
Saint-Étienne
196.5 km
Donnerstag 24 Juli
Burghardt beginnt die Etappe durch eine eher unwillkürliche Gegenattacke aus dem Hauptfeld heraus. Er beendet sie mit nach oben gerissenen Armen, nachdem er Carlos Barredo im Schlussspurt bezwungen hat. Zuvor war er zu dem Spanier gestoßen, um mit ihm das Spitzenduo des heutigen Tages zu bilden.
Cunego stürzt
Der erste Ausreißversuch lässt nicht lange auf sich warten. Bei Km 2 versuchen Burghardt (COL), Pozzato (LIQ), Lang (GST), Bichot (AGR), Schröder (MRM), Augé und Monfort (COF) ihr Glück. Ihre Hartnäckigkeit bleibt unbelohnt, der größte Vorsprung beträgt bei Km 18 lediglich 55’’. Die Teams von Quick Step und Bouygues Télécom kümmern sich um die Nachführarbeit, die den Ausreißern nach dem Überqueren der Zwischensprintlinie in Grenoble in zwei Phasen zum Verhängnis wird. Das besonders hohe Tempo im Feld (55,7 Km in der ersten Rennstunde) bringt darüber hinaus Damiano Cunego in Schwierigkeiten, der bei Km 28 stürzt und den Rückstand nicht mehr wettmachen soll. Er verbringt die restliche Etappe über zehn Minuten hinter dem Hauptfeld im Beisein von vier Teamgefährten.
Barredo findet die Lücke
Erst bei Km 68 findet Carlos Barredo (QST) die Lücke und setzt sich vom Feld ab. Er ist wohl eine Inspirationsquelle für mehrere Gegenangreifer, doch nur Markus Burghardt kann auf der Abfahrt vom Col de Parmenie (Km 78) zu ihm aufschließen. Romain Feillu (AGR), Mikel Astarloza (EUS) und Christophe Le Mével (C.A) machen gemeinsame Sache und befinden sich über die restliche Renndistanz in der unbequemen Position zwischen Rennspitze und Hauptfeld.
Burghardt im Stile eines Bahnfahrers
Das Trio kann Barredo und Burghardt zu keiner Zeit gefährden. Die beiden Führenden erreichen die letzten 20 Rennkilometer mit einem Vorsprung von 4’25’’ vor den Verfolgern, während das von CSC angeführte Peloton über einen Rückstan von 10’ nicht weiter beunruhigt scheint. Da sie nun Gewissheit haben, das Etappenziel zu zweit und ungestört zu erreichen, liefern sich die beiden Männer ein langes taktisches Katz- und Mausspiel, das bereits im Anstieg zum Croix de Montvieux beginnt. Auf den letzten Kilometern platziert Barredo zunächst eine ganze Reihe wirkungsloser Attacken. Burghardt hat immer eine Antwort parat, sodass Barredo schließlich aufsteckt: Auf den letzten drei Kilometern beäugen sich die beiden Kontrahenten. Unter dem roten Teufelslappen, der die letzten 1000 Meter signalisiert, hängt sich Barredo aus strategischen Gründen an das Hinterrad eines Rivalen. Etwa 200 Meter vor dem Zielstrich stehen die beiden Fahrer nahezu auf der Stelle. Diesen Moment wählt Burghardt, um den Hebel umzulegen. Barredo kann nicht mehr kontern.
Punkte für Freire
Den Spurt um den dritten Platz gewinnt Romain Feillu (3’33’’ hinter dem Sieger), den um Platz 6 Samuël Dumoulin in einer Fünfergruppe. Die Punkte für Platz 11 ergattert der Träger des Grünen Trikots, Oscar Freire, der sich im Sprint des Hauptfelds vor Zabel und Hushovd durchsetzt.
Der Führende der Jungprofiwertung musste auf den letzten Kilometern eine Attacke seines ersten Verfolgers Roman Kreuziger abwehren. Er konnte prompt reagieren.
«Ich muss jetzt nur noch einen Fahrer im Auge behalten, und das ist Roman Kreuziger. Als er attackiert hat, war ich nicht wirklich an seinem Hinterrad. Da habe ich mich auf seine Verfolgung gemacht, weil ich nicht will, dass er auch nur eine Sekunde auf mich wettmacht.
Das ist ein Radrennen, und jeder kann Tag für Tag sein Glück versuchen. Warum hätte er es nicht versuchen sollen? Ich war konzentriert bei der Sache, also habe ich ihm nachgestellt und ihn eingeholt.»
Der CSC-Kapitän hat seinen ersten Tourtag im Gelben Trikot verbracht. Er will sich noch nicht zum Zeitfahren vom kommenden Samstag äußern.
«Das war ein angenehmer Tag. Zum ersten Mal habe ich das Gelbe Trikot bei der Tour de France getragen, und ich war dort, wo ich sein wollte: in einem Rennen mit meinen Teamkollegen. Sie haben das Tempo bestimmt, und es hat keine Probleme gegeben. Bei der Vuelta habe ich schon einmal das Trikot des Führenden getragen, aber bei der Tour ist das etwas anderes, etwas ganz Besonderes. Viele Fahrer haben mich beglückwünscht. Dadurch weiß man, dass es kein Traum ist.
Jetzt erwarte ich den morgigen Tag. Danach denke ich an das Zeitfahren. Wir werden den Streckenverlauf ansehen, und ich werde alles aus mir herausholen. Alles, was ich machen kann, ist in Topform zu sein. Ich werde es mit meinen Mitteln versuchen!»
Der Manager vom Team Columbia geht auf den Parcours von Marcus Burghardt ein, der ein Jahr mit Höhen und Tiefen erlebt hat, bevor er sich dem Erfolg seiner Mannschaft bei der Tour geopfert hat und seinen eigenen Erfolg auf der Etappe von Saint-Etienne feiern konnte.
«Die heutige Leistung von Marcus war außergewöhnlich. Im Winter war er verletzt und fehlte dann in der gesamten Frühjahrsklassikersaison. Er hat hart gearbeitet, um für die Tour wieder so weit zu sein, und ich denke, dass er in diesem Jahr nur 35 Renntage in den Beinen hat. Dennoch hat er über das gesamte Rennen hinweg eine bemerkenswerte Arbeit abgeliefert: Er hat unser Gelbes Trikot verteidigt, die Sprints für «Cav» mit angezogen und jetzt setzt er alles auf einen Etappensieg – und schafft es. Das ist außerordentlich für die Mannschaft und trägt zur allgemeinen Motivation bei, alle fühlen sich mit einbezogen. Genau das braucht jeder Arbeiter, sprich den Glauben, dass er eines Tages seine Chance auf den Sieg bekommt. Und er hat es gepackt!
Man muss auch sagen, dass “Boogie” ausgepumpt ist. Er hat das ganze Rennen vorne verbracht. Er ist vielleicht der Tour-Fahrer, der die meiste Zeit vor den TV-Kameras gefahren ist! Ich war ich schon etwas aufgeregt, alleine weil er schon so ein Arbeitspensum geleistet hat. Und Barredo hat ihn mit mehreren Attacken auf die Probe gestellt.»
Nachdem er sich seinen Platz im erfolgreichen Ausreißerduo des Tages gesichert hatte, musste Burghardt anschließend taktische Finesse beweisen, um den Schlussspurt vor Barredo zu gewinnen.
«Ich wollte heute etwas unternehmen. Ich habe es bei anderen Etappen versucht, doch es hat nicht geklappt. Deshalb habe ich nachgelegt, als wir zum ersten Mal wieder eingefangen wurden. Als ich dann Barredo vorne gesehen habe, wollte ich zu ihm aufschließen. Nach dem Zusammenschluss haben wir in der Führungsarbeit gut harmoniert, daher kam es auf den Sprint an. In Zielnähe haben wir ein paar Worte gewechselt, und Carlos hat mir gesagt, dass er nicht mehr die Führungsarbeit übernehmen würde, denn er wusste, dass ich im Sprint stärker als er bin.
Ich wusste, dass Barredo am Ende attackieren würde. Er hat es mehrmals versucht, daher musste ich systematisch reagieren. Ich war sehr aufmerksam und habe dann auch einmal mein Glück versucht, allerdings ohne Erfolg. Beim Sprint war dann alles eine Frage der Taktik. Auf der Bahn sind solche Sprints gang und gäbe, und ich habe eine ganze Zeit lang auf der Bahn trainiert. Ich denke, dass hat mir im Finale geholfen.»
1. Burghardt
2. Barredo
3. Feillu
4. Le Mével
5. Astarloza
Feillu wird Dritter.
Das Trio ist auf den letzten Metern.
Nach einem echten taktischen "Bahnspektakel", bei dem Barredo und Burghardt beinahe stehen bleiben, setzt sich Burghardt durch. Er startet den Sprint von vorne.
Barredo bleibt hinter Burghardt.