Tagebuch der Etappe

etappe 7 - Bourg-en-Bresse Le Grand-Bornand 197.5 km
Sonnabend 14 Juli

Die Etappe im Rückblick

Gerdemann hat es gewagt

Die erste Bergetappe der Tour 2007 wurde von einem Neuling bei der Tour gewonnen, der sein Glück versucht hat, indem er bei einem Ausreißversuch einer Gruppe von fünfzehn Fahrern mitgefahren ist, die sich zu Beginn der Etappe gebildet hat. Auf den steilsten Hängen des Anstiegs zum Col de la Colombière hat Linus Gerdemann seinen letzten Mitausreißer, Dimitri Fofonov, abgehängt. Im Peloton der Favoriten, das die Ziellinie erst 3’38“ später erreicht hat, konnte sich niemand entscheidend absetzen. Gerdemann erobert das Gelbe Trikot, das Weiße Trikot und wird zudem mit dem Preis für den kämpferischsten Fahrer geehrt.

Rasmussen zeigt sich
Das – im Gegensatz zu den vorangehenden Etappen - hohe Tempo verhinderte zu Beginn des Rennens jedwede Ausreißversuche, auch den von Alessandro Ballan bei Km 9. Die Stimmung der Flachetappen setzte sich mit dem Kampf um die Punkte beim ersten Zwischensprint kurzzeitig fort: Boonen, Zabel und Bennati erreichten in dieser Reihenfolge die Wertungslinie. Doch die Gebirgsluft sollte sich kurz danach beim ersten Anstieg im Peloton ausbreiten, in dem sich der zweifache Gewinner des Gepunkteten Trikots erstmals gezeigt hat: Rasmussen setzte sich mit Verdugo an die Spitze, mit einem symbolischen Vorsprung vor Chavanel, der nunmehr offiziell über die Absichten des Dänen unterrichtet war.

15 Fahrer an der Spitze
Die Ausreißer setzten sich gleich nach dieser ersten Geschmacksprobe zahlreich in Bewegung. Die Aufgabe war schwierig, aber sechs Fahrern - Gerdemann (TMO), Perez (EUS), Fofonov (C.A), Martinez (DSC), Lefèvre (BTL) und Vaugrenard (FDJ) – gelang es, sich abzusetzen. Kurz danach stieß noch Savoldelli (AST) hinzu, dann wurde die Gruppe mit der Ankunft von Gutierrez (GCE), Flecha (RAB) und Tankink (QST) bei Km 55 und Elmiger (A2R), Wegmann (GST) und Pineau (BTL) bei Km 72 auf 15 Fahrer verstärkt. Der erfolgreiche Ausreißversuch des Tages erreichte den Sprint von Anglefort mit einem maximalen Vorsprung von 8’30“ auf das Peloton.

De la Fuente fährt auch um die Punkte
Die Mannschaften von Predictor-Lotto und CSC, die keine Fahrer in der Ausreißergruppe dabei hatten, haben das Tempo im Hauptfeld vorgegeben, um den Abstand in annehmbaren Proportionen für die Favoriten der Tour zu halten, insbesondere Evans, Sastre und Schleck. Nach 100 Rennkilometern wurde der Rückstand auf 7’ reduziert. Dies war ausreichend für David De la Fuente, der sich systematisch von seinen Weggefährten absetzte, um die maximale Punktezahl an den Gipfeln der Anstiege von Cruseilles (km 122,5) und Peguin (km 134) einzustreichen.

Gerdemann hängt Fofonov ab
Die sehr regelmäßig geleistete Nachführarbeit erzielt genau das zum Fuß des Anstiegs zum Col de la Colombière gesteckte Ziel: der Rückstand der Führenden betrug nur noch 5’. Bei dieser letzten Schwierigkeit des Tages sollte sich die Gruppe nach einem ersten Angriff von Gutierrez 14 km vor dem Gipfel zunehmend auflösen. Im ersten Teil des Anstiegs aber sollte sich das Duo Gerdemann-Fofonov alleine auf den Weg zum Gipfel machen. Bei zunehmendem Steigungswinkel, insbesondere ab dem Dorf Le Reposoir, gelang es dem Deutschen, seinen zeitweiligen Weggefährten abzuhängen. Er gelangte alleine zum Gipfel, mit 18“ Vorsprung auf Landaluze, der letztlich der widerstandsfähigste unter den restlichen Ausreißern war.

Die Favoriten gehen keine Risiken ein
Ohne bereits eine unerbittliche Auswahl zu treffen, löste sich das Peloton doch langsam auf und verlor insbesondere seinen Träger des Gepunkteten Trikots. Rasmussen nutzte die Abwesenheit von Chavanel, um in der Bergwertung Boden gutzumachen. Die wichtigsten Favoriten haben daraufhin eine Gruppe von rund dreißig Fahrern gebildet. Keiner von ihnen hat jedoch einen echten Gegenangriff gestartet, und dadurch konnte Gerdemann letztlich zusätzlich zum Etappensieg die Führung in der Gesamtwertung erringen. Winokurov und Klöden, deren Leistungen nach ihren Stürzen bei der 5. Etappe besonders beobachtet wurden, konnten das Tempo halten.

 

Interviews

Sylvain Chavanel – “Ich bin nicht in den roten Bereich gegangen…”

Wenn auch einige Fahrer wie David De la Fuente und Michael Rasmussen in der Bergwertung näher an ihn herangerückt sind, ist es Sylvain Chavanel doch gelungen, sein Gepunktetes Trikot zu behalten. Der Franzose fängt an, sich an seine neue Tracht zu gewöhnen.

„Heute habe ich beschlossen, mich zurückzuhalten. Ich bin nicht in den roten Bereich gegangen. Ich habe am ersten Anstieg um die Bergpunkte gekämpft, aber Rasmussen hat mich im Sprint geschlagen; daraufhin habe ich beschlossen, Kräfte zu sparen, da ich ja sehr wohl wusste, dass ich das Trikot heute nicht verlieren würde. Morgen werde ich meine Strategie vielleicht ändern müssen; das Beste wäre wohl zu versuchen, bei einer Ausreißergruppe dabei zu sein… aber ich will nicht all meine Pläne preisgeben. Selbst wenn ich das Gepunktete Trikot in den Alpen verlieren sollte, wird es immer noch genügend Möglichkeiten geben, es zurückzugewinnen. Jetzt, wo ich es auf den Schultern trage, möchte ich es wirklich auch verteidigen.“

Linus Gerdemann - "Dies ist eine gute Art, einen neuen Anfang zu machen..."

Der Etappensieger, neue Führungsmann der Gesamtwertung und beste Jungfahrer bei der Tour ist eine 24 Jahre alte deutsche Entdeckung. Linus Gerdemann wollte so ziemlich allen danken, die ihm heute zugeschaut haben, und obwohl er überwältigt war von der Aufmerksamkeit, die ihm am Tage eines großen Coups entgegengebracht wurde, hat der Fahrer der T-Mobile die Medien im Ziel doch daran erinnert, dass dies der Anfang einer neuen Ära im Radsport sei.

“Es ist unglaublich zu schaffen, was mir heute gelungen ist. Das sind die Augenblicke, für die ich jeden Tag trainiere, ich hätte aber nie gedacht, dass ich so etwas erleben würde. Ich möchte allen danken, die an den Anstiegen waren und mich angefeuert haben, es war ein tolles Gefühl.
“Ich habe die ganze Zeit über hart gekämpft, aber ich wollte sicher sein, dass es noch klappen würde, selbst wenn ich einen Reifenschaden oder etwas Ähnliches haben sollte.
„Es war wichtig, dies für das Team zu erreichen. Ich habe die Gelegenheit erhalten, an allen Rennen teilzunehmen, wie ich wollte, und ich muss mich bei T-Mobile bedanken, dass sie so an mich geglaubt haben.
“Danke auch an die Fans, die ihre Fernseher eingeschaltet haben. Der Radsport hatte große Probleme in der letzten Zeit, aber ich will allen danken, die an den Sport glauben. Wir müssen eine neue, saubere Art finden, um zu beweisen, wie schön der Radsport ist, und ich hoffe, dass andere mir Recht geben, dass dies eine gute Art ist, einen neuen Anfang zu machen.
“Es wird schwierig sein, die Führung zu verteidigen. Michael Rogers ist der Teamkapitän, und ich werde versuchen, ihn zu unterstützen. Heute war mein Tag, und ich hoffe, dass die nächsten Wochen gut für Michael sein werden.“

Rolf Aldag - "Es war phantastisch zu sehen, wie sich die Dinge wie in einem Drehbuch entwickelt haben…"

Der sportliche Leiter vom Team T-Mobile wollte, dass entweder Linus Gerdemann oder Patrick Sinkewitz bei einem Ausreißversuch in dieser ersten großen Bergetappe dabei sein würde. Der jüngere der beiden Kandidaten hat dieses Ziel erreicht… und noch viel mehr. Rolf Aldag erläutert, wie seine Taktik perfekt umgesetzt werden konnte.

“Wir haben nicht erwartet, dass er eine so lange Solofahrt schaffen würde, aber er hat sein Versprechen gehalten und alles umgesetzt, was wir ihm heute mit auf den Weg gegeben haben. Es war ein ähnliches Szenario wie an dem Tag, an dem ich bei einem Angriff nach Morzine im Jahre 2003 dabei war: es war ein Samstag, der Beginn der zweiten Woche – die Fahrer waren hoch motiviert – und alle Größen im Feld sollten nun loslegen.
“Wir haben Linus gesagt, er solle mitgehen und es in der Ausreißergruppe sehr, sehr langsam angehen lassen. Wir wollten nicht, dass er Führungsarbeit leistete oder zeigte, wie stark er war; er sollte sich ruhig verhalten, weiter hinten bleiben, und dann hatten wir einen Plan für den letzten Anstieg.
“Ich habe vor der Etappe gesagt: ‘Es können 10 oder 12 Minuten herausgefahren werden, und dann wird das Peloton die Jagd aufnehmen und den Rückstand auf vier oder fünf Minuten reduzieren, um dann beständig den Anstieg in Angriff zu nehmen; aber ein Fahrer aus der Ausreißergruppe wird Geschichte schreiben und das kannst du sein! Es war phantastisch zu sehen, wie sich die Dinge wie in einem Drehbuch entwickelt haben. Es gehörte auch ein bisschen Glück dazu, aber es war doch auch, was wir geplant haben, und das Ergebnis ist einfach perfekt.
“Er fühlt sich, als ob er morgen nicht einmal aufs Rad steigen kann, aber niemand kann ihm irgendetwas davon noch nehmen. Es muss ein tolles Gefühl sein, das Trikot zu haben und die morgige Bergetappe in gelb zu beginnen, niemand schert sich darum, wie er morgen abschließt.“

 

Agenturmeldungen

17:09 - Die Top 5 im Ziel

1. Gerdemann
2. Landaluze, + 40“
3. De La Fuente, + 1’39“
4. Soler, + 2’14“
5. Lefèvre, + 2’21“

17:08 - Peloton

Das Hauptfeld mit 3’38“ Rückstand im Ziel

17:07 - Wegmann setzt sich vom Feld ab

Der deutsche Meister zieht kurz vor dem Ziel noch einmal davon… das wäre ein sechster Platz!

17:06 - Die nächsten Fahrer im Ziel

De La Fuente Zweiter mit 1’39“ Rückstand. Linus Gerdemann im Gelben Trikot bei seiner ersten Tour!

17:05 - GERDEMANN IN GELB

Der junge Deutsche sichert sich das Gelbe Trikot…!!