
Prato Nevoso
183 km
Sonntag 20 Juli
An einem Tag voller Drama ist ein ehemaliger Toursieger durch Sturz aus dem Rennen ausgeschieden, hat ein australischer Ausreißer die Etappe gewonnen und ist das Gelbe Trikot zu einem sechsten Fahrer in diesem Jahr übergegangen. Der siegreiche Zug um die heutige Etappe wurde bereits auf den ersten 15 km gesetzt, die Ausreißergruppe sollte dem Peloton zeitweilig über 17 Minuten abnehmen, das die längste Zeit des Tages von der CSC-Mannschaft angeführt wurde. Oscar Pereiros dramatischer Sturz bei der Abfahrt vom Col d’Agnel hat das Hauptfeld dazu bewogen, für die restliche Abfahrt das Tempo zu drosseln, um dann zu erfahren, dass er nur einen Bruch an der Schulter davongetragen hat und nicht mehr. Dies hat Simon Gerrans und seinen Mitausreißern die Gelegenheit geboten, ihre Führung auszubauen, bevor sie dann mit etwas mehr als vier Minuten Vorsprung den Etappensieg im Sprint unter sich ausgemacht haben. Dahinter kam es zu einer heroischen Schlacht um das Gelbe Trikot, aus der letztlich Frank Schleck siegreich hervorgegangen ist.
Die Übersicht
Die 183km lange 15. Etappe der Tour de France 2008 begann um 12.59 Uhr mit 156 Fahrern von Embrum nach Prato Nevoso in Italien. Nicht an den Start gegangen ist Mark Cavendish (COL). Auf dem Programm standen drei Anstiege, darunter der Col d’Agnel ‘hors categorie’, ein 20.5 km langer Anstieg auf 2.744m nach 58 Rennkilometern, der gleichzeitig auch die Grenze zwischen Frankeich und Italien bildet. Danach stand der Colle del Morte der 3. Kategorie (bei km 157) an und schließlich der Schlussanstieg zur Skistation auf 1.440 m zum Etappenziel. Die beiden Zwischensprints lagen in Guillestre (bei km 14,5) und in Rossana (km 114,5). Am Start war es regnerisch, bei Temperaturen um die 18 Grad.
Vier Fahrer erreichten den Gipfel vom Col d’Agnel mit einer Führung von 12 Minuten
Ab der Startflagge im Regen wurden erste Angriffe versucht, der erste aber, dem es gelungen ist, sich vom Peloton abzusetzen, wurde von Egoi Martinez (EUS) eingeleitet. Ihm folgten Pate (GAR) und Arrieta bei der 12-km-Marke. Sie konnten dann auch die Punkte des ersten Zwischensprints einstreichen, woraufhin dann bei km 16 Gerrans hinzustoßen konnte. Das Peloton war mit dieser Auswahl einverstanden und hat dieses Quartett den Vorsprung ausbauen lassen: 5’00“ bei km 25; 9’10“ bei km 30; 13’00“ bei km 41. Mark Renshaw hat das Rennen beim Anstieg zum Agnel aufgegeben. Zu den Fahrern, die auf dem Anstieg abgehängt wurden, gehörten: Brandt und McEwen (SIL) sowie Devolder. Der Quickstep-Fahrer ist vor dem Gipfel aus der Tour ausgestiegen. Die Punkte für den ersten Platz am Gipfel gingen an Martinez, der einen Vorsprung von 11’50” auf Voeckler hatte, der das Tempo angezogen hat, um weitere 12 Punkte einzustreichen. Das Gelbe Trikot wurde von Popowitsch und Van Summeren (SIL) gezogen, die den größten Teil des Anstiegs zum Col d’Agnel das Tempo im Peloton vorgegeben haben.
Pereiro Opfer eines üblen Sturzes
Auf der Abfahrt vom Col d’Agnel ist Pereiro (GCE) bei der 80-km-Marke auf die Leitplanken geprallt und auf die Fahrbahn hinabgestürzt, die nach einer scharfen Haarnadelkurve unterhalb dieser Stelle wieder vorbeiläuft. Das Peloton hat daraufhin aus Respekt vor dem Toursieger von 2006 das Tempo gedrosselt. Bei der Nachricht, dass er bei dem gesamten Zwischenfall das Bewusstsein gewahrt hat – trotz vermuteter Brüche an Schulter und Oberschenkel – haben die Fahrer das Rennen wieder aufgenommen.
Der Vorsprung der Ausreißer war nach der Tempodrosselung im Hauptfeld von 12 Minuten auf 16’40“ gestiegen. Lampre und Silence-Lotto übernahmen dann die Verantwortung für das Tempo bei der Nachführarbeit. Bei der Verpflegungszone (km 102) lag der Rückstand bei 17’10“ – dies war der größte Abstand zugunsten der Ausreißer. Die Lampre-Fahrer haben sich dann an die Arbeit gemacht, und bei km 110 lag das Peloton noch 16’15“ hinter dem Quartett um Martinez. Die CSC-Mannschaft hat die Jagd dann übernommen, mit O’Grady und Sorensen, die sich vor Fahreren von Silence-Lotto abgewechselt haben. Die beiden haben sich dann auf dem zweiten Anstieg verausgabt und wurden dann vom Rest der CSC-Mannschaft abgelöst. Das Peloton lag auf dem Anstieg zum Colle del Morte – dem Pass des Todes – 12’50“ zurück.
Gerrans erringt den Etappensieg
Zu Beginn des Schlussanstiegs hatten die vier Ausreißer einen Vorsprung von 9’16”. Martinez attackierte dann in der Spitzengruppe und konnte Arrieta 5 km vor dem Ziel abhängen, Gerrans und Pate hingegen konnten sich wieder an die Spitze zurückkämpfen. Sie sollten dann den restlichen Anstieg gemeinsam hochfahren und dabei auf dem letzten Kilometer erheblich an Fahrt verlieren. Aus der letzten Kurve heraus startete Gerrans eine Attacke, ohne sich nach hinten umzuschauen. Mit drei Sekunden vor Martinez konnte er den Etappensieg einstreichen.
Frank Schleck übernimmt die Führung in der Gesamtwertung …!
Team CSC hatte die zahlenmäßige Überlegenheit an der Spitze der Hauptgruppe, und ihre Tempovorgabe ließ die Gruppe um das Gelbe Trikot auf 10 Fahrer schrumpfen: Evans, Frank und Andy Schleck, Sastre, Mentschov, Vandevelde, Valverde, Kohl, Samuel Sanchez und Kreuziger. Dies war die letzte Auswahl, und fast alle aus dieser Gruppe haben irgendwann einmal eine Attacke gestartet, aber die Fahrer der CSC-Mannschaft waren dabei am aktivsten. Mentschov machte ebenfalls einen Tempovorstoß, stürzte aber auf der regennassen Fahrbahn 8 km vor dem Ziel. Die Straße war nass, aber die anderen in dieser Gruppe warteten auf ihn, damit er wieder Anschluss finden und sogleich einen weiteren Angriff starten konnte. 3 km vor dem Ziel setzten sich dann Sastre und Kohl ab, gefolgt von Valverde. Evans hielt sich an Frank Schleck, doch der Luxemburger schaffte es, sich auf den letzten 500 m doch noch abzusetzen und sich mit einem Vorsprung von 7“ das Gelbe Trikot zu sichern. Er ist schon der zweite luxemburgische Fahrer, der sich in diesem Jahr das Trikot des Gesamtführenden übersteifen kann. Evans ist auf den dritten Platz zurückgefallen, eine Sekunde hinter Kohl und acht Sekunden hinter Frank Schleck.
Der österreichische Fahrer hat die Führung in der Bergwertung sowie den zweiten Platz in der Gesamtwertung erobert.
„Während des Rennens denkt man nicht an die Zeit, man denkt nur daran, seine Arbeit zu machen, auf dem letzten Kilometer aber habe ich angefangen, an das Gelbe Trikot zu denken. Ich habe mir gesagt: „vielleicht ist es möglich“, aber Frank Schleck ist sehr stark, und die gesamte CSC-Mannschaft war beeindruckend. Jetzt aber bin ich glücklich über diesen zweiten Platz. Und mit dem Trikot des besten Kletterers ist es perfekt.
Ich fühle mich derzeit sehr gut in den Anstiegen, ich werde also versuchen, dieses Trikot zu behalten, vor allem aber werde ich meine Position im Gesamtklassement im Auge behalten. Ich werde mich nicht wirklich auf die Jagd nach Punkten für das Bergtrikot machen, da man mich nicht sehr weit kommen lassen wird. Wenn es aber möglich sein sollte, werde ich es versuchen.
Wir haben heute gesehen, dass mit Schleck, Sastre und Mentschov noch andere Fahrer in der Lage sind, zu gewinnen. Wenn ich bessere Beine gehabt hätte, hätte ich versucht, den Abstand ein wenig zu vergrößern, mein wichtigstes Anliegen aber auf den letzten drei Kilometern war es, vor allem die Bewegungen zu verfolgen. Und als ich angefangen habe, gegenüber Cadel Zeit gutzumachen, war auf einmal alles anders. Das war toll. »
Der ältere der Schleck-Brüder hat bei der Zielankunft von Prato Nevoso das Gelbe Trikot erobert, teilweise dank seines Bruders und insgesamt dank der Arbeit der gesamten Mannschaft.
« Ich bin wirklich glücklich. Es ist verrückt, vor allem nachdem ich das Gelbe Trikot in Hautacam um eine Sekunde verpasst habe, wo doch meine Mannschaft schon dort eine tolle Leistung gebracht hatte. Es war eine Schande. Ich habe meinen Teamgefährten gesagt, wie leid es mir tat, nicht das Gelbe Trikot ins Hotel haben bringen zu können. Heute abend aber kann ich das nachholen. Dieses Trikot ist für die ganze Mannschaft. Heute haben wir gesehen, dass Andy der Stärkste gewesen ist. Dank seiner Stärke ist es ihm gelungen, alle in den roten Bereich zu fahren. Und danach konnte ich attackieren. Ich wusste, dass bei einem Angriff Cadel gleich hinter mir sein würde, ich musste es also unbedingt auf dem letzten Kilometer versuchen. Das war auch das Beste für Carlos: er hat sich absetzen können, und er ist in der Gesamtwertung weiter vorgerückt, wir können jetzt also auf zwei Karten setzen.
Ich habe immer gesagt, dass ich alles bei der Tour de France geben würde, was ich habe. Ich habe viele Opfer auf mich genommen, viel dafür gelitten, aber ich wusste nicht, wie es zustande kommen würde. Einfach dieses Trikot zu tragen, ich dachte mir, das würde riesig sein, und jetzt habe ich es.
Die Strategie, im letzten Anstieg zu dritt anzugreifen, das war gut, oder? Wir hatten diesen Plan schon in Hautacam, und es hatte perfekt funktioniert, da haben wir uns gesagt: „warum nicht noch einmal?“. Was wir heute gesehen haben, war eine tolle Show. »
Der australische Fahrer konnte sich nach einem überraschenden Szenario die Etappe in Prato Nevoso sichern: sein erster Sieg nach vier Teilnahmen bei der Tour de France.
« Als wir den Schlussanstieg in Angriff genommen haben, mit einem so großen Abstand, war ich mir sogleich sicher, dass wir es schaffen würden. Erst zu dem Zeitpunkt habe ich verstanden, dass wir vorne würden bleiben können. Aber erst hundert Meter vor der Ziellinie habe ich erkannt, dass ich gewinnen konnte. Ich hatte zwischenzeitig Schwierigkeiten, es ist mir aber gelungen, wieder zu Martinez und Pate aufzuschließen.
Bei den vorangehenden Etappen habe ich immer wieder versucht, bei einer Ausreißergruppe dabei zu sein, es hat aber nie geklappt. Bei dieser Art von Bergetappe kann ich mir normalerweise keine Hoffnungen auf einen Sieg machen, doch ich sagte mir, „letztlich hast du nichts zu verlieren, und morgen ist ein Ruhetag“. Danach habe ich alles gegeben, um zur Ausreißergruppe vorzustoßen.
Auf dem letzten Kilometer habe ich wirklich angefangen, daran zu glauben. Sie waren bessere Kletterer als ich, deswegen habe ich ihnen im Anstieg auch nicht viel geholfen.
Es war mein Ziel bei jeder Tour de France, zu versuchen, eine Etappe zu gewinnen. Dies ist meine vierte Teilnahme, es hat also einige Zeit gedauert, aber besser spät als nie. »
1. Gerrans
2. Martinez
3. Pate
4. Arrieta
5. Kohl
Als 9. der Etappe übernimmt Frank Schleck das Gelbe Trikot mit 7“ Vorsprung auf Bernhard Kohl und einer weiteren Sekunde auf Cadel Evans…
Der Österreicher liegt hinter Schleck, aber noch 1“ vor Evans
Der Luxemburger nimmt Cadel Evans einige Sekunden ab und fährt sich ins Gelbe Trikot…
Wann kommen Evans und Schleck an…?