Tagebuch der Etappe

etappe 11 - Marseille Montpellier 182.5 km
Donnerstag 19 Juli

Die Etappe im Rückblick

Wino greift an, Hunter erntet den Sieg, Moreau fällt zurück

Der als Übergangsetappe vor den großen Ereignissen des Zeitfahrens von Albi und der Pyrenäenetappen vorgestellte Abschnitt nach Montpellier hat letztlich zu einem echten Kampf der Häuptlinge geführt. Die Kandidaten für einen Ausreißversuch sind allesamt enttäuscht worden, die Bildung einer Gruppe kam nur überaus langsam zustande, und das Ergebnis war überaus mager. Gilbert, Florencio, Wegmann, Fofonov und Millar wurden letztlich durch eine massive Führungsarbeit der Astana-Mannschaft gestellt. Die Beschleunigung der kasachischen Mannschaft hat vor allem einen Fahrer unter den Favoriten zurückfallen lassen: den zu Etappenbeginn bei einem Sturz verletzten Christophe Moreau, der 3’20“ bei der Zielankunft verloren hat und auf den 12. Platz der Gesamtwertung zurückgefallen ist. Robert Hunter nutzte die Verwirrung im Etappenfinale, das durch einen Sturz auf dem letzten Kilometer geprägt wurde, um dem afrikanischen Kontinent den ersten Sieg bei der Tour de France zu bescheren.

Moreau stürzt bei Km 31
Dem allerersten Angreifer des Tages, Freddy Bichot, folgte schon auf dem ersten Kilometer Stéphane Augé, doch das Peloton stellte die beiden bereits bei Km 2. Bei Km 12,5 bildete sich dann eine umfangreichere Gruppe mit neun Fahrern - Arroyo (GCE), Voigt (CSC), Bennati (LAM), Haussler (GST), Fedrigo (BTL), Chavanel und Nuyens (COF), Vaugrenard (FDJ) und Siutsou (BAR). Bei Km 31 kam Christophe Moreau zu Fall, konnte aber weiterfahren, wenn auch verletzt an Oberschenkel und Schulter. Während dieser Zeit haben sich die Ausreißer trotz eines rekordverdächtigen Tempos (50,8 km/h in der ersten Stunde) nicht entscheidend absetzen können.

Chavanel gibt als Letzter auf
Bei Km 65 haben Vaugrenard, Bennati und Chavanel eine weitere Tempoerhöhung gestartet, doch selbst nach der Wiedereingliederung der restlichen Ausreißergruppe wurde die Verfolgungsarbeit im Hauptfeld fortgesetzt. Chavanel sollte sich als Letzter geschlagen geben: erst bei Km 83, ab dem das Peloton wieder zeitweilig zusammen fuhr. Auf dem folgenden Kilometer wurde ein neuer Angriff von Philippe Gilbert gestartet, dem in einer ersten Phase Wegmann, Florencio und Fofonov und später dann David Millar (Km 97) folgten. In dieser 5er-Gruppe konnten sie einen maximalen Vorsprung von 7’30’’ auf das Peloton herausfahren.

Die Astana-Offensive
Die Astana-Mannschaft - allen voran Winokurov – rüttelte dann das Peloton mit einer brutalen Beschleunigung auf, die eine Teilung des Pelotons bei Km 115 herbeigeführt hat. Wenn auch die meisten Favoriten sich in der Gruppe halten konnten, so hat sich doch Christophe Moreau in einer Gruppe einklemmen lassen, die schon bald 2’ Rückstand aufweisen sollte. Eine dritte Gruppe – mit Zabel, Hushovd und auch Valjavec – verlor zeitweilig noch mehr Zeit.

Hunter, 250 m vor der Ziellinie
Die von der kasachischen Mannschaft gestartete Beschleunigung machte unmittelbar den Ausreißversuch zunichte, der 38 km vor der Zielankunft eingeholt wurde. Die Teamgefährten von Winokurov, die zwischenzeitig von den Fahrern von Caisse d’Epargne, Barloworld und Quick Step abgelöst wurden, sollten den Vorsprung auf den französischen Meister beständig erhöhen, der 20 km vor dem Ziel bereits einen Rückstand von 2’ aufwies. Die Verstärkung durch die Gruppe um Zabel sollte die Lage für Moreau nicht mehr verbessern, 10 km vor dem Ziel lag er 2’45“ zurück. An der Rennspitze bereiteten sich die Mannschaften der Sprinter auf einen Massensprint vor. Christophe Rinero versuchte vergeblich noch einen Ausreißversuch, genau wie Winokurov selbst noch einmal 3 km vor dem Ziel. Dann sollte ein weiterer Zwischenfall nochmals den Ablauf durcheinander bringen, denn ein Sturz trennte die Gruppe genau nach der roten Fahne des letzten Kilometers, wobei Boonen zur Vermeidung eines Sturzes stoppen musste, das Rennen war für ihn gelaufen…. Der Südafrikaner Robert Hunter nutzte die Gunst der Stunde und setzte 250 m vor der Ziellinie zur entscheidenden Beschleunigung an. Christophe Moreau erreichte die Ziellinie mit 3’20“ Rückstand – und mit dem Titel des großen Verlierers dieser Tagesetappe.

 

Interviews

Michael Rasmussen - "Jeder, der Zeit verliert, arbeitet mir zu..."

Einer der Fahrer aus den Top 10 in der Gesamtwertung wurde heute effektiv aus dem Rennen um die höchsten Ehren gestrichen. Michael Rasmussen jubelt nicht über das Missgeschick von Christophe Moreau, gibt aber zu, dass die vom französischen Meister verlorene Zeit bedeutet, dass er auf einen Fahrer weniger achten muss, wenn es beim Zeitfahren und den Pyrenäenetappen zur Sache geht…

“Es war von Anfang an sehr schnell und heiß. Die Côte d’Azur hat sich in ein Schlachtfeld verwandelt. Es gab den ganzen Tag über zahlreiche Attacken, und letztlich gab es doch noch einen Massensprint, aber ich glaube, wir hatten ein Stundenmittel von knapp 49 km/h, es war also viel mehr als nur eine Übergangsetappe.
“Ich war nicht wirklich überrascht durch die Aktionen von Astana. Ich habe gesehen, wie sich die ganze Mannschaft nach der Verpflegungszone vorne im Hauptfeld gesammelt hat, ich war also relativ vorbereitet, und glücklicherweise war auch Denis [Menchov] gleich da; er ist heute wirklich eine gute Etappe gefahren.
“Moreau hat heute viel Zeit verloren, und ich muss es einfach so sehen, dass ich mich dadurch in den Bergen auf einen Mann weniger konzentrieren muss, es ist also gut für mich. Jeder, der Zeit verliert, arbeitet mir zu.
“Ich würde nicht sagen, dass ich mich auf das Zeitfahren freue, mir gefällt schon eher die Aussicht, es hinter mich gebracht zu haben. Ich freue mich hingegen auf die Pyrenäen, das ist sicher. Heute war es ein wenig stressig, es gab sehr viel Wind, und es war offenkundig eine sehr schnelle Etappe. Es waren sehr viele Leute entlang der Straße, und nicht alle darunter waren allzu erfahrene Radsportzuschauer, es ist immer etwas gefährlicher, in der Urlaubszeit dort zu fahren.”

Robert Hunter - "Ich hatte ein erfolgreiches Rennen..."

Er war dieses Jahr bislang schon bei vier Etappen unter den 10 Besten, und obwohl Robert Hunter zugegeben hat, dass „er sechs Jahre lang einem Etappensieg hinterhergejagt“ ist, hatte er doch nicht wirklich erwartet, dass es in Montpellier soweit sein würde. Er ist der erste Südafrikaner, der bei der Tour de France gewinnt, und ist nun auch ganz nahe auf das Grüne Trikot von Tom Boonen aufgerückt.

“Seit sechs Jahren bin ich einem Etappensieg bei der Tour de France nachgejagt, und endlich ist es soweit. Bislang hatte ich ein erfolgreiches Rennen, bis auf den ersten Tag war ich bei jedem Sprint dabei. An einem Tag wie heute, wo es keine Gewissheit gab, ist es mir gelungen, das zu erreichen, was ich schon immer schaffen wollte.
„Es war ein schneller Tag, das steht fest, ich habe beide Attacken der Astana-Mannschaft auf halber Strecke überlebt und konnte dem Sturz auf dem letzten Kilometer entgehen. Es gehörte auch ein wenig Glück dazu, aber ich bin jetzt wirklich glücklich. Den Tag mit einem Sieg abzuschließen und auf den zweiten Platz in der Punktwertung hinter Tom Boonen zu rücken, das hätte ich zum Tagesbeginn nicht vorausgesagt. Ich habe wirklich nur versucht, beim Rennen um das Grüne Trikot nicht zu viel an Boden zu verlieren… jetzt habe ich nur noch 16 Punkte Rückstand auf Tom.
“Ich hatte etwas flüstern hören, dass heute etwas passieren würde. Vor der Verpflegungszone hat mir ein Freund erzählt, dass ein Team loslegen und das Peloton in zwei teilen wollte… Ich dachte, Liquigas würde dies versuchen, und mein sportlicher Leiter hat uns alle gewarnt, vorne dabei zu bleiben. Als dann Astana loslegte, wurde es sehr schnell und hat diese Etappe sicherlich belebt. Dies beweist lediglich, dass es bei der Tour de France nie einen langweiligen Tag gibt.”

Erik Dekker - "Moreau ist der große Verlierer..."

Der sportliche Leiter der Mannschaft von Michael Rasmussen hat eingesehen, dass sich in dieser Etappe, die von vielen einfach nur als eine weitere Übergangsetappe erachtet wurde, eine Möglichkeit geboten hat. Erik Dekker gibt aber zu, dass sich im Peloton nur wenige getraut hätten, das zu tun, was die Astana-Mannschaft getan hat, nämlich bei verbleibenden 70 km bis Montpellier einen Angriff zu starten. Er sieht in der Tat in Christophe Moreau den Verlierer des Tages, glaubt aber nicht, dass die Aktion von Astana direkt auf den französischen Meister abzielte.

“Astana hat heute eine Möglichkeit genutzt, und alle wussten, dass etwas passieren könnte. Es gab eine ziemlich kleine Straße und einen starken Gegenwind in der Verpflegungszone; was dieses Team getan hat, war also nicht wirklich bemerkenswert, ihre Fahrer haben aber etwas getan, das sich normalerweise niemand zu tun traut. Falls eine Mannschaft etwas so Kühnes unternehmen sollte, dann hätte ich aber die Astana erwartet.
“Sie haben heute etwas versucht, und sie haben nicht wirklich viel Schaden angerichtet; der einzige wirkliche Verlierer ist [Christophe] Moreau, aber es war auch gut für [Rabobank].
“Moreau ist ein aggressiver Fahrer, und er ist in toller Form, es ist also nicht so schlecht für uns, dass er heute 3’20“ verloren hat.
“Natürlich ist gestürzt, [aber] das war lange vor der Attacke, ich weiss demnach nicht, ob er wirklich verletzt war und keine 100 Prozent in die Verfolgungsarbeit stecken, aber die Tour wartet auf niemanden.
“Der Angriff wurde nicht gegen Moreau geführt, er richtete sich gegen das gesamte Feld, nur war Moreau der große Verlierer.”

 

Agenturmeldungen

17:03 - Sieg für Hunter

Der südafrikanische Fahrer, der 300 m vor der Ziellinie angegriffen hat, hält den Gegenangriffen von Cancellara und Fischer stand. Dies ist der erste Sieg eines Fahrers vom afrikanischen Kontinent bei der Tour de France.

17:02 - Vom Sturz betroffen oder aufgehalten…

Boonen, Dean…

17:01 - Unter der roten Flamme

Ein Sturz…

17:01 - An der Spitze des Pelotons

Crédit Agricole, Liquigas und Quick Step sind vorne zu sehen…

17:00 - 3 km bis zum Ziel

Winokurov wird demnächst wieder eingeholt…