
Londres
7.9 km
Sonnabend 7 Juli
Bei seiner ersten Tour-Teilnahme 2004 hatte Fabian Cancellara mit dem Gewinn des Prologs in Lüttich für eine faustdicke Überraschung gesorgt. Auf den Straßen Londons erobert Cancellara im Trikot des Zeitfahr-Weltmeisters und mit der damit verbundenen Bürde nach diesem ersten Wettkampftag zum zweiten Mal das Gelbe Trikot. Mit einem Vorsprung von 13’’ auf Andreas Klöden ist der Schweizer der Überflieger des Prologs, bei dem der Brite Bradley Wiggins letztlich Rang vier hinter George Hincapie einnimmt.
Bonnet im Schnitt schneller als 50 Km/h
Enrico Degano (Ita - BAR), der erste der 189 Fahrer bei diesem historischen Tour-Auftakt in der britischen Hauptstadt, der bereits bei der Großbritannien-Rundfahrt 2004 in London einen Sieg verbuchen konnte, behauptete unter den Augen des Londoner Bürgermeisters Ken Livingstone und dessen Pariser Amtskollegen Bertrand Delanoé seine Führungsposition nur für kurze Zeit. Einige Minuten später tritt William Bonnet (Fra – C.A) etwas überzeugender auf, als er seine ersten Tourkilometer in diesem Jahr abspult: Als Erster weist er einen Schnitt über 50 Km/h auf.
O’Grady stürzt
Da diese Disziplin einigen Spezialisten besonders entgegen kommt, gilt die Hauptaufmerksamkeit dem Start der üblichen Sieganwärter im Einzelzeitfahren. Der über solche Distanzen leistungsfähige Stuart O’Grady (Aus – CSC) ist vielleicht übermotiviert ins Rennen gegangen: Nach der besten Zwischenzeit bei Km 4,5 gerät er in einer der letzten Kurven der Strecke ins Trudeln, als er eine Straßenbegrenzung berührt. Der Sturz bleibt zwar ohne Folgen, doch kommt der Gewinner von Paris-Roubaix mit etwa einer Minute Rückstand auf Mikel Astarloza (Esp – EUS), dem bis dato Prolog-Führenden, ins Ziel.
Ein russisches Duo übernimmt die Kontrolle
Die Leistungen von Savoldelli und Lövqvist, die unter diesen Voraussetzungen oft glänzen, können Astarloza nicht verdrängen. Das schafft erst der Amerikaner Dave Zabriskie, allerdings nicht so deutlich wie beim Auftakt der Tour 2005. Unbeeindruckt zeigt sich aber das Wladimir-Duo, Karpets (Rus – GCE) dann Gusev (Rus – DSC). Letzterer übernimmt in quasi identischer Zeit die Führung.
Wiggins auf dem undankbaren vierten Platz
Für Aufsehen sorgt der Ausnahmefahrer Andreas Klöden (Deu - AST), als er die beiden Russen beinahe unverschämt 12 Sekunden hinter sich lässt. Was sollten da noch die beiden britischen Lokalmatadoren David Millar (Gbr - SDV) und Bradley Wiggins (Gbr - COF) ausrichten? Der Schotte so gut wie nichts, der Engländer etwas mehr. Er landet schließlich auf Rang 4.
Cancellara mit 53,7 Km/h
Doch die Demonstration von Klöden ist Geschichte, als Fabian Cancellara (Sui - CSC) seinen Motor anwirft. Bei der Zwischenzeitnahme liegt der Schweizer bereits 7’’ vor Klöden. Im Ziel ist seine Überlegenheit nicht mehr von der Hand zu weisen: Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 53,7 Km/h avanciert Cancellara hinter Chris Boardman zum zweitschnellsten Prolog-Fahrer bei der Tour de France.
Im Weltmeister-Trikot hat Fabian Cancellara erneut seine Überlegenheit in dieser Disziplin unter Beweis gestellt.
Vor dem Rennen haben mich alle beäugt und ständig wiederholt, dass ich der große Favorit sei. Das muss man erst mal verdauen. Doch ich habe in diesem Jahr gelernt, den Druck zu meinem Vorteil zu nutzen. Vielleicht hatten die britischen Fahrer noch etwas mehr Stress: Wir sind in London und haben festgestellt, dass dieses Ereignis ein echter Publikumsmagnet ist. Heute diese Stadt zu erleben, in der so viele Zuschauer unterschiedlicher Herkunft gekommen sind, um das Rennen anzusehen, das ist eine wunderbare Bühne für den Radsport. Es tut mir echt Leid für die Briten, aber das ist nunmal ein Schweizer Tag, und ich hoffe, dass es morgen mit Roger Federer so weiter geht.
Als ich mit meinen sportlichen Leitern Kim Anderson und Alain Gallopin über das Rennen gesprochen habe, waren wir einer Meinung, dass ich versuchen sollte, unter neun Minuten zu bleiben. Das war die richtige Strategie, und ich bin glücklich, dass es mir gelungen ist, sie umzusetzen. Es ist wirklich eine wunderbare Sache, hier in London zu sein und das Gelbe Trikot überzustreifen, wo ich doch schon das Weltmeister-Trikot trage. Jetzt werde ich versuchen, es so lange wie möglich zu verteidigen.
Im Begleitfahrzeug von Cancellara musste sich der sportliche Leiter von CSC nicht lange Sorgen über die Siegchancen seines Schützlings machen.
Kim Anderson hat mir gesagt, dass Fabian normalerweise gewinnen würde. Ihm liegen solche Strecken, und die Kurven weiß er immer schneller als sonst wer zu nehmen. Unser Plan sah vor, eine Siegzeit um 8’50’’ anzuvisieren. Nach zwei Kilometern wussten wir, dass er im Soll lag und auch gewinnen würde.
Am Anfang ist er natürlich einige Risiken eingegangen, danach ist er aber auf Nummer sicher gegangen. Wir haben gesehen, dass er schneller als die Motorräder unterwegs war, und ich war etwas beunruhigt. Nach dem Sturz von Stuart waren wir doch etwas ängstlich, doch er hat das Rennen perfekt gemeistert.
Cancellara ist im Ziel und verdrängt Klöden von der Spitze. Sein Vorsprung beträgt 13 Sekunden.
Der Schweizer liegt nach den ersten 4,5 Kilometern 7 Sekunden vor Klöden.
Im Lager der CSC-Mannschaft nähern sich die ganz in Karbon entworfenen Zeitfahrräder (7 Kg) der von der U.C.I. zulässigen Gewichtsgrenze an. Das Rad des amtierenden Zeitfahr-Weltmeisters, Fabian Cancellara, weist im Vergleich zu seinen Teamgefährten eine Besonderheit auf: Seine Bremskabel sind vergoldet!
In diesem Jahr wird kein Engländer den Prolog der Tour de France gewinnen: Wiggins rangiert weiterhin auf Position 3 in der provisorischen Wertung. Sein Rückstand auf Klöden beträgt 10’’...
Enttäuschung für den Tourmitfavoriten Levi Leipheimer, der auf Platz 22 ins Ziel gekommen ist.