
Jausiers
157 km
Dienstag 22 Juli
Nach einem Vierersprint feiert Cyril Dessel seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France, nachdem er sich aus einer zahlenmäßig großen Verfolgergruppe gelöst hat. Diese Gruppe verbrachte einen Teil des Tages damit, den Deutschen Stefan Schumacher, alleiniger Ausreißer im Anstieg zum Col de la Lombarde, wieder einzufangen. Der Franzose, der als zweiter Fahrer das Dach der Tour überquerte, verbrachte die Abfahrt in der Gesellschaft von Popowitsch, Casar und Arroyo, den er im Finale in die Schranken verweisen konnte. Auf der letzten Abfahrt hat Mentschow 35’’ auf seine Rivalen verloren.
FĂĽnf Fahrer vorne
Beim Überqueren der Null-Kilometermarke attackiert Sylvain Chavanel als Erster, doch das Tempo im Feld verurteilt seinen Versuch zum Scheitern. Der Kapitän von Cofidis versucht sein Glück erneut auf den folgenden Kilometern wie auch David Moncoutié und weitere Fahrer aus der hinteren Hälfte der Gesamtwertung. Bei Km 42 hat Samuël Dumoulin (Fra – COF) etwas mehr Erfolg. Mit Stefan Schumacher (All – GST), Sébastien Rosseler (Bel –QST), Christophe Le Mével (Fra – C.A) und Thomas Voeckler (Fra – BTL) kommt eine Ausreißergruppe gut voran, aber dahinter bildet sich eine imposante Verfolgergruppe mit insgesamt 24 Fahrern: Popowitsch (SIL), Arvesen, Voigt (CSC), Zubeldia, Txurruka (EUS), Arroyo, Gutierrez, Portal (GCE), Burghardt, Hincapie, Siutsou (COL), Augustyn, Cheula (BAR), Fischer (LIQ), Tiralongo (LAM), Dessel (ALM), Lequatre (AGR), Flecha, Freire (RAB), Knees (MRM), Gilbert (FDJ), Sy. Chavanel (COF) Hesjedal und Pate (GAR).
Schumacher im Alleingang
Die Spitzengruppe nimmt den Premierenanstieg zum Col de la Lombarde mit 40’’ Vorsprung auf die ersten Verfolger und 4’25’’ auf das Peloton in Angriff. Schumacher übernimmt die Führung und verschärft schrittweise das Tempo, wodurch er sich 5 Km vor dem Gipfel alleine wieder findet. Eine zweite Verfolgergruppe findet auf Initiative von Cunego (LAM) zusammen und verlässt das Hauptfeld auf den ersten Metern des Anstiegs mit Szmyd (LAM), Monfort, Moncoutié (COF), Pauriol (C.A), Valjavec (ALM), Weening (RAB), Carrara (QST) und Tschopp (BTL). Auf dem Gipfel wird der Erfolg von Schumacher anhand der teils deutlichen Abstände sichtbar. Le Mével, letzter Überlebender des Ausgangsquintetts, liegt 1’40’’ zurück, während die beiden Verfolgergruppen, die auf der Abfahrt zusammenfinden werden, auf der Passhöhe einen Rückstand von 4’35’’ bzw. 5’05’’ auf den Deutschen haben. Das vom Team des Mannes in Gelb angeführte Peloton liegt seinerseits 9’25’’ zurück.
Schumacher vor dem Dach der Tour abgehängt
Im Tal zeichnet sich eine neu formierte 28-köpfige Verfolgergruppe ab mit Popowitsch (SIL), Arvesen, Voigt (CSC), Arroyo, Gutierrez, Portal (GCE), Hincapie, Siutsou (COL), Augustyn, Cheula (BAR), Fischer (LIQ), Cunego, Szmyd, Tiralongo (LAM), Pauriol (C.A), Dessel, Valjavec (ALM), Lequatre (AGR), Flecha (RAB), Tschopp, Voeckler (BTL), Kness (MRM), Casar (FDJ), Chavanel, Moncoutié, Monfort (COF) und Pate (GAR). Für Schumacher wird es eng, und sein Vorsprung schmilzt auf dem Anstieg zur Cime de la Bonette: Am Fuß des Anstiegs betrug sein Vorsprung auf die ersten Verfolger noch 4’40’’, sechs Kilometer vor dem Gipfel muss er die Waffen strecken. Die Verfolgergruppe, die inzwischen Cunego verloren hat, beendet seinen Ausritt. Schumacher wird vor dem Dach der Tour sogar abgehängt. Augustyn überquert die Passhöhe als Erster, bevor er bei der Abfahrt eine Kurve falsch einschätzt und über die Straße hinausschießt.
Dessel 400 Meter vor dem Zielstrich
Auf der Abfahrt setzen sich an der Spitze vier Fahrer entscheidend ab und machen den Tagessieg unter sich aus. Popowitsch, Casar, Dessel und Arroyo bleiben auf der Abfahrt eng beieinander. Auf dem letzten Kilometer geht dann das Taktieren los: Popowitsch versucht es unter dem roten Teufelslappen, unmittelbar danach tritt Arroyo an. Letztlich attackiert Dessel 400 m vor dem Ziel. Er behauptet seinen knappen Vorsprung von einem Dutzend Metern bis ins Ziel und gewinnt seine erste Touretappe, nachdem er 2006 kurzzeitig das Gelbe Trikot getragen hatte.
Mentschow verliert 35’’
Die CSC-Mannschaft sorgt für eine echte Selektion unter den Touranwärtern. Zunächst machen Cancellara, Gustov und Andy Schleck das Tempo, ehe Arvesen und Voigt zur Gruppe stoßen und die Drehzahl bestimmen. Die Verschärfung fordert erste Opfer: Vandevelde, aber auch den Träger des Weißen Trikots, Vincenzo Nibali, und Vladimir Efimkin. Der Rest der Top 10 hält mit, und erst auf der letzten Abfahrt kommt noch einmal Bewegung auf. Denis Mentschow verliert zunächst etwa ein Dutzend Meter auf die Gruppe, dann 100, und büßt schließlich 35’’ auf die drei in der Gesamtwertung vor ihm liegenden Fahrer ein: F. Schleck, Kohl, Evans.
Der österreichische Fahrer behauptet auf der Etappe nach Jausiers seine Führung in der Bergwertung und Rang zwei des Generalklassements.
«Es war eine besonders schwierige Etappe. Anfangs dachte ich vor allem, dass wir das Ziel zu 30 oder 40 erreichen würden, doch gab es eine knallharte Selektion, nachdem die Schleck-Brüder und Sastre ganze Arbeit geleitet haben. Insgesamt fühlte ich mich aber immer in der Lage, mit ihnen Schritt zu halten.
Die Abfahrt war gefährlich, doch gilt das nur, wenn man Risiken eingeht. Man muss die Risiken eingrenzen und Obacht geben. Positiv ist die Tatsache, dass Mentschow in der Gesamtwertung 30’’ eingebüßt hat. Das ist wichtig.
Es ist eher normal, dass es im Anstieg zur Cime de la Bonette keine große Attacke gegeben hat. Mit 2800 Metern ist das ein gewaltiger Berg, dann folgt eine Abfahrt, und der Wind weht auch kräftig. Es war nur schwer vorstellbar, Zeit zu gewinnen, besonders mit einem solch starken CSC-Team. Man musste realistisch bleiben, was gegen sie zu holen war. Der Toursieg? Das glaube ich nicht, aber ich hoffe, dass ich übermorgen immer noch das gepunktete Trikot tragen werde.»
Indem er seinem Bruder bei der Verteidigung des Gelben Trikots geholfen hat, konnte Andy Schleck auf der Etappe nach Jausiers ebenfalls das WeiĂźe Trikot erobern.
«Es ist wie im Traum. Wer hätte gedacht, dass zwei Brüder bei der Tour gleichzeitig zwei verschiedene Wertungstrikots tragen würden? Es gab vor der Etappe nicht wirklich einen Plan dafür, aber schließlich habe ich gesehen, dass Nibali nicht mehr da war. Ich wusste nicht, ob er weit zurückgefallen war, also bin ich nur mein Rennen gefahren. Ich habe mich auf meine Aufgabe konzentriert, und jetzt solch eine Belohnung.
Heute waren wir nicht so gut drauf. Es nicht die ideale Etappe für eine Attacke. Cadel weiß nur zu gut, dass er noch eine Gelegenheit haben wird, um Zeit auf uns wettzumachen, aber heute hatte unsere Stunde noch nicht geschlagen. Morgen steht die härteste Etappe an, und wir werden alles daran setzen, um sie für die anderen noch schwieriger zu machen.»
Der Träger des Gelben Trikots warnt seine Rivalen vor, dass er morgen angreifen wird, um wertvolle Sekunden zu gewinnen.
«Heute haben wir gute Arbeit geleistet. Auf dem Gipfel des letzten Anstiegs waren nur noch einige Fahrer übrig, und wir lagen alle im roten Bereich. Ich sage bewusst alle, denn das gilt für einen jeden einzelnen von uns! Es war ein sehr hohes Tempo, und danach wartete eine schwere Abfahrt. Ich hatte ein wenig Angst, war aber dennoch eher zuversichtlich und wusste, dass es gut ausgehen würde. Natürlich habe ich an den Sturz von Pereiro gedacht, und an meinen Sturz bei der Tour de Suisse. Es tut aber gut zu wissen, dass ich bis zur Ziellinie durchhalten kann.
Ich muss Bernard Hinault danken, der mit mir gesprochen und mir einige Tipps fĂĽr die Abfahrt gegeben hat. Es hat ziemlich gut geklappt. Ich habe allen Grund zur Zufriedenheit.
Morgen muss ich unbedingt angreifen und die anderen abhängen. Heute haben wir es versucht, und ich muss Carlos beglückwünschen, der zu Rennbeginn die richtige Entscheidung getroffen hat. Er hat gesagt «okay, wir lassen alle ziehen, und bleiben als Team zusammen. Danach haben wir ein gutes Tempo vorgelegt, und es hat funktioniert. Morgen geht es um die Wurst.
Carlos hat auf dem Gipfel einen Antritt gewagt, doch herrschte ein zu starker Wind von vorne. Wir hätten nicht gedacht, dass Andy das Weiße Trikot übernehmen würde. Dafür sind wir nicht gefahren, sondern er hat soviel Klasse! Eines Tages wird er die Tour de France gewinnen.»
Nachdem er bei der Tour 2006 vorĂĽbergehend das Gelbe Trikot trug, feiert Cyril Dessel nach einem Vierersprint seinen ersten Tagessieg bei der Tour de France.
«Seit dem Start bestand die Taktik darin, mich in einer Ausreißergruppe unterzubringen, doch ich fühlte mich seit Beginn der Tour nicht sonderlich gut, und morgens hatte ich zumeist schwere Beine. Im Mai war ich in Hochform, doch meine Vorbereitung wurde durch Probleme mit dem Stuhlgang jäh gestört. Trotzdem hat mir der Ruhetag sehr gut getan, und heute morgen fühlte ich mich dann soweit. Es war nicht leicht, in die Ausreißergruppe reinzukommen, die ja auch eine echte Schwergeburt war, doch konnte ich in der Verfolgergruppe Fuß fassen. Zuerst habe ich die anderen arbeiten lassen, als ich dann an der Seite von Tadej Valjavec war, haben wir gemeinsam Tempo gemacht, einerseits um Schumacher einzuholen und andererseits um für ihn Zeit in der Gesamtwertung wettzumachen.
Beim Anstieg zur Cime de la Bonette, den ich im Alter von 14 Jahren schon einmal mit meinem Vater bewältigt hatte, griff der Kollege von Barloworld an, und ich habe alles gegeben, um die Lücke zu schließen, doch hat es nicht gereicht. Ich bin an die zweite Position gewechselt, und plötzlich waren wir zu viert vorne. Ich bin ein guter Abfahrer, mir war aber auch klar, dass eine Attacke mit Popowitsch sehr schwer würde. Deshalb kam es auf den letzten Kilometer an. Für die Attacke hatte ich eine ideale Kurve 400 m vor dem Ziel ausgemacht. Dann trat plötzlich Arroyo an, und ich konnte mich an ihn hängen. Man hat mir gesagt, ich hätte schon 50 m vor dem Zielstrich gewonnen, doch habe ich mich nicht getraut, die Arme in die Luft zu reißen.»
Verlierer des Tages sind zweifellos Vandevelde und Mentschow, der auf der Abfahrt Zeit eingebĂĽĂźt hat.
1. Dessel
2. Casar
3. Arroyo
4. Popowitsch
5. Hincapie
Popowitsch und Arroyo haben beschleunigt, doch Dessel setzt sich im Finish durch und sorgt für den zweiten französischen Tagessieg. Die Zielgerade kommt so plötzlich, dass Dessel kaum Zeit zum Jubeln bleibt.
Die Gruppe um das Gelbe Trikot setzt sich weiter von Mentschow ab.
Die vier Führenden sind im Ortsbereich von Jausiers und beäugen sich.