Tagebuch der Etappe

etappe 2 - Dunkerque Gand 168.5 km
Montag 9 Juli

Die Etappe im Rückblick

Quick Step im Doppelpack: erster und zweiter Platz für Steegmans & Boonen

Ein dramatischer Sturz zwei Kilometer vor der Ziellinie verhinderte, was sich eigentlich als perfekte Zielankunft zum Abschluss der zweiten Etappe der Tour de France 2007 angekündigt hatte. Zum Ende war nur noch eine Elitegruppe von rund 20 Sprintern übrig, die sich auf die Jagd nach dem Sieg in Gent machte, wobei das ortsansässige Quickstep-Innergetic-Team ganz groß abgesahnt hat: Gert Steegmans wurde Erster, Tom Boonen Zweiter. Es war ein dramatischer Abschluss für einen Tag, der für die Sprintspezialisten gestaltet worden war, mit einem Ende aber, das wohl nur wenige vorausgesagt hätten.
„Wenn man die Chance hat, einem Teamgefährten ein Geschenk zu machen“, meinte der Zweitplatzierte, „dann greift man einfach zu.
„Das ganze Jahr über macht er die Arbeit für mich“, unterstrich Boonen dabei. „Ich wollte auf der Ziellinie nicht an ihm vorbeifahren und ihn dieser Ruhmeschance berauben. Das ist ein perfekter Abschluss für unsere Mannschaft.“

Die 168,5 km lange zweite Etappe der Tour de France – von Dünkirchen ins belgische Gent – begann um 13.25 Uhr. Im Peloton traten 188 Fahrer das Rennen an. Es gab auf der Strecke keine Anstiege, so dass Millar (SDV) sich der Führung in der Bergwertung weiter sicher sein konnte. Drei Zwischensprints boten die Gelegenheit, Punkte für die Wertung um das Grüne Trikot zu gewinnen. Die Sprints lagen bei Km 45 in Boezinge, Km 81,5 in Westende und Km 140,5 in Aarsele.

Sieberg startete den ersten Angriff
Es gab diesmal keine frühen Ausreißversuche. Der erste Angriff wurde bei Km 18 von Sieberg (MRM) gestartet. Schon bald stießen Perez (EUS) und Hervé (AGR) hinzu. Bei Km 21 hatten sie die Führung auf 45” ausgebaut. Das CSC-Team kontrollierte das Tempo im Hauptfeld, an der ersten Sprintwergung lag der Rückstand bei 2’05“ – die Punkte gingen an Hervé, Perez und Sieberg. Das Stundenmittel lag in der ersten Stunde bei 45,5km/h. Bei der 65 km-Marke erreichte das Trio den maximalen Vorsprung von 5’55”. Beim zweiten Zwischensprint wurden die Punkte von Sieberg, Hervé und Perez gewonnen. Das Peloton lag 4’30” zurück. Das Stundenmittel der zweiten Rennstunde betrug 46,3 km/h.

Papa Kascheschkin
Währen Andrei Kascheschkin für das Astana-Team bei der Tour mitfuhr, gebar seine Frau in der ersten Stunde der zweiten Etappe ein 3,2 kg schweres Söhnchen namens David.

Die Vorbereitung auf den Sprint…
Das CSC-Team kontrollierte das Hauptfeld bis zur 100 km-Marke. Bei noch verbleibenden 63 km war der Vorsprung des Führungstrios auf 2’50“ geschrumpft. Dann kam es kurzzeitig zu Regenfällen, die aber nicht so schwer waren und wegen nasser Straßen nicht zu schweren Stürzen führten (obwohl Franck Schleck in Pittem bei Km-Marke 127 zu Fall kam). 45 km vor dem Ziel stießen die Mannschaften von Quick Step und Liquigas zu CSC an die Spitze des Hauptfeldes. Kurz danach zogen zwei Fahrer von Predictor-Lotto und Crédit Agricole das Tempo bei der Führungsarbeit im Peloton an. Perez führte beim Zwischensprint vo Aarsele vor Hervé und Sieberg. Dann öffneten sich bei verbleibenden 25 km die Himmelstore und Regen ergoss sich über das Peloton. Vansummeren (PRL), Tankink (QSI) und Charteau (C.A) übernahmen die Verfolgungsarbeit im Hauptfeld und schraubten den Rückstand auf 2’05” zurück. Systematisch wurde dann vom Peloton die Verfolgung fortgesetzt: 20 km vor dem Ziel - 1’50”; bei 15 km – 1’15”; bei 10 km – 40”; bei 5 km … nur noch 12”. Perez griff bei 5 km noch einmal an, aber es war umsonst. Der Ausreißversuch wurde 2,8 km vor dem Ziel beendet, woraufhin die Mannschaften der Sprinter das Heft in die Hand nahmen.

Massensturz zerstörte so manche Hoffnung
Bei noch verbleibenden zwei Kilometern zog es scheinbar einem Milram-Fahrer den Fuß aus dem Pedal. Auf dem engen Streckenabschnitt wurde bei seiner Bewegung nach rechts das Rad eines anderen Fahrers erfasst. Bei solchen Geschwindigkeiten gibt es keinen Spielraum mehr für Fehler, und die unausweichliche Folge war ein Sturz, in den um die 10 Fahrer verwickelt wurden. Fabian Cancellara war einer der Gestürzten, sagte aber danach, dass er keine schlimmen Verletzungen davongetragen habe, “zu der Zeit aber, wenn nur noch zwei Kilometer bis zur Ziellinie zurückzulegen sind, hat man aber den Eindruck, dass alles nur noch Schmerz ist.“

Steegmans & Boonen im Doppelpack!
Eine nur noch 25 Mann starke Gruppe Auserwählter konnte dem Massaker entgehen, u.a. die meisten der namhaften Sprinter. Das Team Quick Step hatte noch mindestens vier Fahrer in der auf die Ziellinie zurasenden Führungsgruppe dabei. Während die anderen Sprinter sich noch in Positionskämpfe verzettelten, zog Gert Steemans unwiderstehlich nach vorne als Teil dessen, was der Führungszug für Tom Boonen sein sollte. Unsicher, ob es wirklich sein Teamgefährte hinter ihm war, zog Steegmans seinen Sprint bis zur Ziellinie durch und erzielte einen Überraschungssieg, während Boonens zweiter Platz ausreichte, um ihn die Führung in der Punktewertung übernehmen zu lassen.
Cancellara endete an 72. Position, behielt jedoch die Führung in der Gesamtwertung und wird bei der dritten Etappe erneut das Gelbe Trikot tragen.

 

Interviews

Tom Boonen – „Ein wunderbarer Sprint!“

Es gab einen Mann, den die flämischen Zuschauer mehr als jeden anderen in Gent gewinnen sehen wollten. Tom Boonen ist in diesem Teil der Welt unglaublich beliebt, es ergab sich jedoch die Gelegenheit für ihn, einem Teamgefährten auf der Linie zu folgen. Der ehemalige Weltmeister gab zu, dass er Gert Steegmans beim Sprint nicht hätte schlagen können, er habe es aber auch nicht zu sehr versucht. Ein Fahrer von Quick Step konnte den Etappensieg verbuchen, ein weiterer wurde Zweiter und führt nun die Punktewertung an.

“Ein solcher Doppelpack kommt nicht allzu häufig vor. Das passiert gemeinhin nur, wenn man einen Sprint auf eine Weise vorbereitet, die eigentlich unmöglich ist. Man muss dazu jede Menge in der Reserve haben, um einen Mann zu haben, der den Sprint genauso anzieht wie der designierte Sprinter. Das ist nur ein paar Mal in einer Karriere möglich.
“Heute war es für mich unmöglich, an meinem Teamgefährten vorbeizuziehen, ich glaube aber, wenn man sich in einer solchen Situation befindet, ist es richtig, es so zu machen… wenn man einen Fahrer hat, der einen das ganze Jahr über in die Sprints führt, und man ihm ein solches Geschenk machen kann, dann ist es nicht nett, an ihm vorbeizuziehen.
“Ich bin noch begeisterter, als wenn ich die Etappe selbst gewonnen hätte. Es ist toll, dies zu schaffen, wenn die Ziellinie sich im eigenen Lande befindet. Es war ein beeindruckender Tag für unsere Mannschaft.
“Mir war 40 km vor dem Ziel eisig kalt. Ich konnte nichts mehr sehen, weil meine Brille schmutzig war, und ich mag nicht, wenn es so kalt ist. Letztlich aber wurde es wieder trocken und hatte Glück, dass es sich vor dem Sprint so entwickelt hat, denn das war sehr gefährlich. Es waren so viele Leute da, dass man nicht fahren konnte, wo man wollte. Die Zuschauer kamen sogar bis auf die Straße, und man musste sehr vorsichtig sein. Es gab auch noch den Sturz, aber wir haben unser Bestes gegeben, um einen wunderbaren Sprint hin zu bekommen, und genau das ist uns gelungen.“

Fabian Cancellara – „Alles wird intensiver …“

Das Gelbe Trikot bleibt auf den Schultern von Fabian Cancellara, aber der Fahrer aus der Schweiz durchlebte doch zum Ende der zweiten Etappe einen gewaltigen Schreckensmoment, als er nur zwei Kilometer vor der Ziellinie in einen Sturz verwickelt wurde. Er humpelte nach Hause und hielt dabei seinen linken Arm vom Lenker, sagte aber, dass seine Verletzungen nicht so schlimm seien, als er zunächst gedacht hatte…

“Es ist normal, dass man bei einem Sturz Schmerzen verspürt. Das sagen einem die Instinkte. Ich bekomme aber jetzt eine Massage, und mein Physiotherapeut wird sich das mal genauer anschauen und sicherstellen, dass ich ok bin. Jetzt gerade scheint nichts weiter schlimm zu sein; ich hatte ein wenig Schmerzen, aber das ist normal. Das Herz rast, und alles wird intensiver. Wenn man nur noch zwei Kilometer bis zum Ziel zurückzulegen hat, fühlt man es stärker – die aufgebaute Spannung wird abgegeben.
„Es ist immer schwer auf den letzten Kilometern, heute war es aber sehr gefährlich, weil sie viele Zuschauer da waren. Es ist viel extremer als bei den Klassikern.“

Geert Steegmans – „Explosion der Emotion!“

Die Quick Step-Mannschaft war entschlossen, in der Stadt ihres Stammsitzes einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Aber nicht einmal der Mann, der letztlich gewonnen hat, hätte das erwartet, was sich zum Ende der zweiten Etappe in Gent zugetragen hat: Gert Steegmans war sich nicht sicher, wer bei der sich nähernden Ziellinie zu ihm aufschloss, als ihm aber bewusst wurde, dass Tom Boonen gleich hinter ihm war, war es eine „Explosion der Emotion“ für den Edelhelfer, der heute zum Sieger dieser Tour-Etappe wurde.

“Das Team hat zum perfekten Führungszug angesetzt, der zu einer idealen Situation zum Abschluss führte. Wir hatten vor der Etappe gesagt, dass wir so spät wie möglich anfahren wollten. Wenn möglich, sollte ich erst bei 300 m vor dem Ziel meinen Sprint anziehen, aber Steven De Jongh hat ein bisschen länger geführt, als ich erwartet hatte, und ich konnte meinen eigenen Sprint fahren. Der einzige Fahrer hinter mir war Tom.
“Er hat fast zu mir aufgeschlossen, aber man kann nie sicher sein, wer hinter einem ist. Ich habe die Aufnahmen des Zielsprints gesehen, und es war gut zu sehen, dass Zabel bei meinem Anziehen zurückgefallen ist. Das war wirklich gut.
“Ich habe den Sturz nicht gesehen und wusste nich einmal davon. Es waren so viele Leute da, und es gab so viel Lärm auf den letzten zweieinhalb Kilometern, dass ich nichts mehr gehört habe. Vielleicht wurde über Funk von dem Sturz gesprochen, aber ich habe nichts davon mitbekommen. Es ist immer eine tolle Sache, einen Sieg bei der Tour davonzutragen, dass dies aber in Belgien gelingt, ist einfach ein Traum!
“Ich wusste, dass ich vorne war, aber ich habe dann geschaut und ein Rad herannahen sehen, und ich dachte, es wäre vielleicht jemand anderes, als ich aber sah, dass es Tom war, gab es nur noch eine Explosion der Emotion in meinem Kopf.
“Letztes Jahr haben ein paar Leute mir gesagt, dass der Wechsel zu Quick Step eine schlechte Wahl gewesen sei, weil ich nie würde gewinnen können, aber heute ist es passiert, demnach glaube ich nicht, dass dies ein schlechter Zug gewesen ist.”

 

Agenturmeldungen

17:20 - Die Top 5 im Ziel

1. Steegmans
2. Boonen
3. Pozzato
4. Hunter
5. Feillu

17:18 - Sieg von Steegmans

Die Teamgefährten von Quick Step haben auf dem letzten Kilometer den Zug angefahren. Steegmans siegt vor Tom Boonen

17:15 - Eingeschränkter Zielsprint

McEwen und Boonen sind dabei, auch Zabel mit vorne…

17:13 - Schwerer Sturz

Nur noch 20-30 Fahrer vorne…

17:12 - 3 km vom Ziel

Perez ist eingeholt worden, die 3 Männer nur noch zehn Sekunden vorn…