10“ auf Mentschow. Es sind noch Kohl, Sastre und Frank Schleck unterwegs, den Sastre gerade auf der Strecke überholt hat…

17:26 - Das entscheidende Zeitfahren…

Der Sieger der Tour 2008 müsste aller Logik nach zum Ende des Zeifahrens nach Saint-Amand-Montrond bekannt sein. Dies ist die 13. Ausgabe der Rundfahrt seit 1947, bei welcher der Träger des Gelben Trikots in dieser Phase des Rennens noch bedroht ist.
1958 : Charly Gaul gewinnt die Etappe und auch die Tour beim Zeitfahren in Dijon
1962 : Dritter Erfolg fĂĽr Anquetil, der sich in Lyon gegen Jo Planckaert durchsetzen kann
1964 : Poulidor hat nur 14’’ Rückstand auf Anquetil am Start des letzten Zeitfahrens von Versailles nach Paris. Der Ausnahmefahrer aus der Normandie aber erzielt die beste Zeit und gewinnt seine fünfte Tour.
1968 : Jan Janssen erringt die Tour dank eines Erfolges beim Zeitfahren von Paris, bei dem er seinen RĂĽckstand auf Herman Van Springel wettmachen kann
1977 : Bernard Thévenet wird von Hennie Kuiper bedroht, behält aber sein Gelbes Trikot
1978 : Hinault gewinnt seine erste Tour. Dabei hatte er zunächst einen Rückstand von 14’’ auf Joop Zoetemelk und endet mit 3’56’’ Vorsprung!
1987 : Stephen Roche verdrängt den zu dem Zeitpunkt führenden Delgado auf 40’’ in der Gesamtwertung.
1989 : Den knappsten Sieg der Tourgeschichte erzielt Greg LeMond, mit 8’’ Vorsprung auf Laurent Fignon, obwohl dieser zu Beginnn des Zeitfahrens von Versailles nach Paris noch geführt hatte
1990 : Der Zeitfahrspezialist LeMond weist diesmal Claudio Chiappucci in die Schranken
2003 : Lance Armstrong hat nur 15’’ Vorsprung auf Ullrich zu Beginn des Zeitfahrens in Pornic. Doch der Deutsche stürzt und verliert alle Chancen auf einen Führungswechsel
2006 : Pereiro beginnt das letzte Zeitfahren in gelb, lässt sich aber noch von Landis verdrängen. Er wird es nach der Disqualifikation des Amerikaners wiedererlangen, der bei der Tour positiv auf Testosteron kontrolliert wurde
2007 : Alberto Contador nimmt das Zeitfahren mit 1’50’’ Vosprung auf Evans in Angriff. Der Australier scheitert letztlich um 23 Sekunden